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Kleidung und Mode im Mittelalter
Margaret Scott: Kleidung & Mode im Mittelalter, Konrad Theiss-Verlag, Stuttgart 2009,  160 Seiten geb., durchgehend farbig illustriert. ISBN:978-3-8062-1152-8. Bestellen Sie das Buch bei Amazon.de.
Rezension von Heinrich Speich vom 11. August 2009

  
Von Leinenhemd bis Seidenbrokat, vom Topfhelm zum Barett; die Bekleidung im Mittelalter war vielfältig, bunt und modisch. Die Engländerin Margaret Scott legt ein Buch vor, das auf der Basis einer breiten Auswertung die Einflüsse und Entwicklungen der Bekleidung im europäischen Mittelalter präsentiert. Ihre Quellen sind fast ausnahmslos Handschriften, anhand deren Illustrationen die zeitgenössische Bekleidung detailliert beschrieben wird. Die chronologisch gegliederte Darstellung setzt in der karolingischen Epoche ein und behandelt die Zeit bis um 1570, wobei die Begründung für diese Zäsuren nicht überzeugen. Die Argumentation der Autorin, «Manche Kunsthistoriker argumentieren, das Mittelalter habe im Jahr 800 n. Chr. mit der Wiederbelebung des Kaisertitels im westlichen Europa für Karl den Grossen begonnen» erscheint dem Rezensenten reichlich unbeholfen. Der Beginn um 840 wurde wohl gewählt, weil vorher zu wenige illuminierte Handschriften zur Verfügung standen und die Zäsur 1570 könnte ebenso aus der Warte der Buchproduktion erklärt werden. Die Autorin vermeidet es leider konsequent, ihre Quellenbasis nur als Ausschnitt der Modegeschichte zu präsentieren und betont wiederholt die Bedeutung der handschriftlichen Überlieferung für die Modegeschichte.

Als Ausgangspunkt betrachtet Scott die Darstellung des Paradieses in der Illustration der Prunkbibel von Moutier-Grandval, die um 840 in Tours entstand. Adam und Eva erscheinen nach dem Sündenfall in eine Tunika gekleidet. Die Beobachtung, dass eine goldgesäumte Tunika für das harte Leben ungeeignet gewesen wäre, leitet über zur Überlegung, wie Kleiderdarstellungen in Handschriften zu betrachten sind: als auf den zeitgenössischen Betrachter ausgerichtete, sinn- und identifikationsstiftende Bebilderung des Textes und nicht als naturgetreue Abbildungen. Diese methodische Einschränkung benutzt die Autorin auch in der Folge, um jeweils nach dem Zweck der bildlichen Darstellungen in den Handschriften zu fragen.

Das erste Kapitel trägt zu Recht die Überschrift „Kleider für die Reichen und Berühmten“. Hier wird vorwiegend die Bekleidung von Monarchen des 9. bis 11. Jahrhunderts untersucht. Könige und Kaiser des Westens wurden dabei in kostbarem Ornat dargestellt, nicht selten in Anlehnung an byzantinische Hofmode. Darstellung und zugehöriger Text weichen allerdings in den Handschriften öfter voneinander ab, was die Autorin an englischen Beispielen belegen kann. Es scheint auch Unterschiede bei der Darstellung von Frauen- und Männerkleidung zu geben. Die Identifikation der Figuren auf den Illuminationen wird mittels Darstellung spezifischer Merkmale gewährleistet, zum Beispiel der strumpfartigen Beinkleider angelsächsischer Könige anstelle der einseitig bodenlangen Chlamys als Überwurf. Aufschlussreich ist auch eine Analyse der in den Abbildungen den Figuren zugewiesenen Farben: diese entsprechen bei den Herrschern oft den byzantinischen Amtstrachten. Herrschaftliche Athmosphäre wurde auch durch die Darstellung von Goldgewändern hergestellt. Byzantinische Handschriften erlauben aufgrund der präzisen Abbildungen der Trachten die Zuweisung der Träger zu den Hofämtern, zum Beispiel in einem Text der Homilien des heiligen Johannes Chrisostomos von ca. 1070. Darin wird der Kaiser in körperlanger, goldverzierter Tunika mit Perlenaufsätzen und einer Chlamys dargestellt. Hinter dem Kaiser stehen drei gleich gekleidete proedroi (Hoftitel) und ein aufgrund der Kleidung identifizierbarer und höher gestellter protoproedros oder protovestiarios. Die rund zulaufende Chlamys der proedroi konnte nach neuester Mode vorne geschlossen werden, während der Kaiser sie auf derselben Darstellung traditionell trägt. Scott belegt so ihre These, dass die ausgeklügelten protokollarischen und sozialen Abstufungen am byzantischen Hof es erlaubten, mit dem überlieferten Formenschatz zu spielen und so die Mode, anders als im konservativeren Westen, weiter zu entwickeln.

Das Folgende Kapitel behandelt die Zeit von 1100 bis 1300 und trägt den Titel „Die Anfänge der Mode“. Scott untersucht in diesem Kapitel, wie die Mode, definiert als „stete Folge sich ständig ändernder Bekleidungsstile, die ausschliesslich dem Wunsch nach etwas Neuem entspringt“ nicht erst im 14. Jahrhundert, sondern bereits seit dem 12. Jahrhundert fassbar werde. Laufende Anpassungen der Stoffproduzenten stützen diese These. So wurde in Lucca seit der Mitte des 12. Jahrhunderts Seide produziert. Die Stoffbahnen wurden immer schmaler, weil sich die Schnitte der daraus hergestellten Kleider veränderten. Waren die Stoffe um die Mitte des 13. Jahrhunderts noch 190 cm breit (volle Webstuhlbreite), so massen sie Ende des 15. Jahrhunderts nur noch 60 cm.



Bereits für das 12. Jahrhundert wird in Nordfrankreich die Spezialisierung der Arbeitsgänge der Kleiderproduktion fassbar und am Niederrhein entwickelte sich ein Schneiderhandwerk. Seit dieser Zeit wurden vermehrt Kleidervorschriften erlassen, um den Status der Träger anhand der Kleidung erkennen zu können. Um 1200 nahm die Anzahl illuminierter Handschriften zu, insbesondere die Produktion von Werken mit säkularen Inhalten stieg sprunghaft an. Von kirchlicher Seite wandten sich einige Autoren gegen die modernen Kleidungssitten, insbesondere die ab 1109 tätigen Zisterzienser bekämpften die Verweiblichung der Männerbekleidung verbal. Die zunehmende Verfügbarkeit von kostbaren Stoffen, so Scott, führte dazu, dass sich die Klassenunterschiede zwischen den Ständen noch verstärkten und sich unpraktische – eben modische – Details an der Kleidung durchsetzten, wie zum Beispiel weite Ärmel und lange Schuhspitzen.  Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Kleidersitten des Adels hatten die aus Frankreich stammende höfische Literatur. In diesen Romanen wurde die Kleidung der Protagonisten ausufernd beschrieben und gab damit Anlass zur modischen Imitation.

Im 13. Jahrhundert wurden die Kleider etwas weiter und bequemer. Der an gotischen Kunstwerken zu bewundernde Faltenwurf war die Antwort auf Kleidung, die mehr Stoff verwendete. Der Formenreichtum der Kleidung des 13. im Vergleich zum 12. Jahrhundert wird von der Autorin als Beleg für eine Annäherung an den modernen Modebegriff angeführt.

Im 14. Jahrhundert veränderte sich die Konstruktion der Kleidung und die regionalen Unterschiede wurden stärker sichtbar. Die Konzentration der Wollverarbeitung in England oder Flandern sind Anzeichen für eine stärker exportorientierte spezialisierte „Industrie“ und in Italien wurden besonders Seidenstoffe hergestellt. Eine Fülle von Beispielen zeigt den Bezug zwischen zeitgenössischer Mode und Moral. Aufwendige Kleidung und die Verwendung von Gold und Schmuck in den Illustrationen deuteten auf übermässigen Genuss und Hochmut hin. Als Reaktion auf die immer neuen und kostbareren Verarbeitungsmöglichkeiten der Gewebe entstanden vielerorts Gesetze gegen übertriebenen Luxus, die von der Autorin als Indiz für einen allgemein wachsenden Wohlstand gedeutet werden.

Adelshäuser pflegten Livreen (Dienstuniformen) abzugeben, die in erster Linie die Zugehörigkeit des Trägers zu einem Haushalt zur Schau trugen und oft in den Wappenfarben aus zweifarbigen mi-parti Stoffen gestaltet waren. Kleidervorschriften wurden von der Universität Paris seit dem 13. Jahrhundert erlassen, um die Akademiker und vor allem den Lehrkörper kenntlich zu machen. Nur die Doktoren der Medizin und der Rechte durften sich in teuren pelzverbrämten Scharlach-Wollstoffen zeigen. Berufsspezifische Kleidung scheint früh aufgekommen zu sein. Eine Handschrift des frühen 14. Jahrhunderts zeigt Chirurgen, die wohl keine universitäre Ausbildung hatten, in einer Tunika und ärmellosen
surcotes.

Ab 1335 wurde die Männerkleidung wieder enger und kürzer, wie eine Kritik des Königs von Neapel zeigt: „Aus Eitelkeit oder Albernheit waren die  betreffenden Kleidungsstücke immer enger gefertigt worden, und sie waren jetzt so kurz, dass sie kaum bis zu den Pobacken reichten.“ Die Grandes Chroniques de France schoben die Schuld der französischen Niederlage gegen England in der Schlacht von Crécy den zu engen und zu kurzen Gewändern zu, während ihre Ärmel und Mützenzipfel zu lang gewesen seien.

Für die zweite Hälfte des Jahrhunderts beklagt die Autorin, dass in England durch Krieg und Pest weniger illuminierte auswertbare Handschriften entstanden seien und erwähnt, dass in Italien „die besten Quellen für ein Studium der Bekleidungsgeschichte häufig in den grossen Freskenzyklen in Kirchen und weltlichen Gebäuden“ bestehen. Leider hat sie diese Quellen für ihre Darstellung nicht herangezogen.



Zwischen 1380 und 1420 setzten sich bei den adligen Damen laut Scott die eng anliegenden Überkleider cotes hardies durch, die nur knapp über die Brüste reichten und die Kritik der Kirche auf sich zogen. Als hoch geschlossene, mantelartige Überkleider unterschiedlicher Länge kamen die weit geschnittenen houppelandes in Mode. Gleichzeitig erreichten die Schuhspitzen Längen von bis zu 60 cm. Diese Ausmasse waren zweifellos modisch, aber kaum praktisch.

Im 15. Jahrhundert erreichte die Prachtentfaltung mittels Kleidung in Europa einen neuen Höhepunkt. Mindestens scheinen dies die Handschriften zu suggerieren, die Kleidung präziser und reicher abbilden als je zuvor. Zahlreiche Illustrationen aus Italien, Deutschland und vor allem England werden von der Autorin dazu benutzt, die regionalen und gesellschaftlichen Unterschiede der Modeentwicklung im Detail zu beleuchten, die nun besser fassbar sind als zuvor, in denen sich Modetrends zwar langsamer, aber flächendeckend durchgesetzt hatten. Aufgrund der reichen Quellenlage fällt die Beschreibung der Mode des 15. Jahrhunderts ausführlicher aus als die der vorangehenden Zeit.

Die Art der Bekleidung zeigt nun markante Divergenzen nach Region, Stand und Selbstverständnis. Dies belegt die Autorin am Beispiel Venedigs eindrücklich. Die „Idealbekleidung“ eines vollberechtigten Bürgers wurde vesta genannt und bestand aus einem langen schwarzen Wams, einem schwarzen Barett und einem schwarzen Stoffstreifen, der über die Schulter getragen wurde. Amtsträger trugen karminrote oder purpur-violette Kleidung, die die anderen Männer nur zu besonderen Feiertagen tragen durften. Einzig der Doge durfte weisse oder goldfarbige Stoffe tragen und anstelle einer Krone trug er den corno, eine hinten hochgezogene Kappe. Diese uniformartige Bekleidung stellte einerseits Stand und Macht zur Schau und wirkte andererseits identitätsstiftend unter den Trägern.

Am Beispiel Neapel wird danach aufgezeigt, welche politische Bedeutung Farbwahl und Details beigemessen wurde. 1435 entbrannte zwischen Verwandten der verstorbenen Königin ein Erbfolgestreit. 1442 setzte sich Alfons von Aragón gegen René von Anjou durch. Der König liess seine Garderobe in Spanien fertigen und in der Folge setzten sich Stilelemente und Farbkombinationen in Italien fest. Auch Mailand stand seit 1480 modemässig unter spanischem Einfluss.

Für das 16. Jahrhundert stellt Scott zwei Grundtendenzen fest: einerseits die beginnende Dominanz des französischen Stils insbesondere bei den Frauenkleidern, andererseits die gegenläufige Bewegung hin zu „nationalen“ Stilen. Mit der Verbreitung des Buchdrucks nahm allerdings die Produktion von Handschriften und damit die Illustrationen ab. Dafür verstärkte sich ab 1460 das Interesse an der Kleidung der Antike und im 16. Jahrhundert erschienen erstmals Werke von Simon Bening, Lucas de Heere oder Cesare Vecellio, die ganz der Mode vergangener Zeit gewidmet waren.

Insgesamt überzeugt das Buch durch die präzisen Beschreibungen der Kleidung mit ihren zeitlichen und regionalen Feinheiten. Die Qualität von Bildausschnitten und Bildbeschriftungen ist durchgehend ausgezeichnet. Die methodischen Schwierigkeiten, die die Betrachtung von Mode anhand einer einzigen Quellengattung bietet, sind allerdings nur ungenügend gelöst. Die Autorin bemüht sich, jeweils auf Entstehungskontext und Rezeption der illuminierten Schriften einzugehen, lenkt dabei aber vom Buchtitel ab.  Als „Geschichte der Darstellung mittelalterlicher Bekleidung in illuminierten Handschriften“ ist das Werk unerreicht, für eine umfassende Geschichte der Mode fehlen der Einbezug weiterer Kunstgattungen, die Präsentation von Originalen, Materialien, Techniken und die Erkenntnisse sozialer Funktionen der Bekleidung ausserhalb der Bilddarstellung in Handschriften. Für die Übertragung ins Deutsche hätte eine Erweiterung bzw. Anpassung der Bibliographie ins Auge gefasst werden dürfen. Das thematisch gegliederte Verzeichnis weist nämlich kaum deutschsprachige Titel auf und auch die in Übersetzung erschienenen Werke sind in der englischsprachigen Version aufgelistet.

Margaret Scott: Kleidung & Mode im Mittelalter, Konrad Theiss-Verlag, Stuttgart 2009,  160 Seiten geb., durchgehend farbig illustriert. ISBN:978-3-8062-1152-8. Bestellen Sie das Buch bei Amazon.de. - Alle Aktionen bei Amazon.de.


Margaret Scott: Kleidung & Mode im Mittelalter, Konrad Theiss-Verlag, Stuttgart 2009,  160 Seiten geb., durchgehend farbig illustriert
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