|
Das Mittelalter im Fokus der Archäologie
Barbara Scholkmann: Das Mittelalter im Fokus der Archäologie. Konrad
Theiss-Verlag, Stuttgart 2009, 128 Seiten gebunden, durchgehend farbig
illustriert. Bestellen Sie das Buch bei
Amazon.de.
Rezension von Heinrich Speich vom 11. August 2009
Wissenschaftliche Resultate
hängen stets von den angewandten Methoden ab. Dies gilt auch für das
Mittelalter. Die Geschichte des Mittelalters wurde lange Zeit beinahe
ausschliesslich auf Grund der urkundlichen Überlieferung geschrieben; Kunst
und Bodenfunde, Literatur und Landschaftsstrukturen galten nur als
Hilfsquellen.
Wenn wir heute ein weit differenzierteres Bild des Mittelalters haben, so
ist dies insbesondere der Mittelalter-Archäologie zu verdanken, die eine
vergleichsweise kurze Forschungsgeschichte aufweist. Erst in den 30er Jahren
des 20. Jahrhunderts begann das Interesse an mittelalterlichen Bodenfunden,
die jeweils bei Burgen- und Kirchenrenovierungen zu Tage gefördert worden
waren. Methodisch entwickelte sich aus der Ur- und Frühgeschichtsforschung
heraus langsam eine epochenspezifische Archäologie des Mittelalters, die
erstmals 1981 an der Universität Bamberg einen eigenen Lehrstuhl erhielt.
Der Archäologie des Mittelalters fällt die Aufgabe zu, die materiellen
Überreste der Epoche zu sichern und zu interpretieren. Wie dies geschieht,
wird im vorliegenden Buch gut verständlich geschildert. Von einem
umfassenden Bild des Mittelalters ausgehend, wird die mittelalterliche
Gesellschaft aus archäologischer Sicht betrachtet. Dabei beginnt die Autorin
mit einem Blick auf die Landschaftsentwicklung, die zum Beispiel anhand von
Luftbildern und historischen Karten auch für Laien nachvollziehbar wird. Die
obligaten Themen Burgen, Kirchen und Klöster, aber auch Stadtentwicklung,
Handwerk und Religion werden anhand einer Fülle von Beispielen des
deutschsprachigen Raumes erläutert. Einen regionalen Schwerpunkt bilden
aufgrund der langen Erfahrung der Autorin die Siedlungen Süddeutschlands und
der Schweiz.
Die Autorin schreckt trotz der gebotenen Kürze der Darstellung nicht davor
zurück, dem Leser in einigen Punkten ausführlichere Information zu bieten.
So liefern die neun Seiten zum Thema „Burgen – Befestigungen –
Herrschaftssitze. Die Archäologie der Macht“ eine verständliche Einführung
in die komplexen Fragestellungen zur Funktion mittelalterlicher
Herrschaftsarchitektur.
Unter dem Titel „Beharrung und Wandel. Ländliche Siedlungen“ werden die
historischen Erkenntnisse zu Landesausbau und landwirtschaftlicher
Produktionsweise in verständlicher Weise in die Darstellung einbezogen.
Leider verpasst Scholkmann hier die Gelegenheit, die Forschungsdebatte von
einem konsequent archäologischen Standpunkt her neu zu beleben und spricht
stattdessen von Flurzwang und Markgenossenschaften. Dafür erlaubt die
Autorin dem Leser eine gedankliche Symbiose von historischem Bildmaterial,
Luftaufnahmen und archäologischen Plänen. Über die trockenen archäologischen
Hilfsmittel Skizzen, Fundverteilungskarten und Stratigraphien hinaus lässt
sich so ein lebendiges Bild des Mittelalters entwerfen. So werden zum
Beispiel dem Plan von Pfostenlöchern eines mittelalterlichen Bauernhauses
aus Sindelfingen Auswertung, Rekonstruktion und Vergleichsbeispiel
beigestellt. Der interessierte Leser wird dadurch angeregt, archäologische
Strukturen mit Phantasie zu ergänzen.
Das Kapitel „Gegründet und gewachsen. Die Archäologie der mittelalterlichen
Stadt“ behandelt weitere Kernthemen der Archäologie des Mittelalters, zum
Beispiel die Frage nach struktureller und materieller Kontinuität zwischen
antiken und mittelalterlichen Stadtanlagen, zur städtischen Wirtschaftsweise
und den zentralörtlichen Funktionen von Städten in ihrem Raum.
Korrekterweise werden für das frühe und hohe Mittelalter die drei Stadttypen
„Städte mit römischer Wurzel“, „Pfalzen und Bischofssitze als zentrale Orte“
sowie „Frühstädte der Wikinger und Slawen“ unterschieden und erklärt. Der
„Städteboom im Spätmittelalter“ wird dann als gesamteuropäisches Phänomen
separat betrachtet und die Ausdehnung städtischer Herrschaft über das Land
erläutert. Allerdings wird auch in diesem spannenden Teil auf eine
konsequent archäologische Argumentation zugunsten der konzisen Darstellung
verzichtet.
Den Kleinfunden ist der Themenbereich „Produzieren – Konsumieren. Die
Archäologie von Handwerk und Handel“ gewidmet. Keramik- Glasproduktion,
Metall- und Textilherstellung, Holzhandwerk sowie die Verarbeitung von
Knochen und Leder werden in ihrer Bedeutung für die mittelalterliche
Wirtschaft angerissen. Als zentrale Erkenntnis der Untersuchungen gilt die
hohe Spezialisierung des Handwerks in den Städten im Gegensatz zu den
ländlichen Siedlungen. Auf die spezifische mittelalterliche Formentypologie
und ihre Bedeutung in der Forschung wird im Kapitel zur Fundinterpretation
hingewiesen, hier werden nur allgemeine Aussagen zum Handwerk geliefert.
Den Abschluss bildet das Kapitel „Kirchen – Klöster – Friedhöfe. Die
Archäologie des christlichen Kults“. Scholkmann präsentiert zurecht die
Sakraltopographie als komplexes kulturhistorisches Phänomen, anhand dessen
die Funktionsweise der mittelalterlichen Gesellschaft beispielhaft
untersucht werden kann. Dabei werden drei wichtige Forschungsfelder mit
ihren Resultaten erläutert: Bau und Entwicklung des Kirchenbaus von den
ersten antiken Stadtkirchen bis zu den Kathedralbauten des späten
Mittelalters, die Untersuchung der Gräber in und um die Kirchen sowie die
Beschreibung von Gründung und Wachstum der Klöster, die eine eigene, in die
Gesellschaft gleichwohl integrierte Lebensform darstellten und die ihr
Umfeld massgeblich prägten.
Insgesamt ist der Band eine Gratwanderung zwischen vereinfachender
Darstellung archäologischer Methode für historisch interessierte Leser und
der Vermittlung von Fachwissen. Der Wert des Buches liegt darin, bereits
Bekanntes anhand archäologischer Interpretation neu zu vermitteln und
Forschungsresultate verständlich in eine neue Gesamtsicht des Mittelalters
einzubetten. Die Präsentation der reichen Ergebnisse aus bald hundert Jahren
Forschung lenkt den Blick auf die zukünftigen Aufgaben und Möglichkeiten der
Archäologie des Mittelalters als mediävistische Disziplin.
Barbara Scholkmann: Das Mittelalter im Fokus der
Archäologie. Konrad Theiss-Verlag, Stuttgart 2009, 128 Seiten geb.,
durchgehend farbig illustriert. Buch bestellen bei
Amazon.de. -
Alle Aktionen bei Amazon.de.
|

Barbara Scholkmann: Das Mittelalter im Fokus der Archäologie.
Konrad Theiss-Verlag, Stuttgart 2009, 128 Seiten geb., durchgehend farbig
illustriert. Buch bestellen bei
Amazon.de.
-
Alle Aktionen bei Amazon.de.
 |