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Carl Spitzweg 1808-1885
Ausstellung, Bücher, Bilder der Sammlung Georg Schäfer in Schweinfurt
Artikel vom 25. August 2008
 
Deutschlands Museumswelt hat sich seit den 1990er Jahren gewandelt. Neue Glanzpunkte setzen seither vor allem Privatsammler, die ihre herausragenden Kollektionen dem Publikum öffnen.

Zu diesen Kunstliebhabern gehörte  Georg Schäfer (1896-1975), der sich schon ab 1960 Gedanken um ein Museum machte. Bereits 1964 entstand ein erster Entwurf für einen Museumsbau von Ludwig Mies van der Rohe.

Zwei wichtige Schritte beim Aufbau der Sammlung Georg Schäfer war 1955 der Erwerb von 38 Spitzweg-Gemälden aus der Sammlung des Fürsten von Liechtenstein sowie 1961 der eines Konvoluts von 60 Spitzweg-Zeichnungen von der Galerie Xaver Scheidwimmer in München.

Leider geriet die Firma von Georg Schäfer und seinem Bruder Otto (1912-2000), das Wälzlagerunternehmen Kugelfischer Georg Schäfer & Co., in den 1990er Jahren in eine Existenzkrise. Die Sammlung wurde an Banken verpfändet und die Museumspläne vorerst auf Eis gelegt. Nach der Überwindung der Krise gelang es mit Hilfe der Stadt Schweinfurt und des Freistaates Bayern im Jahr 2000 das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt mit einer Ausstellung zu Carl Spitzweg zu eröffnen.

Die Sammlung in Schweinfurt zeigt allerdings nicht die gesamte Bandbreite der von Dr. Georg Schäfer zusammengetragenen Kollektion vom späten Rokoko bis zum Spätimpressionismus. Der Freistadt Bayern erwarb nämlich 2003 daraus 42 altdeutsche Gemälde der Dürerzeit für die Sammlung auf der Veste Coburg. Zudem wurden Teile der Sammlung Georg Schäfer für insgesamt über 12 Millionen Euro über Auktionshäuser verkauft. 2005 stiftete die Familie Schäfer dem Museum des verstorbenen Vaters weitere Werke.

Das Museum präsentiert die Kunst des deutschsprachigen Raums vom ausgehenden 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Schwerpunkt der Sammlung liegt auf den Werken von Carl Spitzweg.

Das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt besitzt mit 160 Gemälden und 110 Zeichnungen die weltweit bedeutendste Carl Spitzweg - Sammlung. Ein weiterer Schwerpunkt bildet mit über 100 Gemälden, Gouachen und Zeichnungen Adolph Menzel. Das Museum besitzt zudem grössere Werkblöcke von Caspar David Friedrich, Georg Ferdinand Waldmüller, Wilhelm Leibl, Carl Schuch, Max Liebermann und anderen.

Carl Spitzweg

Carl Spitzweg mit seinen Bildern ohne Pathos war lange als Kitschkünstler verschrien. Doch das breite Publikum liess sich zurecht nie davon abschrecken. Der am 5. Februar 1808 in München geborene Künstler zählt nach wie vor zu den beliebtesten Malern Deutschlands.

Das Umwälzungen und Machtkämpfe des Industriezeitalters scheinen am Künstler allerdings vollständig vorbeigegangen zu sein. Der idyllische Maler des Biedermeier ist dennoch ein Meister. Seine liebenwürdigen, humorvollen Bilder ohne Pathos sind das Resultat der scharfen Beobachtungsgabe eines weltoffenen, viel gereisten Künstlers, der die Veränderungen seiner Zeit sicher kannte. Doch es geht ihm nicht um Entblössung und Aufdeckung. Der Genre- und Pointenmaler wahrt Distanz. Die von ihm dargestellten Menschen behalten ihre Würde.



Sonderausstellung zu Wilhelm Busch und Carl Spitzweg

Das Museum Georg Schäfer zeichnet sich immer wieder durch sehenswerte Sonderausstellungen aus. Die aktuelle widmet sich Carl Spitzweg und Wilhelm Busch.

Weder Wilhelm Busch noch Carl Spitzweg zählen zu den politischen Karikaturisten. Trotz humoriger Kritik an Kirche, Militär und Obrigkeit musste die Zensur des Vormärz nie gegen Spitzweg einschreiten. Die Kunst von Carl Spitzweg ist friedvoll-spöttisch. Er verzichtet auf den aggressiven Biss der Karikatur, nicht aber auf das enthüllende Beobachten, wie Sigrid Bertuleit im Vorwort des Kataloges schreibt.

Die Museumsleiterin Bertuleit beschreibt Spitzweg als unterschwelligen  „Modernisten“ ohne die politische Argumentation eines Hasenclever und ohne den Grad der Entblössung und Entlarvung gesellschaftlicher Missstände eines Hogarth, Goya, Daumier oder Grandville. Allerdings liess sich Spitzweg oft von ausländischen Vorbildern, insbesondere von Daumier, inspirieren.

Carl Spitzweg hat sich über die Jahre weiterentwickelt. In den 1850er und 1860er Jahren ging der satirische Aspekt seiner Werke zunehmend in der Idylle auf. Stimmungen, Gefühlsromantik, die Beschwörung der Harmonie zwischen Mensch und Natur - und damit ein Element der Utopie - sowie Gelassenheit und meditative Ruhe sind laut Jensen Themen seiner Werke.

Wie bei seiner zunehmenden Hinwendung von der genrehaften Satire zur genrehaften Idylle spielte bei seinen Landschaftsbildern ab den 1860er Jahren der Einfluss der französischen Freiluftmalerei der Schule von Barbizon, eine bedeutende Rolle. Der poetische Landschaftsmaler Spitzweg behielt bis zum Lebensende eine intellektuelle Neugier, die sich mit seinen intuitiven Fähigkeiten als Künstler paarte.

Ab den 1840er Jahren reiste Spitzweg oft mit Eduard Schleich durch Europa, der ihm zudem ein künstlerischer Lehrer und Berater war. Sie blieben einander in lebenslanger Freundschaft verbunden.

Die Kunst von Carl Spitzweg sei zeitlos, urteilt Bertuleit, weil sich bei ihm das Lächerliche zugleich in Lebensernst wende. Busch und Spitzweg gemeinsam sei der versöhnliche Schlussfolgerung,  „selbst bei garstiger, hinterlistiger Argumentationsweise in Bild und Wort“. Ich würde hinzufügen, dass Spitzwegs Werke zeigen, dass er kein Misanthrop war, sondern die Menschen - trotz oder gerade wegen ihrer Schwächen - liebte.

Spitzweg ist ein distanzierter Beobachter menschlicher Unzulänglichkeiten mit ironischen Unterton, der leicht Anerkennung fand und schon zu Lebzeiten geehrt wurde. Allerdings musste er eine Niederlage einstecken, die ihn wurmte. Der Münchner Kunstverein lehnte 1837 das Bild Der arme Poet ab. Spitzweg war so beleidigt, dass er jahrzehntelang nicht mehr in München ausstellte.



Die Ausstellung Carl Spitzweg (1808-1885) und Wilhelm Busch (1832-1908). Zwei Künstlerjubiläen wird im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt noch bis am 2. November 2008 und danach, vom 23. November 2008 bis am 19. April 2009, im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover gezeigt.

Unter den 91 ausgestellten Gemälden befindet sich auch eine Fassung des Werkes Der arme Poet, das in der Schweinfurter Sammlung fehlt. Der Spezialist Siegfried Wichmann sah einst dieses Werk als die erste der drei bekannten Versionen an, schätzt es heute jedoch nur noch als Kopie ein, während dem Jens Christian Jensen bei seiner Einschätzung bleibt, es handle sich um die früheste Fassung von 1837. Die Ausstellungsbesucher können sich ihr eigenes Urteil bilden.

Die Ausstellung in Schweinfurt ist gemäss der Raumaufteilung des Museums in zehn Teile gegliedert, die je einem der zehn Kapitel im Begleitkatalog entsprechen.

Laut Jens Christian Jensen werden Spitzweg und Busch zum einen als eigenständige Künstlerpersönlichkeiten dargestellt. Die Kapitel 5 und 6 bzw. die entsprechenden Ausstellungsräume präsentieren Zeichnungen „nach der Natur und nach Modell“, welche die beiden Künstler als Vertreter des 19. Jahrhunderts ausweisen.

Die zweite Hauptrichtung von Ausstellung und Katalog setzt in der Gegenüberstellung nicht auf die unterschiedlichen Persönlichkeiten, sondern verweist auf Themenparallelen und präsentiert Wilhelm Busch als legitimen Nachfolger von Carl Spitzweg, auch wenn Spitzweg allein schon wegen seiner Kleinformate keinen wirklichen Nachfolger hatte und sich die beiden Maler wohl nicht persönlich kannten, aber beide wussten, was der andere malte und zeichnete.

Die Arbeiten der zwei Künstler für die „Fliegenden Blätter“ in den Kapiteln 8 und 9„verweisen auf ähnliche ironisch-satirische Eigenschaften“, so Jens Christian Jensen. Doch wo Spitzweg „seine Indiskretionen und kritischen Beobachtungen letztlich mit menschenfreundlicher Nachsicht im Zaum hält, überführt der 24 Jahre Jüngere [Wilhelm Busch] den Schwebezustand der Szenenbilder in einen Prozess, der gnadenlos in die Katastrophe führt.“

Die Quellen für diesen Artikel zu Carl Spitzweg


Carl Spitzweg (1808-1885) und Wilhelm Busch (1832-1908). Zwei Künstlerjubiläen. Museum Georg Schäfer, Schweinfurt, Wilhelm-Busch-Museum Hannover, Deutsches Museum für Karikatur und kritische Grafik. Verlag E.A. Seemann, 2008, 208 S. Gebundene Ausgabe. Buch bestellen bei Amazon.de.

Jens Christian Jensen hat die Hälfte der Katalogbeiträge in Carl Spitzweg und Wilhelm Busch verfasst. Als Autor von vier Spitzweg Monografien (1971, 1974, 1980, 2007), Kurator von drei Ausstellungen mit Werken der Sammlung Georg Schäfer (1972, 1976, 1992) und Verfasser der 2002 erschienenen Aufarbeitung des Gesamtbestandes der Spitzweg-Werke der Sammlung Georg Schäfer ist Jensen ein Fachmann für Spitzweg.

Zwei weitere Beiträge stammen vom Wilhelm-Busch-Experten Hans Ries aus Hannover, der eine umfassende, dreibändige Monographie zu Buschs Bildergeschichten geschrieben hat.

Die Ausstellungen Carl Spitzweg und Wilhelm Busch ist die Frucht der Zusammenarbeit der zwei Horte des deutschen Humors des 19. Jahrhunderts, dem Wilhelm-Busch-Museum in Hannover und dem Museum Georg Schäfer in Schweinfurt.

Spitzweg und Busch waren Junggesellen, im Bereich der Zeichnung Autodidakten und gingen gern auf Reisen. Spitzweg reiste durch Bayern, Österreich, Oberitalien, Dalmatien und die Schweiz sowie nach Berlin, Paris und London.

Nach einer Krankheit 1865 war Spitzweg gehbehindert und fuhr nun oft mit der Strassenbahn zum Bahnhof, um die Menschen dort zu beobachten und danach die eindrucksvollsten Typen daheim in geselliger Runde seinen Besuchern vorzuspielen.
 
Für Wilhelm Busch spielten die Reisen eine künstlerisch weniger wichtige Rolle. Er entstammt auch einem anderen Milieu als Spitzweg. Buschs Vater war ein protestantischer Krämer in Niedersachsen, sein ältestes von sieben Kindern mit 9 seinem Bruder zur weiteren Erziehung übergab. Erst mit 33 schöpfte der unsichere Wilhelm dank der Erfolge seiner Bildergeschichten Vertrauen in seine schöpferischen Möglichkeiten. Seine Nachwirkung insbesondere in den USA ist enorm, wo „Max und Moritz“ Einfluss auf die Comics hatte. Der öffentlichkeitsscheue Busch starb berühmt und reich (als Millionär).

Carl Spitzweg kam aus einer katholischen, grossbürgerlichen Familie in Bayern. Der gelernte Apotheker Spitzweg erbte 1828 von seinem Vater, einem wohlsituierten Kaufmann und zeitweiligen Münchner Ratsherrn ein Vermögen, das ihn ein Leben lang materiell unabhängig machte. Spitzweg hatte zudem nie Zweifel an seiner Berufung als Maler. 1833, mit 25, beschloss er, den Apothekerberuf an den Nagel zu hängen und Künstler zu werden. Auch er starb erfolgreich und vermögend.


Jens Christian Jensen: Carl Spitzweg. Gemälde und Zeichnungen im Museum Georg Schäfer, Schweinfurt. Museum Georg Schäfer Schweinfurt, Prestel Verlag, 2002, 341 S. Gebundene Ausgabe. Buch bestellen bei Amazon.de.

Siehe zudem Siegfried Wichmanns Gesamtverzeichnis der Werke von Carl Spitzweg, erschienen im Belser-Verlag.




Der Kaktusliebhaber. Photos © Museum Georg Schäfer, Schweinfurt. Ein Amtmann mit Herz und Gefühl, der einsam ist und deshalb Liebesgefühle für einen stacheligen Kaktus entwickelt. Er bestaunt die seltene Blüte, beugt sich dabei vor und ähnelt so dem bewunderten Kaktus.


Der Bücherwurm. Photos © Museum Georg Schäfer, Schweinfurt. Vom Bücherwurm, der hoch auf der Leiter - zwischen Himmel und Erde - im Rayon Metaphysik liest, gibt es drei Versionen. Zwischen den Knien, mit dem Ellbogen eingeklemmt und in beiden Händen je ein Buch, so ist die Lage in jeder Hinsicht nicht ungefährlich.




Der abgefangene Liebesbrief, um 1855. Photos © Museum Georg Schäfer, Schweinfurt. Jensen beschreibt die Szene, die voller Details ist, die den Betrachter, der von der Gegenseite als einziger alles überblickt, über die Personen aufklären.

Der Student ist berechnend, verzichtet bei seinem Versuch nicht auf den Komfort eines Kissens, auf das er sich aufstützt. Die zwei Turteltauben auf dem Dach rechts von ihm scheinen ihm Glück zu verheissen.

Die hübsche junge Dame scheint an einer weissen Aussteuer zu nähen. Sie ist in ihre Arbeit vertieft und nimmt die Botschaft von oben nicht war. Auf ihrer Seite ranken sich am Fenster jedoch rote Rosen empor, welche ihr Glück in der Liebe versprechen.

Die fromme Dame mit dem Kreuz auf der Brust könnte eine ältliche Gouvernante sein, an der die Liebe vorbeigegangen ist, weshalb die Blumen auf ihrer Seite nicht mehr blühen. Sie erschrickt ob der Botschaft von oben und ob ihrer eigenen Sehnsüchte, denn sie weiss, dass ihr Liebesglück nicht mehr winken wird.

Vom Taubenpaar führt der Weg nicht weit in den Vogelkäfig auf dem Fenstersims. Darin befindet sich zur Zeit das Mädchen, bewacht von der Gouvernante oder Tante. Doch im Käfig könnte sich bald auch der selbstsichere Student befinden, sollte das Mädchen seine Botschaft erhören.

Die anscheinende Idylle ist voller Optionen. Der Ausgang der Szene liegt in der Schwebe. Ja, das ganze Bild schwebt, denn es zeigt einen Ausschnitt ohne den Grund am Boden. Von Links fällt ein Schatten auf die Szene, der auf mögliche Abgründe hinweist, wie sie die Gouvernante wohl schon erlebt hat und wie sie der übermütigen bzw. unschuldigen Jugend noch drohen könnten.

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