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Benin. Könige und Rituale. Höfische Kunst aus Nigeria.
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Artikel vom 7. Januar 2009
 
Das Königreich Benin, von dem hier die Rede ist, lag im Gebiet des heutigen Staates Nigeria. Das Königreich Benin war seit dem Ende des 15. Jahrhunderts ein „bedeutender Handelspartner Europas“. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde es von der Kolonialmacht England erobert und zerstört.

Der österreichische Ethnologe und Kurator im Berliner Museum für Völkerkunde, Felix von Luschan (1854-1924), erkannte die Bedeutung der Kunst aus Benin schon vor deren „Entdeckung“ durch die europäischen Künstler der klassischen Moderne. Seiner Sammlungspolitik verdanken es Museen in Deutschland und Österreich, das sie heute bedeutende Benin-Bestände in ihren Sammlungen haben.

Als kurz nach der Plünderung des Königspalastes von Benin im Jahr 1897 in London geraubte Objekte auf den Markt kamen, erkannte Felix von Luschan sofort ihre Bedeutung und kaufte hervorragende Stücke. Über die folgenden 20 Jahre stellte er die weltweit führende Sammlung zusammen, die bereits unter ihm fast komplett war und heute rund 550 Objekte umfasst, darunter 220 Reliefplatten und 35 Darstellungen menschlicher Köpfe aus Metall sowie einen weiteren aus Elfenbein. Bei den frühen „Bronzen“ aus der Hochperiode handelt es sich übrigens um zinkreiches Messing mit einem 10-20% Zn-Anteil. Zinkanteile von 30% waren erst im 19. Jahrhundert möglich.

Der vorliegende Band ist - dank Luschans Weitsicht - die Frucht eines Ausstellungsprojektes, das vom Museum für Völkerkunde in Wien initiiert und getragen wurde, in Zusammenarbeit mit dem Ethnologischen Museum - Staatliche Museen zu Berlin, wo sich die bedeutendste Benin-Sammlung der Welt befindet.

Die bisher umfassendste Benin-Ausstellung konnte nicht nur auf die Bestände von Wien und Berlin zurückgreifen, sondern wurde zudem mit Werken aus dem Pariser Musée du quai Branly und dem Art Institute of Chicago, wo die Ausstellung ebenfalls zu sehen war, zu einem internationalen Ereignis. Das British Museum, das Dresdner und das Hamburger Museum für Völkerkunde, das National Museum of Scotland und weitere Leihgeber, auch aus den USA, trugen zur Qualität der Ausstellung bei. Erstmals gingen zudem Leihgaben aus dem Königshaus Benin für eine Ausstellung ausserhalb Nigerias auf Wanderschaft, was dem regierenden König von Benin, Omo N'Oba Erediauwa CFR, Oba of Benin, und dem Generaldirektor der National Museums and Monuments in Nigeria, Dr. O.J. Eboreime, zu verdanken war.

Der Katalog zur Ausstellung Benin. Könige und Rituale. Höfische Kunst aus Nigeria, gibt laut den Herausgebern den aktuellen Stand der Benin-Forschung wieder. Die Ausstellung in Wien, Berlin, Paris und Chicago vereinte über 300 Objekte der weltweit insgesamt auf 4000 geschätzten historischen Benin-Werke.



Die Briten stahlen 1897 rund 3000 Bronze- und Elfenbeinarbeiten aus dem Palast des Urgrossvaters des aktuellen Oba of Benin. Die Briten verkauften rasch Teile der Beute an europäische und amerikanische Museen und Privatsammler weiter. Sie sind nun über die ganze Welt verstreut, aus ihrem Zusammenhang herausgerissen. Die Objekte haben nicht nur dekorativen, sondern auch zeremoniellen, religiösen und archivarischem Wert. Benin wurde so das religiöse, künstlerische, und historische Gedächtnis gestohlen. Omo N'Oba Erediauwa hoffte in seinem Geleitwort zum Ausstellungskatalog logischerweise, „dass das Volk und die Regierung von Österreich Menschlichkeit und Grossmut an den Tag legen und uns einige der Gegenstände zurückerstatten werden [...]“. Was aus dem Wunsch geworden ist, entzieht sich der Kenntnis des Schreibenden.

Laut der oralen Tradition in Benin stammen die frühesten rechteckigen Bronzereliefs des Königspalastes aus der Zeit von Oba Esigie, der Anfang des 16. Jahrhunderts den Thron bestieg. Sie stellen weitgehend Krieger, Höflinge, Würdenträger und andere Personen dar, die mit Palastzeremonien verbundene Ämter bekleideten. Die Blütezeit der höfischen Kunst - vor allem das 15. und 16. Jahrhundert - endete in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, als König Oba Ohuan ohne einen Erben starb, wodurch die Monarchie geschwächt wurde. Die Reichsreserven schwanden und Marionettenherrscher mit limitierter Autorität bestiegen den Thron. Die Hunderte von Bronzereliefs aus der Zeit von Esigie wurden aus dem Königspalast entfernt und in einem Lagerraum gestapelt, wohl weil sie eine unwillkommene Erinnerung an die Glanzzeit der Herrscher Benins waren. Erst am Ende des 17. Jahrhunderts kam mit Oba Ewuakpe ein Herrscher an die Macht, der den Palast restaurierte und die Ahnenaltäre der Könige vergrösserte. Ein Katalogbeitrag bietet eine Übersicht über die Dynastien des Königreichs Benin von zirka 1200 bis heute.



Die erste deutsche Publikation zur afrikanischen Kunst erschien erst 1915. Carl Einsteins Negerplastik machte aus dem fehlenden Wissen über den kulturellen Kontext der in seinem Buch abgebildeten Werke eine Tugend, indem er sich auf einen abstrakten Text beschränkte, der eine Art kubistische Theorie auf die Skulpturen aus Afrika übertrug. Das einzige abgebildete Werk aus Benin war ein Iyoba-Kopf aus der Sammlung des British Museum. Der eingangs erwähnte Felix von Luschan veröffentlichte 1919 Die Altertümer von Benin. Luschan verglich die Kunst Benins mit der europäischen des 16. und 17. Jahrhunderts. Einstein hingegen verglich die Kunst Benins mit der europäischen des 20. Jahrhunderts. In seinem zweiten Buch, Afrikanische Plastik von 1921, bildete er fünf Benin-Werke aus Berlin ab, deren Klischees ihm Luschan zur Verfügung stellte. Sein Benin-Urteil war einflussreich und fand Nachahmer.

Die zwei divergierten stark in ihrer Einschätzung der Kunst Benins. Einstein hielt die Bronzen für technisch hochstehend aber ästhetisch rückständig. Luchan betrachtete sieh als genuin afrikanische Schöpfungen, die technisch und ästhetisch keinen Vergleich zu scheuen brauchten. Seinem Urteil schliesst sich der Schreibende an.

Spannend ist der Katalogbeitrag von Peter Junge, der darauf hinweist, dass die absolute Datierung von Benin-Objekten weiterhin ungesichert ist. Die Datierung stützt sich auf Hypothesen, Vermutungen und Annäherungen. Zu den Quellen gehören Königslisten, die auf der mündlichen Überlieferung basieren. Daneben gibt es alte westliche Quellen wie die von Olfert Dapper (1668), der jedoch selbst nie das Königreich Benin bereist hat. Das hier besprochene Buch offeriert eine hervorragende Einführung und Zusammenfassung von Kenntnissen in 22 Beiträgen namhafter Spezialisten, einen sehenswerten Katalogteil sowie ein umfassendes Literaturverzeichnis. Der Band Benin. Könige und Rituale. Höfische Kunst aus Nigeria ist jedem Kunstfreund zu empfehlen.

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Benin. Könige und Rituale. Höfische Kunst aus Nigeria
. Snoeck Publishers, Gent, Belgien, 2007/2008, 535 S. Katalog / Buch bestellen bei Amazon.de.









 
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