Chinesische
Fotografie
Die Chinesen: Fotografie und Video
aus China
Die Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg vom 9. Oktober 2004 bis 9. Januar 2005.
Artikel vom 10. Oktober 2004
Wolfsburg hat dank Volkswagen engere
Beziehungen zu einigen bedeutenden Städten auf anderen Kontinenten aufgebaut,
was sich auch in der Ausstellungstätigkeit des Kunstmuseum Wolfsburg
niederschlägt. Noch bis am 9. Januar 2005 steht dort die chinesische Fotografie im Mittelpunkt.
Die Chinesen: Fotografie und Video
aus China befasst sich hautsächlich mit in den 1960er und 1970er Jahren
geborenen Fotografen aus dem Reich der Mitte. Die Kuratorin Annelie Lütgens
hat die Ausstellung in Zusammenarbeit mit der in Beijing ansässigen
englischen Kennerin zeitgenossischer chinesischer Kunst Karen Smith sowie dem
nach zehn Jahren aus dem Amt scheidenden Museumsdirektor Gijs van Tuyl
zusammen gestellt. Finanziell unterstützt wurde Die Chinesen von der Volkswagen Group
China. Der handwerklich einwandfreie Katalog wurde in China hergestellt und bildet eine
kurze Einführung ins Thema chinesische
Fotografie. Er enthält unter anderem einen Beitrag von Karen Smith zur
chinesischen Fotografie von 1949 bis zur Gegenwart sowie Biografien aller 21
Fotografen und Videokünstler.
Das kommunistische Regime hat keinerlei Druck auf die Ausstellungsmacher
ausgeübt. Wenn nicht alle ausgestellten Werke im Katalog gezeigt (aber am
Ende des Buchs aufgelistet werden), so lag das laut Kuratorin Annelie Lütgens
allein am Platzmangel. Sie schreibt denn auch in ihrem Katalogbeitrag frank
und frei: "Das neue China mit seinen glitzernden Metropolen eifert zwar
dem westlichen Kapitalismus nach, im Inneren aber ist es eine sozialistische
Kaderherrschaft geblieben, ohne demokratische Meinungsfreiheit und mit nur
begrenzter Liberalität in Sachen Kunst."
Die Kommunisten betrachten solche Kunstausstellungen als Fenster zum Westen.
Hier können sie beweisen, wie freiheitlich sie sind. Eine solche Ausstellung
wäre in China selbst undenkbar - dort fehlen zudem noch weitgehend das
Publikum sowie Ausstellungsräume für zeitgenössische Kunst, deren Käufer
sich (noch) weitgehend in der Ersten Welt befinden.
Die Chinesen: Fotografie und Video
aus China umfasst Werke der Dokumentarfotografie, der straight
photography und gestellte Bilder, fotografische Inszenierungen, die zum
Teil digital nachbearbeitet wurden. Annelie Lütgens konzentrierte ihre
Auswahl auf die Themenschwerpunkte Geschichte, Familie, Individuum,
Urbanität, Stadt und Land sowie cultural clash zwischen Fernost und
West, Sozialismus und Kapitalismus.
Die Ausstellung beginnt mit zwei ausführlich dokumentierten historischen
Positionen, die im Kontext von Die Chinesen Ausnahmen darstellen: Die
1911 in Breslau als Eva Sandberg geborene Fotografin Eva Siao folgte nach
ihrer Heirat mit dem kommunistischen Schriftsteller Emi Siao nach China. Im
Frühjahr 1950 wurde sie Fotokorrespondentin der Agentur Xin Hua. Auch später
dokumentierte sie in ihren Fotos vor allem Menschen, die in ihre Arbeit
vertieft sind, um so ihre Liebe für ihre Wahlheimat auszudrücken.
Bemerkenswert ist das Foto von Chinas letztem Kaiser Pu Yin, das ihn
1961 in seinem Garten in Beijing zeigt. In den 1950er und 60er Jahren
vermittelte Eva Siao ein optimistisches Bild des Sozialismus, ohne jedoch in
heroisierendes Pathos zu verfallen. 1967 wurden sie und ihr Mann Opfer der
Kulturrevolution. Als angeblich sowjetische Spione verbrachten sie sieben
Jahre in Haft und wurden erst 1979 rehabilitiert. Dennoch verlor Eva Siao nie
ihren Glauben ans "Neue China". Alle ihre dreissig Fotos der
Ausstellung sind Silbergelatine-Reprints von 1996 und stammen aus dem Museum
Ludwig Köln.
Die zweite historische Position verkörpert das Paar Hou Bo und Xu Xiaobing. Hou Bo arbeitete von 1949 bis 1961 als persönliche Fotografin von
Mao Zedong, der
Filmdokumentarist Xu Xiaobing begleitete Mao, die Armee und hielt den Aufbau der
Volksrepublik auf Zelluloid fest. Einige Mao-Fotos von Hou Bo entfalten eine fast
intime Wirkung, womit sie in krassem Gegensatz zu den offiziellen Portraits
stehen, die den Vorsitzenden als unnahbare Autorität zeigen.
Dass kein Zensor über der Ausstellung wachte, beweist das Ausstellungsfoto
von Hou Bo aus dem Jahr 1954, das Mao zusammen mit dem Panchen Lama und dem
Dalai Lama in Zhongnanhai zeigt, wo Delegierte sich zum ersten nationalen
Treffen des Volkskongresses trafen. 1950 marschierten bekanntlich die Chinesen
in Tibet ein, integrierten es 1951 in ihr Staatsgebiet und schlugen 1959 einen
Aufstand der Tibeter blutig nieder, woraufhin der Dalai Lama ins Ausland
flüchtete, wo er noch heute weilt.
Karen Smith legt dar, dass es bis in die 1980er Jahre in China unmöglich war,
sich "auf eigene Faust und auf eigene Rechnung" als Fotograf zu
betätigen, "erst recht nicht als Kunstfotograf." Erst unter Deng
Xiaoping öffnete sich das Regime, wobei auch danach ohne guanxi,
persönliche und gesellschaftliche Beziehungen, "der Beruf des Fotografen
ein unerfüllter Wunsch" bleiben musste.
Unter Mao ging es darum, die Revolution und Modernisierung zu propagieren,
unter Deng, das Reformprogramm zu popularisieren. Laut Karen Smith wurden in
China nur Hou Bo und Xu Xiaobing schon früh als "professionelle
Fotografen" anerkannt.
Die in den 1960er und 70er Jahren geborenen Fotografen setzen sich zum Teil
wie Eva Siao mit dem Alltag auseinander und unterscheiden sich so von Xu
Xiaobing und Hou Bo, die laut Karen Smith "kein Auge für ihre Umgebung
hatte."
Seit den späten 1980er Jahren ist die Fotografie in Bewegung geraten. Immer
mehr Zeitschriften kamen in Umlauf, die Möglichkeiten, Fotos in die
Öffentlichkeit zu bringen, stiegen. Bilder konnten nun auch einen
ästhetischen Anspruch haben, mussten nicht mehr nur abbilden. Früher war ein
individueller Blick in der Kunst unerwünscht. Nun geriet auch die soziale
Wirklichkeit der Menschen zunehmend ins Blickfeld der Fotografen, was einen
"radikalen Bruch" mit den tradierten chinesischen Sehgewohnheiten
bedeutete.
Als Beispiel für diese neue Sichtweise verweist Karen Smith auf Liu Zhengs
Fotoserie The Chinese, der die Wolfsburger Ausstellung ihren Namen
verdankt. Der Zyklus umfasst 180 Schwarzweissfotografien, von der gut ein
Dutzend im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen sind. Die Serie entstand in sieben
Jahren und wurde 2003 abgeschlossen. Der 1969 geborene Liu Zheng zeigt
Randgruppen, Stripper, Transsexuelle, geistig Behinderte sowie tragische
Ereignisse, Unfälle, Sterbende, die alle auch zur chinesischen Gesellschaft
gehören. Diese Themen waren bis in die 1990er Jahre hinein in China tabu.
Liu Zheng hat übrigens keine klassische Kunstausbildung genossen, sondern
studierte am Institut für Optik der Polytechnischen Universität Beijing.
Bevor er sich der rein künstlerischen Tätigkeit zuwandte, arbeitete er als
Fotojournalist für die bekannte Tageszeitung The Worker's Daily.
Neben der Arbeit als Fotojournalist zeigt das Kunstmuseum Wolfsburg noch eine
ganz andere Seite des Schaffens von Liu Zheng: Die theatralische Inszenierung
in der grossformatigen Werkgruppe
Four Beauties. Die vier opulenten, lebensgrossen Fotoinszenierungen
stellen das Leben von Frauen dar, die in früheren Jahrhunderten für ihre
Schönheit berühmt waren und noch heute den meisten durch die chinesische
Oper bekannt sind. Susanne Köhler schreibt im Katalogportrait des Fotografen
zu den Four Beauties: "Die Positionierung der Figuren und ihre erstarrten,
exaltierten Gesten deuten hier wie dort auf die Schicksalsschläge hin, die sie
im Leben erlitten haben."
Die 1967 in Xi'an geborene Xing Danwen ist eine fotografische Autodidaktin,
die an der Xi'an Kunstakademie und an der Beijing Kunstakademie Malerei
studierte, ehe sie im Jahr 2000 die School of Visual Arts in New York mit
einem Master of Fine Arts für Photo and Related Media abschloss.
1994 zeigte sie ihre frühen Bilder, vor allem Bergarbeiter von Shanxi,
Bewohner entlegener Hochebenen und abgelegener Provinzen, in einer
Einzelausstellung in der Galerie Grauwert in Hamburg unter dem Titel With
Chinese Eyes, wozu ein gleichnamiger Katalog erschien. Dadurch wurden
Performance-Künstler in China auf sie aufmerksam, die sie beknieten, ihre
Arbeiten zu dokumentieren, was sie erfolgreich tat. Danach war sie als
Fotojournalistin tätig, deren Interesse jedoch eher in eine
künstlerisch-konzeptionelle als in eine narrative Richtung gingen, so Karen
Smith.
Noch während dem Studium in New York arbeitete Xing Danwen an der grossen
Video-Installation Sleepwalking. Bereits im Sommer 1999 schuf sie den
Zyklus 42 Degrees Celsius: Summer 1999, Beijing, in dem sie die
Auswirkungen der Hitzewelle auf die die alten Wohnviertel (hutongs)
sowie die ausgedörrten Parks in der chinesischen Hauptstadt dokumentierte.
Für die folgende Serie disCONNEXION fotografierte sie im
Industriegebiet um Guangzhou Berge von Elektromüll.
Bei der Pressekonferenz im Kunstmuseum Wolfsburg war Xing Danwen die einzige
anwesende Künstlerin. In einem Gespräch erläuterte sie mir ihr auf dreissig
Fotos angelegtes neuestes, noch nicht abgeschlossenes Werk, Urban Fiction,
mit dem sie in der Wolfsburger Ausstellung Die Chinesen präsent ist.
Die Fotos zeigen auf den ersten Blick scheinbar leere Miets- und Bürohäuser,
die der Betrachter rasch als Modelle identifiziert. Dabei handelt es sich
nicht etwa um von der Künstlerin geschaffene Werke, sondern um echte Architekturmodelle, die als Vorlage für reale Häuser in China dienen, die
seither zum Teil bereits errichtet wurden.
Ein zweiter Blick auf das Spiel mit Fiktion und Realität zeigt, dass in allen
sechs in Wolfsburg ausgestellten Werken ein human drama zu sehen ist,
wie Xing Danwen mir gegenüber bemerkte. Da ist die Braut, die im
Hochzeitskleid vor ihrem Angetrauten flieht, die Büroangestellte, die sich
vom Hochhaus stürzen will, zwei junge Damen, die schwatzend vom Einkaufen
kommen oder ein Mann und eine Frau, die auf den Terrassen zweier nebeneinander
liegender Wohnungen sonnenbaden.
Die mit Hilfe von Photoshop in die Architekturmodelle hinein kopierten realen
Menschen verstärken die Kälte und Anonymität, die von den modernen
Neubaukomplexen in Beijing, Shanghai und anderen Grossstädten Chinas ausgeht.
Trotz räumlicher Nähe haben die zwei nur durch eine Wand getrennten
Sonnenbadenden voneinander keine Kenntnis. Die isolierten Menschen in den
unwirklichen Grossbauten repräsentieren die Normierung des Lebens in der Welt
der globalisierten Moderne aus Beton, Glas und Stahl.
Ein dritter Blick auf die Fotos zeigt, dass alle weiblichen Figuren von Xing
Danwen selbst dargestellt werden. Die Künstlerin schlüpft dabei wie eine
Schauspielerin in ganz unterschiedliche Rollen.
Die Fotografin bezieht ihre Inspiration von ihrem chinesischen Hintergrund
her. Auf Grund ihrer Aufenthalte im Westen enthalten ihre Werke jedoch
universellere Botschaften als jene anderer chinesischer Künstler.
Der Blick auf die 21 in Wolfsburg vereinten Fotografen und Videokünstler aus
China zeigt, dass es keine eigenständige chinesische Fotoästhetik gibt. Es
konnten sich keine Fotoschulen wie in Deutschland zum Beispiel die
Becher-Schule etablieren. Die Fotokunst ist noch zu jung. Die Fotografen leben
in den Grossstädten und finden ihre Käufer vor allem im Ausland, was die
Gefahr in sich birgt, dass sie für den westlichen Markt produzieren. Der
westliche Betrachter seinerseits befindet sich im Dilemma, dass er entweder
das ihm Vertraute oder das Exotische sucht und erkennt. Die Suche nach dem
"authentischen" Foto wird zur Illusion, die chinesische Realität ist
bereits zu vielschichtig.
Es bleibt zu hoffen, dass mit dem wachsenden Wohlstand in China auch die
Museumsstrukturen wachsen, sodass Ausstellungen wie Die Chinesen: Fotografie und Video
aus China bald auch im Heimatland der Künstler gezeigt werden können.
Quelle:
Die Chinesen: Fotografie und Video
aus China. Die Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg vom 9. Oktober 2004
bis 9. Januar 2005. Printed in China, Vertrieb Hatje Cantz, 2004, 152 S. Buch bestellen bei Amazon.de.
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Die Chinesen: Fotografie und Video
aus China. Die Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg vom 9. Oktober 2004
bis 9. Januar 2005. Printed in China, Vertrieb Hatje Cantz, 2004, 152 S. Buch bestellen bei Amazon.de.

Danwen Xing: Urban Fiction, Foto 4 der Serie. Foto © Danwen Xing.

Danwen Xing: Urban Fiction, Detail von Foto 4 der Serie.
Foto © Danwen Xing.
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