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Nr. 69, März 2005
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Antoni Gaudí in Barcelona
Artikel vom 4. März 2005
 
Die Bauten von Antoni Gaudí in Barcelona gehören zu den Höhepunkten jeder Stadtbesichtigung. Sein Stil des Modernisme ist die katalanische Spielart des Jugendstils.

Der am 25. Juni 1852 in Reus in der Provinz Tarragona geborene
Antoni Gaudí i Cornet studierte an der Escuela Provincial de Arquitectura de Barcelona. Bereits vor Beendigung seines Studiums half er dem Architekten Josep Fontseré beim Projekt des Citadella Park.

Im Abschlussjahr 1878 gewann er den Wettbewerb zur Beleuchtung der Plaza Real in Barcelona. Diese Strassenbeleuchtung funktioniert noch heute.

In jener Zeit stand der Historismus, insbesondere die Neugotik, hoch im Kurs. Auch
Antoni Gaudí fühlte sich stark zur Gotik hingezogen, stand allerdings einigen technischen Details kritisch gegenüber. So sah er die Verwendung von Strebepfeilern als Krücken an, die er durch das Prinzip der "schrägen Stütze" abgelöst sehen wollte.  Er sah in der Wiederbelebung einer lichten, farbigen mediterranen Gotik sein Ideal, das in seinen späteren Bauten auch tatsächlich zum Tragen kam.

Von 1883 bis 1888 arbeitete Antoni Gaudí am Sommerhaus Casa Vicens im Distrikt von Gràcia (Carolines 18-24). Blaue und weisse Kacheln prägen die Fassade des für den Keramikfabrikanten Manuel Vicens i Montaner erbauten Hauses.

Graf Eusebio Güell i Bacigalupi wurde zu Gaudís Freund und Förderer. Der bedeutende Industrielle hatte die erste Portlandzementfabrik in Katalonien gegründet, leitete eine Eisenbahngesellschaft und ein Bankhaus, widmete sich dem Weinbau und war als Provinzialabgeordneter, Stadtrat und Senator von Barcelona politisch aktiv. Ohne ihn wäre Gaudís Werk nicht denkbar.

Von 1884 bis 1887 arbeitete der junge Architekt an zwei Pavillons und dem Eingang zum Landsitz der Familie Güell, La Finca Güell (av. de Pedralbes 7). Am Eingang positionierte er Ladon, den  mythologischen geflügelten Drachen, der von Herkules besiegt wurde. Die Finca Güell steht stilistisch in enger Beziehung zur Casa Vicens und zeigt ebenfalls Anklänge an die Architektur der spanischen Maurenzeit. 

Von 1884 bis 1887 schuf
Antoni Gaudí den Palau Güell, die Residenz des Grafen Güell in Barcelona (Nou de la Rambla 3), die vom skurilen Einfallsreichtum 

Von 1888 bis 1890 stellte Antoni Gaudí das Stammhaus des Theresianerinnenordens fertig. Das Haupttor des nüchternen Col.legi de les Teresianes (Canduxer 95-105) zeigt das Wappen des religiösen Ordens. Es soll von Gaudí selbst geschmiedet worden sein.

Von 1898 bis 1899 baute Antoni Gaudí das einzige Gebäude seiner Karriere, bei dem er auf barocke katalanische Formen zurückgriff: Casa Calvet (Casp 48). Ironisch symbolisierte er am Tor den Sieg des Guten über das Böse mit einem Türklopfer, bei dem ein Kreuz auf eine Wanze einschlägt.

Ebenfalls ab 1898 begann Antoni Gaudí die Konstruktion der Iglesia de la Colonia Güell in Santa Coloma de Cervelló. Die Kirche wurde 1917 fertig gestellt.

Von 1900 bis 1909 widmete sich Antoni Gaudí dem Bau des Torre Bellesguard, der sehr teuer wurde, da der Architekt die Ruinen des Hauses des letzten katalanischen Königs,  Marti I l'Humà (Marti I, der Menschliche), in sein Werk integrierte.

Von 1900 bis 1914 arbeitete Antoni Gaudí an seinem grössten Vorhaben in Barcelona, dem Parc Güell. Im englischen Park befindet sich heute das Haus-Museum, in dem der Architekt von 1906 bis 1926 lebte, ehe er an die Baustelle der Sagrada Familia zog. 

Der Parc Güell wurde von Eusebio Güell als Gartenstadt neben seinem Anwesen, Can Montaner, in Auftrag gegeben. Von den ursprünglich sechzig geplanten Häusern wurden nur zwei fertig gestellt, weshalb die Wohnanlage zu seinen fehlgeschlagenen Projekten gehört. Der Park mit seinen drei Kilometern an verschlungenen Pfaden und vielen phantastischen Konstruktionen, Viadukten und Säulen in üppiger Vegetation gehört heute zu den beliebten Touristenattraktionen Barcelonas.

Die Casa Museu Gaudí enthält persönliche Erinnerungsstücke und Werke des Architekten, darunter Möbel, Zeichnungen und Entwürfe. Daneben sind weitere Künstler und Architekten wie Picasso, Mani, Berenguer und Moisés im Museum mit Arbeiten vertreten. Das Haus wurde übrigens von Francesc Berenguer i Mestres entworfen. Die definitiven Zeichnungen wurden nur von Gaudí signiert, weil Berenguer damals den Abschluss als Architekt noch nicht gemacht hatte.

Die Casa Batlló (Passeig de Gràcia 43) baute Gaudí von 1904 bis 1906 für den Textilindustriellen Josep Batlló i Casanovas. Sie ist heute als Museum teilweise dem Publikum geöffnet und einen Besuch wert. Das farbige Ziegeldach ind die Mosaikfassade repräsentieren Wellen im ruhigen Meer. Gaudí erzielte den Glimmereffekt an der Hausfront mit Hilfe von gebrochenen glasierten Keramikkacheln Glasstücken. Natürliche Formen und Wellen dominieren auch das Hausinnere. Jede Ecke überrascht mit einem originellen Detail. Gaudí war nicht einfach nur Architekt, er schuf  Gesamtkunstwerke. 

Die Casa Batlló steht in einer Reihe mit architektonisch herausragenden Häusern und gilt als Gaudís ironische Antwort auf die akademischen Formen der nebenstehenden Casa Amattler, gebaut von Josep Puig i Cadafalch. Die Wellenformen der Fassade und des Hausinnern machen die Casa Batlló zu einer Vorläuferin des Meisterwerks Casa Milà, im Volksmund La Pedrera (Steinbruch) genannt.

Von 1906 bis 1912 schuf Antoni Gaudí das repräsentativste Werk des Modernisme, die Casa Milà (Passeig de Gràcia). La Casa Milà wurde ursprünglich als Monument zu Ehren der Jungfrau Maria konzipiert, doch die Ereignisse der sogenannten Tragischen Woche (Semana Tragica) 1909 bewogen den Hausbesitzer, Pere Milà i Camps, auf die Installierung des religiösen Bildes am Hausdach zu verzichten.

Das Wohnhaus hat drei Fassaden, die durch die Steinfassade in Wellenform und die Eisenbalkone in einer Mixtur aus Landschaft und abstrakter Skulptur ineinander integriert sind.

Der Spottname des Volksmundes für das Haus - La Pedrera (Der Steinbruch) - spiegelt zum einen die Entstehungsgeschichte mit den Differenzen zwischen Eigentümer und Architekt wieder, denn Gaudís Projektänderungen führten zu jahrelangen Verzögerungen bei der Fertigstellung des Baus, zum anderen den Hohn und Spott sowie die Kritik von zeitgenössischen Karikaturisten, Journalisten, Künstlern und Politikern, unter anderen vom Katalanen Santiago Rusiñol und dem französischen Staatsmann Georges Clemenceau, denen das Verständnis für Gaudís innovative architektonische Vision abging.

In den 1990er Jahren wurde die Casa Milà umfassend renoviert. Die meisten Wohnungen besitzen noch die originalen Holz- und Deckenarbeiten. Die interne Struktur des Gebäudes beruht auf einem Säulensystem, das die traditionellen Gewicht-tragenden Wände ablöste, was noch heute Architekten aus aller Welt bewundern. Der Dachstuhl besteht aus parabolischen Backstein-Bogengewölben, die für Gaudís Werk typisch sind.

Ein Besuch des "Pedrera Apartment" im vierten Stock lohnt sich. Es handelt sich um eine Nachbildung einer Wohnung der oberen Mittelklasse der Zeit um 1909 bis 1929, mit originalen Möbeln, Kinderfahrrädern und vielem mehr. An Sommerwochenenden können Sie einen Drink auf der Dachterrasse bei Live-Musik geniessen (La Pedrera de nit). Im Erdgeschoss befindet sich das Kulturzentrum Fundació Caixa de Catalunya, das die Restauration des Gebäudes finanziert hat und sich um den Unterhalt und die Museumsräume kümmert.

Antoni Gaudís berühmtestes, bis heute nicht fertig gestelltes Werk jedoch ist die Basilika der Sagrada Família (Heiligen Familie). Bereits 1883 nahm der Architekt die Aufgabe auf sich, das vom Buchhändler José María Bocabella bei Francesc de Paula Villar im Jahr zuvor in Auftrag gegebene Werk fortzuführen.

Bocabella war der Gründer der Associació Espiritual de Devots de Sant Josep. Diese hatte es sich zum Ziel gesetzt, der Kirche in einer Zeit sinkender Religiosität - als Folge der industriellen Revolution, des wissenschaftlichen Fortschritts und sozialer Umwälzungen - zum Sieg zu verhelfen.

Der Architekt Villar hatte beabsichtigt, eine Kirche im neugotischen Stil zu errichten. Auf Grund von Konflikten mit offiziellen Stellen der Stadt Barcelona gab er sein Vorhaben  aber bereits nach einem Jahr auf.

Die Basilica von Antoni Gaudí ist ein Projekt, das einen ganz anderen Geist atmet und viel ambitionierter ist. Nachdem er die Krypta fertig gestellt hatte, entwarf er drei monumentale Fassaden, von denen zu seinen Lebzeiten nur jene der Krippe gewidmete fertig gestellt wurde. Der Eingangsweg ist verziert mit rund Hundert Pflanzen- und eben so vielen Tierarten. Die Türen repräsentieren die drei Tugenden Wohltätigkeit, Glaube und Hoffnung.

Die zweite Fassade ist der Passion gewidmet. Sie ist mit Skulpturenensembles des Künstlers Josep Maria Subirachs ausgestattet. Die Hauptfassade wird die Herrlichkeit Gottes darstellen, mit einer Repräsentation des Todes, des Jüngsten Gerichts, der Hölle und der Herrlichkeit Gottes.

Vier der über 100m hohen Türme des Tempels der Sagrada Família wurden zwischen 1903 und 1926 fertig gestellt. Schlussendlich soll die Basilika zwölf Türme zählen, die vom zentralen Dom des Kirchenschiffs mit projektierten 170m überragt werden sollen. Der Dom wird dereinst von einem monumentalen Kreuz gekrönt werden. Die noch verbleibende Bauzeit wird heute mit drei Jahrzehnten angegeben.

Antoni Gaudí starb übrigens drei Tage nach einem Strassenbahnunfall. Niemand hatte ihn erkannt, weshalb er am 10. Juni 1926 in einem Armenhospital verschied.

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Sagrada Família. Foto © Sagrada Família.






 
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