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Nr. 60, Juni 2004
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Andy Warhol Selbstportraits
Artikel vom 15. Juli 2004
 
Die Selbstportraits von Andy Warhol gehören zum Kern seines künstlerischen Schaffens. Erstaunlicherweise ist der hier im Zusammenhang mit der gleichnamigen Wanderausstellung (St. Gallen, Hannover und Edinburgh) besprochene Band Andy Warhol Selbstportraits die erste Monographie, die sich exklusiv diesem Thema widmet.

Andy Warhol (1928-1987) malte sein Leben lang Selbstportraits. Ausstellung und Katalog präsentieren 85 Werke, die von den ersten Versuchen des Teenagers bis zur Serie Fright Wig reichen, die er kurz vor seinem Tod im Februar 1987 vollendete.
 
Bereits 1948/49 kam die Originalität des damals rund zwanzigjährigen Studenten in Pittsburgh zur Geltung, als er zwei ungewöhnliche Arbeiten zu Papier brachte, die ihn beim Nasenbohren zeigen. Upper Torso Boy Picking Nose und Full Figure Boy Picking Nose (cat. 39 & 40, beide von 1948/49, Graphit auf Papier, je 27,9 x 21,6 cm) sind wohl einmalig in der Kunstgeschichte. Sie zeigen bereits neben Warhols Originalität und seinem Humor auch seine Fähigkeit und seinen Willen, das Publikum zu schockieren. Robert Rosenblum vergleicht in seinem Katalog-Essay die zwei Zeichnungen mit der heimlichen Handlung, die dem Publikum als Herausforderung selbstbewusst zur Schau gestellt wird, mit Egon Schieles Masturbationsbildern. Laut Rosenblum bietet Andy Warhol "dem Betrachter so von Anfang an eine widersprüchliche Balance zwischen grösster Intimität und kalkulierter Provokation."
 
Andy Warhols Selbstportraits sind weniger Werke von kompromissloser Ehrlichkeit und Selbstanalyse, als vielmehr Masken und Trugbilder, die der Künstler dem Publikum vorhält. Wie ein Schauspieler, so schlüpft Warhol immer wieder in Rollen, die er dem Betrachter vorspielt. Viele Werke sind allerdings auch ein Mischung aus Selbstanalyse und Maske.
 
Ausnahmen schonungsloser Selbstbetrachtung scheinen einige Polaroid-Fotos zu bilden, in denen sich der Künstler quasi "nackt" zeigt, sein Innerstes offen legt. Diese Werke scheinen eine beunruhigende Fragilität des Künstlers als Mensch, auf der Suche nach seiner Identität, aufzuzeigen, wie der Schreibende bereits anlässlich der Ausstellung About Face im Miami Art Museum im Jahr 2000 festgestellt hat. Zu diesen Werken gehören im zweisprachigen Katalog Andy Warhol Selbstportraits / Self-Portraits die Polaroid-Fotos Self-Portrait in Drag von 1981 (besonders die Katalognummern 70 & 71) sowie das Self-Portrait (in Blue Shirt, Eyes Starring, Kat. 55) von 1977/1978. Hier scheint Warhol nicht für ein Publikum zu posieren. Es ist wohl kein Zufall, dass es sich bei diesen Polaroid-Fotos um Einzelstücke handelt, die der Künstler nicht als Grundlage für Serienbilder und Seriendrucke verwendet hat.

Gemäss Robert Rosenblum stilisierte sich Andy Warhol bereits in seinen ersten Selbstportraits, die im Rahmen der neugeschaffenen Pop Art Anfang der 1960er Jahre entstanden, als Shootingstar, als von den Paparazzi gejagte glamouröse Berühmtheit.

In seinem Essay erinnert Rosenblum daran, dass die Kunstsammlerin Florence Barron 1963 die ebenso überraschende wie brillante Idee hatte, bei Warhol ein Selbstportrait des Künstlers zu bestellen. Sie kehrte so die traditionelle Rolle von Künstler und Auftraggeber um. Die landläufige Vorstellung, dass sich der Künstler in Selbstbildnissen freiwillig zur Schau stellt, wurde so ebenfalls in Frage gestellt. Warhol zeigte sich der Situation gewachsen und reagierte mit einer Bildserie nach Automatenphotos (Kat. S. 28; vier Selbstportraits Acryl und Siebdruckfarbe auf Leinwand von 1963/1964, die heute Teil der Sammlung Guy und Nora Barron sind).

Diese Selbstbildnis-Serie von Warhol bezeichnet Rosenblum als "reines Theater". Es handle sich um "mechanisch-populistische" Bildkonstruktionen, wie er sie im selben Jahr zuvor für Bildnisse der Sammlerin Ethel Scull und des Kabarettstars Bobby Short benutzt hatte. Warhol inszenierte sich mit Sonnenbrille, Posen für eine unsichtbare Kamera einnehmend, eine Art geraffte Filmesequenz spielend, in der er seine Krawatte löste und sein Hemd öffnete. Die künstliche Farbigkeit - "Minze" oder "Lavendel" - betonten den glamourösen Eindruck, der an Hollywood-Probeaufnahmen erinnert. In diesen Selbstportraits gibt der Künstler eben so wenig von sich preis, wie seine frühen Starportraits etwas von Marilyn Monroe oder Elizabeth Taylor verraten. Die Bildnisse können zudem als Hinweis auf die Ambitionen des Künstlers im Jahr 1963 gedeutet werden, als er den Wunsch hegte, ein Star zu werden, der in der Yellow Press auftaucht, als Privatperson aber unsichtbar bleibt.

1978 ging Andy Warhol bei einer Wanderausstellung, die im Kunsthaus Zürich und im dänischen Louisiana Museum in Humlebaek gezeigt wurde, noch einen Schritt weiter: Er dekorierte die Museumswände mit einer Tapete, auf der sein Kopf in tausendfacher Ausfertigung prangte. Damit unterminierte er die Tradition der Einmaligkeit und des Privaten, die üblicherweise mit Selbstbildnissen verbunden wurde.

Andy Warhols Besessenheit mit dem Sujet "Selbstportrait" und mit der eigenen Sterblichkeit hatte ihre Ursache nicht nur in der katholischen Indoktrination seiner Kindheit, bemerkt Rosenblum. Sie wurde in den 1960er Jahren durch drei gefährliche Begegnungen verstärkt: 1964 betrat Dorothy Podber in einer schwarzen Motorradjacke die Factory, legte ihre weissen Handschuhe ab, zückte eine Pistole und schoss auf einen Stapel von Marilyn Monroe-Portraits. Die durchlöcherten Leinwände wurden später als Shot Marilyns bekannt. Das psychologische Traum hingegen liess sich nicht reparieren. Bereits drei Jahre später wurden Warhol und seine Mitarbeiter in der Factory erneut bedroht, diesmal von einem bewaffneten Mann, der mehrere Kugeln in die Wand jagte. Am 3. Juni 1968 kam es schliesslich zur gefährlichsten, gar lebensbedrohenden Begegnung: Die verwirrte Valerie Solanas zielte nicht auf Bilder oder die Wand, sondern direkt auf Andy Warhol, der schwer verletzt wurde und das Attentat nur knapp überlebte.

Der Künstler dokumentierte nicht nur die Folgen des Attentats in den Royalton Bonus photographs of Andy Warhol in Columbus Hospital after shooting, 1968 (Kat. 49), auf denen die beeindruckenden Narben auf dem nackten Oberkörper von Warhol zu sehen sind, sondern die Attentate und das Wissen um die Fragilität des menschlichen Lebens inspirierten ihn zu einer Reihe von Serien. Dazu gehören die Skulls von 1976, die Self-Portrait Strangulations von 1978 (Kat. 22) und die Guns von 1982. Bei letzteren handelt es sich um Siebdrucke, auf denen der Revolvertyp abgebildet ist, den Valerie Solanas bei ihrem Attentat auf Warhol benutzt hatte.

Warhol trachtete danach, "sein Gesicht zeitlebens in ein Markenzeichen mit globalem Wiedererkennungswert [zu] verwandeln", merkt Rosenblum an. 2002 erfüllte die amerikanische Post diesen Traum posthum, indem sie eines seiner Selbstportraits von 1964 für eine 37-Cent-Briefmarke verwandte. Seither reist Andy Warhol auf Millionen von Briefumschlägen um die Welt. So gelang es dem United States Postal Service, die ultimative Warhol-Serie zu kreieren: Eine, die sich jeder Sammler auch leisten kann.
 

Für jeden Sammler unabdinglich: Andy Warhol Catalogue Raisoné, Vol. 1: Paintings and Sculpture, 1961-1963. Phaidon, 2002, 512 S. Hg. von Georg Frei und Neil Printz. Bestellen bei Amazon.com oder Amazon.de.

 

Der Katalog: Andy Warhol Selbstportraits / Self-Portraits. Katalog deutsch und englisch, Hatje Cantz, 2004, 154 S. Bestellen Sie das Buch bei Amazon.de, citydisc Schweiz, Amazon.com oder Amazon.co.uk

Die Ausstellung: Andy Warhol Selbstportraits:
- Kunstverein St. Gallen Kunstmuseum: 12. Juni bis 12. September 2004.
- Sprengel Museum Hannover: 3. Oktober 2004 bis 16. Januar 2005.
- Scottish National Gallery of Modern Art, Edinburgh: 12. Februar bis 2. Mai 2005.
 

 

 

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