Andy
Warhol Selbstportraits
Artikel vom 15. Juli 2004
Die Selbstportraits von Andy Warhol
gehören zum Kern seines künstlerischen Schaffens. Erstaunlicherweise ist der
hier im Zusammenhang mit der gleichnamigen Wanderausstellung (St. Gallen,
Hannover und Edinburgh) besprochene Band Andy Warhol Selbstportraits
die erste Monographie, die sich exklusiv diesem Thema widmet.
Andy Warhol (1928-1987) malte sein Leben lang Selbstportraits. Ausstellung und
Katalog präsentieren 85 Werke, die von den ersten Versuchen des Teenagers bis
zur Serie Fright Wig reichen, die er kurz vor seinem Tod im Februar
1987 vollendete.
Bereits 1948/49 kam die Originalität des damals rund zwanzigjährigen
Studenten in Pittsburgh zur Geltung, als er zwei ungewöhnliche Arbeiten zu
Papier brachte, die ihn beim Nasenbohren zeigen. Upper Torso Boy Picking
Nose und Full Figure Boy Picking Nose (cat. 39 & 40, beide von
1948/49, Graphit auf Papier, je 27,9 x 21,6 cm) sind wohl einmalig in der
Kunstgeschichte. Sie zeigen bereits neben Warhols Originalität und seinem
Humor auch seine Fähigkeit und seinen Willen, das Publikum zu schockieren.
Robert Rosenblum vergleicht in seinem Katalog-Essay die zwei Zeichnungen mit
der heimlichen Handlung, die dem Publikum als Herausforderung selbstbewusst
zur Schau gestellt wird, mit Egon Schieles Masturbationsbildern. Laut
Rosenblum bietet Andy Warhol "dem Betrachter so von Anfang an eine
widersprüchliche Balance zwischen grösster Intimität und kalkulierter
Provokation."
Andy Warhols Selbstportraits sind weniger Werke von kompromissloser
Ehrlichkeit und Selbstanalyse, als vielmehr Masken und Trugbilder, die der
Künstler dem Publikum vorhält. Wie ein Schauspieler, so schlüpft Warhol
immer wieder in Rollen, die er dem Betrachter vorspielt. Viele Werke sind
allerdings auch ein Mischung aus Selbstanalyse und Maske.
Ausnahmen schonungsloser Selbstbetrachtung scheinen einige Polaroid-Fotos zu
bilden, in denen sich der Künstler quasi "nackt" zeigt, sein
Innerstes offen legt. Diese Werke scheinen eine beunruhigende Fragilität des
Künstlers als Mensch, auf der Suche nach seiner Identität, aufzuzeigen, wie
der Schreibende bereits anlässlich der Ausstellung About
Face im Miami Art Museum im Jahr 2000 festgestellt hat. Zu diesen
Werken gehören im zweisprachigen Katalog Andy Warhol Selbstportraits /
Self-Portraits die Polaroid-Fotos Self-Portrait in Drag von 1981
(besonders die Katalognummern 70 & 71) sowie das Self-Portrait (in Blue
Shirt, Eyes Starring, Kat. 55) von 1977/1978. Hier scheint Warhol
nicht für ein Publikum zu posieren. Es ist wohl kein Zufall, dass es sich bei
diesen Polaroid-Fotos um Einzelstücke handelt, die der Künstler nicht als
Grundlage für Serienbilder und Seriendrucke verwendet hat.
Gemäss Robert Rosenblum stilisierte sich Andy Warhol bereits in seinen ersten
Selbstportraits, die im Rahmen der neugeschaffenen Pop Art Anfang der 1960er
Jahre entstanden, als Shootingstar, als von den Paparazzi gejagte glamouröse
Berühmtheit.
In seinem Essay erinnert Rosenblum daran, dass die Kunstsammlerin Florence
Barron 1963 die ebenso überraschende wie brillante Idee hatte, bei Warhol ein
Selbstportrait des Künstlers zu bestellen. Sie kehrte so die traditionelle
Rolle von Künstler und Auftraggeber um. Die landläufige Vorstellung, dass
sich der Künstler in Selbstbildnissen freiwillig zur Schau stellt, wurde so
ebenfalls in Frage gestellt. Warhol zeigte sich der Situation gewachsen und
reagierte mit einer Bildserie nach Automatenphotos (Kat. S. 28; vier
Selbstportraits Acryl und Siebdruckfarbe auf Leinwand von 1963/1964, die heute
Teil der Sammlung Guy und Nora Barron sind).
Diese Selbstbildnis-Serie von Warhol bezeichnet Rosenblum als "reines
Theater". Es handle sich um "mechanisch-populistische"
Bildkonstruktionen, wie er sie im selben Jahr zuvor für Bildnisse der
Sammlerin Ethel Scull und des Kabarettstars Bobby Short benutzt hatte. Warhol
inszenierte sich mit Sonnenbrille, Posen für eine unsichtbare Kamera
einnehmend, eine Art geraffte Filmesequenz spielend, in der er seine Krawatte
löste und sein Hemd öffnete. Die künstliche Farbigkeit - "Minze"
oder "Lavendel" - betonten den glamourösen Eindruck, der an
Hollywood-Probeaufnahmen erinnert. In diesen Selbstportraits gibt der
Künstler eben so wenig von sich preis, wie seine frühen Starportraits etwas
von Marilyn Monroe oder Elizabeth Taylor verraten. Die Bildnisse können zudem
als Hinweis auf die Ambitionen des Künstlers im Jahr 1963 gedeutet werden,
als er den Wunsch hegte, ein Star zu werden, der in der Yellow Press
auftaucht, als Privatperson aber unsichtbar bleibt.
1978 ging Andy Warhol bei einer Wanderausstellung, die im Kunsthaus Zürich
und im dänischen Louisiana Museum in Humlebaek gezeigt wurde, noch einen
Schritt weiter: Er dekorierte die Museumswände mit einer Tapete, auf der sein
Kopf in tausendfacher Ausfertigung prangte. Damit unterminierte er die
Tradition der Einmaligkeit und des Privaten, die üblicherweise mit
Selbstbildnissen verbunden wurde.
Andy Warhols Besessenheit mit dem Sujet "Selbstportrait" und mit der
eigenen Sterblichkeit hatte ihre Ursache nicht nur in der katholischen
Indoktrination seiner Kindheit, bemerkt Rosenblum. Sie wurde in den 1960er
Jahren durch drei gefährliche Begegnungen verstärkt: 1964 betrat Dorothy
Podber in einer schwarzen Motorradjacke die Factory, legte ihre weissen
Handschuhe ab, zückte eine Pistole und schoss auf einen Stapel von Marilyn
Monroe-Portraits. Die durchlöcherten Leinwände wurden später als Shot
Marilyns bekannt. Das psychologische Traum hingegen liess sich nicht
reparieren. Bereits drei Jahre später wurden Warhol und seine Mitarbeiter in
der Factory erneut bedroht, diesmal von einem bewaffneten Mann, der mehrere
Kugeln in die Wand jagte. Am 3. Juni 1968 kam es schliesslich zur
gefährlichsten, gar lebensbedrohenden Begegnung: Die verwirrte Valerie
Solanas zielte nicht auf Bilder oder die Wand, sondern direkt auf Andy Warhol,
der schwer verletzt wurde und das Attentat nur knapp überlebte.
Der Künstler dokumentierte nicht nur die Folgen des Attentats in den Royalton
Bonus photographs of Andy Warhol in Columbus Hospital after shooting, 1968
(Kat. 49), auf denen die beeindruckenden Narben auf dem nackten Oberkörper
von Warhol zu sehen sind, sondern die Attentate und das Wissen um die
Fragilität des menschlichen Lebens inspirierten ihn zu einer Reihe von
Serien. Dazu gehören die Skulls von 1976, die Self-Portrait
Strangulations von 1978 (Kat. 22) und die Guns von 1982. Bei
letzteren handelt es sich um Siebdrucke, auf denen der Revolvertyp abgebildet
ist, den Valerie Solanas bei ihrem Attentat auf Warhol benutzt hatte.
Warhol trachtete danach, "sein Gesicht zeitlebens in ein Markenzeichen
mit globalem Wiedererkennungswert [zu] verwandeln", merkt Rosenblum an.
2002 erfüllte die amerikanische Post diesen Traum posthum, indem sie eines
seiner Selbstportraits von 1964 für eine 37-Cent-Briefmarke verwandte.
Seither reist Andy Warhol auf Millionen von Briefumschlägen um die Welt. So
gelang es dem United States Postal Service, die ultimative Warhol-Serie zu
kreieren: Eine, die sich jeder Sammler auch leisten kann.

Für jeden Sammler unabdinglich: Andy Warhol Catalogue Raisoné,
Vol. 1: Paintings and Sculpture, 1961-1963. Phaidon, 2002, 512 S. Hg. von
Georg Frei und Neil Printz. Bestellen bei Amazon.com
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Der Katalog: Andy Warhol Selbstportraits / Self-Portraits.
Katalog deutsch und englisch, Hatje Cantz, 2004, 154 S. Bestellen Sie das Buch
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Die Ausstellung: Andy Warhol Selbstportraits:
- Kunstverein St. Gallen Kunstmuseum: 12. Juni bis 12. September 2004.
- Sprengel Museum Hannover: 3. Oktober 2004 bis 16. Januar 2005.
- Scottish National Gallery of Modern Art, Edinburgh: 12. Februar bis 2. Mai
2005.
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