www.cosmopolis.ch
Nr. 59, Mai 2004
Deutsche Ausgabe  Archiv  Kunst  Film  Musik  Geschichte  Politik  Lebensart  Reisen
English edition  Archives  Art  Film  Music  History  Politics  Lifestyle  Travel

© Copyright 2004  www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved.

Andy Warhol - das Spätwerk
Artikel vom 23. Mai 2003
 
Andy Warhol (1928-1987) gilt als einer der Hauptvertreter der Pop Art. Ab 1960 schuf er Kunstwerke nach Komikvorlagen, 1962 gründete er die legendäre "Factory" als Kunstwerkstatt. In jenem Jahr entstanden seine ersten Serienbilder, mit denen er das Kunstwerk als Einzelstück in Frage stellte.

Andy Warhols Spätwerk wurde bislang vernachlässigt. Seinen letzten fünfzehn Lebensjahren widmet das Museum Kunst Palast Düsseldorf noch bis am 31. Mai 2004 die Ausstellung Andy Warhol. The Late Work. Sie umfasst über 100 Gemälde, Fotos, Zeichnungen, Videos und Filmstills. Ebenfalls in die Ausstellung und den dreibändigen Katalog eingebunden sind Bücher und Interviews des Künstlers. Vor allem die auf Gesprächen mit Pat Hackett beruhenden Diaries (Tagebücher) ermöglichen einen authentischen Einblick in Andy Warhols letzte Lebensjahre.

Jean-Hubert Martin, der Generaldirektor des Museums Kunst Palast in Düsseldorf, schreibt im Vorwort des Textbandes zu
Andy Warhol. The Late Work, dass sich Warhols Spätwerk sowohl formal als auch inhaltlich von der Factory-Ära der 1960er Jahre unterscheide. Dabei verweist Martin insbesondere auf Warhols Beitrag zur Zeitgeist-Ausstellung von 1982 im Gropius-Bau in Berlin. Der Amerikaner setzte dort unter anderem Bauten von Karl Friedrich Schinkel in einen direkten Vergleich zum Monumentalarchitektur von Albert Speer. In den Zeitgeist-Gemälden habe Andy Warhol bewusst das Berliner Stadtbild in seiner historischen Abfolge zitiert und so mit Nachdruck das Image des kommerziellen Künstlers entkräftet.

Unter den erstmals in einer Ausstellung präsentierten Werke von Andy Warhol sind neben zahlreichen Kontaktbögen die Washington Monument-Wallpaper zu nennen. Die Ausstellung Andy Warhol. The Late Work beginnt allerdings mit Werken aus der Serie der Mao-Gemälde aus dem Jahr 1972, die nach einer längere Malpause entstanden waren; 1968 war Warhol von Valerie Solanas angeschossen worden, wohl weil er deren Filmdrehbuch abgelehnt hatte. Warhol starb beinahe an den Verletzungen und war danach so traumatisiert, dass er die Factory radikal veränderte. Dazu gehörten eine neue Einrichtung der Factory im Art-Déco- und Emprirestil und ein neuer Look des Chefs und seiner Mitarbeiter, denn der Anzug ersetzte nun den Bohème-Look. Mark Francis, der Gründungsdirektor des Andy Warhol Museum in Pitsburgh, der die Ausstellung in Düsseldort mitgestaltet hat, führt auf diese Veränderungen den (laut ihm falschen) Eindruck zurück, Warhol und seine Mitarbeiter hätten sich nach dem Mordversuch von 1968 in eine konservative, ja reaktionäre Welt zurückgezogen. Die Ausstellung versucht (teilweise erfolgreich) darzulegen, dass der späte Warhol im Gegenteil innovativ war.

Warhol setzte sich nach dem Attentat künstlerisch vermehrt mit dem Tod auseinander. In der Ausstellung zeugen davon nicht nur die Skulls (Totenschädel) von 1976, sondern auch die Guns von 1982, Siebdrucke des Revolvertyps, den Valerie Solana bei ihrem Angriff auf Warhol benutzt hatte.

Jean-Hubert Martin sieht im Spätwerk keinen Abfall gegenüber dem Oeuvre aus den 1960er Jahren. In der Monumentalität der Mao-Werke von 1972-74 glaubt er eine radikale Hinwendung zur Malerei, deren Folie die Auseinandersetzung mit dem Abstrakten Expressionismus bilde, zu erkennen.. Warhol wählte gemäss Martin eine abstrakte Bildsprache, ohne jedoch den Anspruch zu erheben, mehr als die reine Oberfläche darzustellen.

In jenen späten Jahren entstand eine Reihe von nicht gegenständlichen Bildzyklen, die in er Ausstellung exemplarisch vertreten sind. So setzte Warhol in der 1978-Serie der Oxidation-Gemälde Urinspuren anstelle des Drippings ein und unterwanderte so laut Martin die Ästhetik des Schönen durch das skatalogische Material. Es war Warhols (ironischer oder despektierlicher?) Kommentar zu Jackson Pollocks Werken.

Danach folgten die Schattenbilder, ein weiterer Beitrag Andy Warhols zur abstrakten Kunst. In den Shadow-Bildern von 1978 begann er Fotografien von Schattenwürfen zu verwenden, wobei das Objekt als Ursache des Schattens als solches nicht mehr zu erkennen war. Allein der immaterielle Hell-Dunkel-Kontrast gab der leeren Fläche eine Form, so Martin. Die Shadow-Bilder wurden übrigens erstmals 1979 in der Lone Star Foundation (heute Dia Art Foundation) gezeigt und damals kritisch aufgenommen. Mark Francis geht in seinem kurzen Katalogbeitrag "Der späte Warhol" soweit, die Shadow-Bilder als viel bemerkenswerter als alles, was Gerhard Richter und Sigmar Polke (laut Francis die anderen grossen Maler jener Zeit) bis dahin erreicht hätten, zu beschreiben.

In den 1980er Jahren schliesslich erreichte Warhol mit wiederholten Fadenmustern und Tarnstoffen einen All-Over-Effekt. Bereits zuvor experimentierten Künstler wie Alain Jacquet mit diesem Thema, doch Warhol verwendete das Muster grossflächig, sodass die Farbflächen einen abstrakt-malerischen Impetus erlangten. Zusätzlich zum Siebdruck setzte Warhol nun wieder Pinsel und Farbe ein. In der Serie der Rorschach-Gemälde von 1984 experimentierte er mit abstrakten Farbverläufen. Als Bildvorlagen dienten ihm fortan ausschliesslich eigene Fotos. Seine Grossformate setzten sich aus kleinen Einzelmotiven zusammen. Martin schreibt in diesem Zusammenhang von einem geradezu kinematografischen Erleben, das sich so einstellte: Die horizontal aneinander gereihten Einzelbilder erweckten den Eindruck, man habe es mit Filmschlaufen zu tun, wobei sich Warhol allerdings nicht die Bilder, sondern der Betrachter vor dem Bild bewegten.

Die Ausstellungsmacher von Andy Warhol. The Late Work wollen den Künstler in seiner ganzen Bandbreite zeigen. Zurecht verweist Martin darauf, dass die erste Retrospektive nach Warhols Tod aus dem Jahr 1989 den Amerikaner auf seine rein malerische Dimension reduziert habe. Erst mit grösseren zeitlichen Abstand gewännen auch die anderen Aspekte seines Werks an Bedeutung.

Auch im nichtmalerischen Spätwerk von Andy Warhol erkennt Martin einen Paradigmenwechsel: In den Filmen, Interviews, dem Theaterstück Pork, Fotos und Fernsehauftritten begegne uns der Künstler als social observer. Die radikale Art, in der Warhol Sexualität und Erotik gezeigt habe, habe enormen Einfluss auf den gesellschaftlichen Umgang mit diesen Themen ausgeübt.

Warhol glaubte gegen Lebensende, dass der Film das Buch ablösen werde. Deshalb investierte er in seinem letzten Jahrzehnt viel Energie in dieses Mediums. Zum nichtmalerischen Werk gehören natürlich Diaries, Warhols tägliche Telefonate mit seinem Vertrauten Pat Hackett, die seine zwei letzten Lebensjahrzehnte dokumentieren.
 
Den Medienkult trieb Warhol ebenfalls weiter. 1969 hatte er die Zeitschrift Interview gegründet. 1982 gipfelte laut Martin der vom Künstler nicht nur in den Portraitserien sorgsam gepflegte Starkult in Andy Warhol's T.V., das ihm eine noch grössere Medienpräsenz sicherte.

Gemäss Mark Francis wusste Warhol in seinen Video-Programmen Kunst, Unterhaltung, Mode und Gesellschaftsklatsch miteinander zu verbinden, womit er seinen Beitrag zur Geschichte des Geschmacks leistete.

Die Ausstellung beschliessen jedoch Gemälde, nämlich die Last Supper-Bilder von 1986, in denen der Amerikaner Leonardo da Vincis Abendmahlszene zum Bildgegenstand erhob. Der Titel The Last Supper - The Big C spielt auf die Krankheit Krebs an, die in den USA auch unter dem Kürzel "Big C" bekannt ist. Diese Werke zeugen erneut von der andauernden Auseinadersetzung des Künstler mit dem Tod. Andy Warhol starb 1987, kurze Zeit nach der Fertigstellung dieses Bildzyklus, allerdings nicht an Krebs, sondern an den Folgen einer Gallenoperation.
 
Weitere Artikel zu Kunst: deutsch + English.
 

Andy Warhol. The Late Work
. Katalog in drei Bänden, Prestel Verlag. Bestellen bei Amazon.de oder citydisc Schweiz. Die spannendsten Werke im dreibändigen Katalog ist der Teilband mit den Fotos: Photographs/Films/Videos/Books/Interviews. Warhol war allerdings kein erstrangiger Fotograf, wie es Mark Francis mit dem Vergleich mit der Strassenphotographie (Street Photography) eines Gary Winogrand und anderer suggeriert. Am eindrücklichsten sind die Fotos aus der Maske zu den Self-portraits von 1981 (S. 110ff.). Die Selbstportraits haben den Schreibenden bereits bei der Ausstellung in Miami im Jahr 2000 nachhaltig beeindruckt. Sie sind eine der seltenen Fälle, in denen Andy Warhol (unfreiwillig oder bewusst) etwas von sich selbst preisgab.

Wer sich mit den Fotos, die Christopher Makos von Andy Warhol gemacht hat und von denen einige ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind, auseinander setzten möchte, kann im art'otel Berlin City Center West in Berlin übernachten. Dort hängen auf den Gängen eine Vielzahl seiner Fotos. Laut Victor Bockris (in seiner Biografie Warhol) gewann Christopher Makos ab 1979-80 für Andy Warhol von Bedeutung. Er dokumentierte als enger Freund dessen Leben bis zum überraschenden Tod der Pop-Art-Ikone 1987.


Dem Thema der Selbstportraits von Andy Warhol widmet sich demnächst die Ausstellung Andy Warhol: Self-portraits. Katalog Hatje Cantz, 2004. Bestellen bei Amazon.de. Ausstellung im Kunstmuseum St. Gallen vom 5.6.2004 bis 12.9.2004, Sprengel Museum Hannover vom 3.10.2004 bis 16.1.2005.
 

 

www.cosmopolis.ch
Nr. 59, Mai 2004
Deutsche Ausgabe  Archiv  Kunst  Film  Musik  Geschichte  Politik  Lebensart  Reisen
English edition  Archives  Art  Film  Music  History  Politics  Lifestyle  Travel

© Copyright 2004  www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved.