Deutsch Politik Geschichte Kunst Film Musik Lebensart Reisen
English Politics History Art Film Music Lifestyle Travel
Français Politique Histoire Arts Film Musique Artdevivre Voyages

Index  Advertise  Werbung  Links  Feedback
© Copyright www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved.

Ernst Ludwig Kirchner. Erstes Sehen.
Die Sammlung des Berliner Kupferstichkabinett
s.
Artikel vom 24. August 2004
 
Ernst Ludwig Kirchner. Erstes Sehen ist die Ausstellung der Sammlung des Berliner Kupferstichkabinetts, die von einer gleichnamigen, substantiellen Publikation begleitet wird.

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) ist als Mitglied der Künstlergemeinschaft Brücke und herausragender Vertreter des deutschen Expressionismus ein Künstler, auf den ein neuer Blick zu werfen schwierig ist. Dem Berliner Kupferstichkabinett gelingt dies dank seinen umfassenden Beständen. Präsentiert werden 110 graphische Blätter, 100 Skizzen, 32 grossformatige Zeichnungen und Aquarelle, 5 illustrierte Bücher, 4 Gemälde, 1 Skulptur sowie die Handpresse des Künstlers.

Ernst Ludwig Kirchner schuf insgesamt rund 2000 Holzschnitte, Radierungen und Lithographien. Dabei war ihm die eigenhändige Bearbeitung wichtig. Seit der Dresdener Zeit benutzte er für seine Drucke die erwähnte Handpresse. Umdrucklithographien und Grossauflagen waren für ihn unvorstellbar: "Meine Grafik darf man nicht mit jener Massengrafik verwechseln, die in 100 und mehr Exemplaren in Kunstanstalten abgezogen wird und unter die der Künstler nur seinen Namen setzt" (Brief an Gustav Schiefler vom 20. November 1924 in: E.L. Kirchner/Gustav Schiefler. Briefwechsel 1910-1935/38, bearbeitet von W. Henze in Verbindung mit A. Dube-Heynig und M. Kraemer-Noble, Stuttgart, Zürich, 1990, S. 310). Kirchner benutzte die Druckerpresse nicht nur in Dresden, sondern nahm sie nach Berlin sowie 1919 nach Davos mit, wo sie seither stand; für die Ausstellung kehrte sie erstmals wieder nach Berlin zurück.

In seinem reichen Künstlerleben füllte Ernst Ludwig Kirchner insgesamt 180 Skizzenbücher mit über 10,000 Skizzen. Höhepunkt der Ausstellung ist denn auch ein bislang unveröffentlichtes Skizzenalbum mit über 200 teilweise farbigen Blättern aus der Brücke-Periode, von denen rund die Hälfte ausgestellt sind.

Kirchners Skizzen entstanden in der "Ekstase des ersten Sehens", daher der Titel der Ausstellung, der wohlweislich auf die Ekstase verzichtet und sich auf das erste Sehen konzentriert. Mit "Ekstase" meinte Kirchner nämlich kein unkontrolliertes Treibenlassen der zeichnenden Hand, sondern ein Schaffen, zwar in seelischer Erregung, aber gleichzeitig in höchster Konzentration und durch "eisernen Willen". Es ging ihm darum, das Unbedeutende zu eliminieren, das Wesentliche dagegen expressiv zu steigern. Die Ergebnisse dieses Abstraktionsprozesses nannte Kirchner "Hieroglyphen", symbolhaft komprimiertes Leben, dem er durch die Zeichnung Dauer verlieh.
 
Die Bedeutung der Skizze für sein Schaffen beschrieb der Künstler 1920 unter dem Pseudonym Louis de Marsalle in Genius (2. Jg., 2. Buch, S. 221) gleich selbst: "Kirchners Zeichnungen sind vielleicht das Reinste, Schönste seiner Arbeit [...] ein Spiegel der Empfindungen eines Menschen unserer Zeit. Daneben enthalten sie die Formensprache seiner Graphik, seiner Bilder, denen der andere Teil seiner Arbeit gehört, in denen ein bewusster Wille schafft. Die lebendige Kraft dieses Willens aber kommt durch das Zeichnen."


 
Ernst Ludwig Kirchner legte Wert darauf, im Berliner Kupferstichkabinett repräsentativ vertreten zu sein und verkaufte bzw. stiftete ihm anonym ab 1919 mehrfach Werke. Heute befinden sich im Altbestand des Kupferstichkabinetts über 60 graphische Blätter, die zu Lebzeiten des Künstlers erworben wurden. Teilweise sind sie mit persönlichen Widmungen Kirchners an das Kabinett versehen. Dass diese Blätter die Aktionen der Nazis gegen "entartete Kunst" überlebten, verdanken sie dem mutigen Handeln des damaligen Kustos Willy Kurth und seinem Volontär Wolfgang Schöne. Sie tauschten in der Nacht vor dem Abtransport der beschlagnahmten, zumeist expressionistischen Werke bedeutende Teile davon gegen weniger wichtige Arbeiten in der nicht ungefährlichen Hoffnung aus, die Beschlagnahmekommission werde nur die Anzahl Blätter, nicht aber deren Inhalt kontrollieren. Anita Beloubek-Hammer bezeichnet diesen "Akt der Zivilcourage [als] im Bereich der deutschen Museen in der Zeit des Nationalsozialismus einmalig."

Der Aktion der Nazis fielen dennoch 18 von 33 Zeichnungen zum Opfer. Das oben erwähnte Skizzenbuch wurde übrigens erst 1986 unter dem Direktorat von Alexander Drückers erworben. Die in Kirchners Werk bedeutende autobiografische Serie von Holzschnitten Absalom, die den Nazis zum Opfer viel, wurde 1999 durch Ankauf eines anderen Exemplars der Holzschnittreihe ersetzt. Ein Desiderat des Berliner Kupferstichkabinetts bleibt allerdings der Ankauf eines herausragenden Aquarells der Berliner Zeit des Künstlers. Diese Arbeiten sind sehr gefragt, der Markt eng, die Preise hoch. Vielleicht findet sich ja noch ein Mäzen.

Eines der Forschungsergebnisse von Ernst Ludwig Kirchner. Erstes Sehen ist die Erkenntnis, dass das erwähnte Skizzenalbum kein wie bisher angenommen postum von fremder Hand kompiliertes Werk ist. Vielmehr stellte es Ernst Ludwig Kirchner aus früheren Skizzenbüchern zusammen, um so den ersten Band des von Gustav Schiefler 1923 erarbeiteten Verzeichnisses seiner Druckgrafik im Charakter seines Frühwerks illustrieren zu können. Womit auch die Datierung geklärt wäre.

Der heutige Kirchner-Bestand des Kupferstichkabinetts speist sich übrigens aus vier zeitweise eigenständigen Sammlungen: Dem Kupferstichkabinett und der Nationalgalerie vor 1945 sowie den entsprechenden vier Museen im geteilten Deutschland, die 1991 alle vereint wurden. So entstand eine öffentliche Kirchner-Sammlung, die hinter dem Frankfurter Städel, dem Brücke-Museum in Berlin und dem Kirchner Museum Davos an vierter Stelle steht.

Katalog
Anita Beloubek-Hammer: Ernst Ludwig Kirchner. Erstes Sehen. Prestel, 2004, 312 S. mit 423 Abbildungen, davon 275 in Farbe. Mit Beiträgen von Anita Beloubek-Hammer, Günther Gercken, Roland Scotti, Anke Daemgen und Hanna Strzoda. Es ist ein Lese- und Bilderbuch, das sowohl dem interessierten Laien wie dem Wissenschafter Nahrung bietet. Der nebenstehende Artikel beruht auf dem Katalog. Buch bestellen bei Amazon.de. Weitere Bücher zu Ernst Ludwig Kirchner bei Amazon.de.

Ausstellung
- Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, Kulturforum Potsdamer Platz (im gleichen Gebäudekomplex wie die Neue Nationalgalerie): 30. April bis 29. August 2004.
- ALTANA Kulturforum Sinclair-Haus, Bad Homburg: 8. Februar bis 24. April 2005.
- Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster: Frühjahr 2006.




Anita Beloubek-Hammer: Ernst Ludwig Kirchner. Erstes Sehen. Prestel, 2004, 312 S. mit 423 Abbildungen, davon 275 in Farbe. Mit Beiträgen von Anita Beloubek-Hammer, Günther Gercken, Roland Scotti, Anke Daemgen und Hanna Strzoda. Es ist ein Lese- und Bilderbuch, das sowohl dem interessierten Laien wie dem Wissenschafter Nahrung bietet. Der nebenstehende Artikel beruht auf dem Katalog. Buch bestellen bei Amazon.de. Weitere Bücher zu Ernst Ludwig Kirchner bei Amazon.de.

Zwei Kurzkritiken am 3. August 2008 von Cosmopolis Nr. 17 vom August 2000 hierher verschoben:
Buchkritik: Kirchner und das innere Bild
Ernst Ludwig Kirchner gehört zu den herausragenden deutschen Persönlichkeiten der Moderne, was schon Will Grohmann 1926 in seiner ersten Monographie des Malers festhielt, in der er die hohe Vollendungs seines Werkes anerkannte. Kirchner war nicht nur Künstler, ein Mann der Praxis, sondern er reflektierte in seinen Schriften über das eigene Schaffen. Die heutige Wertschätzung gilt jedoch vor allem seinen Dresdner Jahren, den Berliner Strassenszenen und den Fehmarnbildern, die alle vor dem Ersten Weltkrieg entstanden. Die Würdigung von Kirchners Spätwerk begann mit einem Aufsatz von Max Huggler, der im Städel-Jahrbuch 1973 veröffentlicht wurde. Die darin vertretenen Thesen nahm Lucius Griesebach 1979 in seinen Essay Ernst Ludwig Kirchner als stilbewussten Künstler auf, wobei er sie hinterfragte und ergänzte. Der vorliegende Band, Farben sind die Freude des Lebens. Ernst Ludwig Kichner. Das innere Bild, der die Ausstellungen in Davos und Essen (1999 und 2000) begleitete, versucht, Kirchners charakteristisches Spätwerk von 1926 bis zu seinem Freitod im Jahr 1938 auszuleuchten. Das noch junge Kirchner Museum in Davos mit seiner reichhaltigen, die Jahre 1918 bis 1938 abdeckenden Sammlung und seinem Archiv bemühte sich um die Aufarbeitung der Schweizer Jahre. Das 1927 fertiggestellte Museum Folkwang in Essen, für dessen grossen Festsaal Kirchner die Wandbilder schuf, war nicht zuletzt der Anlass für die Stilwende des Künstlers, der ab 1927 bis um 1933 fast jedes entsehende Werk als Entwurf für das Essener Projekt betrachtete. Neben anderen Bildern besitzt das Museum Folkwang fast vollständig die Zeichnungen, Aquarelle sowie ein Gemälde, die aus dem Umfeld der Entwürfe für das geplante Wandbild im Festsaal. Ausgehend von in Davos und Essen vorhandenen Beständen, die durch private und öffentliche Leihgaben ergänzt wurden, konnte die Entwicklungsgeschichte der Kunst Kirchners erarbeitet und anschaulich gemacht werden. Der Künstler verstand es, abstrakte Formen mit der traditionellen Lesbarkeit der Inhalte zu versöhnen. Der vorliegende Band ist lobenswert, kann allerdings die Einschätzung nicht umstossen, dass die vor dem Ersten Weltkrieg entstandenen Werke eindeutig Kirchners künstlerischen Höhepunkt darstellen. - Mario-Andreas von Lüttichau, Roland Scotti: 'Farben sind die Freude des Lebens'. Ernst Ludwig Kirchner. Das innere Bild. Gebundene Ausgabe, DuMont, Köln, 1999, 203 S. Hinzugefügt am 18.2.2002: siehe auch Magdalena M. Moeller: Ernst Ludwig Kirchner. Gemälde, Zeichnung, Druckgraphik. Dumont, 2001. Bestellen bei Amazon.de.

Die Brücke - Ausstellung im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen am Rhein noch bis am 24. September 2000
Meisterwerke der Künstlervereinigung Die Brücke, aus dem gleichnamigen Berliner Museum, sind zur Zeit im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen am Rhein zu sehen. Die Ausstellung konzentriert sich auf die eigentliche Zeit des "Brücke"-Expressionismus der Jahre 1905 bis 1914/15. Die älteste deutsche Künstlergruppe der Moderne hatte einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts. Die 178 Ölgemälde, Aquarelle, Pastelle, Handzeichnungen, Holzschnitte und Lithografien von Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Fritz Bleyl, Max Pechstein, Emil Nolde, Cuno Amiet und Otto Müller sind einen Gang nach Ludwigshafen wert, vor allem, wenn man das Brücke-Museum in Berlin noch nicht gesehen hat. Den Höhepunkt bildet Kirchner. Sein Pastell Strassenszene (1913/14) und sein Aquarell Badende mit Hut (1913), seine Ölgemälde Berliner Strassenszene (1913) und Im Cafégarten (1914), seine Rohrfederzeichnung Kornpuppen (1907), seine Bleistiftzeichnung mit farbiger Kreide Nach dem Bade (1914) wie auch alle seiner weiteren Zeichnungen sowie die Lithographien Dame im Regen (1914) und Musikrestaurant (1914) zeugen nicht nur vom grosstädtischen und mondänen Flair des Berlin jener Jahre, sondern mit jedem Strich auch von der Kunst eines Meisters. Kirchner alleine ist schon ein zwingender Grund, ins Wilhelm-Hack-Museum zu gehen. Die Ausstellung bietet neben den erwähnten Ölgemälden von Kirchner keine weiteren von herausragender Qualität, aber die andern Künstler bestechen in vielen "kleineren" Werkformen, die durch sensible, fragile, intime und stille Arbeiten mit Charme und Qualität repräsentiert werden. - Katalog (im Museum erhältlich): Magdalena M. Moeller: Die "Brücke", Hirmer, Bonn, 2000, 275 S.

Deutsch Politik Geschichte Kunst Film Musik Lebensart Reisen
English Politics History Art Film Music Lifestyle Travel
Français Politique Histoire Arts Film Musique Artdevivre Voyages

Index  Advertise  Werbung  Links  Feedback
© Copyright www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved.