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George David Thompson und Paul Klee
Artikel vom 20. Februar 2013

Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen besitzt 101 Werke von Paul Klee. Das letzte kam erst vor kurzer Zeit in die Sammlung, als der Katalog zur aktuellen Ausstellung 100 x Paul Klee in Drucklegung war. Sonja von Ostau verfügte testamentarisch, dass das Klee-Werk in seiner Brust von 1937 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen als Schenkung zukommt.

Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ist noch relativ jung. Sie wurde 1961 gegründet. Der Anlass für die Gründung eines Museums für Gegenwartskunst war der Ankauf von 88 Werken von Paul Klee aus Privatsammlungen im Jahr 1960.

Paul Klee war 1933 von den Nazis aus Düsseldorf und Deutschland vertrieben worden. Er kehrte in sein Geburtsland, die Schweiz, zurück, wo er 1940 verstarb. Eine Klee-Sammlung in Düsseldorf aufzubauen bedeutete 20 Jahre nach dem Tod des Künstlers einen späten Akt der Wiedergutmachung. 102 Klee-Werke wurden 1938 von den Nazis als „Entartete Kunst“ gebrandmarkt, aus deutschen Museen konfisziert und vielfach ins Ausland verkauft.

87 der heute 101 Klee-Werke im Besitz der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen stammen von
George David Thompson (1899-1965), einem Stahlmagnaten und Kunstsammler aus Pittsburgh, Pennsylvania. Er verstarb laut der Pittsburgh Gazette am 26. Juni 1965 und ist nicht zu verwechseln mit seinem Sohn, George David Thompson Jr., der 1958 bei einem Autounfall starb.

George David Thompson hatte ein Ingenieurstudium am Pittsburgher Carnegie Institute of Technology begonnen, jedoch abgebrochen, um eine Transportfirma zu gründen. Danach war er für eine New Yorker Investmentfirma tätig, um später wieder in seine Heimatstadt zurückzukehren, wo er seine Investitionsfähigkeiten erproben wollte. Während der Weltwirtschaftskrise investierte er in den 1930er Jahren in finanziell angeschlagene Stahlwerke, um sie erfolgreich zu sanieren und danach mit Gewinn weiter zu verkaufen. 1945 leitete er vier Unternehmen der Stahlbranche und verdiente so ein Vermögen. Der herausragende Verhandlungspartner galt als exzentrisch und impulsiv. Gleichzeitig war er grosszügig zu Angestellten, Dienstboten und Institutionen wie dem Museum of Modern Art in New York, zu dessen Förderern er als Trustee gehörte, dem Fogg Art Museum und dem Carnegie Museum of Art in Pittsburgh.

Der Industrielle sammelte jedoch nicht nur Werke von Paul Klee, sondern besass zudem viele Arbeiten von Paul Cézanne, Fernand Léger, Kurt Schwitters, Henri Matisse, Joan Miró und Pablo Picasso. Daneben sammelte er Werke von Zeitgenossen wie Jean Dubuffet, Franz Kline, Robert Motherwell, Jackson Pollock und Wols. Zudem besass er eine Reihe impressionistischer Werke, Skulpturen von Rodin und Arbeiten von Vincent Van Gogh. Insgesamt besass George David Thompson eine Sammlung von 700 Gemälden und Skulpturen, so auch von Alberto Giacometti, einem weiteren Sammlungsschwerpunkt.

George David Thompson war nicht einfach nur ein impulsiver Sammler, wie ein Blick auf die oben erwähnten Künstler bezeugt. Der Kunsthistoriker und erste Direktor des New Yorker Museum of Modern Art, Alfred Hamilton Barr Jr., stand ihm als Freund und Ratgeber zur Seite, so 1928, als der Industrielle sein erstes Werk von Paul Klee erwarb. Alfred Barr organisierte 1930 die erste Museumsausstellung mit 63 Werken von Paul Klee im Museum of Modern Art in New York.

Alfred Barr beschrieb seinen Freund George David Thompson als kompetenten Sammler. Er sei ein Jäger gewesen, der nicht Tiere jagte, sondern seine Jagdleidenschaft bei der Suche nach Bildern, Zeichnungen und Skulpturen auslebte. Die Meinung seiner Zeitgenossen war ihm egal. Er erwarb Meisterwerke von oft noch lebenden Künstlern, als diese vielfach noch nicht zum Kunstkanon gehörten. Selbst der Schweizer Galerist Ernst Beyeler war von der Sammlung von George David Thompson und ihrer Anordnung bei seinem Besuch in Pittsburgh beeindruckt. Er soll darob sogar vergessen haben, den Ausgleich einer offenen Rechnung zu fordern.

George David Thompson sammelte nicht nur Werke von Zeitgenossen, er stand auch in Kontakt mit vielen von ihnen. Daneben vergab er Aufträge an Künstler wie David Smith, den er bat, eine Skulptur für seinen Garten zu entwerfen. Der Industrielle begegnete vielen Künstlern persönlich, darunter Alberto Giacometti und Henry Moore.

Der Bestand von über 60 Werken von Alberto Giacometti des Industriellen aus Pittsburgh bildete den Nukleus der Schweizer Alberto Giacometti-Stiffung, die 87 Klee-Werke wie erwähnt den Beginn der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Dennoch steht George David Thompson völlig zu Unrecht im Schatten anderer amerikanischer Sammlerpersönlichkeiten.

Der Stahlmagnet limitierte seine Kunstleidenschaft nicht nur auf die erwähnten Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen, sondern sammelte zudem antike Möbel, Glas, orientalisches Porzellan, islamische Kunst und mehr. Der eklektische Mann aus Pittsburgh gehörte in mehrfacher Hinsicht zur Avantgarde unter den Sammlern.

Ende der 1920er Jahre begann sich der Industrielle für Paul Klee zu interessieren, wobei er die Klee-Sammlung im Wesentlichen nach dem Zweiten Weltkrieg und in den 1950er Jahren zusammentrug. Er begeisterte sich für die Malweise des Künstlers und die Texturen seiner Werke, so beim Bild Irrung auf Grün von 1930: That furtive tear - isn't it perfect? And the texture of the background is something you want to put your finger on, like a piece of velvet.“

Laut Anette Kruszynski, ihr Urteil basierend auf dem Gesamtverzeichnis der Werke von Paul Klee, gingen runden 200 Arbeiten des Künstlers durch die Hände von George David Thompson, der immer wieder Werke ankaufte und verkaufte. Nach Aussage von Albert Barr waren mindestens drei Räume des Industriellen komplett mit Werken von Paul Klee ausgestattet.

Zu den von George David Thompson bevorzugten Klee-Händlern gehörten laut Anette Kruszynski die Galeristen Karl Nierendorf, Curt Valentin sowie Eleonore B. und Daniel Saidenberg in New York. 69 der 87 Klee-Werke, die sich heute in Düsseldorf befinden, erwarb der Industrielle aus dem amerikanischen Kunsthandel. In der Alten Welt erwarb er 17 Arbeiten, so bei Heinz Berggruen in Paris.

Der Schwerpunkt der Industriellensammlung lag auf dem farbigen Spätwerk von Paul Klee. George David Thompson besass hingegen keine druckgrafischen Arbeiten des Künstlers. Werke zur Tunisreise interessierten den Sammler eben so wenig wie geometrische Kompositionen aus der Bauhaus-Tätigkeit in Weimar und Dessau. Das Spätwerk Klees stand in den 1950er Jahren bei Sammlern nicht hoch im Kurs. Anette Kruszynski vermutet deshalb, dass dies der Grund war, weshalb sich der geschäftstüchtige Stahlmagnat sich für diese Werke besonders erwärmte. Wertsteigerungen liessen sich - zurecht - erhoffen.

Ende der 1950er Jahre entschloss sich George David Thompson, bedeutende Teile seiner Sammlung der Klassischen Moderne und der zeitgenössischen Kunst zu verkaufen. Die Gründe dafür sind unklar. Oft trennte er sich von Werken, mit denen er sich lange beschäftigt hatte, um Raum für neue Kunst zu schaffen. 1959 hatte der Industrielle der Stadt Pittsburgh vergeblich die Übernahme seiner Sammlung angeboten, im Gegenzug für die Schaffung eines Museums, das seinen Namen tragen sollte. George David Thompson war wohl so enttäuscht von der Absage der Stadt, dass er sich von der Sammlung radikal trennen wollte. Anders als Albert Coombs Barnes
entschied sich der Pittsburgher gegen die Schaffung eines Museums aus eigenen Mitteln.

George David Thompson nahm Kontakt mit Ernst Beyeler auf. Den Kunsthändler kannte von einem Besuch in dessen Basler Galerie her. Der Sammler bot dem Händler die Kunstwerke zum halben Preis der angegebenen Summe an, was Ernst Beyeler ablehnte. Der Industrielle ging wütend weg. Doch bei einem zweiten Kontakt konnten sich die zwei geschäftstüchtigen Kunstfreunde auf einen Kaufpreis einigen. Insgesamt übernahm Ernst Beyeler in den Jahren 1958 bis 1960 über 130 Klee-Werke von George David Thompson. Das grösste Geschäft wurde 1960 abgeschlossen und betraf rund 100 Arbeiten, von denen heute 87 in Düsseldorf zu bestaunen sind. Die Verhandlungen gestalteten sich schwierig, weil der Industrielle vom Kunsthändler im Gegenzug das
Kandinsky-Werk Improvisation 10 von 1910 erwerben wollte. Der Galerist widerstand. Die Arbeit ist heute in seiner Fondation Beyeler in Riehen bei Basel zu bestaunen.

Ernst Beyeler stand dem Stahlmagnaten punkto Geschäftstüchtigkeit in nichts nach. Er verkaufte 87 der rund 100 Klee-Werke noch 1960 weiter an das Land Nordrhein-Westfalen, das im Juli 1960 die Arbeiten als Grundstock des zukünftigen Museums für zeitgenössische Kunst in Düsseldorf der Öffentlichkeit vorstellte. Die Kaufsumme betrug DM 6,5 Millionen. Aus heutiger Sicht ein Schnäppchen. Doch damals konnte man die rasante Preisentwicklung für Klees nicht vorhersehen. Beyeler verkaufte übrigens damals insgesamt 88 Klee-Arbeiten ans Land Nordrhein-Westfalen, wobei das Werk Rosen strauch von 1938 von der Klee-Gesellschaft stammte.

D
er lesenswerte Katalog von Anette Kruszynski, 100 x Paul Klee. Geschichte der Bilder, auf dem dieser Artikel weitgehend beruht, bietet keine ausführlichen Analysen und Bilddeutungen der Werke in Düsseldorf, sondern befasst sich mit den Sammlern, Händlern und Besitzern der Arbeiten sowie mit dem Material und der Technik von Paul Klee. Ein Blick auf die Rezeptionsgeschichte sowie ein Abriss der Biografie von Paul Klee runden den Band ab.

Anette Kruszynski: 100 x Paul Klee. Geschichte der Bilder. Nicolai Verlag Berlin, September 2012, 192 Seiten. Bestellen Sie den Katalog zur Ausstellung und Klee-Sammlung der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf bei Amazon.de. Die Klee-Ausstellung im K21 in Düsseldorf ist noch bis am 21. April 2013 zu sehen. - Bücher zu Paul Klee bei Amazon.de.


100 x Paul Klee. Geschichte der Bilder.
Von Anette Kruszynski. Nicolai Verlag Berlin, September 2012, 192 Seiten. Bestellen Sie den Katalog zur Ausstellung und Klee-Sammlung der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf bei Amazon.de. Die Klee-Ausstellung im K21 in Düsseldorf wurde übrigens bis am 21. April 2013 verlängert.

Siehe zu Paul Klee auch die Artikel
Klee - Die Sammlung Bürgi, Klee - die Sammlung Djerassi, Paul Klee, August Macke und ihre Malerfreunde im Kunstmuseum Bern. Eine herausragende Klee-Sammlung besitzt zudem die Sammlung Rosengart in Luzern. Das Buch zur Sammlungseröffnung, 2002 von Angela Rosengart herausgegeben im Prestel Verlag: Sammlung Rosengart (mit dem Spätwerk von Picasso als zweitem Schwerpunkt der Sammlung). Seit 2012 neu dazu von Angela Rosengart und Martina Kral die Geschichte der Bilder in Am Anfang war das X-chen (das X-chen ist ein Klee). - Weitere Bücher zu Paul Klee bei Amazon.de.





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