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Henri
Cartier-Bresson 1908 - 2004
Artikel vom 23. August 2004
Vor 96 Jahren, am 22. August 1908,
wurde der französische Fotograf Henri
Cartier-Bresson in Chanteloup (Seine-et-Marne) geboren.
Er gehörte zu den
herausragenden Meistern seines Fachs. Für ihn hatte die Form Vorrang, das
Licht rundete das Foto nur ab. Am meisten interessierten in Portraits.
Berühmt wurde sein Credo vom instant décisif. Der Fotograf kann
nichts erzwingen, sondern nur immer bereit sein für den entscheidenden
Augenblick. Auch wenn er darauf bestand, dass man diesen Beruf nicht lernen
könne, so half ihm sicher das Studium der Malerei bei seinem untrüglichen
Gespür für die richtige Komposition, die er in Sekundenbruchteilen erfasste.
In hohem Alter fotografierte er nicht mehr, sondern zeichnete lieber, da er
mit dem kleinen Apparat ohnehin bereits alles gesagt hatte: Il
faut arrêter quand on a dit la chose. Doch bevor er an diesem Punkt
angekommen war, hatte er einige der bestbekannten Fotografien des 20.
Jahrhunderts geschaffen.
Biografie von Henri Cartier-Bresson
Gezeugt in Palermo auf Sizilien, geboren in Chanteloup, Seine-et-Marne, wuchs der Sohn
einer begüterten und kunstsinnigen Textilindustriellenfamilie in Paris
auf, wo er das Lycée Condorcet besuchte, ohne allerdings mit einem Diplom
abzuschliessen.
1922-23 interessierte er sich für
die Surrealisten und studierte bei Cotenet sowie 1927-28 bei André Lhote
Malerei. Nach den Lehrjahren in Paris zog es ihn an die University of
Cambridge, wo er sich dem Studium der Malerei und Philosophie widmete.
Zur Fotografie kam Henri Cartier-Bresson erst 1931, als er bei einer Reise
durch die Elfenbeinküste seine ersten Bilder schoss. Er war aus Liebeskummer
nach Afrika gegangen, um zu jagen. Eine schwere Krankheit liess in mehrere
Tage ins Koma fallen. Sein afrikanischer Begleiter pflegte ihn mit Kräutern
wieder gesund.
Zurück in Europa arbeitete er als freischaffender Fotograf.
1932 wurden erstmals einige seiner Arbeiten von André Vogel in Vu
publiziert, kurz darauf andere von Charles Peignot in Arts et Métiers
Graphiques. 1933 darauf widmete ihm der Galerist Julien Levy
in New York die erste Einzelausstellung, die danach im Club Ateneo in Madrid
zu sehen war.
1933 nahm Henri Cartier-Bresson an einer ethnographischen Expedition durch Mexiko
teil, wo er 1935 bei Manuel Alvarez Bravo im Palacio de Bellas Artes de Mexico
ausstellte.
Doch er legte sich nicht auf die Fotografie fest. 1935
erwarb er sich in den USA bei Paul Strand Kenntnisse im Medium Film, die er
danach als Kameraassistent bei Jean Renoir
vertiefte.
Mit Jean Renoir arbeitete er 1936 an Une partie de campagne sowie 1939,
zusammen mit Jacques Becker und André Zvoboda, an La règle du jeu.
Dazwischen drehte er 1937 Dokumentarfilme für das republikanische Spanien.
Louis Aragon führte ihn beim Magazin Regards ein, für das er
mehrere Fotoreportagen realisierte, unter anderem zur Krönung von König
Georg VI.
1940 geriet Henri Cartier-Bresson in deutsche Kriegsgefangenschaft. Nach zwei
Fehlversuchen gelang ihm drei Jahre später die Flucht. Er schloss sich der französischen
Untergrundgruppe MNPGD an, die sich um Gefangene und Flüchtige kümmerte.
Für das Verlagshaus Braun realisierte er 1943 Portraits von Künstlern und
Schriftstellern, darunter Picasso, Braque, Bonnard, Claudel und Rouault.
1944-45 schloss er sich einer Gruppe von Fotografen an, die die Befreiung von
Paris dokumentierte. Daneben realisierte er die Dokumentation Le Retour
über die Heimkehr von Kriegsgefangenen und Deportierten.
Danach verbrachte er über ein Jahr in den USA. Er komplettierte eine
"posthume" Retrospektive im MoMA, wo man ihn als im Krieg verschollen
betrachtet hatte, und reiste mit dem Dichter, Biografen und späteren
Literaturprofessor John Malcolm Brinnin quer durch die Vereinigten Staaten.
Mit Robert Capa, George Rodger, William Vandivert und David "Chim"
Seymour gehörte Henri Cartier-Bresson 1947 zu den Gründern der legendären
Fotoagentur Magnum.
Von 1948 bis 1950 bereiste Henri Cartier-Bresson den Orient. In Delhi
begleitete er 1948 Gandhi in den Tagen vor seiner Ermordung. Er dokumentierte
auch dessen letzte Stunden auf dem Sterbebett, Nehrus Bekanntgabe von Gandhis Tod
an den Toren zum Birla House sowie den Trauerzug (siehe dazu Henri Cartier-Bresson in India. Thames &
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Der Fotograf befand sich in China in den letzten sechs Monaten der
Herrschaft der Kuomintang über das Festland sowie den ersten sechs Monaten der
kommunistischen Republik. Dabei schoss er Fotos vom "Langen Marsch"
Maos und seiner Armee. Indonesien bereiste er im Moment, als der Staat nach
vierjährigem Krieg gegen die Holländer gerade seine Unabhängigkeit erlangt
hatte.
1952 erschien sein Buch mit dem für ihn programmatischen Titel Images à la
sauvette (deutsch: Der entscheidende Augenblick). Sein Ziel blieb
es stets, "einen Sekundenbruchteil von Wirklichkeit festzuhalten",
nicht mehr und nicht weniger. Die 1925 in Produktion gehende Leica war ihm
dabei das ideale Instrument. Zudem war er oft zur richtigen Zeit am richtigen
Ort, wie die obigen Ausführungen zu seinen Asienreisen bezeugen.
1954 publizierte Henri Cartier-Bresson bei Robert Delpire sein Buch Danses
à Bali mit Texten von Antonin Arthaud. Die erste Frau des Fotografen,
Ratna Mohini, die er 1937 ehelichte und von der er sich rund drei Jahrzehnte
später scheiden liess, war übrigens eine Tänzerin und Dichterin aus Java,
durch deren Beziehungen er Gandhi treffen konnte.
1954 war Henri Cartier-Bresson der erste westliche Fotograf, der nach Stalins
Tod die Sowjetunion bereisen durfte. Wie schon bei seinen Reisen durch China
half ihm dabei seine Mitarbeit an kommunistischen Blättern in den 1930er
Jahren.
1955 wurde sein Werk erstmals in Frankreich im Louvre ausgestellt. Die
Wanderausstellung reiste danach rund um den Globus.
Unter den vielen Portraits von Henri Cartier-Bresson, die den Weg ins kollektive Gedächtnis gefunden
haben, finden sich Namenlose ebenso wie Berühmte. Wer kennt nicht das Foto
von 1958 mit dem kleinen Jungen in der Pariser Rue Mouffetard, der
voller Stolz zwei Weinflaschen wie Trophäen nach Hause trägt. Ein Portrait
von 1961 zeigt Alberto Giacometti im Moment, in dem er wie eine neben ihm
stehende grossformatige Figur eines Schreitenden mit dem Oberkörper nach
vorne geneigt durchs Atelier geht, eine kleinere Skulptur in den Händen
tragend.
In den folgenden Jahrzehnten bereiste der Fotograf weiterhin die Welt. So war
er unter anderem 1958-59 in Indien, 1963 in Mexiko und auf Kuba, 1965 in
Japan, 1966 in Indien, 1972 in der Sowjetunion und 1980 erneut in Indien.
1966 löste er sich von der Fotoagentur Magnum, die jedoch die Rechte an
seinen Werken weiterhin wahrnahm.
1974 legte HCB, wie er auf seine Anfangsbuchstaben reduziert bekannt war, die
Kamera definitiv bei Seite, um zu seiner alten Liebe, der Malerei und
insbesondere der Zeichnung, zurückzukehren.
1970 heiratete Henri Cartier-Bresson die Fotografin Marine Franck. Zusammen
mit ihr und der gemeinsamen Tochter, Mélanie, gründete er 2003 die Fondation
Henri Cartier-Bresson in Paris. Die Stiftung widmet sich vor allem jungen bzw.
weniger bekannten Fotografen, denen der Altmeister so eine Chance gibt.
Im Juni 2004, als der Schreibende in der Fondation
Henri Cartier-Bresson vorbeischaute, konnte der
Fotograf bereits keine Besucher mehr empfangen. Er verstarb am 3. August 2004 in Luberon
( Céreste, Alpes-de-Haute-Provence) und wurde seinem Wunsch entsprechend
unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf dem Friedhof von Monjustin beigesetzt.
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Das Gebäude der Pariser Stiftung HCB.
Foto © Fondation Henri Cartier-Bresson.
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