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Die Wakkerpreise
Artikel vom 1. November 2011

Schweizer Heimatschutz, 40 Wakkerpreise 1972 – 2011, 187 Seiten, durchgehend farbig, Schweizer Heimatschutz, Zürich 2011.
Buchrezension von Heinrich Speich

1972 starb 97jährig der Genfer Bankdirektor (-1911), Liegenschafts- und Vermögensverwalter (-1955) Henri-Louis Wakker. Er vermachte dem Schweizer Heimatschutz eine hohe Summe - ohne Auflagen zu machen. Noch im gleichen Jahr wurde der Wakker-Preis ins Leben gerufen. Die Preisträger sind Schweizer Gemeinden und Städte, die im Bereich Ortsbildschutz, Städtebau und Raumplanung Vorbildliches geleistet haben.

Mit der Jubiläums-Publikation „40 Wakkerpreise" legt der Schweizer Heimatschutz Rechenschaft ab über vierzig Jahre der Vergabe des Wakkerpreises. Neben einer kurzen Einführung stehen die Preisträger-Orte im Zentrum. Die einzelnen Orte erhalten ein Kurzportrait mit einer Würdigung und ein paar Einzelbauten als Beispiele gelungener Erhaltung, Nutzung oder Umnutzung.

Die Vergabepraxis kann in vier Phasen eingeteilt werden, welche die Erhaltungsdogmen der jeweiligen Zeit widerspiegeln. So wurden die Preise 1972 bis 1982 „gegen den Verlust der gebauten Identität" vergeben – natürlich als aktuelle Periodisierung. In den 60er und 70er Jahren kämpfte der Schweizer Heimatschutz gegen die flächendeckende Zerstörung historischer Bausubstanz im Namen von Verkehr und Moderne. Stein am Rhein (Kanton Schaffhausen wurde als erste Stadt 1972 für ihre Bemühungen ausgezeichnet, das mittelalterliche Stadtzentrum seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert vorbildlich geschützt zu haben. Dazu hatten insbesondere private Initiativen beigetragen. Die Stadt unterstützte die Bemühungen mit denkmalpflegerisch-progressiven Bauordnungen und der Gründung einer Altstadt-Stiftung 1966, die Renovationsvorhaben finanziell unterstützt. Die weiteren Preisträger waren 1973-1982: Saint-Prex (VD), Wiedlisbach (BE), Guarda (GR), Grüningen (ZH), Gais (AR), Dardagny (GE), Ernen (VS), Solothurn (SO), Elm (GL), Avegno (TI).

Die Publikation fasst in jeweils einem Satz plakativ die Preisbegründungen zusammen. Eine Querlektüre dieser Begründungen belegt den Paradigmenwechsel in Baudenkmalpflege und Heimatschutz über die letzten vierzig Jahre: Vom Erhalt historischer Ortsbilder hin zur Weiterentwicklung von Lebensraum.

Die zweite Phase von 1983 bis 1988 wird mit dem „Erweiterten Blick für das Ganze" überschrieben. Es wurden Orte ausgezeichnet, die nicht mehr nur über einen objektiv schützenswerten Ortskern verfügten, sondern darüber hinaus zu denken gezwungen waren. Muttenz 1983 erhielt den Preis als erste Agglomerationsgemeinde. Die Gestaltung von Strassen und öffentlichem Raum rückte ins Zentrum der Betrachtung. Mit Diemtigen erhielt 1986 eine Gemeinde den Preis, die erkannt hatte, dass gerade Streusiedlungen ortsplanerische Vorgaben benötigen. So wurden ausserhalb der Ortskerne sehr sparsam neue Flächen eingezont und das gesamte Streusiedlungsgebiet der Landwirtschaftszone zugeordnet. Die weiteren Preisträger waren Will SG (1984), Laufenburg (AG), Bischofszell (TG) und Porrentruy (JU).

Von 1989 bis 2000 standen „Grossstädte und Architektendörfer" im Fokus des Preiskomitees. Als erste grössere Stadt erhielt Winterthur den Preis, und zwar nicht für die Altstadt, sondern für den Umgang mit der Bausubstanz des 19. Jahrhunderts: Arbeitersiedlungen, Industrieareale und öffentliche Gebäude. 1994 und 1997 erhielten mit La Chaux-de-Fonds und Bern zwei Städte den Preis, die heute für ihre Baukultur im UNESCO-Welterbe eingeschrieben sind. 1993 ging der Preis an Monte Carasso. Das Dorf bei Bellinzona setzt bis heute konsequent auf hochwertige Neubauten.

Die Jahre seit 2001 standen unter dem Motto „Mit Planung zu mehr Lebensqualität" und es wurden Dörfer und Städte ausgezeichnet, die mit innovativen Massnahmen ihr gewachsenes Ortsbild mit neuen Ansätzen attraktiv zu gestalten wussten. Dazu gehörten Uster ZH (2001), Turgi (AG), Sursee (LU), Bienne/Biel (BE), Delémont (JU) 2006, Altdorf (UR), Grenchen (SO), Yverdon-les-Bains (VD), Fläsch (GR) und zuletzt 2011 die Gemeinden Ouest lausannois (VD)2011.

Eine Ausnahme unter den Wakkerpreisträgern sind die SBB, die 2005 als einzige Institution für ihre Leistungen um die „Pflege der Baukultur als Teil der Firmenkultur" geehrt wurden. Seit 2001 unterhält das Unternehmen eine eigene Fachstelle für Denkmalschutzfragen, die Um- und Neubauten der umfangreichen Bahninfrastruktur der Schweiz begleitet. Daneben gründeten die SBB die Stiftung SBB Historic, die sich um das rollende Erbe der Staatsbahn kümmert, Ausfahrten mit dem historischen Rollmaterial organisiert und in Bern ein eigenes Archiv unterhält.

Neben der kurzen Begründung der Jury zur jeweiligen Vergabe sind die Ortsportraits mit einer kurzen Liste der Sehenswürdigkeiten ergänzt, die oft im Zusammenhang mit der Vergabe stehen. Das Buch kann so auch als praktischer Reiseführer in die jüngere Schweizer Denkmalpflegelandschaft benützt werden.

40 Wakkerpreise und kein bisschen Müde Buchvernissage einmal anders
Artikel von Klara Hübner

Anlässlich der Buchvernissage zur Verleihung des 40-sten Wakkerpreises liess sich der Schweizerische Heimaltschutz etwas Besonderes einfallen: Eine rollende Tagung. Das Vehikel, welches rund 140 Gäste zu ausgesuchten Beispielen historischer Ortsbildpflege brachte ist selbst Preisträger. 2005 ging der Wakker-Preis an die SBB-Historic, welche sich dem Erhalt und der Pflege historischen Rollmaterials widmet. Die Zugskomposition bestand denn auch aus mehreren Bundesratswagen in welchen die Schweizer Regierung zwischen 1950 und 1970 ihre Staatsgäste befördert hat. Ausrangiert hat man die Wagen erst, als die schusssicheren Fenster nicht mehr den damaligen Sicherheitsstandards entsprochen haben.

Die Zufahrt folgte den Spuren der Preisträger. Von Olten aus ging es zunächst in Richtung Basel. Dieses hatte den Preis 1996 für die sorgsame Integration historischer Bausubstanz in Neubauten erhalten, welche seit den 1970er Jahren Teil des Städtebaukonzepts ist. Zu einer Besichtigung von Beispielen kam es allerdings nicht. Dies war erst in Delémont vorgesehen, welches den Preis 2006 entgegennehmen durfte. Hier war es unter anderem gelungen, das verschandelte Quartier um den Bahnhof von 1875 durch verschiedene Baumassnahmen aufzuwerten, etwa durch die Schaffung neuer Begegnungszonen, zu welchen auch der Neubau eines Springbrunnens auf dem Bahnhofsvorplatz gehört. Teil des Konzepts war auch die Einführung einer Tempo-30-Zone in der gesamten Altstadt.

Nächster Halt war Biel. Bei der Betrachtung des verhältnismässig schwerfälligen, neoklassizistischen Bahnhofsgebäudes, welches 1923 nach den Plänen von Moser & Schürch auf dem Vorgängerbau von 1864 errichtet wurde, könnte man leicht vergessen, dass Biel schon in dieser Zeit architektonischen Innovationen keineswegs verschlossen war. Davon zeugt nicht nur die lebhafte Farbgebung, welche man bei der Renovation im Jahr 2009 an der Decke des ehemaligen Bahnhofbuffets entdeckt hatte, sondern das Bahnhofsquartier selbst:

Dieses ist im fortschrittlichen Funktionalismus der 30er Jahre erbaut worden, sozusagen als Antwort auf die Industrialisierung, welche dem bis anhin eher beschaulichen, auf die historische Altstadt beschränkten Städtchen auch baulich in die Moderne geführt hat.

Einen Höhepunkt stellt indes das futuristisch anmutende Kongresshaus aus den Jahren 1961-66 dar (1998-2000 renoviert). Als Tagungsstätte, Konzertsaal und städtisches Schwimmbad verbindet es nicht Alltägliches. Biel wurde im Jahre 2004 mit dem Wakker-Preis ausgezeichnet.

Seinen Abschluss fand die Tagung in Bern, auf dem ehemaligen Von-Roll-Areal, welches den Preis 1997 entgegennehmen konnte. In den früheren Fabrikhallen sind heute Hörsäle und Bibliotheken der Universität und der Pädagogischen Fachhochschule Bern untergebracht.

Sie gehören zu mehreren umgenutzten Industriebauten im Berner Länggassquartier. Die Bekannteste ist wohl die ehemalige Schokoladenfabrik Tobler. Dieses als Unitobler bekannte, in den 1980er Jahren umgestaltete Universitätsgebäude, beherbergt seit 1991 grosse Teile der philosophischen Fakultät und besticht durch freitragende Bibliotheksplattformen im Raum der ehemaligen Produktionshallen.

Mit welchen Widerständen und Herausforderungen der Orstbildschutz aktuell zu kämpfen hat, wurde an der anschliessenden Buchpräsentation deutlich, durch die Adrian Schmid, der Geschäftsführer des Schweizerischen Heimatschutzes, in der ehemaligen Weichenbauhalle des Von-Roll-Areals führte. Jean-Daniel Gross, Denkmalpfleger der Stadt Bern, vergass nicht darauf hinzuweisen, dass der Bund im Zuge der Finanzkrise zwar beschossen hatte, den Tourismus durch eine grosszügige Finanzspritze zu fördern. Gleichzeitig wurden aber auch die Gelder für die Denkmalpflege bis 2015 auf 26 Millionen Franken jährlich gekürzt.

Der lebensweltlichen Dimension heutiger Ortsbildpflege widmete sich der Hauptvortrag des Architekten Gion A. Caminada, welcher bei der Umgestaltung des Bündner Bergdorfes Vrin federführend gewesen war. Dabei kam nicht das Bautechnische der Preisträgergemeinde von 1998 zur Sprache, sondern Caminadas Philosophie und sein künstlerischer Anspruch, was seiner etwas zu lang geratenen Präsentation eine gewisse Unschärfe verlieh.

Alles in Allem führte die Tagung aber vor Augen, wie aktuell die vom Schweizerischen Heimatschutz propagierte Problematik der Ortsbilderhaltung ist. Es ist nur zu hoffen, dass der Wakker-Preis in der kleinräumigen Schweiz mit ihrer mosaikhaften Raumplanung auch in Zukunft Anreiz für eine umsichtige Städteplanung blieben wird.

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Delémont: geschickte Verbindung von alter und neuer Bausubstanz. Photo © Klara Hübner.


Delémont: Wo einst der Bischof von Basel residierte, lernen heute Schüler lesen und schreiben. Geblieben ist die prunkvolle Freitreppe. Photo © Klara Hübner.


Delémont: Springbrunnen am Bahnhof. Photo © Klara Hübner.


Biel: Das Volkshaus (1929-32), vom Bieler Architekten Eduard Lanz als funktionalistischer Genossenschaftsbau geplant und ausgeführt. Photos © Klara Hübner.



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