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Die Wakkerpreise
1972 starb 97jährig der Genfer Bankdirektor (-1911), Liegenschafts- und
Vermögensverwalter (-1955) Henri-Louis Wakker. Er vermachte dem Schweizer
Heimatschutz eine hohe Summe - ohne Auflagen zu machen. Noch im gleichen
Jahr wurde der Wakker-Preis ins Leben gerufen. Die Preisträger sind
Schweizer Gemeinden und Städte, die im Bereich Ortsbildschutz, Städtebau und
Raumplanung Vorbildliches geleistet haben. Mit der Jubiläums-Publikation „40 Wakkerpreise" legt der
Schweizer Heimatschutz Rechenschaft ab über vierzig Jahre der Vergabe des
Wakkerpreises. Neben einer kurzen Einführung stehen die Preisträger-Orte im
Zentrum. Die einzelnen Orte erhalten ein Kurzportrait mit einer Würdigung
und ein paar Einzelbauten als Beispiele gelungener Erhaltung, Nutzung oder
Umnutzung. Die Vergabepraxis kann in vier Phasen eingeteilt werden,
welche die Erhaltungsdogmen der jeweiligen Zeit widerspiegeln. So wurden die
Preise 1972 bis 1982 „gegen den Verlust der gebauten Identität" vergeben –
natürlich als aktuelle Periodisierung. In den 60er und 70er Jahren kämpfte
der Schweizer Heimatschutz gegen die flächendeckende Zerstörung historischer
Bausubstanz im Namen von Verkehr und Moderne. Stein am Rhein (Kanton
Schaffhausen wurde als erste Stadt 1972 für ihre Bemühungen ausgezeichnet,
das mittelalterliche Stadtzentrum seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert
vorbildlich geschützt zu haben. Dazu hatten insbesondere private Initiativen
beigetragen. Die Stadt unterstützte die Bemühungen mit
denkmalpflegerisch-progressiven Bauordnungen und der Gründung einer
Altstadt-Stiftung 1966, die Renovationsvorhaben finanziell unterstützt. Die
weiteren Preisträger waren 1973-1982: Saint-Prex (VD), Wiedlisbach (BE),
Guarda (GR), Grüningen (ZH), Gais (AR), Dardagny (GE), Ernen (VS), Solothurn
(SO), Elm (GL), Avegno (TI). Die Publikation fasst in jeweils einem Satz plakativ die
Preisbegründungen zusammen. Eine Querlektüre dieser Begründungen belegt den
Paradigmenwechsel in Baudenkmalpflege und Heimatschutz über die letzten
vierzig Jahre: Vom Erhalt historischer Ortsbilder hin zur Weiterentwicklung
von Lebensraum. Die zweite Phase von 1983 bis 1988 wird mit dem
„Erweiterten Blick für das Ganze" überschrieben. Es wurden Orte
ausgezeichnet, die nicht mehr nur über einen objektiv schützenswerten
Ortskern verfügten, sondern darüber hinaus zu denken gezwungen waren.
Muttenz 1983 erhielt den Preis als erste Agglomerationsgemeinde. Die
Gestaltung von Strassen und öffentlichem Raum rückte ins Zentrum der
Betrachtung. Mit Diemtigen erhielt 1986 eine Gemeinde den Preis, die erkannt
hatte, dass gerade Streusiedlungen ortsplanerische Vorgaben benötigen. So
wurden ausserhalb der Ortskerne sehr sparsam neue Flächen eingezont und das
gesamte Streusiedlungsgebiet der Landwirtschaftszone zugeordnet. Die
weiteren Preisträger waren Will SG (1984), Laufenburg (AG), Bischofszell (TG)
und Porrentruy (JU). Von 1989 bis 2000 standen „Grossstädte und
Architektendörfer" im Fokus des Preiskomitees. Als erste grössere Stadt
erhielt Winterthur den Preis, und zwar nicht für die Altstadt, sondern für
den Umgang mit der Bausubstanz des 19. Jahrhunderts: Arbeitersiedlungen,
Industrieareale und öffentliche Gebäude. 1994 und 1997 erhielten mit La
Chaux-de-Fonds und Bern zwei Städte den Preis, die heute für ihre Baukultur
im UNESCO-Welterbe eingeschrieben sind. 1993 ging der Preis an Monte Carasso.
Das Dorf bei Bellinzona setzt bis heute konsequent auf hochwertige
Neubauten. Die Jahre seit 2001 standen unter dem Motto „Mit Planung
zu mehr Lebensqualität" und es wurden Dörfer und Städte ausgezeichnet, die
mit innovativen Massnahmen ihr gewachsenes Ortsbild mit neuen Ansätzen
attraktiv zu gestalten wussten. Dazu gehörten Uster ZH (2001), Turgi (AG),
Sursee (LU), Bienne/Biel (BE), Delémont (JU) 2006, Altdorf (UR), Grenchen
(SO), Yverdon-les-Bains (VD), Fläsch (GR) und zuletzt 2011 die Gemeinden
Ouest lausannois (VD)2011. Eine Ausnahme unter den Wakkerpreisträgern sind die SBB,
die 2005 als einzige Institution für ihre Leistungen um die „Pflege der
Baukultur als Teil der Firmenkultur" geehrt wurden. Seit 2001 unterhält das
Unternehmen eine eigene Fachstelle für Denkmalschutzfragen, die Um- und
Neubauten der umfangreichen Bahninfrastruktur der Schweiz begleitet. Daneben
gründeten die SBB die Stiftung SBB Historic, die sich um das rollende Erbe
der Staatsbahn kümmert, Ausfahrten mit dem historischen Rollmaterial
organisiert und in Bern ein eigenes Archiv unterhält. Neben der kurzen Begründung der Jury zur jeweiligen
Vergabe sind die Ortsportraits mit einer kurzen Liste der Sehenswürdigkeiten
ergänzt, die oft im Zusammenhang mit der Vergabe stehen. Das Buch kann so
auch als praktischer Reiseführer in die jüngere Schweizer
Denkmalpflegelandschaft benützt werden. 40 Wakkerpreise und kein bisschen Müde Die Zufahrt folgte den Spuren der Preisträger. Von Olten aus ging es zunächst in Richtung Basel. Dieses hatte den Preis 1996 für die sorgsame Integration historischer Bausubstanz in Neubauten erhalten, welche seit den 1970er Jahren Teil des Städtebaukonzepts ist. Zu einer Besichtigung von Beispielen kam es allerdings nicht. Dies war erst in Delémont vorgesehen, welches den Preis 2006 entgegennehmen durfte. Hier war es unter anderem gelungen, das verschandelte Quartier um den Bahnhof von 1875 durch verschiedene Baumassnahmen aufzuwerten, etwa durch die Schaffung neuer Begegnungszonen, zu welchen auch der Neubau eines Springbrunnens auf dem Bahnhofsvorplatz gehört. Teil des Konzepts war auch die Einführung einer Tempo-30-Zone in der gesamten Altstadt. Nächster Halt war Biel. Bei der Betrachtung des verhältnismässig schwerfälligen, neoklassizistischen Bahnhofsgebäudes, welches 1923 nach den Plänen von Moser & Schürch auf dem Vorgängerbau von 1864 errichtet wurde, könnte man leicht vergessen, dass Biel schon in dieser Zeit architektonischen Innovationen keineswegs verschlossen war. Davon zeugt nicht nur die lebhafte Farbgebung, welche man bei der Renovation im Jahr 2009 an der Decke des ehemaligen Bahnhofbuffets entdeckt hatte, sondern das Bahnhofsquartier selbst: Dieses ist im fortschrittlichen Funktionalismus der 30er Jahre erbaut worden, sozusagen als Antwort auf die Industrialisierung, welche dem bis anhin eher beschaulichen, auf die historische Altstadt beschränkten Städtchen auch baulich in die Moderne geführt hat. Einen Höhepunkt stellt indes das futuristisch anmutende Kongresshaus aus den Jahren 1961-66 dar (1998-2000 renoviert). Als Tagungsstätte, Konzertsaal und städtisches Schwimmbad verbindet es nicht Alltägliches. Biel wurde im Jahre 2004 mit dem Wakker-Preis ausgezeichnet. Seinen Abschluss fand die Tagung in Bern, auf dem ehemaligen Von-Roll-Areal, welches den Preis 1997 entgegennehmen konnte. In den früheren Fabrikhallen sind heute Hörsäle und Bibliotheken der Universität und der Pädagogischen Fachhochschule Bern untergebracht. Sie gehören zu mehreren umgenutzten Industriebauten im Berner Länggassquartier. Die Bekannteste ist wohl die ehemalige Schokoladenfabrik Tobler. Dieses als Unitobler bekannte, in den 1980er Jahren umgestaltete Universitätsgebäude, beherbergt seit 1991 grosse Teile der philosophischen Fakultät und besticht durch freitragende Bibliotheksplattformen im Raum der ehemaligen Produktionshallen. Mit welchen Widerständen und Herausforderungen der Orstbildschutz aktuell zu kämpfen hat, wurde an der anschliessenden Buchpräsentation deutlich, durch die Adrian Schmid, der Geschäftsführer des Schweizerischen Heimatschutzes, in der ehemaligen Weichenbauhalle des Von-Roll-Areals führte. Jean-Daniel Gross, Denkmalpfleger der Stadt Bern, vergass nicht darauf hinzuweisen, dass der Bund im Zuge der Finanzkrise zwar beschossen hatte, den Tourismus durch eine grosszügige Finanzspritze zu fördern. Gleichzeitig wurden aber auch die Gelder für die Denkmalpflege bis 2015 auf 26 Millionen Franken jährlich gekürzt. Der lebensweltlichen Dimension heutiger Ortsbildpflege widmete sich der Hauptvortrag des Architekten Gion A. Caminada, welcher bei der Umgestaltung des Bündner Bergdorfes Vrin federführend gewesen war. Dabei kam nicht das Bautechnische der Preisträgergemeinde von 1998 zur Sprache, sondern Caminadas Philosophie und sein künstlerischer Anspruch, was seiner etwas zu lang geratenen Präsentation eine gewisse Unschärfe verlieh. Alles in Allem führte die Tagung aber vor Augen, wie
aktuell die vom Schweizerischen Heimatschutz propagierte Problematik der
Ortsbilderhaltung ist. Es ist nur zu hoffen, dass der Wakker-Preis in der
kleinräumigen Schweiz mit ihrer mosaikhaften Raumplanung auch in Zukunft
Anreiz für eine umsichtige Städteplanung blieben wird. |
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