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Fouad Ajami zur Lage im Irak
Rezension - Buchkritik von Fouad Ajami: The Foreigner's Gift. The Americans, the Arabs, and the Iraqis in Iraq. Buch bestellen bei Amazon.de, Amazon.com oder Amazon.co.uk.
Artikel vom 23. Januar 2007
 
Ein Panorama der Meinungen und Eindrücke aus dem Irak

Fouad Ajami ist der Herkunft nach schiitischer Libanese. Er lehrt an der Johns Hopkins School of Advanced International Studies und hat sich mit Büchern zum Nahen Osten einen Namen gemacht. In seinem neuesten Werk zum Irakkrieg,
The Foreigner's Gift, zieht der informelle Berater der amerikanischen Regierung eine kritische Bilanz mit hoffnungsvollem Unterton, obwohl zur Zeit Bürgerkrieg und Terror für Optimismus wenig Raum lassen.

Sein Panorama der Meinungen stützt sich auf Gespräche und Interviews im Irak mit Vertretern der Regierung, religiösen Führern, amerikanischen Soldaten und "einfachen" Irakern, wobei seine Meinung dazu nicht immer klar wird und es den Kapiteln oft an Struktur und Fokussierung fehlt. Ajamis Sicht auf die arabische Welt ist kritisch, was sich unter anderem in seiner Auseinandersetzung mit den von verschiedenen Ayatollahs, Scheichs und untergeordneten Prätendenten wie Moqtada al-Sadr verkündeten Fatwas gegen den Krieg der Amerikaner im Irak sowie mit der arabischen Verblendung und anschliessenden Desillusionierung angesichts der von Saddam Hussein bekundeten Kampfbereitschaft gegen die Amerikaner - die der Autor mit Nassers vollmundigen Ankündigungen 1967 vergleicht - äussert.

Ajami sprach mit vielen vernünftigen Irakern. Einer äusserte sich kritisch darüber, dass das Land nach Jahrzehnten der Diktatur eine Chance bekam, doch anstatt sie zu nutzen, nun Terroristen und Aufständische Ölleitungen in die Luft jagten, ausländische Investoren verjagten und die Regierung nicht in der Lage sei, die Elektrizitätsversorgung wieder herzustellen. Erfasst Ajami die Mehrheitsstimmung der Iraker, die von extremistischen Minderheiten in allerlei Lagern terrorisiert werden, oder hat er nicht doch eher zu viele unrepräsentative Intellektuelle interviewt?

Der Autor kennt einige Protagonisten im Irak direkt. Seine kurzen Portraits und Gesprächszusammenfassungen sind lesenswert. Zusammen mit Vize-Premier Ahmad Chalabi reiste Ajami nach Najaf, um den "mächtigsten Mann" des Irak, Grossayatollah Sistani zu treffen. Ajami beschreibt den moderaten und bescheiden lebenden Mann mit Respekt, ja fast mit Bewunderung. Inhaltlich hebt er Sistanis Aussage hervor, dass die irakischen mit den iranischen Schiiten zwar den Glauben teilten, doch keinesfalls von diesen regiert zu werden wünschten.

Salem Chalabi, Ahmad Chalabis Neffen, kennt Professor Ajami aus der Zeit, als dieser an seiner amerikanischen Universität zur Schule ging. Er schildert den Ankläger von Saddam Hussein als moderate und idealistische Kraft, die vom Prozesshergang enttäuscht ist und zwischenzeitlich zu unrecht des Mordes verdächtigt wurde. Chalabi hatte Hannah Arendts Hannah Arendt's Eichmann in Jerusalem gelesen und war verblüfft, wie ihre Einsichten auch auf die gewöhnliche und feige Clique von Saddam Hussein zutraf.

Wenig schmeichelnde Portraits zeichnet Ajami zum Beispiel von Zarkawi, Hakimi und Sadr, dessen Stammbaum viele herausragende Namen ziert, zu denen der Aufrührer Sadr jedoch nicht gehöre. Der bei den Wahlen von Saudi Arabien unterstützte Finanzminister Allawi, ein anderer Neffe von Ahmad Chalabi, porträtiert Ajami als scharfsinnigen Mann, der Einigungen erzielen und diese durchsetzen könne, wie Mubarak in Ägypten.

Ajami gehört nicht zu jenen Analysten, die bereits im vornherein wussten, wie die Iraker auf die amerikanische Besatzung reagieren würden. Vielmehr bezeichnet er die Reaktion als die grosse Unbekannte des Krieges. Würden sie für den Despoten kämpfen oder die Befreier umarmen? Die Annahme sei vernünftig gewesen, dass die Schiiten die Amerikaner willkommen heissen würden. Er vergleicht die amerikanische Besetzung des Irak mit jener der Israeli 1982 im schiitischen Teil Libanons. Die Schiiten begrüssten die Israeli zuerst als Befreier vom Chaos, das unter der palästinensischen Besetzung davor geherrscht hatte. Doch 1983 schlug die Stimmung um und aus Befreiern wurde verhasste und bekämpfte Besatzer.

Die Erfahrung mit der Entwicklung im kurdischen Gebiet zeige, dass selbst eine schreckliche Geschichte ins Gute geführt werden könne. Der gesellige Erzähler Talabani und der zurückgezogen lebende Stammesführer Barzani hätten sich zum Wohle der Kurden zusammengerauft.

Entschieden tritt Ajami jenen Stimmen entgegen, die im Aufstieg der Schiiten die Gefahr einer Theokratie nach iranischem Vorbild sehen. Die schiitische Mehrheit sei über Jahrhunderte unterdrückt gewesen. Selbstgeisselungs- und Märtyrerriten hätten das Bild dieser religiösen Gruppe verzerrt. Hinzu komme der Komplex der Schiiten, sie seien die Stiefkinder der arabischen Welt - 1991 im ersten Golfkrieg wurden sie zuerst von Bush Senior zum Aufstand aufgestachelt und dann im Stich gelassen. Nun sei jedoch die Zeit der Selbstregierung gekommen, was die sunnitische Minderheit, die unter den Ottomanen, den Briten und Saddam Hussein die Elite gestellt habe, noch nicht anerkennen wolle.

Die Zeit nach der Bekanntwerdung des Skandals von Abu Ghraib übertitelt Ajami mit den Worten "nach dem Ende der Unschuld". Die Folterungen in Abu Ghraib und in Guantánamo sind dem Autor keine Analyse wert. Den Skandal erwähnt er nur kursorisch, indem er Stimmen zitiert, die sich für den Erhalt des Gefängnisses Abu Ghraib als Gedenkstätte für die Verbrechen von Saddam Hussein sowie des Folterskandals der Amerikaner aussprachen; amerikanische Politiker und Militärs hat er dazu nicht be- und hinterfragt.

Ajami sieht bei der Administration Bush die Intention, im Irak einen Staat zu schaffen, der demokratischer, säkularer und wirtschaftlich blühender als die Nachbarländer wäre, sich zudem den Versuchungen des arabischen Radikalismus entwöhnt hätte und auf die ganze Region positiv ausstrahlen würde. Ajami erklärt gar, die Amerikaner, ohne es ganz zu erkennen, hätten damit nichts anderes als die Obsoleszenz der herrschenden Ordnung in den Nachbarstaaten angekündigt. An anderer Stelle betont er, dass arabische Stimmen die Intervention der Amerikaner in Verkennung der Tatsachen als imperiale Geste deuteten, mit der George W. Bush die arabische Welt zu beherrschen gedenke.

Als Gründe für die verfahrene Situation und die gemischte Aufbaubilanz im Irak führt Ajami die Korruption, zu hohe Rechnungen und die katastrophale Sicherheitslage an. Die Wahlen vom Dezember 2005 bezeichnet er mit den Worten eines irakischen Beobachters eher als "Zensus denn als Wahl", da entlang der religiösen und ethnischen Linien gewählt wurde und Persönlichkeiten und Programme nur eine untergeordnete Rolle spielten. So ging Chalabi bei den Wahlen unter, da er zu früh für eine moderne Politik jenseits der Religionsgemeinschaften eingetreten sei und, in Verkennung seiner Lage, sechs sichere Sitze innerhalb des Blocks des Irakischen Nationalkongresses abgelehnt hatte.

Ajami liegt insofern auf der offiziellen Linie der Administration Bush, als er eine Verbindung zwischen der Kaida, den Taliban und dem Irak sieht, auch wenn er bemerkt, dass Saddam Husseins Regime nicht direkt mit 9/11 in Verbindung stand. Er verweist eingehend auf "problematische Alliierte" (so der Term im 9/11 Kommissionsbericht) wie Saudi Arabien und Ägypten. Obwohl Bürger dieser Staaten die Attentate finanzierten, planten und verübten, entwickelten die USA ihnen gegenüber keine neue Strategie. Hart ins Gericht geht er mit diesen Regimes und ihren führenden Repräsentanten.

Im Kampf gegen die Aufständischen müssten es die irakische Armee und Polizei mit einem  besser ausgerüsteten Gegner aufnehmen, der zudem die eigenen Kräfte infiltriert habe, wie ihm ein Polizeichef gestand. Zudem seien nach wie vor Folter und andere inakzeptable Methoden nicht ausgerottet. Auch wüssten die Aufständischen und die Terroristen, dass die USA leicht zu entmutigen seien, wie ihr Abzug aus Beirut nach dem blutigen Attentat auf die eigenen Truppen mit 241 Toten von 1983 gezeigt habe, wobei die Amerikaner in der mediterranen Stadt allerdings im Gegensatz zum Irak keine erkennbaren Interessen gehabt hätten.
Ohne nähere Erläuterung kommt Ajami zum Schluss, die Kriege im Irak und in Afghanistan seien dazu bestimmt, die USA auf  neue Arten wie nie zuvor zu testen.

P.S.
"Ajami" heisst auf arabisch "Fremder" bzw. "fremdsprachig" sowie "unverständlich". Je nach Perspektive des Lesers eröffnen sich da unterschiedliche Deutungen des Buchtitels.

Fouad Ajami: The Foreigner's Gift. The Americans, the Arabs, and the Iraqis in Iraq. Free Press, 2006, 378 S. Buch bestellen bei Amazon.de, Amazon.com oder Amazon.co.uk.

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