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Die Debatte Royal -
Sarkozy
Die entscheidende Debatte 2. Mai 2007
vor der Präsidentschaftswahl
Artikel vom 3. Mai 2007
Die entscheidende Debatte vor der Präsidentschaftswahl vom 6.
Mai 2007 wurde auf vielen Fernsehkanälen weltweit live übertragen. Die
Sozialistin Ségolène Royal und der Liberal-Konservative Nicolas Sarkozy
schenkten sich während 2 Stunden und 40 Minuten nichts.
Da Ségolène Royal in den Umfragen mit rund 48:52 zurücklag und bereits
in der ersten Wahlrunde gut fünf Punkte hinter
Sarkozy gelandet war, musste sie angreifen, was sie denn auch tat.
Da sie allgemein als die schlechtere Debattiererin galt, musste sie nur sicher
stellen, mit Sarkozy mehr oder weniger mitzuhalten, um die Erwartungen nicht zu
enttäuschen.
Die Fragen wurden von den Journalisten Arlette Chabot und Patrick Poivre d'Arvor
gestellt, die sich um sieben im voraus definierte Themen drehten.
Die Debatte Royal - Sarkozy
Zu Beginn überzeugte Nicolas Sarkozy, der wie ein kommender Präsident auftrat,
mehr. Er begann mit einem Rückblick auf die Präsidentschaftswahl von 2002, in
welcher es der Rechtsradikale Jean-Marie Le Pen überraschend in die zweite Runde
geschafft hatte, sowie die Ablehnung der europäischen Verfassung durch das
französische Volk in einem Referendum, um daraus zu schliessen, dass sich die
Politik in Frankreich ändern müsse. Politiker könnten fortan nicht einfach mehr
Dinge proklamieren. Die Franzosen erwarteten Resultate.
Wie in seiner Wahlkampagne betonte Sarkozy, dass seine Minister jedes Jahr vor
dem französischen Volk über ihre Taten Rechenschaft ablegen müssten. Zudem
verpflichtete er sich dazu, die Anzahl der sukzessiven Mandate auf zwei zu
beschränken. Sarkozy wirkte brillant und glasklar.
Ségolène Royal wählte einen ganz anderen Einstieg. Sie verzichtete auf eine
präsidentielle Attitüde und attackierte von Beginn weg ihren politischen Gegner.
Sie warf der Regierung eine miserable Bilanz vor, von der Schuldenlast über die
Anzahl armer Arbeitnehmer, Probleme bei den Pensionen, das Defizit bei den
Sozialwerken bis zur Arbeitslosigkeit. Sarkozy attackierte sie direkt beim Thema
Verbrechen und Gewalt. Dabei wirkte sie die ganze Zeit unsicher, zögernd, nervös
und aggressiv, nicht nur sprachlich, sondern auch gestisch und mimisch. Sie
hätte bei Thema Bilanz der Regierung punkten können, doch wählte sie mit ihrer
Überraschungstaktik das falsche Thema.
Sarkozy gab bereitwillig Fehler und Schwächen der bisherigen Regierungen von
Links wie Rechts zu. Beim Thema Kriminalität hingegen verwies der langjährige
ehemalige Innenminister, der diese Bilanz direkt mitzuverantworten hatte, auf
die vor ihm an der Macht gewesene sozialistische Regierung Jospin. Unter dieser
sei Kriminalitätsrate um 18% angestiegen. In der Zeit des zweiten Mandats von
Chirac von 2002 bis 2007, in der Sarkozy lange das Innenministerium führte,
seien die Verbrechen um 10% zurückgegangen. Seine Bilanz könnte zwar besser
sein, doch zu verstrecken brauchen er diese nicht, meinte der
Präsidentschaftskandidat im Klartext. Die Situation sei 2002 katastrophal
gewesen, und Jospin sei nicht umsonst in der
ersten Wahlrunde gescheitert.
Um ihre Attacken zu illustrieren, wählte Ségolène Royal das Beispiel der
Vergewaltigung einer Polizistin in Bobigny (Paris) nahe ihrem Kommissariat. Als
„gut sozialistische Staatslösung“ hatte sie nichts Gescheitertes zu bieten als
den Vorschlag, künftig bis spät arbeitende Staatsangestellte nach Hause
begleiten zu lassen. Gleichzeitig schloss sie kategorisch aus, die Zahl der
Funktionäre zu senken, wie es Sarkozy vorschlug. Um das Staatsdefizit zu
verringern, schlug dieser vor, künftig nur einen von zwei in Pension gehende
Funktionäre zu ersetzen.
Ségolène Royal wirkte noch immer verkrampft, ihre Sprache blieb hart. Sie
beharrte auf der Effizienz der öffentlichen Betriebe. Deren Zuverlässigkeit sei
für viele ausländische Unternehmen ein Grund, sich in Frankreich niederzulassen.
Sie gelobte, als Präsidentin die Verschwendung öffentlicher Gelder hart zu
bekämpfen. Für den jetzigen Zustand machte sie eine schlechte Definition der
Zuständigkeiten bei der von Sarkozy mit zu verantwortenden Dezentralisierung
verantwortlich.
Zurecht antwortete Sarkozy, man könne fortan nicht alle weiblichen Funktionäre
nach Hause begleiten. Stattdessen sieht er die Lösung in einer härteren
Bestrafung von Wiederholungstätern, die für die Mehrzahl der Straftaten
verantwortlich ist. Im Falle von Sexualstraftätern gab er Details bekannt, wie
das Problem in den Griff zu bekommen sei.
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Später wechselte Sarkozy das Thema und griff Royal beim Thema der 35
Stundenwoche an. Im Zusammenhang mit Wachstum und Vollbeschäftigung verwies er
auf Dänemark, Schweden, Irland und Spanien. Der Sozialist Zapatera habe ihm
gesagt, dass er die 35 Stundenwoche nicht einführen werde. Der Tenor war klar:
Arbeitsumverteilung funktioniert nicht.
Sarkozy war Royal vor, die Zahl der Funktionäre erhöhen zu wollen und fragte
sich, wie sie das zu finanzieren gedenke. Die Sozialistin antwortete, sie wolle
nicht die Zahl der Funktionäre erhöhen, sondern diese umstrukturieren. Anstelle
von mehr Zöllnern wolle sie mehr Krankenschwestern. Sarkozy meinte nur, das gehe
nicht.
Ségolène Royal fuhr munter fort, Ziele zu formulieren, ohne darzulegen, wie
diese zu erreichen seien. Sie „schlage vor, 500'000 Sprungbrett-Arbeitsplätze
für junge Leute zu schaffen, damit diese nicht länger als sechs Monate
arbeitslos bleiben.“
Zurecht war Sarkozy seiner Gegnerin vor, in einer sozialistischen Logik der
Teilung der Arbeitszeit zu verharren. Es gebe kein Land, in dem dies
funktioniert habe.
Als Sarkozy sich auf die Organisation Rexecode beruft, wendet Royal sofort ein,
das sein doch eine Organisation der Arbeitgeber, womit sie Zahlen und
Vorschlägen dieser Organisation gleich jedwede Kreditwürdigkeit absprechen
wollte. Sarkzoy klärte die Sozialistin jedoch auf, dass der Präsident von
Rexecode Michel Didier heisse und vom damaligen Premierminister Lionel Jospin
ernannt worden sei.
Im langen Schlagabtausch im die 35 Stundenwoche ist noch erwähnenswert, dass
Royal einräumte, das zweite (sozialistische) Gesetz zu diesem Thema sei zu
rigide abgefasst worden. Zu Sarkozy gewandt: „Sehen Sie, ich bin in der Lage,
die Dinge zu sehen, wie sie sind“.
Sarkozy war Royal zurecht vor, sie „surfe von einem Thema zum anderen“, ohne in
die Tiefe zu gehen. Doch hat dies die Mehrheit der Fernsehzuschauer ebenfalls
bemerkt?
Royal liess sich weiter nicht beeindrucken. Sie kündigte an, den Mindestlohn zu
erhöhen, eine Konferenz zum Thema Löhne zu veranstalten sowie Unternehmen
gründen zu wollen... Sarkozy bemerkte dazu sarkastisch, Royal habe „eine
aussergewöhnliche Fähigkeit, nicht auf Fragen zu antworten.“
Als Sarkozy seinen nach dem ersten Wahlgang gemachten Vorschlag wiederholte, als
Präsident der parlamentarischen Finanzkommission einen Abgeordneten der
Opposition zu ernennen, warf ihm Royal fehlende Glaubwürdigkeit vor, was die
Unparteilichkeit des Staates angehe.
Sarkozy erlaubte sich einen Patzer, als er beim Steuerthema sagte: „Was ich
vorschlage, ist schlimmer“. Royal nutzte die Gelegenheit und meinte: „Ja, es ist
schlimmer, sie haben recht. Mit ihnen ist alles möglich, selbst das schlimmste.“
Sie provozierte Sarkozy, doch der zu Ausbrüchen neigende Politiker hielt
sich im Griff.
Die ehemalige Umweltministerin kanzelte Sarkozy ab, als dieser behauptete, die
Nuklearenergie sei sauber und trage zu 50% zur Elektrizitätsgewinnung in
Frankreich bei. „Nein, es sind 17%“. Doch beide lagen falsch, denn die Kernkraft
trägt in Frankreich 78% zur Elektrizitätsgewinnung bei. Royal hatte wohl an den
Anteil am Gesamtenergieverbrauch Frankreichs gedacht.
Den Höhepunkt des Schlagabtausches bildete Royals Vorwurf an Sarkozy, „den
Höhepunkt der politischen Immoralität“ erreicht zu haben, als dieser sich zur
Hilfe für behinderte Kinder in Schulen äusserte. Sie habe den Plan Handiscol zum
Empfang behinderter Kinder in „normalen“ Schulklassen kreiert. Die Regierung der
Rechten habe dann diesen Plan wieder begraben, das wisse er ganz genau. Selbst
in der Politik könne man nicht einfach alles ungestraft behaupten, meinte die
erzürnte Präsidentschaftskandidatin sinngemäss.
Zum Glück für Sarkozy übertrieb es Royal mit ihrer Entrüstung. Er blieb ruhig
und meinte, ein Präsident müsse Ruhe bewahren, sie gerate jedoch leicht aus der
Fassung. Er hätte aber auch - wie es der Figaro heute online tat - auf
ein Gesetz vom Februar 2005 verweisen können. Nach Protesten von betroffenen
Eltern von Anfang 2005 habe sich die Lage verbessert und bis zum
Schuljahresbeginn 2006 seien in Frankreich 160'000 behinderte Kinder in
„normale“ Schulklassen integriert worden.
Auf aussenpolitischen Terrain hervorzuheben ist Sarkozys klares Nein zur
EU-Mitgliedschaft der Türkei, da diese nicht zu Europa gehöre. Alle die dies
befürworteten, wollten im Grunde nur das Ende der EU. Royal äusserte sich
offener und meinte nur, von Sarkozy zu einer klaren Aussage gedrängt, sie sei
für „eine Pause“ in der Debatte. Doch die Beitrittsverhandlungen seien bereits
im Gange und könnten nicht einfach gestoppt werden.
Einen emotional starken Moment hatte Royal gegen Ende der Debatte, als sie
Sarkozy vorwarf, einen Grossvater vor der Schule und vor den Augen seines Enkels
zu verhaften, sei in der französischen Republik nicht akzeptabel. Sie würde dies
auf humane Art und Weise machen.
Nach einem schwachen Beginn und wenig überzeugenden Argumenten in den
ökonomischen Fragen fand Ségolène Royal doch noch in die Debatte zurück und traf
Nicolas Sarkozy einige Male hart. Doch hat sie den Rückstand in den Umfragen
weggemacht? Sie musste zwar angreifen, doch gleichzeitig hätte sie die Wähler
von Bayrou, 18.6% im ersten Wahlgang, überzeugen müssen. Auf ökonomischer Ebene
tat sie dies bestimmt nicht. Zudem hat sie nicht, wie Bayrou dies will, versucht
die Franzosen in der Mitte zu versammeln, sondern im Gegenteil die Teilung in
Links und Rechts gestärkt.
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