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Der Denkmal-Streit
in Estland
Die wirtschaftlichen Konsequenzen aus
der Sicht von Tallinn
Artikel vom 14. Mai 2007
Als die Esten das ungeliebte Sowjetdenkmal zur Vertreibung der
Nazis vom angestammten Platz in einen Soldatenfriedhof verlegten, war der
Aufschrei unter einem Teil der Russen in Tallinn, in Estland allgemein und vor
allem im benachbarten Russland gross. Es kam
zu Krawallen und Schlägereien in Tallinn mit rund 200 Verletzten und einem Toten, der einer
Messerstecherei zum Opfer fiel. In Moskau wurde die estnische Botschaft belagert.
Wer sich wie der Schreibende in Tallinn umhört, kommt zum Schluss, dass hier vor
allem viele Teenager und junge Männer ohne politische und historische Kenntnisse
und Ambitionen involviert waren. Die Ausschreitungen waren eine Möglichkeit, ein
bisschen
„Action“ zu erleben, wie es in Westeuropa oft im Zusammenhang mit 1.
Mai-Kundgebungen der Fall ist.
Obwohl einige
russischsprachige Esten im Gespräch sich als mehr oder weniger benachteiligt
bezeichneten, verurteilte doch die Mehrheit der vom Schreibenden befragten die
Vorgehensweise. Krawalle bringen nichts. Wer hart arbeitet, bringt es im
wirtschaftsliberalen Estland auch als Russe zu etwas, äusserte die Mehrheit.
Laut Estlands Ministerpräsident Andrus Ansip soll
„Moskau“ bei den Protesten gegen die Verlegung des sowjetischen Kriegerdenkmals seine Hand im Spiel gehabt haben.
Wie auch immer, sind Sanktionen gegen
Estland im russischen Interesse? Nein.
Die russischen Transite durch Estland repräsentierten nach Auskunft des
Finanzministeriums in Tallinn 2006 nur noch rund 4,4% des estnischen
Bruttosozialprodukts. Selbst wenn russische Sanktionen Estland voll treffen
würden, reduzierten diese das estnische Wirtschaftswachstum um nicht mehr als 1%,
so das Finanzministerium.
Der russische Einfluss auf die estnische Wirtschaft ist folglich begrenzt. Dieses
Bild wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass rund 80% der
Auslandsinvestitionen in Estland aus Finnland und Schweden kommen. Russlands
Investitionen in Estland machen lediglich 2% der ausländischen
Gesamtinvestitionen aus.
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Laut dem Wirtschaftsministerium reduzierten die Russen in den ersten zehn
Maitagen die Transite durch Estland um rund einen Drittel. Davon waren laut der
betroffenen estnischen Bahngesellschaft alle Arten von Gütern betroffen.
Offiziell wurden laut dem Wirtschaftsministerium keine Gründe für die
Reduzierung des Transitvolumens angegeben. Doch wurde von Reparaturarbeiten an
der Hauptlinie (October Railway) gesprochen. Doch die einzigen Arbeiten an
dieser Linie, die beobachtet werden konnten, haben bereits im Februar begonnen.
Die zuständige Bahngesellschaft hatte diese Arbeiten natürlich antizipiert und
sich mit den Russen auf 31 Züge pro Tag im Mai geeinigt. Doch ab dem 4. Mai viel
die Anzahl Züge auf durchschnittlich 24,4 pro Tag, mit dem Tiefpunkt am 7. Mai
mit 16 Zügen. Seither ist der Transit wieder gestiegen. Die Erklärungen Moskaus
waren folglich unglaubwürdig.
Laut Schätzungen des estnischen Wirtschaftsministerium liegt der Anteil der
Transite am Bruttosozialprodukt Estlands bei 5% bis 10%. Der Anteil der
russischen Investitionen in Estland liegt bei 2%. Rund 8% der estnischen Exporte
gehen nach Russland. Würden sie völlig verloren gehen, würde das estnische
Bruttosozialprodukt um 2% bis 3% sinken, unter der Annahme, dass dafür keine
neuen Märkte gefunden würden, so die Auskunft aus dem Wirtschaftsministeriums.
Ebenfalls laut dem Wirtschaftsministerium sind Sanktionen über eine längere Zeit
nicht zu erwarten, da sich Russland ins eigene Fleisch schneiden würden. Die
Profite aus den Transiten gehen nur zu 10% an estnische Unternehmen, hingegen zu
70% an russische Firmen. In Estland selbst sind es zudem vor allem Unternehmen
mit russischem Kapital, die sich um die Transite kümmern. Einige russische
Transitfirmen sollen nun die Transporte über Lettland abwickeln, was ihre Kosten
verdoppelt haben soll, so das estnische Wirtschaftsministerium.
Allgemein gilt es festzuhalten, dass Sanktionen wie Transitstops vor allem
Russland selbst treffen. Das gilt auch für die Öl- und Erdgaslieferungen von
Russland an westeuropäische Staaten. Westeuropa ist ein zuverlässiger Markt, ein
Abnehmer, der in harter Währung pünktlich zahlt. Russland ist von Öl-, Gas- und
Kohleexporten in die Europäische Union abhängig und sitzt keinesfalls am
längeren Hebel. Beide Seiten, die EU und Russland, sollten sich darüber im
klaren sein und sich im beiderseitigen Interesse rational verhalten.
Hysterie ist nicht angesagt, auch wenn Russland nun scheinbar ein Erdgasabkommen
mit Kasachstan und Turkmenistan geschlossen hat, das eine Pipeline durch
Russland - und nicht wie von der EU und der USA erhofft, um Russland herum -
vorsieht.
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