|
Pakistan nach dem
Tod von Benazir Bhutto
Hinzugefügt am 2. Januar 2008 um 13.15
Die Parlamentswahlen wurden heute
offiziell vom 8. Januar auf den 18. Februar 2008 verschoben.
Artikel vom 1. Januar 2008
Pakistans Wahlkommission hat heute, am 1. Januar 2008, die
Verschiebung der für den 8. Januar vorgesehenen Parlamentswahlen empfohlen. Der
Entscheid über das neue Wahldatum wurde für den 2. Januar angekündigt.
Wer sich auf Grund der Fernsehkommentare ein Bild machte, musste zum Schluss
kommen, in Pakistan sei eine grosse demokratische Hoffnungsträgerin ermordet
worden. Tatsächlich stand Benazir Bhutto (1953-2007) auf der Abschussliste von Al Kaida, da
eine von den USA und Grossbritannien gestützte Demokratin und Frau nicht im Sinn
der den Islam pervertierenden „Islamisten“
ist.
Allein ein Blick auf den Nachfolger von Benazir Bhutto macht klar, dass es mit
der demokratischen Gesinnung der Partei und ihrer führenden Repräsentantin nicht
zum besten bestellt sein kann.
Benazir Bhutto leitete ihre Legitimation von ihrem Vater ab. Zulfikar Ali Bhutto
gründete 1967 die Pakistan People's Party (PPP) und wurde Pakistans erster
Premierminister nach der Trennung von Bangladesh, ehe er von den Militärs
gestürzt und nach einem politischen Prozess gehängt wurde. Ähnlich wie die
Nehru-Gandhi Familie in Indien sah sich Benazir Bhutto allein schon auf Grund
ihrer Herkunft als legitime und logische Premierministerin Pakistans.
Nach der Ermordung von Benazir Bhutto, die keine Konkurrenz neben sich in der
Partei duldete, hat die PPP ihren 19jährigen Sohn Bilawal zu ihrem neuen
Vorsitzenden ernannt. Der 1988 geborene Bilawal Bhutto Zardari studiert zur Zeit
Geschichte und politische Wissenschaften im Christ Church College in Oxford.
Sein Vater, Asif Ali Zardari, wird als Vize-Chef der PPP die Partei vorderhand
führen.
Ein Blick auf die Leistungen der zweifachen Premierministerin Benazir Bhutto
bringt keine grossen Ergebnisse. Sie amtete erstmals vom 16. November 1988 an
als Premierministerin einer Koalitionsregierung. Doch bereits 1990 entliess sie
der damalige Präsident Pakistans, Ghulam Isaq Khan, wegen Korruptionsvorwürfen,
wegen derer sie allerdings nie verurteilt wurde.
Nach ihrem Rausschmiss führte Benazir Bhutto in der Opposition eine
Anti-Korruptions-Kampagne und schaffte es 1993, erneut als Premierministerin
gewählt zu werden. Doch bereits 1996 beendete der neue Präsident, Farooq Leghari,
ebenfalls frühzeitig ihre zweite Amtszeit, erneut wegen Korruptionsvorwüfen.
[Hinzugefügt am 2. Januar 2008 um 20:30: 1998 wurden Bhutto und Zardari zu je
fünf Jahren Gefängnis verurteilt und mit $8,6 Millionen für akzeptierte
Schmiergelder gebüsst. Zardari musste ins Gefängnis. Bhutto war damals im
Ausland und entschloss sich, nicht nach Pakistan zurückzukehren].
Benazir Bhuttos Regierungszeiten zeichneten sich durch Chaos, Unfähigkeit und
Korruption aus. Laut der iranischen Informationsagentur IRNA soll sie versucht
haben, das Land zu modernisieren, Elektrizität aufs Land zu bringen und Schulen
zu bauen. Doch auch die IRNA stellt die neuen Korruptionsvorwürfe in den
Mittelpunkt.
Benazir Bhutto hatte am 18. Dezember 1987 Asif Ali Zardari in Karachi
geheiratet. Die Ehe mit dem reichen Geschäftsmann war von Bhuttos Mutter
arrangiert worden. Zardari diente in der zweiten Regierung seiner Frau als
Investitionsminister. Im Volksmund war er als
“Mister Ten-Percent” bekannt, weil er angeblich 10% von Firmen und
Industriekonglomeraten während der PPP-Herrschaft als Schmiergeld verlangte.
Danach verbrachte er rund ein Jahrzehnt im Gefängnis. Zardari und Bhutto haben
zusammen drei Kinder.
Benazir Bhutto wurde nie wegen Korruption verurteilt. Zuletzt arrangierte sie
sich in einem Vorwahls-Deal mit dem Diktator und ehemaligen Militärherrscher
Pakistans, General Pervez Musharraf. Der 1943 in Delhi geborene Musharraf
übergab am 28. November 2007 das Amt des Armeechefs an Ashfaq Parvez Kayani. Er
gab den Oberbefehl über die pakistanischen Streifkräfte ab, um weiterhin als
Präsident im Amt bleiben zu können.
Insbesondere die USA und die Briten unterstützten jahrelang Musharraf, weil er
als gemässigter Führer gilt, der nach 9/11 im Krieg gegen den Terror mit ihnen
zusammen arbeitete. Doch dem am 12. Oktober 1999 durch einen Putsch gegen den
damaligen Premierminister Nawaz Sharif an die Macht gekommenen Musharraf gelang
es weder die Al Kaida und die Taliban eindeutig zurückzubinden, noch Osama Bin
Laden zu fangen. Musharraf wurde zunehmend als Hindernis auf Pakistans Weg zur
Normalisierung empfunden. Das Land ist nicht mehrheitlich den islamistischen
Extremisten zugewandt. Doch je länger Musharraf an der Macht blieb, ohne dass er
das Land auf den Weg der Demokratie zurückgeführte, je mehr Wasser war dies auf
die Mühlen jener, welche Amerika der Doppelzüngigkeit und doppelter Standards
bezichtigten.
Als einzige Alternative zu Musharraf sahen die USA und Grossbritannien nun
Benazir Bhutto, die grosse Demokratin, die Pakistan zur Normalität zurückführen
würde. Über ihre blamablen Regierungsbilanzen und die endemische Korruption
unter ihrer Führung sahen ihre Mentoren grosszügig hinweg. Gerichtsverfahren
gegen Benazir Bhutto waren in Pakistan, Grossbritannien, Spanien und der Schweiz
hängig. In einem Befreiungsschlag, um als Präsident an der Macht zu bleiben,
kehrte Musharraf mit einer Amnestie für Bhutto alles unter den Tisch.
Was die Todesursache von Benazir Bhutto angeht, so herrscht nach wie vor
Unklarheit. Zuerst war von Schussverletzungen die Rede. Danach teilte das
Innenministerium in einer Pressekonferenz mit, die Oppositionsführerin sei nicht
durch Kugeln gestorben, sondern ihr Kopf sei durch die Wucht der Detonation der
Bombe eines Selbstmörders gegen das Dach ihres Fahrzeugs geschleudert worden,
wodurch ihr die tödlichen Verletzungen zugeführt worden seieb. Nun hat der
britische Fernsehsender Channel 4 ein Video in die Hände bekommen, das beweisen
soll, dass Benazir Bhutto nach Schüssen aus einer Handfeuerwaffe zu Tode kam.
Erst danach sei ihr Fahrzeug von einer Explosion erschüttert worden.
Fiel die Oppositionsführerin einem Al Kaida-Attentäter zu Opfer, wie es die
Regierung behauptet, oder handelte es sich um ein Komplott, wenn möglich mit
Regierungsbeteiligung? Nur eine unabhängige internationale Untersuchung könnte
allenfalls Licht ins Dunkel bringen. Doch in dieser Weltgegend würden wohl auch
danach weiterhin Verschwörungstheorien zirkulieren. Fakt ist, das Pakistan zur
Zeit über keinen fähigen und allgemein akzeptierten politischen Führer verfügt.
Auch die in Harvard (USA) und Oxford (GB) ausgebildete Benazir Bhutto hätte
diese Lücke nicht füllen können. Nur nach einigen Jahren der Demokratie könnten
sich neue, vom Volk legitimierte Politiker etablieren.
Alle Aktionen bei Amazon.de.
|

Pervez Musharraf: In the Line of Fire. Memoir. Hardcover,
2006, 368 S.
Buch bestellen bei
Amazon.com,
Amazon.de
oder
Amazon.co.uk.

Benazir Bhutto: Daughter of the East, Paperback, 2008.
Bestellen Sie das Buch bei
Amazon.com,
Amazon.de
oder
bei
Amazon.co.uk.
|