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Gordon Brown
Die kritische Biografie von Tom Bower
Artikel vom 1. April 2008
 
Tom Bower ist ein ehemaliger Journalist der investigativen BBC-Sendung «Panorama» und der Ehemann von Veronica Wadley, der Herausgeberin des rechtsgerichteten «Evening Standard». Er hat sich mehrfach mit unautorisierten Biografien hervorgetan. Sein erstmals 2004 erschienenes und nun aufdatiertes Porträt des langjährigen britischen Schatzkanzlers und heutigen Premiers Gordon Brown ist vernichtend. Bower hat für sein voluminöses Werk laut eigener Aussage über 150 Freunde und Kollegen von Brown – gegen dessen ausdrücklichen Wunsch – befragt, wobei diese Quellen zumeist anonym bleiben. Den ihm wohlgesinnten Biografen Robert Peston und Paul Routledge hingegen stand Brown Rede und Antwort, was zu schmeichelhaften Portraits führte.

Egalitäre Prägung

Der Autor beschreibt Browns Jugend als prägend, wobei er allerdings nur 40 der 538 reinen Textseiten seiner Biografie dafür verwendet. Der aus einer trostlosen schottischen Kleinstadt nahe Edinburg stammende Sohn eines presbyterianischen Pfarrers kam früh mit dem christlichen Egalitarismus in Berührung. Er sei unter dem Druck des Vaters gestanden, hart zu arbeiten und sich hervorzutun. Er studierte bereits mit 15 [Alter korrigiert am 6.7.2008] in Edinburg Geschichte und bedauerte später, nicht wie die Oxbridge-Politikerkollegen vernetzt zu sein. Mit 21 nahm er seine Doktorarbeit über die schottische Labour Party in Angriff. 1972 wurde Brown der jüngste Rektor der Universität Edinburgh.

Sportverletzung mit Folgen

Als Jugendlicher war Brown eine Sportskanone.
Nach einer Augenverletzung wartete er allerdings zu lange mit dem Arztbesuch. Beide Retinas lösten sich ab. Nach mehreren Operationen und sechs Monaten im Krankenbett konnte lediglich die Sicht auf einem Auge des bereits im ersten Universitätsjahr stehenden 16jährigen gerettet werden. Der Gesichtsmuskel auf der Seite des toten linken Auges kann seither kein Lachen mehr zeigen, ein Grund, weshalb Brown heute als der mürrische Schotte gilt. Er soll das untätige Warten im Bett als Folter empfunden und entschieden haben, im Leben keine Zeit mehr zu verschwenden. Sein Vertrauen in den staatlichen Gesundheitsdienst gehe - trotz Kunstfehler - auf die teilweise Rettung seines Augenlichtes zurück.

Kein Homosexueller, vielmehr ein Frauenschwarm

Entgegen Gerüchten, er sei homosexuell, hatte der gut gebaute Brown Erfolg bei Frauen. In den 70er Jahren Prinzessin hatte er eine fünfjährige Affäre mit Prinzessin Margarita von Rumänien. Sie beendete die Romanze, weil für ihn die Politik immer im Vordergrund stand.

Bis zu seiner Heirat im Jahr 2000 konnte sich Gordon Brown nie zu einer festen Bindung durchringen, obwohl er immer wieder langjährige Freundinnen hatte. Die Politik stand immer an erster Stelle, danach kam TV-Fussballspiele mit Freunden schauen. Seine Freundinnen mussten sich seinen Marotten beugen und sich darauf einstellen, dass bis im letzten Moment nicht klar war, wo er schlafen würde. Zudem traue er ausser seinen zwei Brüdern niemandem, unterstreicht Bower.

Der junge Brown - ein Linker

Als Labour-Aktivist propagierte Brown in den siebziger Jahren neomarxistische Rezepte zur wirtschaftlichen Besserung. In den frühen achtziger Jahren gehörte er zur «weichen Linken» um Neil Kinnock, die einen moralischen Feldzug zur Wiederherstellung der Attraktivität der Partei führen wollte. Laut Bower betrachtete Gordon Brown die Nationalisierung von Industrieunternehmen, die Schaffung des staatlichen Gesundheitsdienstes und die Reform der Schule durch die Regierung Attlee nach dem Zweiten Weltkrieg als historische Richtwerte. Selbst nach dem Debakel von Mitterrands Sozialisten in Frankreich hielt Brown am Linken (und antieuropäischen) Kurs Neil Kinnocks gegen Roy Hattersley im Kampf um die Führung der Labour Party fest. Brown unterstützte öffentlich die streikenden Minenarbeiter unter Arthur Scargill im Kampf gegen Neil Kinnock. Erst Mitte der 1980er Jahren wandelte er sich vom Linken zum Reformer. Bower erwähnt 1987 als Jahr, in dem sich Brown nicht mehr mit dem traditionellen Sozialismus von Labour identifizieren konnte. Allerdings wehrte er sich noch später gegen die Privatisierung von Staatsmonopolen, vermerkt Bower kritisch.

Der Zwist mit Robin Cook

Mit Robin Cook publizierte Brown 1983 "Scotland: The Real Divide". Zur Buchpräsentation erschien Brown wie so oft zu spät. Cook hatte sich bereits als alleiniger Autor des Werks präsentiert, was Brown sauer aufstiess. Die zwei innerparteilichen Rivalen hatten sich zudem bereits an der Universität Edinburgh gestritten. Cook hatte Browns streben nach der Macht in der schottischen Labor Partei sowie seine Suche nach einem Parlamentssitz nicht unterstützt. Seither sind die zwei Schotten unversöhnliche Rivalen.



Endlich ein Unterhaussitz und Tony Blair als Rivalen

1983 wurde Brown nach erfolglosen Anläufen ins Unterhaus gewählt und teilte mit dem ebenfalls neuen Tony Blair ein Büro. Die politischen Freunde wurden später Rivalen. Blair hatte einst gar vorgeschlagen, dass Brown gegen John Smith als Parteichef antreten solle. Erst 1993 änderte sich die Bezeichnung des Duos Brown-Blair in Blair-Brown. Peter Mandelson identifizierte zuerst Gordon Brown als Zukunft der Partei, ehe er zu Tony Blair rüberschwenkte.

Nach dem legendären Granita-Treffen in Islington unterstützte Brown Blairs Kandidatur als Parteichef nicht aus altruistischen Motiven, sondern weil er den Kampf ohnehin verloren hätte, unterstreicht Brown. 1994, nach dem Tod von Smith, kam es zum Wechsel an der Parteispitze.

Mankos von Brown

In persönlicher Hinsicht wirft der Autor Brown vor, er sei schlecht organisiert und verpasse Termine. Von Schottland geprägt, verstehe er Mittelengland nicht wirklich. Er habe strengste Loyalität verlangt und Kritik ignoriert, sei unberechenbar und setze auf Geheimhaltung anstelle von Verantwortung. Wie Blair pfeife er auf die Tradition. «Instinktiv» linker als Blair, wandelte er sich erst Mitte der achtziger Jahre zum Reformer. Allerdings wehrte er sich noch nach 1987 gegen die Privatisierung von Staatsmonopolen.

Fast ein frühes Karriereende

Laut Bower war Browns Karriere am meisten gefährdet, als die Tories 1992 aus dem europäischen Wechselkursmechanismus austreten mussten und das Pfund abwerteten. Als Schattenminister kritisierte Brown die Regierung wegen einer Politik, die er selbst befürwortet hatte. Zu seinem Glück konzentrierte sich die öffentliche Wut auf die Tories.

Weiterhin Rücksichtnahme auf linke Sensibilitäten

Als die Clause 4 aus dem Labour-Programm gestrichen wurde, war Brown um den Abfall von Traditionalisten besorgt und liess rasch ein Buch von im mitverfasstes Buch mit dem Bekenntnis zum Sozialismus publizieren (Values, Visions, Voices), das seinen Zweck erfüllte und danach rasch vergessen wurde.

Dubioser Parteifreund und finanzieller Rückhalt

Browns Beziehung ab 1995 zum Geschäftsmann Geoffrey Robinson, dem zweifelhaften Zahlmeister von New Labour, beleuchtet Bower im Detail, denn ihm hatte er 2001 ein eigenes Buch gewidmet.

Robinson finanzierte die sogenannte "Hotel Group" im Grosvenor House Hotel, wo sich Robinson, Brown sowie dessen zwei Mitarbeiter Ed Balls und Charlie Wheelan bei Alkohol und Essen regelmässig über Politik unterhielten und Fussball schauten. Brown stellte sich viel zu lange hinter Robinson, als ihm längst hätte klar sein sollen, was für eine zweifelhafte Rolle er spielte.

Bürokratie und Umverteilung

Gut die Hälfte des Buches von Bower beleuchtet die Zeit von Labours Wahlsieg 1997 bis zu Browns Ernennung zum Premierminister 2007. Mit Ausnahme der Unabhängigkeit, die zu Beginn seiner Amtszeit der Bank of England gewährt wurde, hat Bower fast nur Kritik für den Schatzkanzler übrig. Als Beispiel sei der Kampf gegen die Bürokratie erwähnt. 2004 schlug Brown den Abbau von staatlichen Stellen vor. Tatsächlich war seit 1997 auf sein Betreiben der öffentliche Dienst um 500 000 Personen ausgebaut worden, obwohl bereits zahlreiche, angeblich erfolgreiche Programme zur Reduktion von Kosten und Personal durchgeführt worden waren. Gleichzeitig war Brown bereits an der Realisierung eines neuen Plans, bis 2006 zusätzlich 360 000 Stellen zu schaffen.

Die Rivalität Blair-Brown

Brown brachte sich in der Regierung sofort als künftiger Nachfolger von Blair in Position – er berief sich auf einen geheimen Teil des Granita-Abkommens – und lebte fortan im Kriegszustand mit ihm.

Peinlich war die Veröffentlichung von Paul Routledges Brown Biografie, mit dessen voller Kooperation veröffentlicht, in der wider besseres Wissen stand, Brown hätte die Wahlen gewinnen können, und dass Blair den geheimen (Teil des) Granita Paktes gebrochen habe. Blair und Brown lähmten sich gegenseitig, wobei der Schatzkanzler den Premierminister als unintellektuellen Lieferanten von Slogans betrachtete. Dennoch gewannen die zwei die Wahlen erneut.

Brown dominierte über die Finanzen die innenpolitische Agenda und verhinderte so Reformen im Sinne von Blair bzw. förderte weiterhin den Wohlfahrtsstaat. Blair wollte mehr Markt und Dezentralisierung im NHS, was Brown zu verhindern wusste. Der Kanzler vertrat das Märchen, die Welt beneide das UK um den NHS.

Nach 9/11 änderte sich laut Bower das Kräfteverhältnis zwischen den zwei Rivalen. Blair stand nun wieder als internationaler Champion im Krieg gegen den Terror da, während dem sich Brown in den Untiefen der nationalen Agenda abmühen musste.

Im Januar 2004 rettete Brown Blair vor einem Coup aus den eigenen Reihen - und glaubte nun, er werde sicher der Nachfolger des Premiers werden.

Nach vielen Versprechungen und endlosen Jahren des Wartens schlugen Browns Getreue 2006 zu: Sechs Juniorminister traten in einer konzertierten Aktion zurück und verlangten von Blair einen Zeitplan. Am nächsten Tag kündigte Blair an, noch vor dem Parteitag 2007 zurückzutreten, wie es dann auch geschah.

Private Schicksalsschläge

Bower hat Sympathie für den am Boden zerstörten Brown, dem die zu früh geborene Tochter nach 10 Tagen verstarb. Nach einem gesunden Sohn brachte seine Frau noch ein Kind mit der unheilbaren, lebensbedrohenden Krankheit Mukoviszidose zur Welt.

Brown weder Old noch New Labour, sondern ein Verfechter des "social engineering"

Für Bower ist Brown weder Old noch New Labour, sondern ein passionierter Verfechter des «social engineering». Die Steuerzahler akzeptierten hohe Steuern, weil sie von den guten Absichten des Staates überzeugt seien. Brown glaube, mit seinen oft widersprüchlichen wohlfahrtsstaatlichen Initiativen die Gesellschaft verändern zu können. Er «verkaufe» sie mit grossem Pomp dem Publikum, scheitere aber zumeist damit.

Bower beschuldigt Brown der Anhäufung von Schulden und der Steuererhöhungen. Die Armen erhielten tatsächlich mehr Geld, die Umverteilung habe stattgefunden, doch der Preis dafür sei horrend, und der Mittelstand habe darunter gelitten. Zudem seien viele Arbeitslose aus den Statistiken entfernt worden und lebten nun mit der Hilfe anderer Wohlfahrtsprogramme. Im globalen Vergleich der Wettbewerbsfähigkeit sei Grossbritannien unter New Labour nicht ohne Grund vom 4. auf den 15. Platz zurückgefallen.

Tom Bowers vernichtendes Porträt Gordon Browns mag einseitig und übertrieben sein und das kontinuierliche Wirtschaftswachstum unter New Labour nicht genug hervorheben. Dennoch liefert es mit seiner Hinterfragung der Erfolge, der Kompetenz und des Charakters von Gordon Brown den Kritikern des langjährigen Schatzkanzlers ausreichend Munition. Eine umfassende Biografie kann es noch nicht sein.

Am Ende bemerkt Bauer, n
och vor Amtsantritt habe sich Brown mit dem Buch Courage vom Morast der New Labour Periode distanziert. Wenige seiner Vorgänger hätten ihr Amt mit soviel Erfahrung, aber auch so vielen übernommenen Bürden (liabilities) angetreten.

Tom Bower: Gordon Brown. Prime Minister. Harper Perennial, London, 2007, 576 S. Die Biografie bestellen bei Amazon.de oder Amazon.co.uk.




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Neu hinzugefügt am 7.9.11, die heute erscheinenden für Gordon Brown vernichtenden Memoiren des früheren Schatzkanzlers unter Gordon Brown, Alistair Darling: Back from the Brink. 1,000 days at Number 11. Released on September 7, 2011. Gebunde Ausgabe / Hardcover bestellen bei Amazon.de oder Amazon.co.uk. Als Kindle eBook bestellen bei Amazon.co.uk oder Amazon.de.



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