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Das Ende der Grossen
Koalition in Österreich
Felix Austria - das war einmal.
Neuwahlen am 28. September 2008
Artikel vom 9. Juli 2008
Was man sich als Beobachter aus der Ferne in Deutschland schon lange wünscht, ist in
Österreich nach langer Leidenszeit endlich eingetroffen: Der österreichische
Nationalrat beschloss heute einstimmig das Ende der Grossen Koalition durch
Neuwahlen.
Doch so richtig aufatmen kann niemand, denn nach den vorgezogenen Neuwahlen vom
28. September 2008
könnte auf Grund der Wahlarithmetik durchaus eine Neuauflage eben dieser Grossen
Koalition drohen.
Sowohl die SPÖ wie auch die ÖVP haben
abgewirtschaftet.
Die Regierung Gusenbauer gilt - zumindest zur Zeit -
als erbärmlichste, aber glücklicherweise kürzeste der Nachkriegszeit. Sie wird
mit Heute Dienstag schmeissen sie sich im
Parlament gerade gegenseitig die
„Sandkastenförmchen“
um die Ohren.
Besonders peinlich ist es für die SPÖ. Der Kanzlerbonus hat sich in einen Malus
für Gusenbauer und seine Partei gekehrt. Dabei stand er in der Regierung dem
unscheinbaren, zurückhaltenden Vizekanzler Wilhelm Molterer gegenüber.
Von Anbeginn an machte die SPÖ keine gute Figur, angefangen beim erfolglosen
Versuch, den Kauf von Militärflugzeugen rückgängig zu machen, bis zur
versprochenen Abschaffung der Studiengebühren, die sie dann doch nicht gegen den
Koalitionspartner ÖVP durchsetzen konnte bzw. wollte. Noch zuletzt wäre dies
nämlich im Parlament mit Hilfe der FPÖ und der Grünen möglich gewesen. Der
SPÖ-Wissenschaftssprecher Josef Broukal, der die Abschaffung der Studiengebühren
so durchsetzen wollte, wurde von der SPÖ-Führung zurückgepfiffen, woraufhin
Broukal zurücktrat.
Den Todesstoss versetzte die SPÖ der Grossen Koalition gleich selbst. Zuerst
sägte die Partei erfolgreich am Stuhl des Kanzlers und Parteivorsitzenden
Gusenbauer. Um sich an der Macht zu halten, trat dieser
„freiwillig“ vom Parteivorsitz
zurück, blieb aber Kanzler.
Doch dann machte Gusenbauer zusammen mit seinem designierten Nachfolger als
Parteiführer, Werner Faymann, einen folgenschweren Fehler: In einem Brief an den
Herausgeber des Boulevard-Blattes „Krone“, das über 40% aller Österreicher
erreicht, verpflichteten sie sich, bei zukünftigen EU-Verträgen
Volksabstimmungen durchzuführen.
Das klingt zwar nicht ganz unvernünftig und nach mehr Demokratie. Doch diese
Kehrtwende entsprang purem Populismus und wurde ohne Rücksprache mit der
SPÖ-Führung, der SPÖ-Basis und dem Koalitionspartner ÖVP von Gusenbauer und
Faymann verkündet. Faymann ist mit dem 87jährigen „Krone“-Chef Hans Dichand gut
bekannt und nennt ihn vertraulich „Onkel Hans“.
Die europapolitische Kehrtwende von Gusenbauer und Faymann war Teil eines
peinlichen Handels zwischen Dichand und den zwei SPÖ-Führern: Die
Sozialdemokraten geben sich fortan europakritisch und werden dafür vom
Zeitungschef mit der Unterstützung des Boulevard-Blattes im Wahlkampf belohnt.
Dichand alias „Cato“ hat denn auch bereits in der heutigen „Krone“ einen
anti-ÖVP-Kurs eingeschlagen. Die ÖVP bezichtigte er einer „für mich
unverständlichen EU-Hörigkeit“, zudem wolle sie „offenbar einen Wahlkampf gegen
die Bürger Österreichs führen“.
Der Schwenk von Gusenbauer und Faymann mit ihrem in der „Krone“ abgedruckten
Brief wird noch peinlicher, wenn man weiss, dass sich Dichand bei der
österreichischen Aussenministerin Plassnik ebenfalls, wenn auch erfolglos, um
den Handel EU-Volksabstimmung gegen Wahlkampfunterstützung bemüht hatte.
Immerhin wird der Kuhhandel Gusenbauer im Herbst sein Kanzleramt kosten, denn
bereits ist Faymann als Kanzlerkandidat der SPÖ designiert worden.
Wer ein längeres Gedächtnis hat, wird sich erinnern, dass einst die SPÖ gegen
die Koalition von ÖVP und FPÖ Amok lief und dabei die EU zu Hilfe rief, die sich
willig einspannen liess und Österreich jahrelang aufs Schandbänkchen setzte,
obwohl die damalige Koalition kein EU-Recht verletzte, keine Hetzjagden auf
Ausländer organisierte oder sich „europäischen“ Werten verweigerte. Es ist nicht
zu erwarten, dass nun ein EU-Bannstrahl die SPÖ wegen ihrer europapolitischen
Kehrtwende treffen wird.
Der österreichische Wahlkampf fällt weitgehend in die Sommerferien. Die Presse
erwartet also alles andere als ein Sommerloch. Ob am Ende andere Koalition
möglich sein werden, bleibt abzuwarten. Um mit der FPÖ oder den Grünen koalieren
zu können, wird die ÖVP wohl spätestens im Herbst auf die Abschaffung der
Studiengebühren einschwenken müssen, um nur ein Detail zu nennen.
Das BZÖ von Peter Westenthaler und Jörg Haider ist ausserhalb von Kärnten fast
bedeutungslos. Die FPÖ des Rechtspopulisten Heinz-Christian Strache ist heute
noch unappetitlicher als sie unter Haider war.
Die Grünen haben unter dem beliebten Universitätsprofessor Alexander Van der
Bellen nie den Sprung über ihren eigenen Schatten gewagt und so erst die Grosse
Koalition ermöglicht. Sie sind bis heute den Beweis ihrer Regierungsfähigkeit
schuldig geblieben. Angesichts des Theater innerhalb der SPÖ und zwischen SPÖ
und ÖVP könnte vielleicht im Herbst ihr Stunde schlagen. Besser als eine
Koalition einer der beiden Volksparteien mit der FPÖ bzw. einer Neuauflage der
Aufteilung Österreichs zwischen Rot und Schwarz wäre dies wohl allemal.
Ganz so miserabel wie die Volksstimmung es heute deutet, ist die Bilanz der
Grossen Koalition nicht, auch wenn ihr Ende überfällig war. Die Arbeitslosigkeit
ist tief, der Export boomt. Gusenbauer verwies zudem auf die Anhebung des
Mindestlohnes auf 1000 Euros und der Mindestpension auf 747 Euros, was
allerdings keine strukturellen Erfolge der Regierung sind. Familien freut der
Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen und die Senkung der
Klassenschülerhöchstzahl auf 25.
Doch die Volksparteien blockierten sich vor allem gegenseitig. Vieles blieb
Stückwerk bzw. wurde erst gar nicht angegangen. Dazu gehören die Sanierung der
Krankenkassen, die Gesundheits-, Steuer-, Verfassungs-, Staats- und
Verwaltungsreform sowie das Problem der vielen teuren Frühpensionen. Kann es im
Herbst nur besser werden?
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