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Krieg in Georgien
Der Kampf um Südossetien und Abchasien
Artikel vom 10. August 2008

In der Antike waren die Olympische Spiel eine Zeit des Friedens, in der alle Waffen ruhten. Im August 2008 schien die Zeit für Georgiens Präsident Saakaschwili und Russlands Premierminister Putin hingegen reif, die abtrünnige Region Südossetien zurückzuerobern bzw. Russland definitiv einzuverleiben.

Dass Saakaschwili auf russische Provokationen reagierte, verbessert seine falsche Einschätzung der Lage nicht. Heute am 10. August 2008 haben die georgischen Truppen mit dem Abzug aus Südossetien begonnen. Georgien und Russland sind nun scheinbar für Verhandlungen bereit, nachdem Russland zuvor zivile Ziele im Hinterland von Georgien angegriffen hatte, um die Moral des demokratischen Georgien zu zermürben.

Die Osseten in Nordossetien-Alanien und Südossetien

Der Kaukasus ist ein ethnischer Flickenteppich, eine Vielvölkerregion mit zahlreichen Minderheiten. Die Osseten sprechen ossetisch, eine iranische Sprache. Sie leben weitgehend in Nordossetien - Alanien, einer russischen Republik. Dort stellen sie nach der Volkszählung von 2002 mit 445'310 Personen rund 63% der Bevölkerung. Rund 23% Russen, aber lediglich 1,5% Georgier leben in Nordossetien.

Südossetien gehört rechtlich zu Georgien. Beim Zerfall der Sowjetunion kam es zu einem Krieg Südossetiens gegen Georgien. Mit Hilfe Russlands gelang es Südossetien, sich de facto abzuspalten uns sich für unabhängig zu erklären. Doch wird diese Eigenständigkeit von keinem Staat anerkannt. Dennoch ist völkerrechtlich die effektive Kontrolle über ein Territorium relevant. Georgiens Präsident Saakaschwili schien es an der Zeit, die Kontrolle zurückzugewinnen. Als der Premierminister Putin bei den Olympischen Spielen in Peking weilte, schien ihm wohl der Zeitpunkt gekommen, dem Einmarsch russischer Truppen zuvorkommen, welcher die de facto Unabhängigkeit zementieren würde. Damit fiel er auf Russlands Provokation herein.


Südossetien hat für Georgien keine historische Bedeutung, wie dies das Kosovo - insbesondere mit dem Amselfeld - für Serbien hat. Einzig strategische Gründe sprachen für einen Krieg um Südossetien, das tief in das Zentrum Georgiens hineinreicht und so das Land Russland gegenüber noch verwundbarer macht. Doch das kleine Georgien kann sich keinen Krieg mit dem übermächtigen Russland leisten.

Was soll Georgien mit einer Minderheit machen, die sich in einem Referendum von 1992 mit über 90% für die Abspaltung von Georgien und den Anschluss an das nordossetische Russland ausgesprochen hat? 1989 lebten rund 65,000 Osseten in Südossetien und machten damit rund zwei Drittel der Gesamtbevölkerung aus. Im August besassen laut Wikipedia rund 70% der Südosseten einen russischen Pass.

Der Krieg um Abchasien

Russland führt im August 2008 in Georgien einen Zweifrontenkrieg. Neben Südossetien geht es zudem um Abchasien, das ironischerweise 1864 vom Zaren zerschlagen wurde. Viele Abchaser wurden ins Exil getrieben bzw. zwangsumgesiedelt. Damals stellten laut Wikipedia die Abchasen noch 98% der örtlichen Bevölkerung. Heute leben laut der gleichen Quelle mit rund 450'000 die meisten Abchasen in der Türkei. Die in Georgien lebenden Abchasen lehnen sich an Russland an. Die Mehrheit hat denn auch die russische Staatsbürgerschaft angenommen. Das Abchasische gehört übrigens zur westkaukasischen Sprachfamilie.

Auch im Falle von Abchasien kam es nach dem Zerfall der Sowjetunion zu einem Krieg mit Georgien. Bei der letzten sowjetischen Volkszählung von 1989 lebten noch rund 500'000 Menschen in Abchasien, darunter 48% Georgier und 17% Abchasen. Im Sezessionskrieg beim Zerfall der Sowjetunion wurden um die 250'000 Menschen aus der autonomen Republik Abchasien vertrieben. Mit 200'000 waren die meisten der Verjagten Georgier. Nach einer temporären Rückkehr einiger Flüchtlinge kam es 1998 zu einer erneuten Vertreibung von rund 40.000 Menschen. Laut der Volkszählung von 2005 lebten damals 125'000 bzw. 45% Abchasen, 60'000 bzw. 18,2% Armenier und nur noch 22'000 bzw. 12,9% Georgier in Abchasien. Die Sezession hat folglich in Abchasien zu einer ethnischen Säuberung geführt, deren Opfer weitgehend Georgier waren.



Gründe für den Zeitpunkt des Krieges vom August 2008

Gründe für den Zeitpunkt des Krieges im August 2008 gibt es viele. Nachdem Kosovo im Februar 2008 für unabhängig erklärt und von bis heute 45 Staaten anerkannt wurde, sahen es die Russen an der Zeit, dass in Südossetien ähnliche Fakten geschaffen werden.

Der georgische Präsident Saakaschwili liess sich von den Russen provozieren, marschierte in Südossetien ein und lieferte so Putin - je nach Perspektive - einen Grund bzw. einen Vorwand für die militärische Intervention.

Präsident Saakaschwili liess sich wohl von der verbalen Unterstützung des Westens zur Annahme verleiten, dieser würde geschlossen hinter ihm stehen. Die vom Präsidenten angestrebte Aufnahme in die EU ist zur Zeit eine Illusion. Georgien ist zwar seit dem Oktober 2004 durch den Individual Partnership Action Plan mit der NATO verbunden, und die USA befürworteten die Aufnahme Georgiens in die NATO, doch im April 2008 lehnte die NATO trotz dem drängen der USA die Aufnahme Georgiens in den NATO Membership Action Plan ab.

Zudem leistete sich Bundeskanzlerin Merkel einen aussenpolitischen Fauxpas, indem sie erklärte, ein Land mit ungeklärten Konflikten könne nicht Mitglied der NATO werden. Russland folgerte korrekt, dass die NATO-Mitgliedschaft Georgiens durch die Schürung des Konfliktes um Südossetien ganz einfach zu verhindern ist.

Präsident Saakaschwili hätte also mehrfach gewarnt sein sollen. Stattdessen gebärdete er sich als Feuerkopf und Populist, der auf der nationalistischen Klaviatur spielte. Es war im vornherein klar, dass sich der Westen und die NATO in keine militärische Konfrontation mit der Nuklearmacht Russland hineinziehen lassen würden.

Südossetien wollte ohnehin nicht befreit werden. Die verfassungsmässige Ordnung in der abtrünnigen Provinz wieder herstellen zu wollen war eine legalistische Argumentation. Die Realität der Kräfteverhältnisse vor Ort ist eine andere. Die Osseten wollen zu Russland gehören. Dass sie in einigen Jahren ihren Schritt bitter bereuen könnten, wenn sich Putins Russland weiterhin in eine autoritäre Richtung entwickelt, steht auf einem anderen Blatt.

Präsident Saakaschwili

Der 1967 in Tiflis geborene Hitzkopf Micheil Saakaschwili ist seit 1993 mit einer Niederländerin verheiratet. Er studierte Recht am Institut für Internationale Beziehungen in Kiew. Er arbeitete in Westeuropa und den USA. In New York war er als Anwalt tätig. Danach betätigte er sich als Öllobbyist.

Saakaschwili sollte sich auf seine Zeit am Norwegischen Institut für Menschenrechte in Oslo, beim Georgischen Menschenrechtskomitee in Tiflis, sein Diplomstudium am Internationalen Institut für Menschenrechte in Strassburg, sein Magisterstudium an der Columbia University und seine Promotion an der George Washington University in der amerikanischen Hauptstadt zurückbesinnen.

Präsident Saakaschwili war einer der Anführer der Rosenrevolution von 2003 gewesen. In letzter Zeit benahm er sich öfters autoritär gegenüber Oppositionellen, soll sich einige Affären geleistet und weniger dem Kampf um mehr Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft und weniger Korruption gewidmet haben. Der verlorene Krieg könnte ihn wieder zur Raison bringen. Vielleicht ist seine politische Uhr aber auch bereits abgelaufen, obwohl er noch am 5. Januar 2008 als Präsident Georgiens in einer vorgezogenen Wahl bestätigt wurde.




Eingefügt am 11.8.2008: Karte von Georgien. © Copyright World Sites Atlas. Wenden Sie sich an Michael Borop at World Sites Atlas, falls Sie diese oder eine Karte verwenden möchten.

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