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Obama und die
Zukunft der Welt
Artikel vom 5. November 2008
Ein historischer Moment - ein
Präsident mit vielen Fragezeichen
Die Amerikaner haben am 4. November 2008 gewählt. Der neue
Präsident heisst Barack Obama. Als erster Afroamerikaner an der Spitze der USA
schreibt er Geschichte. Dass Barack Obama kein unumstrittener Kandidat war,
zeigt sich in der angesichts der Krise relativ engen Wahl von 52% zu 47%.
Alle Welt liebt Barack Obama. Auf die Gefahr hin, als besserwisserischer
schlechter Verlierer apostrophiert zu werden, möchte ich allerdings auf die
Ironie der Geschichte hinweisen. Bisher ist Obama vor allem mit Büchern über
sich selbst und blumigen Reden - vor allem mit der Hilfe von Telepromptern -
aufgefallen. In der Zukunft werden erstmals Taten folgen müssen. Immerhin hat er mit seiner
brillanten Wahlkampagne gezeigt, wie man gewinnen kann, auch wenn er dabei
durchgehend John McCain als neuen Bush hinstellte, was jeder Grundlage entbehrte
Barack Obama hatte ursprünglich einen Plan für den Irak, nach dem heute bereits
alle Truppen zurück in den USA wären. Die Folge wäre wohl ein Bürgerkrieg im
Irak gewesen. Zum Glück hat Obama noch nie etwas durchgesetzt. Stattdessen wurde
die von General Petraeus und John McCain - wie auch vom besserwisserischen
Schreibenden - seit Jahren vertretene Strategie des
„Surge“ durchgesetzt. Mehr Truppen und bessere Zusammenarbeit mit den Irakern.
So sorgte McCain indirekt dafür, dass die Verteidigungspolitik und der „Krieg
gegen den Terror“ in die zweite Linie der Prioritäten der Amerikaner rückten.
Barack Obama sollte auch George W. Bush danken. Colin Powell und später
Condoleezza Rice hob er in höchste Ämter, wo sie den Amerikanern bewiesen, dass
Afroamerikaner in Führungsposten gute Arbeit leisten können. Die Wiege der
Menschheit liegt übrigens in Afrika, weshalb wir alle Afrikaner sind.
Ein fast aussichtsloser Kampf für McCain
Der abtretende Präsident wird nicht nur als Bush der Folterer in die Geschichte
eingehen. Er hat sicher nicht alleine die Wirtschaft in den Dreck gefahren. Doch
finanzpolitisch hat der Republikaner versagt, die Zügel schleifen lassen, in
acht Jahren die Staatsschulden verdoppelt und riesige Defizit angehäuft anstatt
haushälterische Disziplin zu zeigen. In der Hypotheken-, Banken- und Finanzkrise
sah er nicht gut aus.
Angesichts von Bushs Desastern in der Aussen-, Militär-, Finanz- und Wirtschaftspolitik ist John
McCains Wahlresultat ehrenvoll. Doch auch er muss sich Fragen stellen lassen. So
unglaublich es klingt, er hätte sogar gewinnen können.
Doch sein negativer Wahlkampf mit Werbeclips, die an Bushs Taktik 2000 gegen ihn
selbst erinnerte, beschädigte sein Image als ehrlicher „Maverick“. Sein
Wahlkampf war schlecht organisiert. Dabei hätte er gewarnt sein sollen. Wer wie
Obama die gut geölte Wahlmaschine der Clintons schlägt, muss ernst genommen und
auf der „Grassroots“-Ebene bekämpft werden.
McCains Wahlkampf war nicht fokussiert genug. Er sprang von einem Thema zum
anderen. Es hätte gereicht, die Wahlspots mit Hillary Clintons Aussage zu
senden, im Gegensatz zur ihr und McCain habe Obama als leistungspolitischen
Ausweis nur die Rede, die er am Parteitag der Demokraten 2004 gehalten habe,
vorzuweisen. Obama als blumigen, sozialdemokratischen Schönredner zu bezeichnen
hätte genügt. Übertreibungen und Tritte unter die Gürtellinie, mit denen er sich
zuletzt selbst schadete, hätte McCain unterlassen sollen.
McCain machte den verhängnisvollen Fehler, am Tag, an dem die Hypotheken- und
Finanzkrise akut wurde und zum 700 Milliarden-„Bailout“ führte, die Fundamente
der amerikanischen Wirtschaft als gesund zu bezeichnen. Nur wenige Stunden nach
dieser Aussage musste er um 180 Grad herumschwenken.
Weitere Limiten von Präsident Obama
Wie McCain, so hat Obama keine Exekutiverfahrung. Im Gegensatz zu McCain hat er
zudem keine überparteilichen Projekte im Senat durchgesetzt. Sein ganzer
Wahlkampf unter dem Titel es gibt keine roten (republikanischen) Staaten und
keine blauen (demokratischen) Staaten, sondern nur die Vereinigten Staaten von
Amerika, war unglaubwürdig. Barack Obama war seine ganze Karriere lang ein stramm links Wählender
Demokrat (zu 96-97%). Er hat sich bisher nicht als überparteilicher Politiker
hervorgetan. Die „bipartisan efforts“, die er im Wahlkampf zitierte, waren Fälle, in
denen zum Beispiel 98 von 100 Senatoren für eine Vorlage waren. Mit anderen
Worten, alle sind nun plötzlich „bipartisan“.
Barack Obama kommt aus einer politisch linken Ecke von Chicago. Deshalb seine
Bekanntschaften mit den Pastoren Jeremiah Wright und
Michael Pfleger sowie seine
Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Terroristen Bill Ayers. Das bedeutet nicht, dass Obama wie Wright denkt, dass die amerikanische
Regierung den HIV-Virus in die Welt setzte, um die Afroamerikaner auszurotten,
oder wie der ehemalige Terrorist Bill Ayers Gewalt als politisches Mittel betrachtet. Doch er kommt aus einer
radikalen linken Ecke. Er hat sich allerdings zum moderaten Linken
entwickelt. In europäischen Termini könnte man ihn als Sozialdemokraten
bezeichnen. Doch sozialdemokratische Rezepte führen auf eine schiefe Ebene, die
zu einem langsamen Niedergang führen, wie die Geschichte der Bundesrepublik
Deutschland zeigt. Anders als Clinton war Obama bisher alles andere als ein
Zentrist, völlig im Gegensatz zu seiner Wahlkampfaussage.
Natürlich ist der Zustand mit rund 50 Millionen oder 15% Amerikanern ohne
Krankenversicherung unhaltbar. Doch marktwirtschaftliche Rezepte und nicht ein
sozialstaatliches Fass ohne Boden müssen die Grundlage für eine Lösung bieten.
Wirtschaftspolitisch hat sich Obama im Gegensatz zu John McCain als
Subventionsreiter und Protektionist gebärdet. Die Krise von 1929 zeigt, dass die
Welt heute mehr den je Freihandel braucht. In Frankreich meinte Präsident Sarkozy allen Ernstes, französische
„Schlüsselindustrien“ schützen zu müssen. Zudem führt er ja bereits die
agrarprotektionistische Politik von Chirac fort. Frau Merkel in Deutschland
gibt sich inzwischen auch vermehrt staatsinterventionistisch. Amerika muss
Gegensteuer geben. Obama kann mit der Wahl seines Finanz- und seines
Wirtschaftsministers erste Zeichen setzen.
Die Hypotheken-, Finanz- und Wirtschaftskrise hat wieder allerlei Kommunisten,
Sozialisten, Sozialdemokraten und andere Staatsinterventionisten aus ihren
Löchern getrieben. Alle wolle sie nun die „Welt retten“. Ordoliberalismus
bedeutet, dass der Staat so stark ist, dass er die Einhaltung der Marktregeln
mit harter Hand durchsetzen kann.
Warum ging in den USA niemand gegen das Klumpenrisiko der Hypothekengiganten
Fannie Mae und Freddie Mac vor? Sie kontrollierten die Hälfte aller Hypotheken
in den USA. Hätte man sie in 1000 gleichgrosse Gesellschaften aufgeteilt, so
wäre noch immer jede der Firmen mit je fünf Milliarden an verwalteten Hypotheken
bedeutend gewesen. Wären ein paar davon untergegangen, hätte dies den Markt
nicht erschüttert.
An der Wall Street herrschten fünf Investmentbanken. Das nennt man gemeinhin ein
Oligopol. Wir Schweizer sollten übrigens ganz still sein. Ich erinnere mich noch
gut an die Wirtschaftsredaktoren, die voller Feuer für die Fusion von Bankverein
und Bankgesellschaft zur UBS eintreten. Keine Bank sollte „too big to fail“
sein. Konkurrenz belebt das Geschäft. Vor rund 100 Jahren zerschlug der United
States Supreme Court den Ölgiganten Standard Oil. Daran sollten sich Barack
Obama und seine Regierung orientieren. Neben dem Recht auf Erfolg gibt es das
Recht auf Misserfolg. Eine gesunde Wirtschaft muss unrentable Firmen untergehen
lassen und nicht mit Staatsgeldern retten. Bisher trat Barack Obama konsequent
für höhere Steuern, Subventionen und Staatsinterventionen ein.
„Let's Hope that Obama will Change“! Die Welt braucht einen Zentristen im
Weissen Haus, der für Freihandel und eine verantwortungsvolle weltpolitische
Rolle der USA einsteht, in Zusammenarbeit mit der EU und anderen Verbündeten,
die sich ihrer Rolle allerdings ebenfalls bewusst werden sollten und ihren
Worten Taten folgen lassen sollten. Die Zukunft - zumindest für vier Jahre -
gehört Barack Obama. Wir alle müssen ihn unterstützen. In der vernetzten,
globalisierten Welt ist sein Scheitern auch unser Scheitern, sein Erfolg auch
unser Erfolg.
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