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Israels Krieg gegen
die Hamas
Artikel vom 7. Januar 2009
Gestern diskutierte der UN-Sicherheitsrat über Israels Krieg
gegen die Hamas im Gazastreifen. Zuvor hatten die Israeli drei von den Vereinten
Nationen (UNRWA) für palästinensische Flüchtlingskinder gebaute Schulen
bombardiert. Bei einem Angriff kamen Dutzende von Zivilisten zu Tode. Solche
Desaster sind unvermeidlich in einem asymmetrischen Krieg.
Die militärisch völlig unterlegenen Kämpfer der Hamas führen eine Art
Guerilla-Krieg, verstecken sich zwischen der eigenen Zivilbevölkerung und
schrecken nicht vor reinen Terrorschlägen gegen die israelische Bevölkerung
zurück. Die viel zitierten Kassam-Raketen sind typische
Waffen der Armen. Billig in der Herstellung, aber unpräzise. Seit Jahren
terrorisieren die palästinensischen Kämpfer damit nahe Gaza gelegene Siedlungen,
Dörfer und Städte der Israeli. Kaum jemals kommt dabei jemand zu Tode, doch die
Zivilbevölkerung wird so regelmässig terrorisiert. Der Zustand ist unhaltbar und
die israelische Regierung musste dagegen vorgehen, insbesondere weil Wahlen vor
der Tür stehen und bei Stillehalten der Likud-Chef und Oppositionsführer
Benjamin Netanjahu noch mehr Auftrieb erhalten hätte.
Premierminister Olmert, der durch Korruptionsvorwürfe schwer beschädigt ist,
aber noch immer nicht die Kraft gefunden hat, zurückzutreten, der bis vor dem
Krieg im Gegenwind stehende Verteidigungsminister Ehud Barack, der durch den
Krieg am meisten Auftrieb erhalten hat, sowie die neue Kadima-Führerin, Tzipi
Livni, die zuvor keine Regierung bilden und daher Olmert nicht beerben konnte,
scheinen den gesunden Menschenverstand über Bord geworfen zu haben.
Natürlich sind in einem Krieg gegen einen völlig unterlegenen Gegner zuerst „Siege“
möglich. Doch wie wollen die israelischen Soldaten Tausende über den
Gazastreifen verstreute Kassam und andere Raketen unter ihre Kontrolle bringen?
Der Gazastreifen hat die Grösse des Kantons Schaffhausen, doch legen dort 1,5
Millionen Menschen. Einen Krieg auf einem der dicht besiedeltsten Gebiete der
Erde zu führen ist verantwortungslos, humanitär und politisch.
Zu Beginn des Krieges gegen die Hamas standen 80% der Israeli hinter der Aktion.
Doch mit zunehmenden Opfern unter der palästinensischen Bevölkerung dürfte die
anfängliche Kriegsbegeisterung rasch abnehmen. Da das weltweite PR-Desaster
sofort da war, sagten sich wohl einige Regierungsmitglieder, sollten wir die
Aktion gleich durchziehen. Natürlich sind Bodentruppen nötig. Doch in riesiger
Anzahl, um jeden Widerstand zu ersticken, den Gazastreifen völlig zu besetzen
und einen Regimewechsel herbeizuführen. Nur um den Raketenbeschuss zu stoppen
Tausende von zivilen Opfern in Kauf zu nehmen, lässt sich der Weltöffentlichkeit
nicht vermitteln. Doch wie erwähnt, im Fall des dichtbesiedelten Gaza mit einem
auf Terrormethoden sich abstützenden Gegner scheint ein Sieg so gut wie
ausgeschlossen.
Mittelfristig werden Verteidigungsminister Barak und Aussenministerin Livni sich
stark beschädigen. Livni galt vor dem Krieg als Hoffnungsträgerin. Eine integre
Frau, im Korruptionsdschungel Israel fast schon eine Lichtgestalt, die zudem
keine ehemalige Generalin, wie die meisten ihrer Konkurrenten ist, hätte
durchaus frischen Wind in die Nahostpolitik bringen können. Doch ihr
Propagandakampf an vorderster Front für diesen wohl aussichtslosen Krieg
unterminiert ihre Glaubwürdigkeit. Barak und Livni können sich keine „Niederlage“
leisten, weshalb der Krieg weitergeht.
Das Medienecho im arabischen Raum ist gewaltig und weitgehend einseitig. Der
Krieg dürfte zahllose neue Terroristen und willige Selbstmordattentäter
schaffen. Im schlimmsten Fall dürfte Israel in die Zeit vor wenigen Jahren
zurückfallen, als Palästinenser sich und unschuldige Zivilisten serienweise in
die Luft sprengten.
Aus der Ferne betrachtet scheint die Hamas mutwillig den Waffenstillstand mit
Israel gebrochen zu haben, um eine Militäraktion - wenn wohl auch nicht in
diesem Umfang erwartet - zu provozieren. Denn nun kann die Hamas von ihrem
politischen Versagen ablenken. Die meisten Probleme in Gaza sind hausgemacht.
Hamas hat es nicht verstanden, sich von einer Terrororganisation und
Oppositionskraft in eine verantwortungsvolle Regierungskraft zu verwandeln.
Die Regierung Olmert ihrerseits hat nichts Konstruktives zur Bildung eines
Palästinenserstaates beigetragen. Scharon hatte einst als Argument, dass seinem
Ansprechpartner Arafat nicht zu trauen war. Allerdings hat er dabei
unterschlagen, dass ihm ebenfalls nicht zu trauen war.
Der Fall von Olmert liegt anders. Mit Präsident Abbas hat er seit 2005 einen
vertrauenswürdigen Partner. Seit 2007 steht mit Regierungschef Fayyad zudem noch
ein fähiger Premierminister als Ansprechpartner zur Verfügung. Eine solche
Chance zu einem dauerhaften Frieden wie mit den vernünftigen Herren Abbas und
Fayyad hat sich Israel noch nie geboten. Olmert zog es wie Scharon vor, die
Schaffung eines lebensfähigen Palästinenserstaates hinauszuzögern, allenfalls
bis zum Sanktnimmerleinstag.
Premierminister Olmert ist ein Meister im Umgang mit Staatsmännern. Doch ausser
folgungslosen Gesten und leeren Versprechungen hat er Abbas und Fayyad nichts
geboten. Sie stehen als von Israel benutzte Idioten mit leeren Händen da. Olmert
hätte das Westjordanland mit aufbauen helfen sollen, als leuchtendes und
prosperierendes Gegenbeispiel der Kooperation zum nicht lebensfähigen Hamastan
im Gazasteifen, das als Folge des
Bürgerkriegs zwischen Hamas und Fatah 2007 entstand.
Abbas sollte allerdings auch in sich gehen. Er hat es nicht verstanden, die
korrupte und unfähige Fatah zu erneuern. Die Palästinenser werden bei den
nächsten Wahlen nicht einfach Fatah die Stimme geben, auch wenn viele inzwischen
vielleicht ihre Protestwahl mit
Stimmen für die Hamas bereuen. Sollte sich die Fatah nicht erneuern können, ist
endgültig die Zeit für die Gründung einer neuen Partei gekommen. So geht es
nicht weiter.
Seit langem ist klar, dass ein dauerhafter Friede nur mit einem Ende von
Raketenbeschuss und Attentaten, mit der Anerkennung Israels durch die Fatah, die
Hamas und die Palästinenserregierung sowie mit einem Ende der israelischen
Siedlungspolitik und einer konstruktiven Politik zwischen den beiden Völkern
möglich ist. Jerusalem als Regierungssitz für die Israeli und die Palästinenser
könnte ein Symbol mit internationaler Ausstrahlung werden. Doch der Wille fehlt
noch immer. Vielleicht schaffen es Obama und Clinton, neuen Wind verfahrene
Situation zu bringen. In den nächsten vier Jahren könnte eine definitive Lösung
durchaus zu erreichen sein, wenn sie denn bereits im Januar 2009 angegangen wird
und die israelischen Wahlen vom 10. Februar keine Blockadepolitiker an die Macht
bringen.
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