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Iran nach den Wahlen
Artikel vom 27. Juli 2009
Am Monatsanfang zitierte ich im
französischen Artikel zur iranischen Präsidentschaftswahl vom 12. Juni
den im deutschen Exil lebenden Kritiker des Mullah-Regimes Bahman Nirumand
mit den Worten, der Term
„islamische Republik“ [korrigiert am 30.7.09: islamisch, nicht iranisch] sei ein Widerspruch in sich. Entweder gebe es einen
Gottesstaat, in dem der Revolutionsführer bestimme, oder eine Republik, in
der man sich nach dem Willen des Volkes richte. Dass eine Theokratie dem
Buchstaben des Korans und somit Gott folgt, während dem in einer Republik
freie Wahlen stattfinden und die demokratischen Institutionen und Freiheiten
respektiert werden, liegt auf der Hand. Diese Sicht der Dinge bekräftige
laut der iranischen Nachrichtenagentur Isna vor einer Woche das konservative Mitglied des Wächterrats
Ayatollah Mohammend Jasdi mit
den Worten, die Regierung sei von Gott und nicht vom Volk legitimiert.
Diesen wichtigen Punkt habe der frühere Präsident Rafsanjani (Rafsandschani)
und Moussavi-Unterstützer in seinem
Freitagsgebet ignoriert.
Im Iran von
„Wahlen“ zu sprechen macht keinen Sinn. Die vier
Präsidentschaftskandidaten waren vom Regime sorgfältig vorsortiert. Die
wirkliche Opposition konnte keine Kandidaten stellen bzw. ist längst im
Exil. Der Reformer Moussavi ist wie sein Mentor Rafsanjani ein Exponent des
bestehenden Regimes, das nicht monolithisch ist und sich in Reformer und
Konservative aufteilt. Doch alle Kandidaten waren Anhänger von Ayatollah
Khomeini (Chomeini). Sie streiten sich lediglich um die Interpretation seines Erbes.
Bei vier vom Wächterrat vorselektionierten Kandidaten dachte sich das Regime wohl nicht,
dass der Wählerandrang am 12. Juni 2009 besonders gross sein würde. Doch je
näher der Termin rückte, je grösser wurde das Wählerinteresse. Sah es zuerst
nach einer klaren Wiederwahl von Präsident Ahmadinejad (Ahmadinedschad) aus, so wurde dies je
länger je unsicherer. Viele Wähler sagten sich, wenn schon einen Exponenten
des Regimes, dann wenigstens einen
„Reformer“.
Doch die Wahlbeteiligung von rund 85% bzw. 39 Millionen Wählern wurde vom Regime
schlecht belohnt. Als dieses realisierte, dass die Wiederwahl
von Präsident Ahmadinejad auf der Kippe stand, wurde zum Wahlbetrug
geschritten. Falsche Wahlzettel wurden gedruckt und das Endresultat
zusätzlich gefälscht. Dass alle drei Gegenkandidaten in ihren jeweiligen
Hochburgen miserabel abschnitten, kann ausgeschlossen werden. Nicht klar
ist, wie massiv gefälscht wurde. Wäre es ganz eng geworden für den aktuellen
Präsidenten oder stand er schlichtweg auf verlorenem Posten?
Das offizielle Wahlresultat designierte Mahmoud Ahmadinejad zum Wahlsieger.
Seine Wiederwahl zum Präsidenten der Republik Iran mit 62,6% der Stimmen
gegenüber lediglich 33,7% für seinen schärfsten, ja einzig seriösen Rivalen,
Mir Hossein Moussavi (Mussawi), könne nicht angezweifelt werden, meinte der
oberste geistliche Führer Ayatollah Ali Khamenei. Daran ändere auch das
Faktum nichts, dass in einigen Wahlkreisen mehr Wahlzettel abgegeben wurden
als Wähler registriert waren. Die Kandidaten Mohsen Rezaï und Mehdi Karoubi
kamen übrigens auf 1,7% bzw. 0,9% der Stimmen.
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Doch da hatten Khamenei und Ahamadinejad die Rechnung ohne den Wirt, das
heisst viele empörte Wähler, gemacht, die sich mit
„Wo ist meine Stimme?“ Luft über die dreiste
Wahlfälschung machten. Westliche Medien wie das in Farsi ausgestrahlte
Programm der BBC haben sicher viele iranische Wähler erreicht, doch daraus
zu konstruieren, die Proteste in Iran seien vom Ausland gesteuert, sind
lächerlich. Die britischen Medien mokierten sich zurecht darüber, was für
wundervolle Macht ihrer Regierung plötzlich zugebilligt werde. Präsident
Obama, der sich zuerst auffallend mit Kritik zurückhielt, wurde zu Beginn
sichtlich vom aktuellen Regime geschont.
Iran ist im Vergleich zu Afghanistan ein
„modernes“ Land. Insbesondere die Städter sind gut informiert und
ausgebildet. Die Pressefreiheit ist zwar eingeschränkt und wurde nach den
Protesten gegen die Wahlfälschung noch weiter eingeschränkt, doch
insbesondere der städtischen Jugend, die sich im Internet auskennt, können
die Hardliner des Regimes keine Lügengeschichten mehr auftischen.
Dreissig Jahre nach der islamistischen Revolution ist im Iran Ernüchterung
eingetreten. Diese wird durch die weltweite Wirtschaftskrise noch verstärkt.
Das vom Westen verhängte Wirtschaftsembargo wird zwar wie praktisch immer in
solchen Fällen das Regime nicht in die Knie zwingen, doch im Fall von Iran
hat es zu veralteten Erdölanlagen geführt. Das Regime ist finanziell
ausgeblutet. Die Inflationsrate soll bei rund 30% liegen, die
Arbeitslosigkeit (offiziell bei 10%) wird auf mindestens 20% geschätzt.
Verständlich, dass bei solchen Zuständen die Jugend für sich keine
Perspektive sieht.
Hinzu kommen fehlende Freiheiten. Nicht nur zum Beispiel die Presse-,
Meinungs- und Versammlungsfreiheit, sondern schlicht und ergreifend die
Freiheit zu tun und zu lassen, was man will, fehlt den Iranern je länger je
mehr. Was als eine Auseinandersetzung zwischen
„Konservativen“ und
„Reformern“ innerhalb des Regimes begann, wuchs sich rasch zu einer
Infragestellung des Regimes als solches heraus. Moussavi kann man als eine
Art
„Gorbatschow“ deuten, doch wo bleibt bei diesem Bild der iranische
Jelzin?
Anders als Gorbatschow beim Ende der Sowjetunion scheinen Khamenei,
Ahmadinejad und ihre Anhänger gewillt, das
Staatsmonopol der Gewalt zum Machterhalt einzusetzen. Sie haben dies mit
ihrem brutalen Vorgehen gegen Demonstranten, was zumindest zu Dutzenden
Toten führte, bereits unter Beweis gestellt.
Die Diktator im Iran ist zwar nicht monolithisch, wie die
Präsidentschaftswahlen gezeigt haben, doch kann sich keine glaubwürdige
Opposition etablieren. Da die Medien nicht frei sind, können Alternativen
nicht formuliert werden. In einer solchen - vom Regime selbst verursachten -
Situation brodelt naturgemäss die Gerüchteküche. Durch die offensichtlich
gefälschten Wahlen und die darauffolgende Repression hat das Regime bei der
Mehrheit der Iraner die Glaubwürdigkeit verloren.
Wo liegen die Alternativen? Der
„oppositionelle“ Hoffnungsträger Mir Hossein Moussavi ist ein ehemaliger
Premierminister (das Amt wurde inzwischen abgeschafft). Er gilt zwar als
integer, was für einen iranischen Politiker die Ausnahme darstellt, doch
wurde in seiner Regierungszeit während des iranisch-irakischen Krieges
tüchtig gefoltert und Zehntausende verschwanden in den Gefängnissen. Der
Westen bekleckerte sich damals ebenfalls nicht mit Ruhm mit seiner
Unterstützung von Saddam Hussein, der Chemiewaffen sowohl gegen die Iraner
wie auch die Kurden im eigenen Land einsetzte. Ist Mir Hossein Moussavi
heute ein geläuterter Mann? Wer weiss. In jedem Fall gehört er nach wie vor
zu den Verteidigern der Revolution von Ayatollah Khomeini. Die iranischen
Präsidentschaftskandidaten von 2009 streiten sich nur um die Auslegung des
Erbes des 1989 verstorbenen politischen und religiösen Führers.
Moussavi zählt auf die Unterstützung des ehemaligen Präsidenten Ali Akbar
Hashemi Rafsanjani. Er hat sich wie so viele religiöse Führer im Land
schamlos bereichert, wobei seine Familie allerdings schon zuvor vermögend
war und als geschäftstüchtig gilt.
Rafsanjani
soll der reichste Mann im Iran sein. Beim Volk sind er und sein Klan nicht
sehr beliebt. Rafsanjani hat viel zu verlieren und ist daher
vorsichtig. An seiner Unterstützung für Moussavi und seiner Kritik an
Khamenei, Ahmadinejad und den Ereignissen seit der Wahl hält er allerdings
fest, auch wenn er betont, es geben keinen Machtkampf innerhalb des Regimes,
und er sei ein langjähriger Freund von Khamenei.
Rafsanjani gilt als religiöser Führer qualifizierter als Khamenei. Zudem
führt er seit September 2007 den Vorsitz im Expertenrat, der den
Revolutionsführer wählt und so theoretisch Khamenei absetzen könnte. Obwohl
einige religiöse Führer mit dem aktuellen Regime unzufrieden sind, so
konnten sich Rafsanjani und ähnlich Gesinnte nicht zum radikalen Versuch der
Absetzung des Obersten Rechtsgelehrten durchringen.
Neuwahlen wären die einzige Chance, die Macht im Iran neu zu legitimieren.
Freie und faire Wahlen sind das Fundament jeder Republik. Die Mehrheit in
der Diktatur Iran weiss dies. Nicht nur viele Anhänger der
„Reformer“ um Moussavi, Rafsanjani sowie Vertreter der kritischen Presse
sitzen im Gefängnis. Mohsen Mirdamadi, der Generalsekretär der
Partizipationsfront des islamischen Iran, der grössten Reformpartei Irans,
sitzt seit den Präsidentschaftswahlen von 2009 ebenfalls im Gefängnis.
Mirdamadi gehörte übrigens zu den Anführern der Studenten, die 1979 die
amerikanische Botschaft in Teheran stürmten und die dortigen US-Bürger in
Geiselhaft nahmen. Bei den Wahlen 2005 durfte er sich - wie so viele andere
- auf Grund einer Entscheidung des Wächterrats erst gar nicht als Kandidat
präsentieren.
Im Moment haben sich im Iran Khamenei, Ahmadinejad und der ultrakonservative
Mesbah Yazdi durchgesetzt. Da sie über das Gewaltmonopol verfügen, das sich
im Iran auch auf parastaatliche Schlägertrupps erstreckt, wird sich an der
politischen Machtsituation kurzfristig kaum etwas ändern lassen. Doch die
Präsidentschaftswahl 2009 dürfte sich als Pyrrhussieg herausstellen. Die
Iraner wissen wie einst die DDR-Bürger: Wir sind das Volk! Das Mullah-Regime
wankt. Es kann sich nur an der Macht halten, weil die Konservativen vor dem
Zusammenschlagen und Zusammenschiessen von Demonstranten, vor dem Verbot von
Zeitungen, vor der Verhaftung von Regimegegnern und kritischen Journalisten
nicht zurückschreckt.
Das aktuelle Regime wird um Reformen und Konzessionen nicht herumkommen, um
die Gunst eines Teils der Wähler wieder zu gewinnen. Die Machtbasis ist
morscher als gedacht. Wer zu spät kommt, den bestraft früher oder später das
Leben.
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