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Seymour Hersh Die Befehlskette
Vom 11. September bis Abu Ghraib

Artikel vom 16. Oktober 2004
 
Der 1937 in Chicago geborene Journalist und Pulitzer-Preisträger von 1970 Seymour M. Hersh erlangte erstmals 1969 Berühmtheit durch die Bekanntmachung des Massakers, das die Soldaten der 11. Infanteriebrigade der US Army im Jahr zuvor an der Bevölkerung des vietnamesischen Dorfes My Lai verübt hatten. Seither hat er sich immer wieder kritisch zu Wort gemeldet. Sein letzter Coup war die Aufdeckung des Gefängnisskandals von Abu Ghraib.

Hersh hatte seine Erkenntnisse zu den Ereignissen seit den Attentaten vom 11. September 2001 bis zum Folterskandal von Abu Ghraib in Buchform unter dem Titel Die Befehlskette gleichzeitig in mehreren Ländern auf den Markt gebracht. Das Buch beruht weitgehend auf seinen in der Zeitschrift The New Yorker veröffentlichten 26 Hintergrundartikeln.

"Sy" legt seine Quellen praktisch nie offen. Doch The New Yorker besteht auf einer rigorosen Prüfung, weshalb den die Artikel bearbeitenden Redakteuren die anonymen Quellen bekannt sind. Es wird überprüft, welche Ziele sie möglicherweise verfolgen und ob man ihnen trauen kann.

Die Befehlskette beginnt mit den aktuellen Artikeln zu Abu Ghraib, beginnt danach aber chronologisch mit vom Versagen der Geheimdienste im Zusammenhang mit dem 11. September. Bereits 1999 beklagte Hersh im New Yorker hellsichtig den Rückgang der analytischen Kapazitäten in der National Security Agency, deren Kürzel NSA lange als "No Such Agency" interpretiert wurde, da offiziell die Existenz dieses US-Geheimdienstes jahrelang bestritten wurde.

Daneben setzt sich Hersh in Die Befehlskette mit der Korruption im saudischen Königshaus, mit dem Iran, Nordkorea, der Türkei, Israel und den Kurden, mit dem skandalösen Umgang der US-Regierung mit der pakistanischen Nuklearmacht und der Nuklearproliferation durch den Vater der pakistanischen Atombombe, A. Q. Khan, auseinander.

Der "kreative" Umgang mit und die selektive Wahrnehmung von Informationen und Dokumenten, echten und gefälschten, die als Kriegsgrund gegen Saddam Hussein herhalten mussten, bildet ein weiteres Kapitel von Hershs Buch.

Was man dem Autor formell vorwerfen kann, sind die nicht immer leserfreundlichen Texte und der fehlende Index. Hersh zitiert detailliert Quellen, ohne immer klar zu machen, was er davon hält. Grundsätzlich ist Hersh zu entgegnen, dass der Krieg gegen den Irak notwendig war, denn Saddam Hussein war das Problem, Massenvernichtungswaffen hin oder her. Chemische und biologische hat er zudem früher besessen und gegen die Iraner wie auch die Kurden im eigenen Land skrupellos eingesetzt. Hätte man die Sanktionen,  wie von den Franzosen gewünscht, aufgehoben, hätte der Diktator erneut zusätzliche Milliarden gehabt, um seine Macht zu festigen, neue Massenvernichtungswaffen zu beschaffen, vielleicht sogar nukleare, um dadurch "unangreifbar" zu werden, siehe Pakistan und Nordkorea.

Doch Hersh bietet inhaltlich viel Substanz, die er oft als erster recherchiert hat. Er hat nicht nur den Skandal von Abu Ghraib aufgedeckt, sondern bereits im März 2003 darauf hingewiesen, dass zuwenig Truppen im Irak seien, um das Land zu kontrollieren, was sich nach dem Sieg tatsächlich als Achillesferse der Besatzung entpuppen sollte. 

Hersh schreibt, dass sowohl Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice als auch Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bereits im Herbst 2002 über die Probleme in Guantánamo unterrichtet wurden. Rice drängte Rumsfeld, sich darum zu kümmern, doch dieser kam seinem Versprechen nicht nach und tat nichts.

Rice und Rumsfeld hätten damals übrigens als wenige Eingeweihte von einem streng geheimen Dokument Kenntnis, laut dem der Präsident "Ende 2001 oder Anfang 2002" (so Hersh) das Verteidigungsministerium ermächtigt hatte, eine geheime Sondereinheit zu bilden. Diese wurde ermächtigt, weltweit "ohne Rücksicht auf diplomatische Erfordernisse oder internationales Recht [...] <hochkarätige> al-Qaida-Mitglieder dingfest zu machen - und [...] nötigenfalls auch [zu] töten."

Nach den Enthüllungen um die Versuche der CIA, in den 1960er Jahren Fidel Castro und andere feindliche Staatschefs zu ermorden, kam 1975 ein US-Senatsausschuss zum Schluss, dass derartige Verschwörungen "gegen die moralischen Gebote verstossen" und die USA ihre Handlungen nicht "nach dem Massstab totalitärer Regime ausrichten sollten". 1976 unterzeichnete Präsident Ford einen noch heute gültigen Regierungserlass, der politischen Mord untersagt. Präsident George W. Bush hat eben diesen Erlass ausser Kraft gesetzt und den politischen Mord rehabilitiert. Zu den geheimen potentiellen Mordbrigaden gehören ebenso geheime Gefängnisse, in denen allenfalls ungehindert gefoltert werden kann.

Hersh verweist darauf, dass das Foltern gegen US-Bundesgesetze sowie gegen die 1994 von den USA ratifizierte UN-Folterkonvention verstösst. Er offeriert zudem weitere Elemente, die belegen, dass die Behauptung der Administration Bush, es handle sich beim Folterskandal um Verfehlungen Einzelner, nicht aufrecht erhalten werden kann. Guantánamo bezeichnet er als Testlauf für Abu Ghraib. Memoranda belegen die Diskussionen um Foltermethoden, die nicht unter die Definition Folter fallen sollten. Dabei hat Hersh nicht einmal alle zum Beispiel in der Washington Post publizierten Memoranda ausführlich unter die Lupe genommen; der Schreibende hat diese übrigens im Artikel Folter im Irak verarbeitet.

Hersh verweist darauf, dass in den Monaten vor der Irak-Invasion vom März 2003 die sexuelle Erniedrigung als Schwachpunkt der Araber unter konservativen Kriegsbefürwortern in Washington ein Gesprächthema gewesen sei. Dabei sei häufig die Studie The Arab Mind des 1996 verstorbenen Raphael Patai aus dem Jahr 1973 zitiert worden. Es enthält ein Kapitel von 25 Seiten zum Thema Araber und Sex. Laut Patai ein Tabuthema, das mit Schande und Repression beladen sei. Laut Hersh hätten die erwähnten konservativen Kreise aus der Lektüre geschlossen, dass die Araber nur die Sprache der Gewalt verstünden und sexuelle Schande und Demütigung ihre grösste Schwäche seien. Die Bilder von Abu Ghraib scheinen diese These der "Inspiration" zur Folter zu bestätigen.

Ein weiterer, von Seymour M. Hersh nicht behandelter dunkler Punkt hat die TV-Sendung Panorama am 2. September 2004 zur Sprache gebracht, sich dabei auf Aussagen der Bürgerrechtsorganisation ACLU stützend.

US-Justizminister John Ashcroft war im Iraq für den Aufbau des Gefängnissystems verantwortlich. Ashcroft ernannte Lane McCotter zum Gefängnischef im Irak. Dabei war dieser von der Bürgerrechtsorganisation ACLU wegen Misshandlung von Gefangenen verklagt worden, wobei ein Schizophreniekranker ums Leben gekommen war. Nach dem Skandal von 1997 musste Lane McCotter das Gefängnis in Utah verlassen. Er wechselte zu einer privaten Gefängnisfirma in New Mexico. 2003 verfasste Ashcrofts Justizministerium darüber einen Bericht, in dem von sadistischen Quälereien die Rede war. Kurz darauf eröffnete McCotter zusammen mit Paul Wolfowitz, dem stellvertretenden amerikanischen Verteidigungsminister, das ab da unter US-Kontrolle stehende ehemalige Foltergefängnis von Saddam Hussein, Abu Ghraib.

Ashcroft machte zudem John Armstrong zum stellvertretenden Leiter des Gefängnissystems. Laut ACLU war Armstrong zuvor Beauftragter für den Strafvollzug im Bundesstaat Connecticut. Unter seiner Führung starben dort mehrere Menschen auf Grund brutaler, unmenschlicher Haftbedingungen. Anfang 2003, kurz vor dem Irakkrieg, verlor er deshalb seinen Posten. Kurz darauf wurde er von Ashcroft nach Abu Ghraib entsandt.

Um Gefängniswärter auszubilden, entsandte Ashcroft Gary DeLand in den Iraq. Laut ACLU wurde DeLand wegen Misshandlung und mangelhafter medizinischer Behandlung von Gefangenen mehrfach angeklagt.

Es gibt keine Beweise dafür, dass die drei Gefängnisverantwortlichen McCotter, Armstrong und DeLand an den amerikanischen Folterungen in Abu Ghraib beteiligt waren, doch es braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, dass ihre Anwesenheit zumindest ein Klima favorisierte, das den Skandal möglich machte.

Zudem verweist Gore Vidal darauf, dass die Zustände in den texanischen Gefängnissen miserabel sind. Dort sitzen zudem - wie in anderen Bundesstaaten auch - unschuldig Verurteilte in Todeszellen. Insbesondere DNA-Tests habe bereits einige Justizirrtümer in den USA zu Tage gefördert. Dennoch hatte Präsident Bush als Gouverneur von Texas keine Bedenken bezüglich der Todesstrafe. An den schlechten Zuständen in den Gefängnissen seines Bundeslandes änderte er nichts. Daher fehlte Präsident Bush wahrscheinlich die ethische Kompetenz, frühzeitig zu erkennen, dass im Krieg gegen den Terror eine Richtung eingeschlagen wurde, die zur Folter führen sollte - das ist wohlgemerkt die freundlichste Deutung der Ereignisse.

Es gibt zu viele Spuren, die vom 11. September nach Abu Ghraib führen. Seymour "Sy" M. Hersh und Bürgerrechter wie die von der ACLU tragen hoffentlich dazu bei, dass sich in der Zukunft nichts derartiges mehr ereignet. Aus dem Vietnam-Desaster scheinen manche Amerikaner in Führungspositionen nichts gelernt zu haben. Nur massiver öffentlicher Druck kann bewirken, dass diesmal dauerhafte Konsequenzen bezüglich der Respektierung der Menschenrechte gezogen werden.

Am 18. Oktober 2004 ergänzt:
Hershs Sicht der Ereignisse wird im Epilog am klarsten, in dem er einige rhetorische Fragen aufwirft: "Wie konnten sich acht oder neun neokonservative Ideologen, die in einem Krieg gegen den Irak die Antwort auf den internationalen Terrorismus sahen,
auf der ganzen Linie durchsetzen? Wieso konnten sie so mühelos die amerikanische Regierung umsteuern und festgelegte Prioritäten über den Haufen werfen? Wie gelang
es ihnen, die Bürokratie auszuspielen, die Presse einzuschüchtern, den Kongress hinters Licht zu führen und sich das Militär unterzuordnen? Ist unsere Demokratie wirklich so fragil?"

Quellen, weiterführende Literatur

Seymour M. Hersh: Die Befehlskette. Vom 11. September bis Abu Ghraib. Rowohlt, 2004, 399 S. Buch bestellen bei Amazon.de oder citydisc Schweiz. Englische Ausgabe: Chain of Command. The Road from 9/11 To Abu Ghraib. Harper Collins, 2004. Get the book from Amazon.com or Amazon.co.uk.

TV-Sendung Panorama Nr. 644 vom 2. September 2004: "Sadisten aus Überzeugung? Die dunkle Vergangenheit der Gefängnischefs von Abu Ghraib."

9/11 Commission Report. The Full Final Report of The National Commission on Terrorist Attacks Upon The United States. W.W. Norton, Paperback, July 2004, 516 p. Get it from Amazon.com or Amazon.co.uk.

Seymour M. Hersh: "The Gray Zone", The New Yorker, online Ausgabe vom 15. Mai 2004.
 
Jess Bravin: "Pentagon Report Set Framework For Use of Torture", Wall Street Journal, 7. Juni 2004.

Memoranda aus amerikanischen Ministerien und dem Weissen Haus (Justice, Defense, State Departments, White House), 2004 von US Medien publiziert.

Biografie von Seymour M. Hersh 

Seymour M. Hersh wurde1937 in Chicago als Sohn von Einwanderern aus Litauen und Polen geboren.. Sein Vater betrieb eine Trockenreinigung. Er verstarb, als Seymour und sein Zwillingsbruder 17 Jahre alt waren.

Seymour studierte im Hauptfach an der University of Chicago Geschichte. Er flog noch im ersten Jahr wegen schlechter Noten an der Law School von der Uni. Nach einem Job als Spirituosenverkäufer in einem Supermarkt bekam er einen Job beim City News Bureau, wo er zum Beispiel über ein Feuer in einem Kanalschacht berichtete.

Nach einem Zwischenstop als Informationsoffizier der US Army in Fort Riley, Texas, arbeitete Hersh als Pentagon-Korrespondent zuerst für die Nachrichtenagentur United Press International, danach für Associated Press.

Weil Redakteure seinen Artikel über die Entwicklung biologischer und chemischer Waffen durch die amerikanische Regierung verwässert und gekürzt hatten, verliess er AP. Die Story konnte er übrigens der New Republik verkaufen.

Danach betätigte er sich einige Monate als Pressesekretär und Redenschreiber für Senator Eugene McCarthy, ehe er sich wieder dem Journalismus zuwandte. Die Aufdeckung des Massakers von My Lai brachte ihm 1970 den Pulitzer Preis für internationale Berichterstattung ein, eine Seltenheit für einen freien Journalisten.

Danach arbeitete er lange Jahre für die New York Times, für die er u.a. bereits während der Watergate-Affäre recherchierte. Seit 1998 schreibt er fest für die Zeitschrift The New Yorker, für die er bereits seit Beginn der 90er Jahre Hintergrundreportagen verfasste.

Daneben hat Hersh bis heute, Die Befehlskette eingeschlossen, acht Bücher verfasst, darunter The Price of Power zu Kissingers Aktivitäten in der Ära Nixon. Seymour M. Hersh lebt und arbeitet in Washington, D.C.

Quelle: Das Vorwort des Chefredakteurs des New Yorker, David Remnick, zu Hershs Befehlskette.





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