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Bundestagswahl
2005
Artikel vom 3. Juni 2005
Gerhard Schröder hat sich schon einige
Schnellschüsse geleistet, ohne Absprache mit den Spitzen der Grünen oder der
eigenen Partei. Doch mit der Ankündigung von vorgezogenen Neuwahlen für
September 2005 - ohne vorherige Orientierung weder von Koalitionskollege
Fischer noch von Bundespräsident Köhler, der darüber laut der Verfassung zu
befinden hat - erweist der Kanzler Deutschland endlich einen guten Dienst. Ein
Jahr weniger Rot-Grünes Chaos und Reformstau tut dem Land gut.
Ob Neuwahlen tatsächlich im September stattfinden, ist noch nicht sicher.
Zuerst muss der Bundestag aufgelöst werden. Wann und wie das genau geschehen
wird, steht noch in den Sternen. Doch dass die Tage der Regierung Schröder
gezählt sind, darüber zweifelt so gut wie niemand mehr.
Anders als bei der letzten Bundestagswahl, als die Flut, der Irakkrieg und
Möllemanns-Absturz einer abgewirtschafteten Regierung zu einer unverdienten
zweiten Amtszeit verhalfen, sind zur Zeit keine Sonderfaktoren auszumachen.
Schröder wollte wahrscheinlich ein weiteres Jahr der Lähmung und des partei-
sowie koalitionsinternen Hickhacks verhindern. Nicht auszuschliessen ist, dass
er bereits an seinen Eintrag in die Geschichtsbücher dachte, für den er sich
ein mildes Urteil als "Reformkanzler" erhofft, der an der eigenen
Partei scheiterte, aber eigentlich fähig und willens war.
Doch zu wenig zu spät, so sieht die Bilanz seiner Amtszeit aus. Wer
zwei Legislaturperioden wirtschaftspolitisch verschläft, den bestraft der
Wähler. Immerhin wurden einige mutige Entscheidungen gefällt. Der Ausstieg
aus der Kernenergie erfolgte allerdings ohne dabei gleichzeitig eine
überzeugende Alternative zur Energieversorgung zu präsentieren.
Vielleicht erhoffte sich der Kanzler bei seiner Ankündigung auch
Grabenkämpfe innerhalb der CDU/CSU um die Kanzlerkandidatur. Doch die
CDU-Granden und potentiellen Rivalen wie Koch, Wulff und Rüttgers stellten
sich klar hinter Merkel. Stoiber blieb nur die Verkündigung des offenen
Geheimnisses übrig. Für einmal hatte sich der Kanzler verrechnet. Die
überraschende Ankündigung mag vielleicht die schallende Ohrfeige der
Niederlage im SPD-Stammland Nordrhein-Westfalen medial in den Hintergrund
gedrängt haben, doch sie zwang die CDU/CSU zu einer raschen Entscheidung, die
unerwünschte interne Reibungen und Abnutzungserscheinungen erfolgreich
verhindert hat.
Rot-Grün verlor in Nordrhein-Westfalen die Wahlen, weil die Mehrheit bei rund
einer Million Arbeitslosen im Land der Linken nicht mehr zutraute, neue
Arbeitsplätze zu schaffen. Rote Hochburgen blieben dort nur das Ruhrgebiet
und Köln. Fast ebenso wichtig wie die SPD-Wahlschlappe war der Rückgang der
Grünen um 0.9%. Sie konnten erstmals nicht von der Schwäche des
Koalitionspartners profitieren, sondern mussten selbst Federn lassen.
Bundesweit steht die SPD in der Zweckmühle: Den Reformwilligen gehen die
"Agenda 2010" und "Hartz IV" zu wenig weit, während dem
traditionalistische Altlinke gegen "unsoziale" Reformen Sturm
laufen, der Partei den Rücken kehren. Das erklärt wohl die Bocksprünge der
SPD-Führung, in der Schröder und Clement für Reformen zu stehen scheinen,
während dem Müntefering sich durch eine ungeschlachte Kapitalismuskritik
hervortat.
Gleichzeitig sind Neuwahlen nicht glaubwürdig, da die aktuelle Regierung
selbst nach einem unwahrscheinlichen Wahlsieg mit einer CDU/CSU-Mehrheit im
Bundesrat regieren müsste. Die "Blockade" könnte also ohnehin
nicht durchbrochen werden. Die Regierung ist an sich selber gescheitert. Bei
Schwarz-Gelb hingegen knallte so mancher Champagnerkorken nach der
Ankündigung von Schröder. Die Wartezeit reduziert sich um ein Jahr.
Eine bürgerlich-liberale Regierung wird auf Grund der zu erwartenden
Machtverhältnisse in Bundestag und Bundesrat keine Entschuldigung in der
Reformdebatte mehr haben. Nach der Wahl muss sie sofort harte Entscheidungen
treffen, die nur so noch vor der nächsten Bundestagswahl für
Wachstumsimpulse und längst überfällige neue Arbeitsplätze sorgen können,
wodurch die Reformen Akzeptanz finden würden und die Wiederwahl gesichert
wäre.
Angela Merkel hat nur unter Kanzler Kohl Regierungserfahrung gesammelt.
Seither war sie als Parlamentarierin, Generalsekretärin und Parteichefin ohne
weitere Exekutiverfahrung. Dass sie von Kohl das Macht- und Ränkespiel sowie
parteiinterne Durchsetzungsvermögen gelernt hat, wissen wir unterdessen. Als
Regierungschefin und Reformpolitikerin muss sie sich erst noch bewähren.
Die Biografie von Angela Merkel zeigt, dass sie eine intelligente Analytikerin
ist, die rasch hinzulernt. Leider hat sie die radikale Steuerreform von
Friedrich Merz innerhalb von CDU/CSU nicht durchsetzen können. Es bleibt noch
eine kleine Hoffnung, dass sie mit Hilfe der Liberalen nochmals zu diesem
nötigen grossen Wurf ansetzt. Auch in der Gesundheitspolitik musste sie
Federn lassen und scheiterte an den traditionalistischen Ansichten von Stoiber
und Seehofer, die sich sozialer als die SPD gebärdeten und dabei die Zukunft
Deutschlands aus dem Auge verloren.
Irland - zusammen mit Portugal und Griechenland das ehemalige Armenhaus
Westeuropas - erwirtschaftet seit einigen Jahren ein pro
Kopf-Bruttosozialprodukt, das über jenem von Deutschland liegt. Wem das nicht
zu denken gibt, dem ist nicht mehr zu helfen.
Deutschland sollte sich wieder an der Ordnungs- und Wirtschaftspolitik von
Liberalen und Ordoliberalen wie Ludwig Erhard, Wilhelm Röpke und Walter
Eucken orientieren, die mit ihren Ideen den intellektuellen Unterbau für das
deutsche Wirtschaftswunder nach dem Zeiten Weltkrieg legten und es danach
teilweise in politischer oder beratender Funktion auch durchsetzen halfen,
sich nicht im universitären Elfenbeinturm versteckten. Dann könnte
tatsächlich der erwünschte Ruck durch die Gesellschaft gehen, in dessen
Folge blühende Landschaften entstünden.
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Ergänzung am 5. Juni 2005:
Unter Berufung auf einen der fünf Teilnehmer am vertraulichen Gespräch
zwischen Bundeskanzler und Bundespräsident vom 23. Mai 2005 berichtet das
Magazin Der Spiegel, Schröder habe Köhler mitgeteilt, dass er nach
dem NRW-Wahldebakel "ein erhöhtes Erpressungspotenzial in der
Fraktion und in der Koalition" ausgemacht habe, weshalb er Neuwahlen
anstrebe. Den Weg dazu erläuterte er auch gleich, nämlich ein ablehnendes
Votum aller seiner Kabinettsmitglieder bei der Vertrauensfrage.
Das offizielle Resultat der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen vom 22. Mai
2005
Insgesamt 187 Sitze und 13,24 Millionen Wahlberechtigte, von denen 8,33
Millionen oder rund 63% an die Wahlurnen gingen:
Partei
SPD
CDU
Grüne
Liberale
Andere |
2005
37.1 %
44.8
6.2
6.2
5.7 |
2000
42.8 %
37.0
7.1
9.8
3.3 |
Veränderung
-5.7 %
+7.9
- 0.9
- 3.7
+ 2.4 |
Sitze 2005
74
89
12
12
- |
Sitzveränderung
- 28
+ 1
- 12
- 5
- |
Den Deutschen Wählern und Politikern
zu empfehlende Lektüre

Alfred C. Mierzejewski: Ludwig Erhard. Siedler, 2005, 397 S. (engl.
Originalausgabe The University of North Carolina Press 2004). Bestellen bei Amazon.de. Get the English edition from Amazon.de,
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Evelyn Roll: Das Mädchen und die Macht. Angela Merkel.
Rowohlt, 2001. Bestellen bei Amazon.de.
Wolfgang Stock: Angela Merkel, Olzog, 2000. Buch bestellen bei Amazon.de.
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