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Joschka Fischer Die Rückkehr der Geschichte
Artikel vom 21. Juni 2005
 
Der deutsche Aussenminister Joschka Fischer hat sich in der Vergangenheit mit für Politiker ungewohnt substantiellen Büchern einen Namen gemacht, insbesondere mit Für einen neuen Gesellschaftsvertrag (1998). Sein neuestes Werk, Die Rückkehr der Geschichte kommt angeblich ungewollt, in jedem Fall jedoch rechtzeitig zum Wahlkampf - so denn er denn kommt - auf den Markt.

Auf den ersten hundert Seiten bietet Fischer allerdings nichts Neues, bleibt erstaunlich deskriptiv und oberflächlich. Was er schreibt, ist zwar weitgehend korrekt, doch wird es auch von niemandem bestritten. Die Einführung zu 9/11 und in die Geschichte Europas hätte der Autor sich und uns ersparen können. Nur einmal kommt er auf seine Haltung zu politischen Ereignisse zu sprechen, die allerdings vor seiner Zeit als Aussenminister liegen: "Der Westen (einschliesslich des westlichen Pazifismus) schien aber lange Zeit diese Kriegserklärung [von Milosevic an Europa, Anm. d. Verf.] nicht zu begreifen oder einfach nicht wahrnehmen zu wollen." In der dazugehörigen Fussnote (zu S. 109) reiht sich Fischer selbstkritisch unter die Pazifisten ein, die damals falsch reagiert hätten, da, wie er weiter unten im Text zurecht vermerkt, "Milosevic keine politische Lösung wollte..." Die rund sieben Jahre als Aussenminister hingegen haben keinen Niederschlag in Die Rückkehr der Geschichte gefunden, in die zumindest dieses Buch und wahrscheinlich auch Fischer selbst nicht eingehen werden. 

Er warnt zwar vor "einer kurzsichtigen und unklaren Strategie" im Kampf gegen den Terror, die zu einer  Eskalation des Konflikts und damit zu einer Verbreiterung der Unterstützungsbasis für den "Dschihad-Totalitarismus" führen würde. Doch detaillierte alternative Strategien hat er nicht zu bieten. Natürlich kann der "Krieg gegen den Terror" nicht auf rein militärischen Massnahmen beruhen, doch was schwebt Fischer vor? Etwa UNO-Resolutionen und Petitionen von wohlmeinenden westlichen Bürgern an "liebe Diktatoren"?

Seit dem Zerfall des Sowjetimperiums ortet Fischer "einen dramatischen Ordnungsverlust", den er mit überzeugenden Bildern beschreibt: "als wenn man einen starken Elektromagneten abgeschaltet hätte, dessen Magnetfeld bis dahin alle Metallpartikel unter seine Ordnung gezwungen hatte". Früher wurden "die Osama bin Ladens der damaligen Welt" durch den Ost-West-Konflikt gebunden. Heute bilden sie "freie Radikale" - mit fatalen Konsequenzen.

Fischer streitet sich mit dem konservativen US-Intellektuellen Robert Kagan (Of Paradise and Power, 2003) über die Bedeutung von Hobbes und Kant - und hat auch wohlbegründete Argumente auf seiner Seite. Doch die zwei Philosophen lebten zu völlig verschiedenen Epochen, wie Fischer zurecht selbst anmerkt. Der praktische Wert dieser Debatte für das nochmals völlig andere 21. Jahrhundert bleibt begrenzt.

Fischer spricht zwar zentrale Fragen wie die der möglichen Überdehnung (overstretch) der amerikanischen Kräfte im 21. Jahrhundert an, ohne jedoch tiefer zu loten. Vor allem aber weicht er peinlich einer Analyse der Rot-Grünen Politik aus. Wie weitsichtig war des Kanzlers populistische Verkündigung in der Provinz im Wahlkampf 2002 - ohne Absprache mit Aussenminister Fischer, dem Kabinett oder auch nur Mitgliedern der eigenen Partei - dass seine Regierung selbst unter einem Uno-Mandat keine Truppen in den Irak schicken werde? Zu Russland vermerkt Fischer unter anderem "mühselige Fortschritte oder gar Stagnation in der wirtschaftlichen und demokratischen Transformation", vergisst jedoch das Kanzlerwort vom "lupenreinen Demokraten" Putin zu erwähnen. Der Mann der Tat, der Politiker Fischer wird nicht greifbar, auch wenn er in wenigen Zeilen Afghanistan als Erfolgsstory beschreibt, ohne dabei das Problem des massiven Drogenanbaus zu verschweigen.

Europas Zukunft sieht er zwischen der Form eines Bundesstaat wie die USA und der eines losen Staatenbundes, also als Zusammenschluss sui generis. Das ist weder falsch noch neu noch wird es bestritten. Zum möglichen EU-Beitritt der Türkei steuert Fischer substantiellere Passagen bei, wobei er auf den christdemokratischen EWG-Präsidenten Hallstein verweist, der bereits 1963 festhielt: "Die Türkei gehört zu Europa: ... Eines Tages soll der letzte Schritt vollzogen werden: Die Türkei soll vollberechtigtes Mitglied der Gemeinschaft sein." Nach sorgfältigem Abwägen der Pros und Kontras schliesst sich Fischer dieser Ansicht an, da das Gelingen der Modernisierung eines grossen islamischen Staates im Interesse Europas liege.

Die globale Ordnung des 21. Jahrhunderts sieht Fischer auf zwei Säulen ruhend, der alleinigen Supermacht USA und der UNO, die alleine die Fähigkeit zur Legitimation von Interventionen hat. Europas Bedeutung sieht er in der soft power, die sich bereits in der orangenen Revolution in der Ukraine gezeigt habe. Dass die soft power des Models "USA" auf Grund des Folterskandals und dem miserabel gemanagten Irakkrieg gesunken ist, analysiert er nicht. 

Fischer vermeidet jeden Antiamerikanismus und verweist im Gegenteil darauf, dass die USA "keine imperiale Tradition", ja nicht einmal den Willen dazu hätten. Doch das peinliche und zentrale Kapitel um Guantanamo, Abu Ghraib und die Folterdiskussion klammert er aus. Gegen Ende wirkt Die Rückkehr der Geschichte streckenweise wie ein Bewerbungsschreiben für die Vereinten Nationen, deren Schwächen er aufzeigt, gleichzeitig aber auf deren Unverzichtbarkeit verweist. Doch dem Autor sei in Anlehnung an den Untertitel seines Buches nicht nur die Erneuerung des Westens, sondern vor allem ab Herbst zuerst einmal die Erneuerung von (Rot-) Grün im Jungbrunnen der Opposition gegönnt.

Joschka Fischer: Die Rückkehr der Geschichte. Die Welt nach dem 11. September und die Erneuerung des Westens. Kiepenheuer & Witsch, 2005, 304 S. Bestellen bei Amazon.de.



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