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Angela Merkel im
Gegenwind
Die Grosse Koalition im Stillstand
Hinzugefügt am 7. Oktober 2006
Merkel, Stoiber und Beck
verkündeten am 5. Oktober 2006 nach einem Nacht-Marathon den Abschluss der
Gesundheitsreform. Dabei handelt es sich um einen Kompromiss, eine
Übergangslösung, die beide Seiten das Gesicht wahren lässt. De facto soll erst
die nächste Regierung den Karren aus dem Dreck ziehen. Die Einrichtung des
Gesundheitsfonds wurde denn auch auf 2009 verschoben; voraussichtlich im Herbst
jenen Jahres findet die nächste Bundestagswahl statt. Im Moment sieht es nach
mehr Staat und weniger Wettbewerb, also nach noch höheren Kosten im
Gesundheitswesen aus.
Artikel vom 1. Oktober 2006
Eigentlich wollte Angela Merkel ja zusammen mit der FDP
Deutschland reformieren. Stattdessen wurstelt sie nun seit einem Jahr mit der
SPD zusammen uninspiriert vor sich hin. Aus den grossen Würfen wie einem
dreistufigen Steuermodell ist nichts geworden. Die Gesundheitsreform bringt nur
Ärger und bisher keine substantiellen Fortschritte wie mehr Transparenz und
marktwirtschaftliches Denken im Gesundheitswesen. Da sich die Grosse Koalition
im Stillstand befindet, wundert es niemanden, dass Angela Merkel im Gegenwind
arg zu kämpfen hat.
Wie immer in der Politik kommen die gefährlichsten Angriffe nicht vom
politischen Gegner oder von Umfrageergebnissen beim Wähler, sondern aus dem
eigenen Lager. Die wie die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zur Chefsache
erklärte Gesundheitsreform bietet eine grosse Angriffsfläche.
Laut dem Spiegel äusserte der Ministerpräsident Baden-Württembergs,
Günther Oettinger (CDU), bei einem vertraulichen Treffen auf Einladung der
Dräger-Stiftung im Wellness- und Gourmethotel Traube Tonbach im Schwarzwald
Bedenken gegenüber Merkel. Sie habe unvorsichtigerweise grosse Erwartungen beim
Wähler bezüglich einer umfassenden Gesundheitsreform geweckt, obwohl von
Anbeginn an klar gewesen sei, dass die Grosse Koalition diese Versprechungen
nicht werde einlösen können. Einzig einige Reformprojekte würden sich hier und
dort durchsetzen lassen, die in einigen Jahren wieder korrigiert werden müssten,
meinte er sinngemäss.
Oettinger ging noch weiter in seiner Kritik. Die Grosse Koalition werde zwar
2007 sicher noch halten, da im kommenden Jahr Deutschland die EU-Präsidentschaft
übernehmen und den G8-Gipfel ausrichten werde. Da würden dann viele Bilder
produziert werden, doch dürfe man sich keine Illusionen machen, dass dies der
Union helfen werde, wenn sie nicht die innenpolitischen Fragen angehe.
In der heutigen Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung äussert der
Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers (CDU) grundsätzliche
Kritik an der Gesundheitsreform. Ihm fehlt der klare Kurs. Zudem müsse die CDU
deutlich machen, für welche Grundwerte sie stehe. Im Sommer hatte Rüttgers ja
bekanntlich bereits von seiner Partei gefordert, sich von einer Reihe von
"Lebenslügen" zu verabschieden. Allerdings geht seine Stossrichtung weitgehend
nach Links, in die falsche Richtung.
Der frühere Ministerpräsident Baden-Württembergs, Erwin Teufel (CDU), forderte
eine fundamentale Überdenkung der Gesundheitsreform. An einigen Schräubchen zu
drehen, reiche nicht, sondern es müsse ein grundsätzlicher Neuanfang versucht
werden.
Die Grosse Koalition macht zur Zeit eine miserable Figur. Die Stimmung muss mit
den düstersten Stunden von Rot-Grün verglichen werden. Mehrere Minister - nicht
nur Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) - scheinen überfordert zu sein.
Die anfänglich fast euphorische Zustimmung zu Kanzlerin Merkel ist nicht einer
kritischen Distanz, sondern einer säuerlichen Ablehnung gewichen. Merkel wurde
2000 ja weitgehend durch für sie glückliche Umstände Parteichefin. Damals wie
heute galt sie als reformorientiert. Gleichzeitig vermied sie es allerdings,
sich in Sachfragen festzulegen, um so als Vermittlerin auftreten zu können. Doch
zuviel Pragmatismus führt zu fehlendem Profil. Was für eine sich in der
Opposition befindende Parteichefin opportun erschien, wird ihr nun als fehlende
Führungsqualität ausgelegt.
Von ihrem ehemaligen Mentor hat die einstige Aussenseiterin viel gelernt und
sich eine innerparteiliche Machtbasis zugelegt, die es ihren Rivalen nicht
leicht macht, sie vom Sockel zu stossen. Die Krise bei der Gesundheitsreform
lässt einige Ministerpräsidenten zwar mit den Hufen scharen, doch den Dolch
ziehen kann und will noch niemand.
Viele haben nicht vergessen, dass Merkel die Bundestagswahlen 2005 in den
letzten Monaten noch vergeigt hat. Um den Rivalen Friedrich Merz - der sich nie
als Mannschaftsspieler verstand - kalt zu stellen, hob sie den Juristen und
Steuerexperten Paul Kirchhof als möglichen Finanzminister aufs Schild. Der
Verfechter einer Flat Tax verhielt sich auf dem politischen Parkett
ungeschickt. Die Kanzlerin steuerte zu spät dagegen und machte dem Wähler
offensichtlich nicht klar, dass die CDU/CSU zusammen mit der FDP ein
dreistufiges Steuermodell anstrebte, dass nicht so "radikal" wie die Ideen des
Professors war. Der populistische Kanzler Schröder nützte dies hemmungslos aus.
Doch am Wahlabend übertrieb er es.
Da Schröder allen ernstes in einem unkontrollierten Testosteronschub die
Kanzlerschaft erneut für sich verlangte, blieb Merkels Rivalen innerhalb der CDU
nichts anderes übrig, als sie im Machtkampf zu unterstützen. Ansonsten wäre sie
vielleicht bereits damals gestürzt worden.
Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Da die Grosse Koalition bisher nichts
Vernünftiges zu Stande gebracht hat, befinden sich die Kritiker im Auf- und die
Kanzlerin im Gegenwind.
Peinlich ist, wie sich die CDU/CSU unter der Führung von Kanzlerin Merkel seit
den Bundestagswahlen 2005 vom eigenen Wahlprogramm entfernt hat. Ein Tiefpunkt
stellt die Erhöhung der Mehrwertsteuer dar. Anstatt das Loch in der
Haushaltskasse als Argument zur Abschaffung von Subventionen und zur Kürzung von
unsinnig ausgegeben Haushaltsposten zu nutzen, einigte sich die Grosse Koalition
auf eine 3% Steuererhöhung, welche das zarte Konjunkturpflänzchen demnächst in
Mitleidenschaft ziehen dürfte. Von Merkels Reformprogramm übernahm die Grosse
Koalition so gut wie nichts.
Bei all den gebrochenen Wahlversprechen sollte es die Kanzlerin und ihre Partei
nicht wundern, wenn der Stillstand bei der Bevölkerung und insbesondere der
eigenen Basis Unmut erzeugt.
Zugleich scheint leider die Mehrheit in Deutschland noch immer nicht begriffen
zu haben, dass die soziale Marktwirtschaft Ludwig Erhards nicht auf einen
Wohlfahrtsstaat abzielte, sondern auf ordoliberalen Fundamenten beruhte. Erhard
war der Meinung, dass die Marktwirtschaft das beste und sozialste System sei.
Das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit gab ihm ja recht.
Die EU-Präsidentschaft und der G8-Gipfel 2007 könnten Merkel den nötigen
Rückenwind geben, um doch noch Reformversuche zu starten. Sollte sie diese
Chance nicht packen, werden zukünftige Historiker ihre Kanzlerschaft einst als
weitere verlorene Jahre einstufen und die Rivalen sie vielleicht noch vor Ablauf
ihrer Amtszeit stürzen, um in der nächsten Bundestagswahl nicht selbst in die
Wüste geschickt zu werden.
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