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Peter W. Galbraith:
The End of Iraq
Artikel vom 1. Dezember 2006
Das
Ende des Iraks? Buchrezension.
Buchkritik.
Der weltbekannte
Ökonom John Kenneth Galbraith veröffentlichte 1967 ein dünnes Bändchen:
How to Get Out of Vietnam. Knapp
40 Jahre und einige Kriege später tut es ihm sein Sohn Peter W. Galbraith
mit The End of Iraq* nach. Er
befasst sich seit den 1980er Jahren mit dem Irak, als er als Spezialist für
den Nahen Osten für den aussenpolitischen Ausschuss des Senats (Senate Foreign Relations Committee) tätig war.
Bereits im Titel bekräftigt der Autor seine Hauptthese, dass der Irak
bereits heute faktisch zerbrochen sei. Präsident George W. Bush und seine
Administration hätten mit ihren Fehlern allerdings nur eine unabwendbare
Entwicklung beschleunigt, da bereits Saddam Hussein in den 1990er Jahren den
Kurden eine de facto Autonomie zugestanden habe, die nicht mehr rückgängig
zu machen
sei. Galbraith räumt zwar ein, dass es bei einem weiteren Zerfall des Iraks
im Falle einer Dreistaatenlösung mit einem sunnitischen und einem
schiitischen Staat Probleme ohne einfache Lösung gäbe, nicht zuletzt wegen
der Städte Bagdad und Kirkuk, doch scheint er die Gefahr eines Bürgerkriegs
und ethnischer Säuberungen zu unterschätzen.
Hart ins Gericht geht der Autor mit der Administration Bush, die nicht
fähig und nicht Willens gewesen sei, die Ordnung im Irak zu sichern. Er
unterschlägt, dass dies eine Völkerrechtsverletzung darstellte. Hingegen
berichtet er von unglaublichen Plünderungen, nicht nur des archäologischen
Nationalmuseums und der Nationalbibliothek, sondern auch im Bereich der
Massenvernichtungswaffen, die ja den Kriegsgrund geliefert hatten. Plünderer
entwendeten in Tuwaitha unverarbeitetes Uran zur Atomwaffenherstellung
(Yellowcake) aus einem Warenhaus sowie in al-Qaqaa Sprengstoffe, wie sie zur
Entfesselung einer Kernreaktion benötigt werden, ohne dass die Plünderer wohl
wussten, was genau sie stahlen.
Von diesen chaotischen Tagen erholten sich die Amerikaner nie. Laut Galbraith
ist es nicht übertrieben zu sagen, die Amerikaner hätten den Krieg am 9. April
2003 verloren, als sie Bagdad einnahmen und als Besatzer, nicht als Befreier
wahrgenommen wurden. Das Ölministerium gehörte zu den wenigen gesicherten Orten,
während das für den Irak ebenfalls lebenswichtige, nahe gelegene Ministerium für
Wasserversorgung ungeschützt blieb. Die damals verfügbaren Truppen hätten
ausgereicht, alle sensiblen Orte zu sichern, doch der Verteidigungsminister und
seine Spitzenberater hätten dies nie für wichtig eingestuft, und der Präsident
habe überhaupt nie darüber nachgedacht.
Der Hauptfehler sei gewesen, den Irak nicht so zu sehen wie er ist, sondern wie
die Amerikaner wünschten, ihn zu sehen. Die Arabisten im State Department waren bei der
Nachkriegsplanung nicht Willkommen, da sie nicht an einen demokratischen Irak
glaubten. Die Bush-Administration sei immer von den bestmöglichen Szenarien
ausgegangen und habe ein Scheitern nie in Betracht gezogen. General Shinsekis Forderung nach mehreren hunderttausend Soldaten zur Besetzung
Iraks sei von der Administration kalt abgelehnt worden. Galbraith verweist
auf sein im Januar 2003 für das Migration Policy Institute in Washington verfasste Papier, in dem er - nicht als einziger - den Kollaps der Ordnung im Irak beim
Sturz von Saddams Regime in einem Aufstand voraussah. Das Resultat sei ein unrealistisches und vergebliches Engagement zur Erhaltung
eines von den Bewohnern nie gewollten und durch Gewalt zusammen gehaltenen
Staates gewesen.
Bei aller berechtigten Kritik an der Administration Bush und ihrem Mismanagement des Nachkriegsirak verliert Galbraith erstaunlicherweise kein
Wort zu Abu Ghraib und Guantánamo, zwei Skandale, welche die USA nicht nur
in der muslimischen Welt auf Jahre als Verfechter von Menschenrechten und
des Rechtsstaats diskreditieren dürften. Hingegen widmet er ein Grossteil
des Buches den irakischen Kurden. Deren Führer Talabani hatte ihm einst 14 Tonnen von Saddam Hussein erbeutete Dokumente über die
Anfal-Vernichtungskampagne anvertraut, die Galbraith ins Nationalarchiv in
Washington in Sicherheit überführen half. Bis August 1990 machten Saddams
Schergen über 4000 von rund 4500 kurdischen Dörfern dem Erdboden gleich. Die
kurdische Regierung schätzt, dass in der Anfal von 1987 bis 1990 rund
182'000 Kurden ermordet wurden, Tausende von ihnen durch Chemiewaffen. Galbraith war zudem der einzige Westler, der die humanitäre
Katastrophe nach dem Aufstand der irakischen Kurden im Golfkrieg von 1991
auf Video festhielt und bis zum April das Land verlassen konnte. Seine
Amateurbilder wurden auf ABC
gesendet. Zusammen mit späteren CNN-Aufnahmen zur Situation der in die
Türkei Geflohenen zwangen sie Bush Senior zur Ausrufung einer Schutzzone für
die Kurden sowie einer No-Fly Zone.
Kein Verständnis hat Galbraith dafür, dass 1991 aus geopolitischen
Gründen die Chance nicht genutzt wurde, Saddam Hussein zu stürzen und neben den Kurden auch den
Schiiten im Süden zu Hilfe zu kommen. Ironischerweise habe gerade dies zur
Zerschlagung des Irak geführt, da Saddam in der Folge das de facto
unabhängige Kurdistans akzeptieren musste, das sich unter dem amerikanischen Schutz
in der nördlichen No-Fly Zone etablieren konnte.
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Von 1993 bis 2001 kümmerte sich Galbraith nicht um den Irak, weshalb er
dieser Zeit fast keinen Platz einräumt. Er vergisst allerdings nicht die
Iraq Liberation Act von 1998 zu
erwähnen, mit welchem der Kongress den Regimewechsel zur offiziellen
amerikanischen Politik erhob, was manche Politiker heute zu vergessen
scheinen. Er verweist zudem auf die Zerstörung der irakischen Mittelklasse
durch die Uno-Sanktionen sowie den Genozid an 40'000 Sumpfarabern und die
Vernichtung ihrer jahrtausendealten Kultur.
Die Inkompetenz von Bush illustriert Galbraith mit dem Hinweis darauf,
dass der Präsident erst nach seiner Rede über die "Achse des Bösen" von drei
Exilirakern über die religiöse Spaltung der irakischen Araber in Schiiten und
Sunniten aufgeklärt wurde. Die Administration verfolge keine langfristigen
Ziele, sondern zeichne sich durch eine Ad-hoc-Politik aus. Stellvertretend für
diese Haltung verweist er auf die Genese des Ausdrucks "Achse des Bösen".
Niemand der sich professionell mit Aussenpolitik befasse - nicht einmal
Aussenminister Powell - habe diesen Redeeinschub zu Gesicht bekommen oder gar
befürwortet. Vielmehr stamme die Wendung von einem kanadischen Mitarbeiter im
Redeschreiber-Büro des Weissen Hauses. Die Wendung reflektiere das erbärmliche
Geometrie- und Geschichtswissen des Autors, denn eine Achse sei eine gerade
Linie zwischen zwei Punkten, mit der man schwerlich Nordkorea, den Irak und den
Iran verbinden könne. Zudem seien Iran und Irak nicht wie Deutschland und
Italien im Zweiten Weltkrieg Alliierte, sondern bittere Feinde gewesen.
Galbraith wirft Bush fehlendes strategisches Denken vor. Der Kampf gegen
Massenvernichtungswaffen sei ein gefährlich unpräzises Ziel gewesen, da
biologische und chemische Waffen nicht die Zerstörungskraft von
Nuklearwaffen entwickeln. Unter den "Achsenstaaten" sei Irak bei weitem der
ungefährlichste gewesen, da alleine er über kein bedeutendes aktives
Nuklearprogramm verfügt habe. Nur chemische Waffen, von denen Saddam in den
80er Jahren bedeutende Mengen verfügt hatte und deren Vernichtung er nicht
nachweisen konnte, konstituierten ein Gefahrenpotential, das sich im
nachhinein als inexistent erwies. Der Angriff auf Saddam sei kontraproduktiv
gewesen, da Iran und Nordkorea im Schatten des Irakkriegs ihre
Nuklearprogramme forcieren konnten. Nordkorea trat Ende 2002 vom nuklearen
Nichtverbreitungsvertrag zurück und habe sechs bis acht Atomwaffen
produziert. Vor dem Irakkrieg von Bush Junior hatte der Iran mit den USA
Informationen über die sunnitischen Taliban und Al Kaida geteilt, in deren
Augen die Schiiten Apostaten sind. Bush habe mit seiner Rede von der "Achse
des Bösen" die Iraner vor den Kopf gestossen und sie als potentielles
nächstes Angriffsziel gebrandmarkt. Bush sei Ideologie wichtiger als
Analyse. Amüsant ist die von Galbraith genüsslich dargestellte Episode, wie die
Administration Bush stolz darauf verwies, im Irak eine Flat-Tax durchgesetzt
zu haben. Eigentlich ein begrüssenswerter Schritt, doch leider vergassen die
grossen Wirtschaftsstrategen, dass im Irak ohnehin nur Staatsangestellte
Steuern zahlen, weshalb das Resultat einzig ein um die Flat-Tax tieferes
Einkommen der Staatsangestellten ohne jegliche Wirtschaftsimpulse ist.
Im Januar 2003 sei vom Irak keine Gefahr von Massenvernichtungswaffen mehr
ausgegangen. Doch anstatt die Unterstützung der UNO und der internationalen
Gemeinschaft für die harte Nichtverbreitungspolitik im Falle Iraks nun auch auf
Nordkorea anzuwenden, begann Bush den längst beschlossenen Krieg gegen den Irak,
was Nordkorea die Weiterentwicklung von Nuklearwaffen erlaubte. Dabei übergeht
Galbraith, dass der Irak den zahlreichen Uno-Resolutionen nicht nachgekommen ist
. Inwiefern er mit seiner These vom Ende des Irak recht hat, wird die Geschichte
weisen. Doch Totgesagte leben manchmal länger.
*Peter W. Galbraith: The End of Iraq.
How American
Incompetence Created a War Without End.
Simon & Schuster, New York/London/Toronto, Sydney, 2006, 260 Seiten.
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*Peter W. Galbraith: The End of Iraq.
How American
Incompetence Created a War Without End.
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