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Österreich ein Jahr nach Haiders Tod
Artikel vom 11. Oktober 2009
Gut ein Jahr nach den
Nationalratswahlen und exakt ein Jahr nach Jörg Haiders Unfalltod
(Don't drink and drive!) blühen in Kärnten allerlei
Verschwörungstheorien. Haider wird als regionaler Heiland verklärt, seine dunklen,
populistischen Seiten ausgeblendet und im Dom von Klagenfurt seiner
gedacht.
Sind sie noch zu retten, die Österreicher? Nein. Die Lage ist hoffnungslos,
aber nicht ernst.
Seit dem
28. September 2008 regiert Rot-Schwarz in einer Neuauflage der
Grossen Koalition weiter, obwohl sowohl die SPÖ wie auch die ÖVP bedeutende
Verluste bei den Nationalratswahlen eingefahren hatten. Da Rot-Schwarz die
einzige gangbare Koalition war, kam es zu diesem Trauerspiel, nachdem beide
Volksparteien die miserabelsten Wahlergebnisse der Nachkriegsgeschichte
eingefahren hatten.
Kurz darauf verstarb Jörg Haider durch Eigenverschulden. Im Suff und mit
stark überhöhter Geschwindigkeit fahrend, verunfallte er tödlich.
Glücklicherweise kamen keine Unschuldigen dabei zu Schaden.
Das BZÖ hatte sich bei den Wahlen zuvor leicht gefangen. Mit dem Tod des
charismatischen Jörg Haider schien und scheint diese Partei jedoch vor einem
unaufhaltsamen Niedergang zu stehen. Doch damit kam kein Ende der
rechtspopulistischen Agitation in Österreich.
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Haiders Platz übernahm ein noch grösseres populistisches Talent:
Heinz-Christian Strache. Unter ihm
stieg die FPÖ in Österreich wieder zur Mittelpartei auf. Die
Freiheitlichen hatten unter seiner Führung zuerst ein noch strammer
ausländerfeindliches Programm als einst Haider propagiert. Doch Strache hat
viel von seinem einstigen Vorbild Haider gelernt. Er liess sich nicht auf
ein Thema reduzieren. Im Wahlkampf 2008 machte er in Fernsehdiskussionen
eine „hervorragende Figur“. Die SPÖ- und ÖVP-Vertreter wirkten neben ihm
blass. Keiner konnte ihm rhetorisch das Wasser reichen. Der Grünenchef
Alexander Van der Bellen wirkte etwas verbraucht und gab den Führungsstab
nach der Stagnation bei den Wahlen weiter.
Heinz-Christian Strache scheint ein noch grösseres „Talent“ als Jörg Haider
zu sein. Wenn sich Rot-Schwarz nicht mächtig anstrengen und in der
Wirtschaftskrise ausgezeichnete Arbeit leisten, wird die FPÖ bei den
nächsten Wahlen über die 20% Hürde springen und bei der nächsten
Regierungsbildung nicht mehr zu ignorieren sein.
Nach Presseberichten scheint im 2005 über Nacht gegründeten BZÖ der Kampf um
die zukünftige Parteiausrichtung nach Haiders Tod in vollem Gang zu sein.
Der Klubobmann des BZÖ-Parlamentklubs und gleichzeitig Bundesbündnisobmann
des BZÖ, Josef Bucher (1965*), soll sich an der 2009 erfolgreichen deutschen
FPÖ zu orientieren, also einen wirtschaftsliberalen Kurs einschlage zu
wollen. Für Österreich wäre dies sicherlich ein Glück, denn gerade hier gilt
es ein politisches Vakuum zu füllen. In Oberösterreich führte dieser Kurs
allerdings zu keinem Erfolg. Das BZÖ schaffte nicht einmal den Einzug ins
Regionalparlament dieses Bundeslandes. Ein grosser Charismatiker scheint er
nicht zu sein. Zudem scheint fraglich, ob sein „rechtsliberaler“ Kurs
tatsächlich dem Rechtsstadt und dem Liberalismus verpflichtet ist.
Josef Buchers Kurs wird von Uwe Scheuch (*1969) bekämpft. Er ist Mitglied
der Kärntner Landesregierung und Parteiobmann des BZÖ in Kärnten. Er steht
für einen weiterhin rechtspopulistischen Kurs. Scheuch bekämpft die
wirtschaftsliberale Neuausrichtung des BZÖ. Im Mittagsjournal des
Staatssenders Ö1 meinte er: „Wir brauchen mehr als eine Positionierung für
fünf bis zehn Prozent.“ Gleichzeitig schliesst er eine Wiedervereinigung mit
der FPÖ nicht aus. Zudem tritt er für einen Kurs der „zwei
Geschwindigkeiten“ ein: „Indem wir eine andere Themenführerschaft für
Kärnten übernehmen, ohne dass wir damit den Bund blockieren, umgekehrt aber
der Bund mit seiner Thematik Kärnten nicht schadet“.
Kärntens BZÖ-Landeshauptobmann Gerhard Dörfler (*1955) gewann bei den Wahlen
vom 1. März 2009 - einige Monate nach Haiders Tod - beachtliche 45,5% für
das BZÖ. So durch den Wähler gestärkt, besteht er im berühmt-berüchtigen
Ortstafelstreit auf einem Slowenenanteil von 25% für die Aufstellung
zweisprachiger Ortstafeln. Dabei dürfte er den Rückhalt von mehr als nur den
BZÖ-Wählern in Kärnten haben. Die 10%-Regelung mag rechtskräftig sein, doch
wird sie von der lokalen Bevölkerung nicht angenommen. In einigen Bezirken
in Wien müsste man bei 10% ebenfalls mehrsprachige Ortstafeln anbringen. Es
wäre weise, die rechtliche Lage nochmals zu überdenken und anzupassen,
sodass am Ende die Rechtspopulisten damit auch nicht mehr Wahlkampf machen
könnten. Mit einer 25%-Regelung lieferte man die Slowenen sicher nicht dem „Kärntern-Mob“
aus. Der Klügere gibt nach.
Mehr zu denken gibt dem politischen Beobacher der FPÖ-Bundesparteiobmann,
FPÖ-Klubobmann im Nationalrat und FPÖ-Landesparteiobmann in Wien.
Ausländerfeindlichkeit, Kampf der Einwanderung aus islamischen Ländern,
grössere öffentliche Sicherheit, mehr Sozialleistungen für Österreicher und
Kritik an der EU fallen in Zeiten der Wirtschaftskrise und der Forsetzung
des Rot-Schwarzen Parteien und Verwaltungsstaates auf fruchtbaren Boden. Der
Aufgabe, dem gelernten Zahntechniker politisch die Zähne zu ziehen, scheint
zur Zeit kein österreichischer Politiker gewachsen zu sein.
Der einstige Protégé von Jörg Haider, der sich von seinem Ziehvater vor der
Parteispaltung 2005 zu lösen begann, erweist sich als unangefochtener Führer
der nationalen Rechten in Österreich. Die drittstärkste Partei Österreichs
mit 17.5% der Wählerstimmen (+6.5% gegenüber 2006) kann nicht mehr ignoriert
werden. SPÖ und ÖVP sind betont vorsichtig gegenüber FPÖ wie auch BZÖ. Wer
weiss, ob man sie nicht nach der nächsten Wahl braucht.
Und die Grünen? Nach dem Ende der Ära van der Bellen sollten sie sich
endlich von aussen Grün und innen Rot trennen. Die Schwester-Grünen im
deutschen Saarland haben heute eben diesen Schritt vollzogen und sich an
ihrem Parteitag für das erste Jamaika-Bündnis in Deutschland ausgesprochen.
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