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Merkels Kabinett
Hinzugefügt am 14. Januar 2010:
Siehe auch den Artikel vom 14.
Januar 2010 zur
Steuerdiskussion.
Hinzugefügt am 28. November 2009
Am 27. November 2009 trat der
ehemalige Verteidigungsminister und einmonatige Sozialminister Jung wegen
der Affäre um einen Luftangriff in Afghanistan zurück. Ihm fehlte die
Rückendeckung der Kanzlerin. Zu halten war er nicht mehr. Entweder hatte er
bewusst Berichte über zivile Opfer beim Luftschlag vor der
Bundestagswahl 2009 zurückgehalten,
oder er wollte einfach Berichte nicht zur Kenntnis nehmen, die ihm vorlagen.
Der neu amtierende Verteidigungsminister Guttenberg hatte nach eigener
Aussage keine Kenntnis davon. Ihm sollen 9 Berichte zur Affäre nicht
vorgelegen haben. Er verspricht eine Neueinschätzung der Lage. Die
Opposition verlangt die Aufklärung über alle Details. Der neue SPD-Chef
Sigmar Gabriel fragt richtigerweise, ob die Kanzlerin von den Berichten über
zivile Tote vor den Wahlen wusste. Die Opposition wird sicher einen
Untersuchungsausschuss durchsetzen.
Den Platz von Minister Jung im Sozialministerium nimmt nun die liberale
CDU-Politikerin Ursula von der Leyen ein. Dass die ehemalige
Familienministerin nun das Sagen über den grössten Einzeletat im
Bundeshaushalt hat, kann nur begrüsst werden. Mehr liberale Ideen täten dem
Ministerium gut.
Das Familienministerium übernimmt nun neu Kristina Köhler. Die 1977 geborene
hessische CDU-Politikerin, die dem liberalen Flügel ihrer Partei zugerechnet
wird, ist nun die jüngste Politikerin im Kabinett Merkel. Sie war bisher nur
einfache Bundestagsabgeordnete (mit einem Direktmandat) und muss sich erst in ein exekutives Amt
einarbeiten. Die ledige und ehrgeizige Dame muss sich nun beweisen. Ihre
Ernennung könnte durchaus in die weitere Zukunft weisen, denn sie gehört wie
andere Regierungsmitglieder der Pizza Connection von Grünen- und
CDU-Politikern an (lesen Sie hierzu auch das Ende des untenstehenden
Artikels). [Hinzugefügt am 11.3.2010: Kristina Köhler hat am 12. Februar
2010 den Parlamentarischen Staatssekretär im Innenministerium Ole Schröder
geheiratet und heisst nun Kristina Schröder].
Artikel vom 2. November 2009
Die schwarz-gelbe Koalition
2009 im Schatten von Merkels Machtwillen
Die
Bundestagswahl 2009
hat die Weichen für Merkels Kabinett von Ende Oktober 2009
gestellt. Die Kanzlerin wurde wieder gewählt und kann weiterhin das
demographisch und ökonomisch bedeutendste Land der Europäischen Union
regieren, obwohl sie massgeblich die Wahlen 2002 und 2005 vergeigen half und
die Union von CDU/CSU 2009 nochmals an Stimmen verlor.
CDU/CSU und FDP haben zwar eine Mehrheit der Mandate im Bundestag erobert
und können daher zurecht die Regierung stellen, doch gelang es der
schwarz-gelben Koalition nicht, eine Mehrheit der Wähler zu gewinnen.
Seit 1998 liegt die CDU alleine unter 30% und die CDU/CSU unter 40%. Angela
Merkel und die Union sind vor allem am Machterhalt interessiert. Noch
kümmert der relative Abstieg der Union nur eine Minderheit ihrer Mitglieder.
Die
Kanzlerin hatte bereits im
Koalitionsvertrag 2005 ihren Reformeifer abgelegt. Wir erinnern uns an
die 0% Mehrwertsteuer-Erhöhung, welche die SPD vor den Wahlen versprochen
hatte, welche zusammen mit den von der CDU/CSU etwas ehrlicher angekündigten
2% nach der Wahl zusammen zu einer 3% Erhöhung der Mehrwertsteuer führten.
In der Grossen Koalition wurde Kanzlerin Merkel, der das erneute Verpassen
der angestrebten schwarz-gelben Koalition in die Knochen gefahren war, immer
sozialdemokratischer. Damit schaffte sich es zwar, die SPD, die zwischen
Union und der Linken eingeklemmt war, um einen Drittel zu verkleinern, doch
der deutschen Wirtschaft bekam die Grosse Koalition nicht so gut.
Der Rückgang der Arbeitslosenzahlen und der relative
„Boom“ in Deutschland waren weitestgehend auf die zu spät angesetzten
und zu kurz geratenen Reformen von Rot-Grün zurückzuführen. Die Grosse
Koalition hätte entschieden auf diesem Weg weitergehen müssen. Stattdessen
fand eine Stagnation statt, für die Deutschland in der Finanz- und
Wirtschaftskrise nun einen hohen Preis bezahlen muss.
Insbesondere Merkel und Westerwelle streben spätestens seit 2002 eine
gemeinsame Regierung an. Sie hatten also viele Jahre Zeit, sich über ihre
Regierungsziele und die dahin führenden Massnahmen einig zu werden. Der
124-seitige Koalitionsvertrag 2009 wurde denn auch in Rekordzeit fertig
gestellt. Allein das Resultat ist wenig erbaulich.
Angela Merkel ist keine Maggie Thatcher. Der Reformmut hat sie verlassen.
Sie liegt nicht mehr eindeutig auf der ordoliberalen Reformlinie von Guido
Westerwelle. Den Bierdeckel von Friedrich Merz will sie nicht mehr
hervorholen. Sie ist eine vorsichtige und pragmatische Machtpolitikerin, die
zuallererst ihre eigene Stellung absichern will.
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Sich widersprechende Interpretationen des Koalitionsvertrags 2009
Die Koalitionsverhandlungen haben nicht die erwartete Klärung der
Marschroute gebracht. CDU, CSU und FDP verbreiten sich widersprechende
Interpretationen des Koalitionsvertrags 2009.
Die FDP hielt eisern an ihrem Wahlversprechen von Steuersenkungen fest. Sie
strebte ursprünglich Erleichterungen in der Höhe von 35 Milliarden Euros an.
Die Union von CDU und CSU wollte zuerst nur Steuersenkungen im Umfang von 20
Milliarden Euros zustimmen. Der Kompromiss kam bei 24 Milliarden Euros ab
2011 zu liegen. Doch dieser fiskalische Befreiungsschlag erweist sich als
Rohkrepierer, denn die Steuersenkungen werden auf Pump finanziert. Die
dadurch entstehende Steuerschuld wird laut Experten höher ausfallen als die
Mehreinnahmen durch das erwartete zusätzliche Wachstum.
Die Situation ist noch nicht geklärt. Wolfgang Schäuble verkündete nach
seiner Ernennung zum neuen Finanzminister der Koalition, des definitive
Entscheidung über die Steuergeschenke falle Mitte 2010, da die ganze Sache
komplex sei, vielerlei Abklärungen bedürfe und die Zustimmung der Länder
notwendig sei. Tatsächlich haben sich mehrerer CDU-Ministerpräsidenten
kritisch bzw. ablehnend zu Steuersenkungen geäussert, da sie auf Grund der
Finanz- und Wirtschaftskrise schon heute Probleme haben, ihre Haushalte zu
finanzieren. Die FDP hingegen hält den Koalitionsvertrag für eindeutig und
dessen Inhalt für nicht mehr verhandelbar. Auf eine klare Steuerreform
konnten sich die Koalitionäre allerdings nicht festlegen. Eine Reform sollte
eine Vereinfachung und grössere Steuergerechtigkeit bringen. Sich über
Steuerschlupflöcher arm rechnen, müsste verhindert werden. Der weltweit
einzigartige Paragraphendschungel muss stark gelichtet werden. Doch darüber
ist noch nicht entschieden worden.
Neben dem Steuerchaos herrscht weiterhin auch Uneinigkeit im
Gesundheitssektor. Laut dem Koalitionsvertrag bleibt der seit Anfang 2009
existierende Gesundheitsfonds, ein Kind von Merkel, bestehen. Die FDP wollte
eben diesen laut ihrem Wahlprogramm abschaffen. Bei einer Pressekonferenz
zur Präsentation des Koalitionsvertrags verkündete der CSU-Chef Horst
Seehofer, alles bleibe beim Alten, nichts ändere sich. Der neben ihm
sitzende Guido Westerwelle hingegen behauptete das Gegenteil. Die
Koalitionäre sind sich weiterhin nicht einig, wohin die Reise gehen soll.
Die schwarz-gelbe Koalition hätte die Krise nutzen sollen, um
kontraproduktive, nicht finanzierbare und unsinnige Staatsausgaben zu kürzen
bzw. zu eliminieren. Anstatt den Subventionsdschungel zu lichten und zum
Beispiel die Landwirtschaft zu liberalisieren, einigte man sich auf das
Gegenteil. Die Bauern gehören in Bayern zur Klientel der CSU, die auch das
entsprechende Ministerium zugesprochen erhielt. Die deutschen Bauern dürfen
sich in den nächsten zwei Jahren über zusätzliche 750 Millionen Euros
freuen, wovon 500 Millionen alleine auf die Milchbauern entfallen. Liebe
FDP, wo bleibt da der Markt? Im EU-Budget machen die
Landwirtschaftssubventionen ja nach wie vor fast die Hälfte aller Ausgaben
aus. Eine zukunftsorientierte Politik sieht anders aus.
Schwarz-Gelb war sicher die beste Option bei der
Bundestagswahl 2009.
Doch das bedeutet noch lange keine
„ideale“ Regierung. Merkels Kabinett kommt ohne klar definierte Projekte
und ohne Leitfaden aus. Wie soll da ein Ruck durchs Land gehen? Die
rhetorisch unbedarfte Kanzlerin führt Helmut Kohls Tradition des Aussitzens
weiter. Ohne neue Energie und neue Ideen wird Schwarz-Gelb so blass wie die
soeben beendete Grosse Koalition bleiben.
Merkels Kabinett 2009 mit 16 Ministern, die Kanzlerin eingeschlossen
Angela Merkel (*1954) bleibt Kanzlerin. Sie versuchte dafür zu sorgen, dass
niemand im Kabinett sie in den Schatten stellen kann. Wie einst Helmut Kohl
sichert sie ihre Macht ab. Zu Beginn ihrer Regierungszeit unterschätzt, wird
sie inzwischen stark überschätzt. Trotz einer mageren Wahl- und
Regierungsbilanz ist sie in der Union unangefochten. Die Einäugige ist
Königin unter den Blinden.
Ronald Pofalla (*1959) wird ihr Kanzleramtsminister. Der ehemalige
blässliche Generalsekretär der CDU ist ein Mann ihres Vertrauens, der ihr
treu ergeben ist.
Der Minister mit dem zumindest auf dem Papier grössten Gewicht im Kabinett
nach der Kanzlerin ist der Finanzminister, da er ein Vetorecht hat und so
die Ausgaben aler anderen Ministerien kontrollieren kann. Zur grossen
Überraschung offerierte Angela Merkel dieses Amt - wie schon 2005, als er es
noch ablehnte - ihrem einstigen Rivalen Wolfgang Schäuble (*1942). Der
67jährige, seit 1990 als Folge eines Attentats im Rollstuhl sitzende
Politiker der CDU dürfte mit dem Finanzministerium sein letztes Spitzenamt
angetreten haben. Heute ist er in Merkels Augen kein ernsthafter Rivale
mehr.
Ironischerweise hat sich Schäuble den Weg ins Kanzleramt durch seinen
dubiosen Umgang mit Geld einst selbst verbaut. Er stolperte über die Annahme
von
Schwarzgeld für die CDU.
Er nahm eine Parteispende von DM 100.000 vom Waffenlobbyisten Schreiber in
einem simplen Briefcouvert an, konnte sich im Parlament aber zuerst daran
nicht mehr erinnern. Angela Merkel nutzte damals die Spendenaffäre, um die
Macht in der CDU zu übernehmen.
Als Innenminister der abgetretenen Grossen Koalition hat sich Wolfgang
Schäuble nicht gerade als Garant des Rechtsstaates empfohlen. Zum Glück
kehrt nach den Jahren 1992 bis 1996 die liberale Sabine
Leutheusser-Schnarrenberger (*1951) ins Amt der Justizministerin zurück.
Solange sich die Linksliberale nicht um Wirtschaft kümmert, ist sie die
richtige Frau für Schwarz-Gelb. Am 14. Dezember 1995 hatte sie aus Protest
gegen den Grossen Lauschangriff ihren Rücktritt angekündigt, der im Januar
1996 dann auch tatsächlich unter Tränen folgte. Es handelt sich um einen
wohl einzigartigen (!?) Schritt eines Ministers in der Bundesrepublik. 2004
gab das Verfassungsgericht ihr (und anderen Liberalen) Recht: Das dem
Grossen Lauschangriff unterliegende Gesetz verletzte die deutsche
Verfassung.
Der Chef der Liberalen, Guido Westerwelle (*1961; Lektüre: Die
Westerwelle-Biografie von Majid Sattar - bestellen bei
Amazon.de - ist kritisch, wenn auch nicht sehr tiefschürfend), wählte das
Aussenministerium als traditionelle Domäne der FDP. Aussenminister sind in
Deutschland immer beliebt. Sie reisen um die Welt, schütteln Staatsmännern
und -frauen die Hände und haben selten schlechte Nachrichten zu verbreiten.
Doch die Bedeutung des Ministeriums ist begrenzt. Angela Merkel ist ein
Schwergewicht der Aussenpolitik. Zudem hat der Verteidigungsminister,
insbesondere wegen dem Afghanistan-Krieg, aussenpolitisch ebenfalls eine
bedeutende Stimme. Westerwelle befindet sich im aussenpolitischen Sandwich.
Als Aussenpolitiker hat er sich bis heute noch nicht hervorgetan. Er könnte
also durchaus in einige Fettnäpfchen treten.
Westerwelle hat den Abzug der amerikanischen Atomwaffen aus Deutschland
gefordert. Doch dann müsste Deutschland von französischen und britischen
Nuklearwaffen geschützt werden, da es selbst ein Atomwaffen-Habenichts ist.
Diese Forderung könnte die ohnehin bestehende Tendenz in Washington noch
verstärken, sich bei wichtigen Fragen direkt an die Kanzlerin zu halten.
Die FDP hatte ursprünglich die Abschaffung des Ministeriums für
wirtschaftliche Zusammenarbeitung und Entwicklung gefordert. Nun wird es von
Dirk Niebel (*1963)von der FDP geführt. Der blasse Niebel hat sich bisher
noch nie um die Entwicklungshilfe gekümmert. Er dürfte vor allem damit
beschäftigt sein, seinem Parteichef nicht in die Quere zu kommen.
Ein weiteres Schwergewicht der Koalitionsregierung ist Karl-Theodor Freiherr
von und zu Guttenberg (*1971) von der CSU, Parteichef Seehofer regiert ja in
Bayern. Der junge Minister war schon in der Vorgängerregierung der
beliebteste Minister. Er verdankt dies vor allem seinem blendenden Aussehen
und seinen guten Manieren. Er bewegte sich selbst auf internationalem
Parkett gut. Eigentlich wäre er der ideale Aussenminister gewesen. Von und
zu Guttenberg könnte langfristig ein Rivale von Kanzlerin Merkel werden. Er
hat durchaus Substanz und ist international, insbesondere in Washington,
bestens vernetzt, was man von Guido Westerwelle nicht behaupten kann. Von
Februar bis Oktober 2009 hat er sich als Wirtschaftsminister für eine
vernünftige Ordnungspolitik und gegen die Staatsrettung von Opel und
Arcandor (Quelle) eingesetzt. Er konnte sich zwar nicht durchsetzen, doch er
hat liberale Duftmarken gesetzt. Sowohl Kanzlerin Merkel als auch sein
Parteichef Seehofer setzten auf Wahlkampf und billigen Aktionismus, der
zumindest im Fall von Quelle den Steuerzahler Millionen kostete, ohne etwas
zu bringen. Wenn sich kein Investor für ein Unternehmen findet, dann ist es
zumeist auch nicht mehr lebensfähig. Gutes Staatsgeld schlechtem Geld
nachwerfen bringt nichts. Im Moment ist der adelige zu Guttenberg nur ein
populäres politisches Talent, doch der Spezialist für internationale Politik
und Sicherheitspolitik ist im Verteidigungsministerium gut aufgehoben und
scheint eine blendende Zukunft vor sich zu haben. Wenn er nicht im Minenfeld
Afghanistan explodiert, könnte er eines Tages der Reformkanzler im Sinne des
Ordoliberalismus werden, den Deutschland so dringend braucht und den die FDP
nicht stellen kann.
Im Kabinett Merkel sitzt noch ein weiteres Jungtalent: Philipp Rösler
(*1973) von der FDP. Der neue Gesundheitsminister ist ein gelernter
praktischer Arzt, der im Militär ausgebildet wurde und dort als Stabsarzt
arbeitete, laut Zeitungsberichten seine Spezialausbildung zum Augenarzt auf
Grund seiner politischen Karriere jedoch nicht abschliessen konnte. Er gilt
als liberaler Ordnungspolitiker. Seit Februar 2009 amtete er als
Wirtschaftsminister in Niedersachsen. Wie für zu Guttenberg gilt auch für
ihn, dass bisher einzig die mangelnde Erfahrung gegen ihn spricht. Der
Gesundheitssektor zeichnet sich durch das Fehlen eines Marktes aus. hier
dominieren Kartelle, Subventionen, Staatsinterventionen, Staatsregulieren,
Staatsdirigismus. Es bleibt abzuwarten, ob Philipp Rösler in diesem
illiberalen Sumpf untergeht oder ihn zumindest teilweise austrocknen kann.
Zurecht setzt er auf mehr Wettbewerb, Freiheit und Selbstverantwortung bei
der Wahl der Therapie, des Arztes und der Krankenkasse. Auf Grund seiner
Ausbildung ist er der ideale Experte, doch die Lobbyisten werden ihm stark
zusetzen und viele Wähler hoffen auf
„Gratismedizin“, für die natürlich der Steuerzahler gerade stehen muss.
CSU-Chef Seehofer und teilweise auch die Kanzlerin Merkel haben in der
Gesundheitspolitik ganz andere Ideen. Der 1973 in Vietnam geborene Rösler
wurde mit neun Monaten von der Familie eines Bundeswehrsoldaten adoptiert.
Er gilt es Beweis für die gelungene Integration von Ausländern. Der
Hoffnungsträger der FDP hat ein schweres Ministerium angetreten, in dem er
früh verheizt werden könnte oder als Politstern auf Bundesebene aufgehen
könnte.
Der weinselige neue Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (*1945) von der FDP
ist ein erfahrener Politiker, der sich seit Jahren für den Mittelstand,
liberale Ordnungspolitik und den deutschen Wein einsetzt. In Rheinlandpfalz
war er im Wirtschaftsministerium tätig, das er nun auf Bundesebene
übernimmt. Es bleibt abzuwarten, ob er sich auf höherer ökonomischer Ebene
bewährt oder ob man nicht besser für ihn ein Weindegustationsministerium
geschaffen hätte.
Für das Finanzministerium wäre auch Hermann Otto Solms (*1940; eigentlich
Hermann Otto Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich) zur Verfügung gestanden. Hat
der bewährte Liberale seine Chancen auf ein Ministerium mit seiner
unsäglichen Idee eines Schattenhaushaltes während der Koalitionsgespräche
verspielt? Die Idee wurde auf Grund des Medienaufruhrs (vorläufig) beiseite
gelegt. Oder musste er einfach nur der Koalitionsarithmetik weichen, weil
Kanzlerin Merkel auf dem auf Solms zugeschneiderten Posten des
Finanzministers mit Schäuble einen Mann ihres Vertrauens haben wollte? Für
das Wirtschaftsministerium stand immer die Kandidatur von Brüderle im
Vordergrund.
Im Schatten anderer hat sich Ursula von der Leyen (*1958) von der CDU
langsam aber sicher eine Machtposition geschaffen. Die Tochter des
ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten von 1976 bis 1990, Ernst
Albrecht, hat sich im Familien-, Senioren-, Frauen- und Jugendministerium
einen Namen gemacht. Kanzlerin Merkel liess die bewährte Kraft
(Krippenplätze) im Amt. Die ausgebildete Ärztin mit sieben Kindern ist
populär und unterschätzt. Die hübsche Ursula könnte langfristig je nach der
innerparteilichen Lage der CDU durchaus zur Rivalin der Kanzlerin
aufsteigen. Die Machtpolitikerin Merkel scheint sich dessen durchaus
bewusst zu sein. Wie schnell sich Politik verändern kann, weiss sie auf
Grund ihres Aufstiegs aus eigener Erfahrung.
Die restlichen Minister scheinen weniger bedeutend. Der unglückliche
Verteidigungsminister Franz Josef Jung (*1949) von der CDU wurde
erstaunlicherweise im Kabinett Merkel II behalten, wo er ins
Arbeitsministerium wechselt. Thomas de Maizière (*1954) von der CDU, Merkels
ehemaliger Kanzleramtschef, wechselt ins Innenministerium. Er ist ein
weiterer Vertrauensmann von Merkel, der als solide gilt, dem aber höhere
Ambitionen weder zugetraut noch nachgesagt werden. Annette Schavan (*1955)
von der CDU kümmert sich unauffällig der Bildung und Forschung. Peter
Ramsauer (*1954) von der CSU ist neu für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
zuständig. Ilse Aigner (*1964) von der CSU bleibt weiterhin im für ihre
bayerische Partei wichtigen Landwirtschaftsministerium. Von ihr sind keine
Liberalisierungsschritte zu erwarten. Die deutsche und die EU-Agrarpolitik
bleiben weiterhin ein wachstums- und modernisierungshemmender Klotz am Bein
der Steuerzahler. Norbert Röttgen (*1965) von der CDU kümmert sich neu um
Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Dieser blasse Politiker hat
bisher noch keine Affinität zum Umweltschutz gezeigt. [Hinzugefügt am
6.11.09: Immerhin war Norbert Röttgen zusammen unter anderen mit seinen
Parteikollegen Ronald Pofalla, Eckart von Klaeden und den Grünen Matthias
Berninger, Andrea Fischer, Cem Özdemir und
Oswald Metzger
Mitte der 1990er Jahre Teil der Pizza Connection von Schwarz-Grünen
Politikern, die sich in Bonn regelmässig im italienischen Restaurant
Sassella trafen. Die Weiterführung der Pizza Connection trifft
sich laut Wikipedia wieder seit 2007, nun im Restaurant Le Cochon
Bourgeois in Berlin-Kreuzberg. Dies geschehe auf Initiative von Hermann
Gröhe von der CDU, der schon in Bonn als Initiant dabei war und seit Oktober
2009 designierter CDU-Generalsekretär ist, und Margareta Wolf, die bis am
14. Juli 2008 den Grünen angehörte]. [Wichtiger Nachtrag vom 28. November
2009: Die am 27. November 2009 designierte neue Familienministerin Kristina
Köhler ist ebenfalls ein Mitglied der Pizza-Connection].
Merkels Kabinett hinterlässt gemischte Gefühle. Es riecht nach Machterhalt
und wenig nach Aufbruch. Immerhin sind zwei Jungstars (zu Guttenberg und
Rösler) darin vertreten. Doch gilt wie immer, geben wir der neuen Regierung
eine Chance. Für Kanzlerin Merkel könnte es die letzte sein, auch wenn es
zur Zeit noch nicht so aussieht.
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