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Die deutsche Afghanistan Diskussion
Artikel vom 2. Februar 2010
Die deutsche Afghanistan Diskussion ist seltsam. Der
Begriff Krieg wurde und wird weitgehend vermieden, nicht nur aus
völkerrechtlichen Grünen. Im Zusammenhang mit der Bombardierung von zwei von
den Taliban entführten und danach auf Anordnung des deutschen Obersten Georg
Klein bombardierten Tankwagen ist immer die Rede von bis zu 142 Toten. Doch
eigentlich sollte es heissen, 17 bis 142 Tote und Verletzte. Niemand weiss,
wie viele Taliban und wie viele Zivilisten darunter waren. Die korrekte
Zahl wird sich wohl nicht mehr ermitteln lassen. Bereits kurz nach dem Luftschlag
hatten Taliban und Zivilisten die diesbezüglichen Spuren am Ort der Verwüstung
weitgehend beseitigt.
Laut einem Bericht in Spiegel TV waren in der Nacht der Bombardierung
rund 300 weitgehend arme Zivilisten aus der Gegend damit beschäftigt, Benzin
aus den Tanklastwagen mit 34000 Litern zu stehlen. Die Tanklaster steckten
im weichen Sand fest. Um 00:14 wurden sie von deutschen Soldaten entdeckt.
Oberst Klein behauptete (eine glatte Lüge), es beständige direkter
Feindkontakt mit den Taliban, um US-Militärpiloten zur Bombardierung zu
bewegen. Klein führte an, die Taliban wollten das Lager Kundus angreifen.
Auch wenn keine direkte Gefahr bestand, so könnte dies sehr wohl das
ursprüngliche Ziel der Taliban gewesen sein. Je nach Quelle ist schon mal
von rund 56 bis 70 Taliban vor Ort die Rede. Eine solche Zahl von
Aufständischen auf einen Schlag zu eliminieren war sicher ein lohnendes
Ziel.
Mitte Januar 2010 meinte der Gouverneur der Provinz Kundus, Omar, dass der
Luftangriff angemessen gewesen sei. Bei den getöteten Zivilisten handelte es sich
seiner Meinung nach um Angehörige von Aufständischen. Die Deutschen
beobachteten nur die Situation. Die Afghanen müssten die Amerikaner bitten,
sie zu retten. Die Bundeswehr sei wirkungslos. Der Bundestag lege ihnen
Steine in den Weg.
Die deutschen Soldaten sollten eigentlich bis zwei spätestens zwei Stunden
nach einem Angriff nach Spuren suchen, doch als die Deutschen um 10 Uhr erst
vor Ort ankamen, waren die Spuren verwischt.
Spiegel TV verwies
darauf, dass noch zwei Tage nach dem Angriff Oberst Klein nicht wusste, wie
viele Menschen beim Angriff in Kundus starben.
Die Strategie der Obama-Administration und des zuständigen amerikanischen
Generals McCrystal seetzt auf Vermeidung ziviler Opfer. In der Vergangenheit
hatten insbesondere die Amerikaner in dieser Hinsicht mehrfach versagt. Die
von Oberst Klein veranlasste Bombardierung gefährdete die Glaubwürdigkeit
der neuen Strategie. Oberst Klein beharrte jedoch auf seiner Sicht und
rechtfertigte die Angriffe.
Der deutsche Oberstleutnant Brenner schreibt in seinem Untersuchungsbericht
zum
„Close Air Support KUNDUZ“ vom 4. September 2009,
fünf Tage nach dem Luftschlag mit zwei 500-Pfund-Bomben vom Typ GBU-38 durch
zwei F15E verfasst, dass keine
„Kollateralschäden“,
also Hinweise auf getötete Zivilisten, festgestellt werden konnten.
Gespräche vor Ort liessen laut Brenner auf vermutlich 14 getötete und 4
verletzte Zivilisten schliessen.
Es war sicherlich Verteidigungsminister Jung, Kanzlerin
Merkel und Aussenminister Steinmeier von Anfang an klar, dass es auch zivile
Opfer beim Luftschlag in Kundus gegeben hat. Die Zahl blieb und bleibt
allerdings unklar. Verteidigungsminister Jung wurde zum Rücktritt gezwungen,
weil er - aus taktischen Gründen vor der Bundestagswahl - an der Fiktion
eines sauberen Luftschlags, bei dem nur Taliban getötet wurden, festhielt.
Er hielt den Kopf für Merkel, Steinmeier, ja die Grosse Koalition hin. Von
Krieg war damals noch nichts zu hören.
Der neue Verteidigungsminister Guttenberg brachte neuen Wind in sein
Ministerium. Neue Besen kehren gut. Er entliess den Generalinspekteur der
Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhahn, sowie den Staatssekretär im
Verteidigungsministerium, Peter Wichert. Sie hätten im Informationen
vorenthalten, weshalb er seine Einschätzung überdenken wolle, Oberst Klein
habe korrekt gehandelt. Guttenberg hatte sich zuvor demonstrativ vor Klein
und damit die Soldaten in Afghanistan gestellt.
Guttenbergs Einschätzung, die er später im Lichte neuer Berichte revidierte,
erstaunte von Anbeginn an. Rücktrittsforderungen in diesem Zusammenhang sind
allerdings unangebracht. Der Luftschlag kann unterschiedlich eingeschätzt
werden. Im oben erwähnten Bericht von Oberstleutnant Brenner wird auf ein
Auswertegespräch mit den District Managern von Chahar Darreh und von Aliabad
verwiesen. Diese begrüssten die Bombardierung und forderten ein „hartes
und robustes Vorgehen“. Es wird auf rund 87 Tote,
darunter möglicherweise bis 10 Zivilpersonen verwiesen.
Oberstleutnant Brenner verweist auf ein Treffen mit dem Vorsitzenden des
Provinzrates von Kundus und dreier Provinzräte der Region, wonach sich die
Sicherheitslage in den drei bis vier Tagen vor dem Schlag drastisch
verschlechtert habe. Der Luftangriff sei die richtige Antwort zur richtigen
Zeit gewesen.
Sicherlich hat Oberst Klein gelogen und den Luftschlag mit falschen Angaben
provoziert. Doch hatte er dabei die Sicherzeit seiner Truppen im Auge.
Anschläge der Aufständischen machten den deutschen Truppen zu schaffen.
Gleichzeitig ist klar, dass der Tod vieler Zivilisten nur neuen Hass schürt
und es den Aufständischen erleichtert, neue Kämpfer zu rekrutieren. Doch die
schwarz-weiss Malerei in Deutschland ist weltfremd.
Manche Parlamentarier und Journalisten scheinen mehr besorgt um das
Wohlergehen der Taliban als um dasjenige der eigenen Truppen zu sein.
Frieden lässt sich nicht durch einen sofortigen Abzug der NATO-Truppen
schaffen. Die Taliban kämen erneut an die Macht. Die Afghanen, insbesondere
Frauen und Mädchen, wären ihren extremen Forderungen schutzlos ausgeliefert.
Eine erdrückende Mehrheit der Afghanen will keine Rückkehr der Taliban.
Mehr westliche Truppen sind vonnöten, um das Land zu befrieden und den
Wiederaufbau voranzutreiben. Obamas Entscheidung zur Sendung von 30000
weiteren Soldaten war das richtige Zeichen, auch wenn die Zahl eindeutig am
unteren Ende des Notwendigen zu sein scheint.
Die Afghanistan-Konferenz hat nicht zur notwendigen Aufstockung der Truppen
durch die anderen NATO-Staaten geführt. Deutschland hat sich für lächerliche
850 weitere Soldaten entschieden. Auch in der Region Kundus, wo die
Deutschen stehen, herrscht Krieg oder Bürgerkrieg. Wird der Krieg anderswo
intensiver geführt, fliehen Aufständische in dieses Gebiet, wo ihnen weniger
Widerstand droht. So wie es aussieht, werden 5000 amerikanische Truppen neu
in das Gebiet Kundus kommen, um hier den Krieg zu führen. Eine glaubwürdige
deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik sieht anders aus.
Die Umfrage von ABC News, BBC und ARD, vom 11. bis 23. Dezember 2009
durchgeführt vom Afghan Center for Socio-Economic and Opinion Resarch (ACSOR
in Kabul), wurde in der deutschen Presse tendenziös wiedergegeben. Die
meisten Zeitungen titelten in etwa
„gesunkene Akzeptanz der deutschen Truppen
in Afghanistan“.
In Wahrheit zeigt die Umfrage, dass 70% der Afghanen der Ansicht sind,
Afghanistan bewege sich in die richtige Richtung, auch wenn die
Sicherheitslage und der Schutz vor den Taliban kritischer gesehen wird. 83%
fanden es sehr gut oder weitgehend gut, dass US-Truppen 2001 die
Taliban-Regierung gestürzt hatten. 68% unterstützen stark oder ein wenig den
Einsatz der US-Truppen. Nur 10% waren für die Taliban, 89% gegen sie. 70%
sagten gar, sie seien stark gegen die Taliban.
Die Umfrage zeigte auch, dass die Afghanen zu 42% die Taliban, zu 24%
al-Qaida und ausländische Jihadisten, die US-Truppen aber nur zu 5% und die
Bush-Administration zu 2% für die Gewalt in Afghanistan verantwortlich
machen. Warlords standen bei 7%, Drogenhändler bei 6%, die Regierung Karzai
bei 6%, die afghanischen Truppen bei 1%, NATO/ISAF bei 3%. Von einer
Ablehnung der westlichen Intervention kann keine Rede sein. 61% waren stark
oder mehr oder weniger für die westliche Truppenverstärkung.
Allerdings waren 66% der Befragten auch der Meinung, Luftschläge von NATO/ISAF
seien inakzeptabel, weil dadurch zu viele Zivilisten gefährdet würden. Nur
27% meinten, sie seien akzeptabel um die Taliban und andere Aufständische zu
besiegen. Trotz des Kundus-Luftschlags auf Anordnung von Oberst Klein hatten
im Dezember 2009 noch immer 59% eine positive Meinung von den Deutschen (42%
eine etwas positive, 17% eine sehr gute Meinung). Das bedeutete einen
Verlust von lediglich 1% gegenüber dem Vorjahr, als noch 43% eine eher
positive und 17% eine sehr gute Meinung von den deutschen Truppen hatten.
Die deutsche Diskussion über den Luftschlag auf die zwei Tanklaster in
Kundus macht sich an einem Detail des Krieges fest. Die Gesamtstrategie wird
vernachlässigt. Das Friedensmantra von Links und
Rechts blendet die Realität aus. Ein rascher Abzug bringt Afghanistan keinen
Frieden.
Immerhin machte Kanzlerin Merkel bei der Afghanistan-Konferenz klar, dass
die afghanischen Autoritäten sich viel stärker engagieren müssten und die
Einbeziehung der Nachbarländer, insbesondere Pakistans, für eine umfassende
Lösung notwendig sei.
Der Kampf gegen den Drogenhandel, die Entwicklung alternativer Strategien
für die Bauern, Wirtschaftshilfe, Infrastrukturprojekte, die langfristige
Erziehung der Kinder (über mindestens ein Jahrzehnt) und der Kampf gegen den
Analphabetismus, insbesondere auch unter den Erwachsenen, sind weitere
Stichworte zur Lösung des Konfliktes am Hindukusch. Davon ist in der
deutschen Afghanistan-Diskussion viel zu wenig die Rede.
Bei der Afghanistan-Konferenz wurde auch das Rauskaufen von Taliban
vereinbart. Das ist ein äusserst zweifelhafter Ansatz. Geld kann so in
falsche Hände gelangen. Ideologisch-religiös motivierte Kämpfer werden sich
von Geld nicht überzeugen lassen. Was ist das für ein Zeichen in einem total
korrupten Staat, wenn wieder mit Geld geködert wird, insbesondere wenn
gleichzeitig afghanische Soldaten für geringen Sold ihr Leben einsetzen
müssen? Absetzungswillige Taliban ermutigen und Amnestie gewähren ja, aber
nicht mit überzogenen Geldzuwendungen Leute ködern, die sich für Geld später
auch wieder anders entscheiden könnten.
2009 haben NATO/ISAF, UNO, USA, EU, Deutschland und die afghanische
Regierung, um nur einige zu nennen, bei der Präsidentenwahl versagt. Der
Märchenerzähler und Wahlfälscher Karzai wurde im Amt
bestätigt, anstatt von einem zweiten Wahlgang ausgeschlossen zu werden. Ob
mit einer solch diskreditierten Persönlichkeit an der Spitze des Staates
Afghanistan zum Frieden gefunden werden kann, bleibt abzuwarten. In der oben
erwähnten Umfrage haben trotz der Wahlfälschung durch das Präsidentenlager -
haben die Bürger nichts anderes erwartet? - 55% der Befragten geantwortet,
sie hätten eine sehr positive Meinung von Hamid Karzai, 28% haben eine etwas
positive Meinung von ihm. 83%! Davon können Schwarz-Gelb, die Roten, die
Dunkelroten und die Grünen in Deutschland nur träumen.
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