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Obama 2010
Artikel vom 16. April 2010
Niemand konnte von der Obama
Administration erwarten, sie würde ihm ersten Jahr inmitten einer schweren
Wirtschafts- und Finanzkrise Wunder bewirken. Zudem war klar, dass der neue
Präsident, dem jegliche Exekutiverfahrung fehlte, sich zuerst einarbeiten
müsste.
Das erste Amtsjahr produzierte dann auch neben Neustarts in einigen Feldern
mehr Kontinuität als so mancher dachte, so die Beibehaltung von
Verteidigungsminister Gates, die Weiterführung der Irakpolitik von Bush,
weiterhin keine konkreten Schritte oder auch nur Zusagen beim Klimawandel,
um nur drei Stichworte zu geben. Vor allem aber leistete sich Obama einige
peinliche diplomatische Schnitzer, so im Verhältnis zu Gordon Brown (nicht
nur mit einem lächerlichen Gastgeschenk) oder im Verhältnis mit Polen, als
er am 17. September, dem Tag der Invasion Polens durch die sowjetische Armee
1939 bekanntgab, Bushs Plan für ein Raketenschutzschild für Polen und die
Tschechische Republik ad acta zu legen. Obama erklärte später, er haben
einen besseren Plan für die Region und erläuterte diesen auch, doch der
politische Schaden war bereits da. Überhaupt hat Obama zuerst viele Freunde
und Alliierte der USA vor den Kopf gestossen oder einfach ignoriert.
Inzwischen scheint er gemerkt zu haben, dass freundschaftliche Kontakte zu
anderen Führern dieser Welt nützlich sein können.
Gleichzeitig umgarnte Obama Diktatoren und zweifelhafte Führer, ohne
handfeste Resultate erzielen zu können. Dass für einen Neustart Gespräche
mit unappetitlichen Führern dieser Welt nicht ausgeschlossen wurden, war
richtig. Doch schien der Präsident damit naive Vorstellungen zu verknüpfen.
Iran strebt weiterhin nach Nuklearwaffen und Nordkorea will sich von eben
diesen nicht trennen.
Im März 2010 schien die Präsidentschaft von Barack Obama bereits hochgradig
gefährdet. Er drohte seinen Kampf um eine bei
der Mehrheit der Amerikaner unpopuläre Gesundheitsreform zu verlieren.
Hätten ihn seine Demokraten im Parlament verlassen, wäre er wohl schon nach
einem Jahr im Amt zur
„lahmen Ente“ degradiert worden.
Als im Januar der Republikaner Scott Brown in Massachusetts den Senatssitz
des Verstorbenen Ted Kennedy, der die Gesundheitsreform geradezu
personifiziert hatte, war bei den Demokraten Feuer unterm Dach. Zurecht
hatte Brown mit dem Slogan gepunktet, dies sei nicht der Sitz von Ted
Kennedy, sondern jener der Volkes. Die Ironie will es allerdings, dass
gerade in Massachusetts eine Gesundheitsreform verabschiedet worden war, die
jener Obamas nicht unähnlich ist.
Mit persönlichem Einsatz und einer guten Dosis
„old style politics“ wie einem rund 2000-seitigen Gesundheitsplan, den
natürlich in der kurzen Zeit niemand wirklich studieren konnte,
Wahlgeschenke an demokratische Politiker („Pork“), ohne jegliche
Unterstützung der Republikaner („no bipartisanship“) und mit geschönten
Zahlen, dem Märchen, die Reform werde Kostenneutral ausfallen, ohne
Leistungsabbau für die bereits Versicherten, gelang es Obama am 21. März 2010, im Repräsentantenhaus seine Reform mit 219 gegen 212
Stimmen durchzubringen. Danach wurde noch ein
„Reconciliation Act“ mit 220 zu 211 Stimmen im House verabschiedet, der
am 25. März noch vom Senat mit 56 zu 43 Stimmen bestätigt wurde. Damit war
Obama gelungen, woran Präsidenten seit Theodore Roosevelt immer wieder
gescheitert waren: Eine umfassende Gesundheitsreform. Nun kann niemand mehr
behaupten, Obama sei nur ein Schwätzer. Der Teleprompter-Präsident hat
bewiesen, dass er den Wechsel („Change“) auch tatsächlich bringen kann. Ob
der Wechsel im Gesundheitswesen wirklich weise ist, muss sich erst noch
zeigen. Zweifel sind angebracht.
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Nun können rund 32 Millionen von schätzungsweise 48 Millionen
unversicherten Amerikanern ebenfalls auf eine Gesundheitsversicherung
zählen. Die Reform wird allerdings vom amerikanischen Volk mehrheitlich
abgelehnt. Nicht nur, weil die Republikaner populistisch dagegen angingen,
sondern auch, weil diese mit Sicherheit Mehrkosten verursachen wird.
Angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise, der steigenden Staatsschulden,
dem gigantischen Haushaltsdefizit und einer Arbeitslosenrate von rund 10%
stand die Gesundheitsreform bei den US-Amerikanern nicht zuoberst auf der
Prioritätenliste. Im Lager der politischen Rechten und der unabhängigen
Wähler gingen die Emotionen hoch. Bei den Wahlen zum Repräsentantenhaus und
zum Senat könnte es daher im November 2010 für das Lager der Demokraten um
Präsident Obama herbe Verluste absetzen. Der Weg dahin ist allerdings noch
lang. Mehrkosten werden erst in einigen Jahren anfallen. Ein Teil des Ärgers
könnte bis dahin verraucht und andere Themen aktuell sein. Die Republikaner
lassen das Thema allerdings durch Verfassungsklagen, die in einem Dutzend
Gliedstaaten gegen die Reform angestrebt werden, weiter köcheln.
Die amerikanische Gesellschaft altert weiter und die in den 1940er bis
1960er Jahren geborenen starken Jahrgänge der Baby-Boomer gehen bald in
Rente. Das Gesundheitswesen der USA wird folglich in Zukunft noch stärker
belastet werden. Obamas Reform geht die Probleme der Kostenexplosion im
Gesundheitswesen nicht hart genug an. Die Konkurrenz zwischen Ärzten,
Spitälern, Pharmaunternehmen und Versicherungen spielt nicht. Das Anspruchs-
und Sicherheitsdenken treibt die Kosten in die Höhe. Insbesondere kurz vor
dem Tod werden noch gigantische Summen zur Lebensverlängerung ausgegeben,
wobei es vielen Beteiligten nicht wirklich ums Leben, sondern ums Business
geht. Langfristig werden diese Ausgaben wohl in keinem Land zu halten sein.
Das Nachdenken über ein Sterben in Würde und Sterbehilfe wird sich
intensivieren. Euthanasie ist äussert delikat, nicht nur weil der Begriff
durch die Untaten der Nazis vorbelastet ist. Wann ist es besser für einen
Menschen zu sterben? Wer entscheidet dies und wie?
In der Aussenpolitik warten auf jeden amerikanischen Präsidenten Aufgaben
ohne Ende. Neben den Kriegen im Irak und in Afghanistan, der möglichen
Destabilisierung Pakistans, den von Iran angestrebten Nuklearwaffen und dem
Schurkenstaat Nordkorea ist auch das Verhältnis der USA zum Gläubiger China
eine Frage erster Ordnung. Den Dalai Lama nicht zu empfangen, gehört nicht
zu den weisesten Entscheidungen Obamas. Die chinesische Parteidiktatur durch
Wegsehen zu
„besänftigen“ ist ein Irrweg. Der Westen muss sich für freie und faire
Wahlen, für die Meinungsfreiheit und andere
„westliche“ Ideen nachhaltig einsetzen. Gute Beziehungen zu China und
auch Russland sind wichtig. Doch eine klare Ansage bei
„heiklen“ Themen ist unabdingbar.
Ein ernstes Wort mit Israel war sicher von Nöten, damit die
Regierung Netanjahu sich endlich an den Siedlungsstopp hält (was bisher
noch keine israelische Regierung getan hat). Doch ein öffentlicher Streit
zwischen Freunden, in der Art und Weise, wie er geführt wurde, ist nicht
hilfreich. Ob eine klärende Wirkung davon ausgeht, bleibt abzuwarten. Im
Moment steckt Obamas Priorität eines Friedens zwischen Israel und Palästina
und der raschen Gründung eines Palästinenserstaats ein Ziel in weiter Ferne.
Obama hielt gegenüber Iran bei den gefälschten Wahlen lange mit Kritik
zurück. Im Fall von Karzais Wahlfälschung in Afghanistan schloss er gar
beide Augen. Dass ihn nicht nur Diktatoren, sondern Freund und Feind
momentan nicht mehr so Ernst nehmen, hat er sich selbst zuzuschreiben.
Wirtschafts- und finanzpolitisch liegen die Reformen noch vor Obama. Nicht
nur Banken wie Citigroup, sondern auch Versicherungen wie AIG und die
Hypothekargiganten Fannie Mae und Freddie Mac bilden nach wie vor zu grosse
potenzielle Risiken („too big to fail“, „too interconected“, „no
accountability“). Die Aufsichtsbehörde SEC hat versagt, so auch im Fall des
Betrügers Madoff (siehe dazu das Buch von
Harry Markopolos ).
Europa hat allerdings keinen Grund, auf die USA herabzuschauen. In
Deutschland und in der Schweiz (um nur zwei Länder zu
nennen) bilden die grössten Grossbanken ein noch grösseres Klumpenrisiko.
In den USA ist das Budget ausser Kontrolle. Die bis anhin im Vergleich mit
Europa moderaten Staatsschulden steigen rasant an. Die Arbeitslosigkeit
dürfte über längere Zeit noch um die 10% liegen. Höhere Steuern drohen.
Obama muss sparen. Die Agrarsubventionen hätte er schon längst ersatzlos streichen
sollen. Beim Militär gibt es ein bedeutendes Sparpotential. Doch in Zeiten
der Krise scheut er sich, zu früh zu sparen, um nicht die Konjunktur
abzuwürgen. Gleichzeitig ist nicht nur der Staat verschuldet, sondern zu viele Konsumenten lebten auf Kredit und müssen nun sparen in einer
Wirtschaft, die vom privaten Konsum angetrieben wird.
Barack Obama wird in seinem zweiten Jahr noch immer dazulernen müssen. Wohl
erst nach den Wahlen vom November 2010, in der zweiten Hälfte seiner ersten
Amtszeit, wird sich zeigen, ob er sich wirklich durchsetzen und die Mehrheit
der Amerikaner hinter sich scharen kann.
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