|
Das Kabinett Kraft
Artikel vom 15. Juli 2010 um 11:07; letzte Aufdatierung am 15. Juli 2010 um
21:49
Hannelore Kraft hat keine Zeit verloren. Bereits einen
Tag nach ihrer
Wahl zur Ministerpräsidentin
stellt sie ihr Kabinett am 15. Juli 2010 vor. Neun Kabinettsposten (acht
Minister und die Ministerpräsidentin) werden von der SPD, vier
Kabinettsposten (drei Minister und ein Staatssekretär) von den Grünen besetzt.
Hannelore Kraft und Sylvia Löhrmann führen in NRW die Geschlechterquote für
die Minderheitsregierung ein. Im Kabinett sitzen sechs Frauen und sieben Männer.
Das Kabinett Kraft in Nordrhein-Westfalen - Die Kabinettsliste
Für Bündnis '90 / Die Grünen übernimmt die bisherige Fraktionschefin Sylvia Löhrmann das
Schulministerium. Zugleich amtet sieht als stellvertretende
Ministerpräsidentin. Das Ministerium für Klimaschutz, Umwelt,
Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz übernimmt der parlamentarische
Geschäftsführer der Grünen im Düsseldorfer Landtag, Johannes Remmel. Im Ministerium für Gesundheit,
Emanzipation, Pflege und Alter sitzt fortan die Vizefraktionschefin der
Grünen, Barbara
Steffens.
Auf der Webseite der Landesregierung wird zudem noch der Grüne
Landtagsabgeordnete Horst Becker als Parlamentarischer Staatssekretär für
Verkehr im Ministerium für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr
als Kabinettsmitglied geführt.
Für die SPD nehmen folgende Politiker Einsitz ins Kabinett Kraft: Der
DGB-Landesvorsitzende Guntram Schneider zieht ins Ministerium für Arbeit,
Integration und Soziales ein. Der Wirtschaftsdezernent und Kämmerer der
Stadt Köln, Norbert Walter-Borjans, übernimmt das Finanzministerium. Der
Direktor des Landschaftsverbandes Rheinland, Harry Voigtsberger, übernimmt
das Superministerium für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr. Der
SPD-Vizefraktionschef Ralf Jäger wird Innen- und Kommunalminister. Der
Essener Anwalt Thomas Kutschaty übernimmt das Justizministerium.
Das Ministerium für Wissenschaft, Innovation, Forschung und Technologie
führt Svenja Schulze. Das Familien-, Kultur- und Sportministerium übernimmt
die SPD-Bildungspolitikern Ute Schäfer.
Dr. Angelica Schwall-Düren, die bisherige stellvertretende
SPD-Bundestagsvorsitzende, amtet als Ministerin für Bundesangelegenheiten,
Europa und Medien.
Die 49-jährige Hannelore Kraft steht als Ministerpräsidentin von
Nordrhein-Westfalen an der Spitze der Regierung in Düsseldorf mit dreizehn
Mitgliedern (sie eingeschlossen).
Wie die Grünen und die bekennende
„Kohletante“ Kraft
in der Umwelt- und Energiepolitik zusammen arbeiten wollen, steht in den
Sternen. Erstaunlich ist zudem, dass es Sylvia Löhrmann von den Grünen war,
die Kraft zur Minderheitsregierung gedrängt hat. Die Sozialdemokraten hatten
zuerst eine Regierung ohne sichere Mehrheit abgelehnt, sich dann aber doch
zum Bruch dieses Wahlversprechens durchgerungen, als die Möglichkeit von
Rot-Rot-Grün (sowie von Jamaika und Schwarz-Rot) als gescheitert galt.
Unklar bleibt, was sich die Grünen von diesem Himmelfahrtskommando
versprechen.
Die NRW-Linke wird wie die meisten Landesorganisationen der
„Post-Kommunisten“ im Westen von linken Spinnern dominiert. Im Osten
stehen sie als Regierungsparteien oft in der Pflicht und sind pragmatischer,
von weiten Teilen der SPD kaum mehr zu unterscheiden.
In NRW erhielt die Linke jedoch von SPD und Grünen die rote Karte als
„nicht-regierungsfähig“ gezeigt. Eben diese Linke soll nun regelmässig die
Minderheitsregierung unterstützen. Den Abstimmungspartner zuerst
blossstellen und verärgern, das kann nicht wirklich gut gehen.
Die Regierung Kraft wird permanent unter Druck stehen, denn ihr fehlt ein
Mandat zur absoluten Mehrheit im Parlament von Nordrein-Westfalen. Rot-Grün
kontrolliert nur 90 von 181 Mandaten. Das Kabinett Kraft wird daher für ihre
Vorlagen immer wieder auf mindestens eine Stimme aus dem Oppositionslager
angewiesen sein. Da CDU und FDP einen strammen Oppositionskurs angekündigt
haben, kann diese Stimme nur aus dem Lager der Linken kommen. SPD-Chef
Gabriel hat sogar schon mal von der Möglichkeit einer Minderheitsregierung auf
Bundesebene gesprochen. Renate Künast von den Grünen merkte dazu süffisant
an, Gabriel sei es „vermutlich zu heiss“.
In Nordrhein-Westfalen haben sich SPD und Grüne sehenden Auges in die Hand
der Linken begeben. Wird es mit einem blauen Auge - oder noch Schlimmerem -
enden? Ein Desaster scheint unausweichlich. Die Linke hat bereits
angekündigt, sie werde
„die Abwahl von Schwarz-Gelb nicht blockieren“
(soweit hat sie Wort gehalten), danach jedoch die Zusammenarbeit je nach
Vorlage prüfen. Das Rot-Grüne Kabinett ist eine Regierung auf Abruf. Die
Brechung der Schwarz-Gelben Mehrheit im Bundesrat könnte ein Erfolg von
kurzer Dauer werden.
Das Regierungsprogramm von Rot-Grün in NRW - Der Koalitionsvertrag
Der 90-seitige Koalitionsvertrag von Rot-Grün vom 12. Juli 2010 sieht vor allem ein Leben auf
Kredit vor. Die Kommunen sollen vom Land NRW 2011 Euro 650 Millionen
erhalten, allgemein gestärkt
werden und der Privatwirtschaft wieder mehr Konkurrenz machen dürfen.
Sozialtickets im öffentlichen Nahverkehr werden subventioniert.
Die Schulreform sieht unter anderem die Schaffung von mehr
Gemeinschaftsschulen vor und genug Geld für mehr und beitragsfreie Kindergärten. Die Studienbeiträge sollen
ebenso abgeschafft werden wie die Kopfnoten auf den Schulzeugnissen. Das
kostenlose Studium soll NRW zusätzlich 250 Millionen Euro kosten.
In
der Umwelt- und Energiepolitik setzt das Kabinett Kraft auf mehr Windkraft
und Kohlekraftwerke, welche die Klimaschutzziele von Rot-Grün erfüllen. Über
die Zukunft der Steinkohle soll der Bundestag 2012 entscheiden. Der
Steinkohlebergbau soll bis 2018 weiterhin subventioniert werden. Die
Entscheidung zum Neubau des Steinkohlekraftwerkes Datteln 4 überlässt die
Koalition der Justiz. Bis 2020 soll der CO2-Ausstoss in NRW gegenüber 1990
um mindestens 25% reduziert werden. NRW ist das Bundesland mit den grössten
Braunkohlekraftwerken.
Bei Landtagswahlen soll das Wahlalter auf 16 Jahre gesenkt werden. Die
Hürden bei Bürgerbegehren sollen niedriger werden. Die Stichwahl bei Bürgermeisterwahlen
soll wieder eingeführt werden. Die WestLB soll nicht zerschlagen, sondern
mit anderen Landesbanken fusioniert werden.
Der Koalitionsvertrag sieht vor
allem Ausgaben vor. Wo wird gespart? Alles auf Pump? Ist Rot-Grün wirklich
regierungsfähig? Zweifel sind angebracht.
Das Budget muss erst noch mit
Hilfe der Linken verabschiedet werden. 9 Milliarden Euro neue Schulden sind
eingeplant. Es könnten auch 15 Milliarden werden, je nach Ausgaben- und
Wirtschaftsentwicklung. Von einer Schuldenbremse ist noch nichts zu sehen,
auch wenn sich die Koalition in der Zukunft auf die Suche nach
„Konsolidierungspfaden“ begeben will. Insgesamt hat NRW in
absoluten Zahlen mit gut
120 Milliarden Euros bereits den höchsten Schuldenberg eines deutschen
Bundeslandes aufgetürmt.
Pro Kopf sieht es allerdings noch nicht ganz so schlimm aus. Doch das neue Budget lässt
Böses ahnen, insbesondere angesichts voraussichtlich sinkender
Steuereinnahmen in NRW.
Viele neue Regierungsmitglieder gehören dem Landtag an. Sollte das
Experiment der Rot-Grünen Minderheitsregierung frühzeitig scheitern, wären
sie abgesichert...
|

 Klicken Sie hier um Filmplakate zu sehen
|