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Die Regierung Berlusconi ist am Ende
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Hinzugefügt am 4. August 2010 um 18 Uhr 37
Der Misstrauensantrag gegen Caliendo endete wie erwartet mit einem
„Sieg“ Berlusconis (299 Nein, 229 Ja, 75 Enthaltungen). Der
Unterstaatssekretär im Justizministerium wurde nicht aus seinem Amt
entfernt. Wie am 3. August vereinbart, enthielten sich (die meisten) der 33
Parlamentarier von Finis FLi, der 39 von Casinis UDC, der 8 von Rutellis API
und der 5 von Lombardos MPA. Ist dies der Beginn eines neuen Zentrums?
Berlusconi hatte vor der Abstimmung gewettert, die italienischen Bürger
hätten sich für den bipolarismo entschieden und seien nicht bereit,
in die Methoden der ersten Republik zurückzufallen. „Die Moderaten sind wir
und daneben gibt es keinen Platz“, so der Premierminister.
Berlusconi regiert mit einer Minderheitsregierung, die jeder Zeit zu Fall
kommen kann. Das Ende der Regierung dürfte nur bis nach den Ferien vertagt
worden sein. Vorzeitige Neuwahlen bleiben wahrscheinlich. Wird es dem
Zentrum und der Linken bis dahin gelingen, eine glaubwürdige Alternative zu
Berlusconi zu bilden? Ansonsten wird der „Cavaliere“ von den Urnen erneut
als Premierminister hervorgehen.
Die heutige Abstimmung über den
Misstrauensantrag gegen Justiz-Staatsminister Caliendo im Unterhaus wurde
medial zusätzlich belastet. Die Römer Tageszeitung La Repubblica
hatte gestern bekanntgemacht, dass die Prostituierte Maria Teresa De Nicolo
bereits vor einiger Zeit in einer Befragung zu einem Drogen- und Sexring
angegeben hatte, zusammen mit zwei weiteren Damen des horizontalen Gewerbes
im September 2008 einen „flotten Vierer“ mit Premierminister Berlusconi
gefeiert zu haben. De Nicolo gab an, dafür neben Schmuck und der
Reisekostenerstattung 1000 Euro erhalten zu haben.
Die Prostituierte Patrizia D'Addario hatte ähnliches bereits vor einiger Zeit
in einem anderen Fall berichtet. Beide gehörten zum Escort-Service des
„Geschäftsmannes“
Gianpaolo Tarantini aus Bari. All dies ist höchst peinlich für Silvio
Berlusconi, nicht zuletzt, weil er sich gebrüstet hat, zwar kein Heiliger
zu sein, aber nie für Sex bezahlt zu haben.
Hinzugefügt am 3. August 2010 um 13 Uhr 36
Nun könnte es vielleicht rascher
mit der Regierung Berlusconi zu Ende gehen, als noch am Wochenende erwartet.
Am Montag Abend (2.8.2010) waren es 33 Abgeordnete und 10 Senatoren, die
sich Gianfranco Fini anschlossen und in beiden Parlamentskammern je eine
Fraktion gründeten. Der Regierung fehlen nun im Abgeordnetenhaus 8 Stimmen
zur Mehrheit von 316 Abgeordneten. Im Senat verfügt die Regierung noch über
die Mehrheit. Doch ein weiteren Absetzungsprozess könnte jederzeit
einsetzen. Opportunisten sitzen genug im Parlament.
Fini hat danach als Präsident des Abgeordnetenhauses entschieden, dass
Morgen Mittwoch (4.8.2010) über ein von der Opposition vorgebrachten
Misstrauensantrag gegen den Junior-Justizminister / Justiz-Staatsminister
Giacomo Caliendo (PDL) abgestimmt wird. Caliendo wird vorgeworfen, Teil
einer illegalen Organisation, einer Verschwörung im Stile der früheren
Geheimloge P2 zu sein. Staatsminister Nicola Cosentino trat letzte Woche
wegen dieser Affäre bereits zurück, bevor über einen Abwahlantrag gegen ihn
abgestimmt werden konnte.
Premierminister Silvio Berlusconi liess verlauten, bei der kleinsten
Niederlage werde er Neuwahlen anstreben. Allerdings liegt die Entscheidung
darüber beim Staatspräsidenten Napolitano. Gianfranco Fini seinerseits soll
mit Pier Ferdinando Casini (UDC) und Francesco Rutelli (API) in Verhandlungen
stehen, um sich beim Misstrauensvotum der Stimme zu enthalten, denn anders als Cosentino (oder Aldo Brancher)
sei Giacomo Caliendo ein guter Mann, so
Fini. So würde die Regierung Berlusconi nicht gestürzt, aber gewarnt werden.
Fini sagte, er werde Berlusconi so lange unterstützen, wie er zum
Wahlprogramm stehe. Der Premierminister würde so vom Wohlwollen von Finis
neuer Gruppierung Zukunft und Freiheit für Italien (Futuro e Libertà, FLi)
abhängen. In jedem Fall kommt es bereits Morgen, am 4. August 2010, zu einem
Test für die Regierung Berlusconi, der bereits zu Neuwahlen führen könnten.
Artikel vom 2. August 2010
Am 29. und 30. Juli 2010
schmiss der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi (*1936) de facto den
Mitbegründer der führenden Regierungspartei, Gianfranco Fini (*1952), aus dem erst
Ende März 2009 gegründeten Popolo della Libertà (PDL) hinaus, allerdings
ohne formellen Parteiausschluss. Nachdem die Parteiführung des PDL mit 33
gegen nur 3 Stimmen festgehalten hatte, Finis Positionen seien „absolut
unvereinbar mit dem Geist der Grundsätze“ des PDL, zog dieser die
Konsequenzen und gründete seine eigene Gruppierung, Zukunft und Freiheit für
Italien.
Die Freiheit im
Namen des von Berlusconi und Fini gegründeten Volkes der Freiheit (Popolo della Libertà) bezieht sich wohl nur auf
den Willen des Regierungschefs und reichsten Mann Italiens, zu tun und zu lassen, was
im gefällt und was ihm nützt.
Der Grosse Silvio war noch nie wirklich gross, sondern nur grössenwahnsinnig
und eine Zumutung für Europa. Doch die EU hat sich nie ernsthaft um den
italienischen Problemfall gekümmert.
Alexander Stille, der Sohn des früheren Chefredaktors
des Corriere della Sera, Ugo Stille, zeichnete vor einigen Jahren
ein vernichtendes Portrait von Berlusconi, das
auch heute noch lesenswert ist. Viele regen sich zurecht über Sarkozys
Kungelei mit den Medienmoguln Frankreichs auf (nicht nur Taufpaten und
Trauzeugen), doch in Italien ist das Problem ganz anderer Natur. Berlusconi
selbst ist in der Fernsehdemokratie Italien der Medienmogul
schlechthin Das bel paese verdient den Namen Republik schon lange nur
noch bedingt.
Die auf seine Interessen zugeschnittenen Gesetze (leggi ad personam),
seine permanenten Interessenkonflikte, seine Konflikte mit der Justiz und
seine Angewohnheit, die eigenen Anwälte, Mitarbeiter und Freunde ins
Parlament und in die Regierung zu holen, sind mit demokratischen Grundsätzen
unvereinbar.
Der einstige Faschist und Journalist des Secolo d'Italia Gianfranco
Fini hat sich vor Jahren vom rechten Rand getrennt und tritt staatsmännisch
auf. Er wollte den PDL als moderate Mitte-Rechts-Partei etablieren. Silvio
Berlusconi hingegen dachte vor allem an seinen privaten und politischen
Machterhalt. Korrupte und kompromittierte Freunde, Politiker seiner Partei
und Funktionäre wollte er vor dem Zugriff der Justiz schützen. Fini hingegen
arbeitete daran, diese aus ihren Ämtern zu vertreiben und/oder die Justiz
ihre Arbeit machen zu lassen. Nachdem er in den Jahren zuvor noch
Berlusconis leggi ad
personam zugestimmt hatte, wollte er das
„Maulkorbgesetz“ von 2010 nicht mehr mittragen.
Zusammen mit der Zentrumsunion (UdC) und anderen moderaten
Kräften von Links und Rechts könnte Fini den Regierungschef bald einmal
beerben.
In dem Moment, in dem Berlusconi von der politischen Bühne abtritt, dürfte
der Popolo della Libertà in sich zusammenfallen. Berlusconi hatte 1994 Forza
Italia mit Hilfe der Werbefachleute seiner Firma Publitalia und seinem
Medienimperium in wenigen Monaten aus dem Nichts geschaffen. Ohne ihn, den
begnadeten Verkäufer, der Emotionen über Logik stellt, ist seine Partei
nicht viel Wert. Auch wenn schlussendlich niemand unersetzlich ist, so ist
zur Zeit kein Nachfolger im PDL in Sicht.
Berlusconi nahm Fini 1994 in seine erste Regierung auf. Bis
2010 blieb der Postfaschist Fini ein zuverlässiger Partner Berlusconis.
Anders machte es der „Senatur“ und Lega-Chef Umberto Bossi, der
Berlusconis erste Regierung zu Fall brachte. Noch steht Bossi 2010 zu
Berlusconi, aber wie lange noch? Am Wochende sagte Berlusconi noch, es werde
weder eine Regierungskrise noch Neuwahlen geben. Während dem Bossi meinte,
er rechne im Herbst mit einem Misstrauensvotum gegen den
Ministerpräsidenten. Werde Berlusconi abgesetzt, plädiere er für vorgezogene
Neuwahlen.
Gianfranco Fini wurde 2009 nach der Gründung des Popolo della Libertà zu
einem unbequemeren Partner des Regierungschefs. Er wollte nicht mehr alle
Kapriolen Berlusconis zum Schutz seiner Eigeninteressen unterstützen und
verweigerte zuletzt dem „Cavaliere“ die Zustimmung zu ebensolchen
Gesetzesvorlagen (wie dem erwähnten
„Maulkorbgesetz“). Berlusconi verdaute diese Weigerung schlecht und zog
die Reissleine, die sich noch als Strick um seinen eigenen Hals erweisen
könnte.
Bei der Gründung des Popolo della Libertà 2009 - eine Antwort auf die
Gründung des Partito Democratico auf der Linken im Herbst 2007 - dachte
Berlusconi, er hätte nun eine noch stärkere Kontrolle über seine Truppen,
während dem der ambitionierte und sechzehn Jahre jüngere Fini darauf hoffte,
so einst leichter den Posten des Regierungschef erben zu können.
Fini kontrolliert nach dem Rauswurf aus dem PDL mit seiner neuen Gruppierung
Zukunft und Freiheit für Italien rund 34 Abgeordneten im Unterhaus und 14
Senatoren. Er hat also genügend Parlamentarier hinter sich, um mit der
bisherigen Opposition die Regierung stürzen zu können. Wahlumfragen werden
in den nächsten Monaten zeigen, wer von Neuwahlen profitieren könnte.
Berlusconi wollte Fini zum Aufgeben des Amtes als Präsident des
Abgeordnetenhauses drängen, doch das kann weder der Regierungschef, noch der
PDL-Präsident, noch die PDL-Führung entscheiden, sondern nur die Mehrheit
des Abgeordnetenhauses. Dort hat Berlusconi keine Mehrheit. Der
Regierungschef hat Fini zum Spaltpilz gemacht.
Die NZZ verwies auf die unterschiedlichen Charaktere und Lebensstile
von Berlusconi und Fini. Während sich der Regierungschef bei der Gründung
des Popolo della Libertà per Akklamation unter Jubel zum Parteipräsidenten
auf Lebenszeit wählen liess, fand Fini differenzierte Worte und sprach sich
für den Respekt der Institutionen und überparteiliche Reformanstrengungen
aus.
Dass die Vernunftehe so lange hielt, liegt vielleicht daran, dass Fini zu
schwach war, um den „Cavaliere“ bereits zu beerben, während jener erst in
einer gemeinsamen Partei die Konfrontation mit seinem möglichen Nachfolger
wagen wollte. Der Konflikt dürfte Berlusconi über kurz oder lang das
Regierungsamt kosten. Ob er mit seinen knapp 74 Jahren danach nochmals
zurückkommen kann, ist fraglich. Doch der Multimilliardär und begnadete
Selbstvermarkter ist ein Kämpfer. Allerdings könnte er mit seinem Festhalten
an der Macht die Rechte bei den nächsten Wahlen schwächen. Berlusconis
Skandale, Eskapaden und Rechtsanpassungen in eigener Sache sowie die
Rücktritte von korrupten und kompromittierten Ministern und Staatssekretären
könnten den Italienern endlich zuviel sein und zu Verschiebungen im
bürgerlichen Lager führen.
Wäre die linke Opposition nicht so schwach und führungslos, wäre die
Regierung Berlusconi schon jetzt nicht mehr zu retten. Die Krise zwang den
Cavaliere zu einem 25 Milliarden Euro Sparprogramm (bis 2012), das ihn nicht
populärer macht. Laut EU dürfte Italiens Staatschuld 2010 bei rund 118% des
BSP liegen. Da gibt es keinen Spielraum mehr. Nur zwei Jahre nach dem
triumphalen Wahlsieg ist die Regierung Berlusconi am Ende und kann nach den
Sommerferien jederzeit fallen.
Empfohlene Lektüre:
Alexander Stille: Citizen Berlusconi.
C.H. Beck, 2006, 383 Seiten. Das wohl nach wie vor beste Buch zu Silvio
Berlusconi. Einzig die Bemerkungen am Schluss zu George W. Bush hatte sich
der Autor sparen können, denn sie lenken nur vom Phänomen Berlusconi ab.
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Alexander Stille: Citizen Berlusconi.
C.H. Beck, 2006, 383 Seiten. Das wohl nach wie vor beste Buch zu Silvio
Berlusconi. Einzig die Bemerkungen am Schluss zu George W. Bush hätte sich der
Autor sparen können, denn sie lenken nur vom Phänomen Berlusconi ab. Bestellen
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