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Reinfeldt noch immer ohne Mehrheit
Hinzugefügt am 5. Oktober 2010 um 12:29
Premier Reinfeldt wird mit einer
Minderheitsregierung weitermachen. Er stellt heute sein neues Kabinett vor.
Die rechtspopulistischen Schwedendemokraten halfen der bürgerlichen
Vier-Parteien-Regierungskoalition, das Amt des Parlamentssprechers zu
besetzen. Doch weder Bürgerliche noch Sozialdemokraten sprachen mit den
Schwedendemokraten zuvor. Nach der Wahl von Per Westerberg zum
Parlamentssprecher hofften die Schwedendemokraten auf Hilfe der Bürgerlichen
bei der Wahl ihres Kandidaten, Mikael Jansson, zum stellvertretenden
Sprecher. Doch stattdessen wurde der Grüne Ulf Holm in das Amt gewählt. Die
Grünen zogen es vor, in der Opposition zu bleiben. Die Wahl ihres Vertreter
zum stellvertretenden Reichstagssprecher kann als ausgestreckte Hand der
Regierung an die Grünen gewertet werden. Die Minderheitsregierung
kontrolliert 173 Sitze, bräuchte aber 175 für eine Mehrheit.
Artikel vom 24. September 2010 um 12 Uhr 54
Auch die Nachzählung, deren Resultat gestern bekannt
wurde, hat keine Änderung gebracht: Schwedens Premier Reinfeldt ist nach den
Parlamentswahlen vom 19. September noch immer ohne Mehrheit. Immerhin fehlen
ihm nun nur noch zwei Stimmen zur absoluten Mehrheit von 175 Mandaten im
Reichstag. Die Zentrumspartei (Centerpartiet) kommt neu - auf Kosten der
Sozialdemoraten - auf 23 statt nur 22 Mandate.
Wahlresultate sind - auch in westlichen Demokratien - nicht so eindeutig,
wie mancher sich so denkt. Wo Menschen sind, werden Fehler gemacht. Es
müssen keine bewussten Wahlfälschungen sein. Der Schreibende erinnert sich
an die Wahl in die Exekutive der Stadt Winterthur 2001, die bei zwei
Nachzählungen drei unterschiedliche Resultate brachte, zweimal mit der
kleinstmöglichen Marge von einer Stimme, wobei (teilweise) falsch
geschriebene Namen eine entscheidende Rolle spielten.
Zurück zu Schweden: Der sichere Einzug der Schwedendemokraten (Sverigedemoraterna)
ins Parlament verhinderte einen klaren Erfolg der Regierungskoalition. Mit
5,7% nahmen die Rechtspopulisten die Vierprozenthürde klar und wollen mit
ihren 20 Mandaten das Zünglein an der Waage spielen.
Vor den Wahlen haben sowohl Regierung als auch Opposition klar gesagt,
sie würden mit den Schwedendemokraten nicht zusammen arbeiten. Diese Partei
wurde bereits 1988 gegründet, kamen aber bisher erst auf Gemeindeebene, vor
allem in Südschweden, zu Mandaten. Sie will vor allem die Einwanderung von
Ausländern begrenzen und aus der EU austreten bzw. diese gleich ganz
abschaffen. Im Wahlkampf wurde sie von den Massenmedien - selbst den
Boulevardblättern - weitgehend ignoriert, ja sogar diskriminiert. Geschadet
hat es den Schwedendemokraten nicht. Im Gegenteil. Die Opferrolle hat sie
vielleicht sogar entscheidend über die 4%-Hürde gebracht. Eine offenere
Diskussion der echten und vorgeschobenen
„Ausländerprobleme“ täte Schweden in jedem Fall gut. Doch wie
Österreich, Dänemark oder die Schweiz anfällig geworden für
rechtspopulistische Ideen ist Schweden (noch) nicht. Die
Einwanderungspolitik gehörte nie zu den wahlentscheidenden Themen.
Trotz einem Zugewinn von 1,2% der Stimmen auf satte 49,4% Zustimmung aller
Wählenden schaffte es die Regierungskoalition nicht, eine Parlamentsmehrheit
zu erreichen. Wenn sich nicht zwei unzufriedene Oppositionelle ihnen
anschliessen, droht eine Minderheitsregierung.
Die Grünen zieren sich, auf Gespräche um eine Regierungsbeteiligung
einzugehen. Sie kamen auf 7,3% und 25 Mandate. Mit einem Zugewinn von 2,1%
und 6 zusätzlichen Reichstagssitzen gehören sie zu den Gewinnern von 2010.
Doch vor den Wahlen gaben sie klare Bekenntnisse zu den
Sozialdemokraten und zur Linkspartei ab. Da der Einzug der
Schwedendemokraten eine neue Lage geschaffen hat, hätten sie eigentlich eine
glaubwürdige Begründung für einen Positionswechsel.
Die Doppelspitze der Grünen, Peter Eriksson und Maria Wetterstrand, sieht im
geplanten Bau von 10 neuen Atomkraftwerken das Haupthindernis für einen
Eintritt in die Regierung. Wird Reinfeldt seine Koalition zu einer Änderung
der Energiepolitik bewegen? Neue Atomkraftwerke sind keine Begeisterung
auslösende Schritte zur Lösung von Schwedens Energieproblemen, doch die
Grünen bieten keine glaubwürdige Alternative. Teure Grundlagenforschung ist
nach wie vor von Nöten, ehe zum Beispiel Solarenergie eine wirtschaftliche
Alternative zu fossilen Energieträgern wird. Auf Grund der geographischen
Lage Schwedens wird dort Solarenergie ohnehin nie selbst in ausreichendem
Masse produziert werden können. Die EU als Ganzes ist gefordert. Anstatt die
Hälfte des Budgets in die Landwirtschaft zu buttern, würde sie mit diesen
Milliarden gescheiter Grundlagenforschung zu alternativen Energien fördern,
deren Ergebnisse allen Unternehmen offen stünden.
Die Grünen müssen sich zudem fragen, ob sie weiter
„ideologisch rein“ bleiben wollen oder zur Übernahme von
Regierungsverantwortung bereit sind. Ihre Alliierten sind ohnehin keine
Alternative für die Zukunft. Die Linkspartei (Vänsterpartiet) träumt
weiterhin vom Sozialismus und verlor 0,3% der Wähler und 3 Mandate und kam
damit 2010 auf 5,6% und 19 Mandate. Die Sozialdemokraten blieben zwar mit
30,6% und 112 Mandaten knapp die stärkste Partei in Schweden, doch mit
Verlusten von 4,4% und einem Minus von 18 Mandaten wurden sie vom Wähler
regelrecht abgestraft. Die unpopuläre Vorsitzende der Sozialdemokraten, Mona
Sahlin, klammert sich weiterhin an die Macht, obwohl sie das Resultat von
2006 noch unterboten hat, das als schlechtestes Wahlergebnis der
Sozialdemokraten seit 1914 in die Geschichte einging. Der schwedische Traum
vom
„Volksheim“ scheint ausgeträumt.
Die bürgerliche Allianz hat bisher erfolgreich versucht, den schwedischen
Sozialstaat zu reformieren und für den globalen Wettbewerb fiter zu machen.
Trotz den Problemen der schwedischen Banken mit ihren Investitionen im
Baltikum und dem Niedergang der Automobilindustrie (Saab und Volvo) ist
Schweden in der EU am besten aus der Krise gekommen. Im zweiten Quartal 2010
nahm die Wirtschaftsleistung um 4,6% zu, nach dem Vorjahreseinbruch des
Bruttosozialprodukts (BSP) um 4,9%. Der Aufschwung wird vom Privatkonsum und
der Exportwirtschaft getrieben. Die Staatsverschuldung in Prozenten des BSP
lag laut EU 2009 bei lediglich 42,3%. Die Arbeitslosigkeit stieg zwar 2009
kurzfristig auf 9,4%, lag im August 2010 aber nur noch bei 7,4%.
Die bürgerliche Vierparteienregierung hat trotz der Krise seit 2006 vier
Steuersenkungen durchgesetzt. Schweden hat das niedrigste Haushaltsdefizit
aller EU Staaten und erfüllt die Maastricht-Kriterien mustergültig. Für 2012
plante die Vierparteienregierung vor den Wahlen gar einen (durchaus
realistischen) Haushaltsüberschuss ein, sofern nicht die Weltkonjunktur den
Schweden einen Strich durch die Rechnung macht.
Die Sozialdemokraten wollten Schweden wieder zum
„Wohlfahrtsparadies“ zurückbringen, während dem laut der
sozialdemkratischen Parteiführerin Mona Sahlin die Bürgerlichen Schwden in
ein
„Steuerparadies“ verwandeln wollten.
Hohe Steuern hatten in Schweden bisher eine grosse Akzeptanz, solange damit
das
„Volksheim“ finanziert wurde. Inzwischen haben viele Schweden
eingesehen, dass mit etwas tieferen Steuern die Wirtschaft angekurbelt
werden kann, ohne dass der (noch immer zu grosszügige) Wohlfahrtsstaat
gleich zusammenbricht. Die Sozialdemokraten selbst hatten während der
schwedischen Bankenkrise Anfang der 1990er Jahre einige Sozialleistungen
abgebaut und so die öffentlichen Haushalte saniert.
Die Moderate Sammlungspartei von Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt wurde
für seine erfolgreiche Politik bei den Parlamentswahlen vom 19. September
2010 vom Wähler belohnt. Die Moderaten gewannen 30,1% und 107 Mandate, 3,9%
und 10 Mandate mehr als 2006. Die mit ihnen alliierte Liberale Volkspartei
kam auf 7,1% und 24 Mandate, musste mit einem Minus von 0,4% und 4 Mandaten
Federn lassen. Die Zentrumspartei brachte es auf 6,6% und 23 Mandate, ein
Minus von 1,3% und Minus 6 Mandate. Die Christdemokraten erzielten 5,6% und
19 Mandate. Sie verloren 1% und 5 Mandate. Der Wähler honorierte die gute
Arbeit der Regierungsparteien mit einem Minus von insgesamt 5 Mandaten
schlecht.
Zum Abschluss sei den schwedischen Grünen ein Blick nach Österreich
empfohlen, wo ihre
Schwesterpartei einst die Chance vertat, zusammen mit Schüssels ÖVP dem
rechtspopulistischen Spuk um Jörg Haider ein Ende zu
bereiten. Doch abgesehen vom Vorsitzenden Van der Bellen und einer
Minderheit waren die Grünen dort
nicht
dazu bereit, Regierungsverantwortung zu übernehmen.. In Schweden können die Grünen das Zünglein an der Waage
spielen, ansonsten tun dies die rechtspopulistischen Schwedendemokraten,
wenn man sie denn lässt und nicht zum in Schweden mehrfach erfolgreich
erprobten Mittel der Minderheitsregierung oder gar zu Neuwahlen greift.
Offizielles Endergebnis der Wahlen zum schwedischen Reichstag vom 19.
April 2010
Bei rund 7,1 Millionen wahlberechtigten Schweden und gut 6 Millionen
Wählenden lag die Wahlbeteiligung bei 84,6%. Die
Vierparteien-Regierungskoalition um Premier Reinfeldt erhielt 49,4% der
Stimmen und 173 Mandate im Reichstag, fünf weniger als 2006. Der
Dreiparteien-Linksblock um die Oppositionsführerin Sahlin von den
Sozialdemokraten kam auf 43,5% und 156 Mandate, 15 weniger als 2006. Neu im
Parlament vertreten sind die rechtspopulistischen Schwedendemokraten mit
5,7% und 20 Mandaten.
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