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Sarkozy unter Druck
Hinzugefügt am 3. September 2010
Arbeitsminister Woerth, der sich
um die Rentenreform kümmern sollte, ist nicht mehr zu halten. Nicht nur
arbeitete seine Frau für die reichste Französin, Liliane Bettencourt, als er
wohlgemerkt Budgetminister bzw. Schatzmeister der UMP war, sondern nun
musste er auch zugeben, er habe um den Verdienstorden der Ehrenlegion für
Bettencourts Vermögensverwalter, Patrice de Maistre, gebeten. Bettencourt
(sowie insbesondere deren verstorbener Mann) und de Maistre spendeten tapfer
(wohl nicht immer legal) der Regierungspartei UMP und sind in noch
ungeklärte Steueraffären verwickelt.
Artikel vom 1. September 2010
Bei der Präsidentschaftswahl 2007 war der UMP-Kandidat
Nicolas Sarkozy eindeutig der bessere Kandidat als die Sozialistin
Ségolène Royal. Doch der konservativ-liberale Politiker war nur die relativ
attraktivere Wahl. Bald traten seine Schwächen stärker an den Tag.
Der Bling Bling-Präsident, der sich sogleich im Glanz der Schönen und
vor allem der Reichen und Mächtigen auf Luxusjachten und in Luxusrestaurants
sonnte, kam bei den Franzosen durch seine neureiche Attitüde nicht gut an.
Doch es ging beileibe nicht nur um schlechten Stil. Nicolas Sarkozy hatte
während der Präsidentschaftskampagne eine Serie von Reformen angekündigt.
Die Wirtschafts- und Finanzkrise mag ihm teilweise einen Strich durch die
Rechnung gemacht haben, doch viele Modernisierungsschritte wären dennoch
möglich, ja noch nötiger.
Die 35-Stunden-Woche und andere, die Dynamik der Arbeitsmärkte hemmende
Regelungen hätte er 2007 resolut angehen sollen. Doch daraus ist nicht viel
geworden.
Sarkozys Liberalismus wurde schon immer von seinem Hang zu Staatseingriffen
konterkariert. Von der Abkehr von den unnötigen und kontraproduktiven
Agrarsubventionen war bei ihm noch nie die Rede. Das EU-Budget wird nach wie
vor rund zur Hälfte von diesen Ausgaben belastet, wovon Frankreichs
Landwirtschaft vordergründig
„profitiert“. Dass Subventionen und andere staatliche Zwangsmassnahmen
die Wirtschaft langfristig ruinieren, davon will der
„liberale“ Sarkozy nichts hören. Dennoch war während der Wahlkampagne
von ihm noch am ehesten Bewegung im französischen Staatsdschungel und
-sektor zu erwarten.
Weitere Punkte der Kritik an Sarkozy, die in Frankreich im Vordergrund
stehen, sind seine Nähe zu den Medientycoons sowie sein Einfluss auf die Medienwelt.
Arnaud Lagardère ist ein Freund von Sarkozy und war Trauzeuge bei dessen
Heirat mit Cécilia 1996. Serge Dassault ist ebenfalls ein Freund des
Präsidenten und sitzt für dessen UMP-Partei zudem im Senat. Martin Bouygues
war ebenfalls Trauzeuge bei Sarkozys zweiter Heirat und ist erst noch
Taufpate von Sarkozys Sohn Louis. In Frankreich herrschen noch keine
italienischen Verhältnisse, doch bedenklich ist die Mediensituation
schon.
Präsident Sarkozy ist und bleibt ein hyperaktiver Macher, der sich gerne ins
politische Getümmel wirft. Vom Naturell her ist und bleibt er eher ein
Premierminister als ein Präsident.
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Sarkozy unter Druck schreckt nicht dafür zurück, sich billigem Populismus
hinzugeben und sich erneut als innenpolitischer Hardliner zu gebärden. Sein
hemdsärmliger Aktionismus bei der Ausweisung von Roma nach Rumänien oder
beim Kampf gegen Ausschreitungen in Grenoble kommt nicht nur in den Medien
als das an, was es ist: ein peinliches und billiges Ablenkungsmanöver. Die
Ursachen der Misere in den Vororten, insbesondere unter den armen
Einwanderern und deren Kinder und Enkel, werden weiterhin weitgehend
ignoriert. Von Sarkozys Bruch mit der alten Politik, seiner vielbeschworenen
Rupture, ist - ausser einigen Ministern aus der Opposition - nicht
viel geblieben. Es wird weitergewurstelt. Der Präsident dachte gar daran,
Franzosen mit „Migrationshintergrund“ im Fall von Straftaten auszuweisen,
selbst wenn sie die französische Staatsbürgerschaft besitzen. Einmal
abgesehen davon, dass er selbst ein Mann mit (ungarischem)
Migrationshintergrund ist, wäre dieser Schritt verfassungswidrig. Selbst
wenn es legal wäre, seit wie vielen Generationen müsste eine Familie in
Frankreich beheimatet sein? Die Nazis lassen grüssen. Da die Wiege der
Menschheit in Afrika liegt, sind ohnehin alle Franzosen Migranten.
[Hinzugefügt am 1.9.2010 um 17 Uhr 01: Sarkozy denkt noch immer an ein
Gesetz zur Aberkennung der Nationalität in bestimmten Fällen. Es steht am
27. September 2010 im Parlament zur Diskussion!].
Bei seiner Rückkehr zum Hardliner-Image - als Innenminister wollte Sarkozy
einst mit dem Kärcher in den Vororten aufräumen - spielt neben der Ablenkung
vom eigenen Versagen bereits die nächste Präsidentenwahl 2012 eine Rolle.
Bei der letzten Wahl hatte der kleine Nicolas mit seinen harten Tönen dem
rechtsextremen Front National erfolgreich das Wasser abgegraben.
Die Sozial- und Bildungsmisere hält an. Die soziale Mobilität in den
Armenvierteln ist so schwach wie zuvor. Während dem leisteten sich einige
Minister Peinlichkeiten auf Kosten der Steuerzahler, so haufenweise teure
Zigarren und unnötige Privat- anstatt Linienflüge. In der Wirtschafts- und
Finanzkrise, in der die meisten Franzosen den Gürtel enger schnallen müssen,
kommen die Privilegien und Machtmissbräuche der Politiker denkbar schlecht
an.
Insbesondere die der Linken nahestehenden Wähler werden so noch
reformunwilliger. Die Neuordnung der Renten, das zur Zeit bedeutendste
Reformvorhaben der Regierung Sarkozy, gerät in Gefahr. Von der
Flexibilisierung des Arbeitsmarktes ist ohnehin schon lange nicht mehr
ernsthaft die Rede. Frankreich verbleibt im Zustand der Unreformierbarkeit,
und dies bei einem Haushaltsdefizit, das 2010 bei rund 8% des
Bruttosozialprodukts liegen dürfte. Wie Deutschland so hat auch Frankreich
tapfer an der Erodierung der Maastricht-Kriterien mitgearbeitet. Seit 1974
üben sich die französischen Regierungen durchgehend in der
Schuldenwirtschaft: mehr ausgeben als einnehmen. So kann es nicht lange
weitergehen, denn sonst drohen bald griechische Verhältnisse.
Haushaltsdisziplin und liberale Reformen sind im Hexagon mehr denn je
gefragt, doch wer soll diese hehren Ziele durchsetzen?
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