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Berlusconi immer einsamer
Finis Leute verliessen Berlusconis
Kabinett - Mara Carfagna will ebenfalls gehen
Hinzugefügt am 8. Dezember 2010
Das italienische
Verfassungsgericht hat angekündigt, sein Urteil über das Gesetz, das
Berlusconi bei Strafverfahren vorübergehend Immunität zusichert, nicht am
Tag der Vertrauensabstimmung, dem 14. Dezember, sondern erst im Januar zu
verkünden.
Das italienische Parlament hat früher als angekündigt das Budget
verabschiedet, nämlich bereits am 7. Dezember. Das Budget sieht Kürzungen
von €25 Milliarden über die nächsten zwei Jahre vor. Italiens
Schuldenlast soll Ende 2010 bei 118% des BIP liegen. Zudem liegt Italiens
Produktivität laut einer Studie von McKinsey 10% unter dem
EU-15-Durchschnitt. Der Arbeitsmarkt ist unflexibel. Der EU-Kommissar Olli
Rehn sagte, Italien werde wohl weitere Budgetkürzungen brauchen. Die
EU-Kommission schätzte am 29. November, dass Italiens Budgetdefizit 2011 bei
4,3% liegen wird. Das wären zusätzliche €6 Milliarden, die gespart werden
müssten. 2010 soll das Budgetdefizit bei 5% liegen. Italiens Stärke im
Schuldenbereich liegt bei den privaten Haushalten, die nur zu 47% des BIP
verschuldet sind.
Hinzugefügt am 3. Dezember 2010
Regierung und Opposition in
Italien haben sich darauf geeinigt, das Budget für das Jahr 2011 bereits am
10. Dezember zu verabschieden, also vor der Vertrauensabstimmung vom 14.
Dezember, um Spekulanten keine Angriffsfläche zu bieten.
Artikel vom 1. Dezember 2010 um 00:14
Neben der Staatsverschuldung von heute rund 115% des
Bruttoinlandprodukts (BIP) heisst Italiens Hauptproblem seit langem
„Silvio Berlusconi“. Wie in der französischen Ausgabe
bereits gemeldet, hatte Gianfranco Fini
am 7. November genug vom Theater des Cavaliere, weshalb sich am 15. November
seine Getreuen aus der Regierung Berlusconi
zurückzogen (frz. Artikel).
Der Europa-Minister Andrea Ronchi trat zurück, zusammen mit dem Vizeminister
für Wirtschaftsentwicklung Adolfo Urso und den Staatssekretären für
Landwirtschaft, Antonio Buonfiglio, und Umwelt, Roberto Menia. Alle vier
gehören zu Finis neu gegründeter Partei Zukunft und Freiheit für Italien (Futuro
e Libertà per l'Italia, FLI). Zudem trat der Staatssekretär für
Infrastruktur und Transport, Giuseppe Maria Reina, zurück, der die Bewegung
für Autonomie (Movimento per le Autonomie, MPA) vertritt. Das MPA ist
insbesondere in Sizilien stark.
Ein weiterer Rückschlag für Silvio Berlusconi kam am 20. Dezember mit der
Ankündigung der Ministerin für Gleichstellungsfragen, Mara Carfagna, die
Berlusconis Partei Volk der Freiheit (Popolo della Libertà, PDL) angehört,
sie wolle am Tag nach der Misstrauensabstimmung gegen
Berlusconi vom 14. Dezember ebenfalls gehen. Sie werde nicht nur ihr
Ministeramt, sondern auch ihren Parlamentssitz aufgeben. Die hübsche
Brünette, die zuvor als Showgirl und mit Nacktfotos Karriere gemacht hatte,
warf der Regierung Berlusconi Unfähigkeit im Zusammenhang mit der Müllkrise
in Neapel vor. Sie fürchtete ähnliche Zustände für Salerno. Doch sie liess
sich ein Hintertürchen offen. Nach einem langen Gespräch mit dem
Regierungschef vom 24. November trat sie den Rücktritt vom Rücktritt an und
meinte, Berlusconi habe die Unstimmigkeiten aus dem Weg geräumt. Nebenbei
verkündete Mara Carfagna, sie werde am 13. Mai 2011 ihren Lebensgefährten
Marco Mezzaroma heiraten. Sie wünschten sich mindestens zwei Kinder. Da war
sie scheinbar wieder, Berlusconis schöne heile Welt.
Dennoch sieht es für Berlusconi düster für den 14. Dezember aus, denn sein
Budget kann er nur mit Hilfe von Finis Getreuen oder neuen Verbündeten
durchbringen.
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Seit dem
Bruch zwischen Berlusconi und Fini Anfang August schwelte die
italienische Krise. Die Regierung auf Abruf mogelte sich durch. Alle Akteure
versuchten sich in taktischen Spielchen und Angriffen unter die Gürtellinie.
Berlusconi behauptete nach den „Enthüllungen“
von WikiLeaks, die nichts Neues bezüglich Silvio brachten, einige junge
Frauen seien bezahlt worden, um ihn zu verleumden. In Wahrheit hat er
wiederholt Prostituierte und andere willige Damen bezahlt, um ihm
Gesellschaft zu leisten.
Ein Gipfel der Peinlichkeit kam mit
„Ruby Rubacuori“. Die Marokkanerin wurde mit damals noch 17 Jahren von
Berlusconi in seine Villa San Martino in Arcore eingeladen. Die Villa hat
der heutige Regierungschef übrigens 1974 auf zweifelhafte Weise für einen
lächerlichen Preis von einer damals ebenfalls minderjährigen Erbin erworben
(siehe dazu
Alexander Stille: Citizen Berlusconi).
Zurück zu Ruby, mit der Berlusconi gemäss ihrer Aussage keinen Sex gehabt
hatte und die der Regierungschef auch nie mehr eingeladen habe, nachdem er
erfahren habe, dass sie minderjährig war: Ruby erhielt von Silvio nach
eigener Aussage nicht nur
7000 Euro, sondern, als sie wegen einem angeblichen Diebstahl festgenommen
worden war, intervenierte Berlusconi persönlich bei der Polizei mit den
Worten, die Marokkanerin sei eine Nichte des ägyptischen Präsidenten
Mubarak. Dass der alternde Staatschef sich amüsiert und reihenweise Frauen dafür bezahlt,
ihm Gesellschaft zu leisten, sei ihm unbenommen, doch dass er sich bei der
Polizei dafür einsetzt, dass eine mögliche Straftäterin freikommt und seinem
Wunsch Folge geleistet wird (wobei einige diesem Hergang der Dinge
widersprechen), ist nicht nur für Italiens Polizei und Justiz peinlich.
Berlusconis Rivale auf der Rechten, Gianfranco Fini, forderte folgerichtig
am 7. November erstmals unverblümt und direkt den Rücktritt des
Regierungschefs.
Doch die Sache ist noch immer nicht gegessen. Zwar sieht es noch immer
danach aus, dass Berlusconi am 14. Dezember sein Budget im Unterhaus nicht
durchbringt, ihm das Misstrauen ausgesprochen wird und womöglich ein Gericht
ihm erst noch die Immunität abspricht, doch nach einer Umfrage vom 13. bis
16 November von Demos bleibt Berlusconi auf der Rechten der unangefochtene Führer.
Von allen Wählern erhält er zwar nur eine Zustimmung von 32,4% - im Mai 2009
lag er bei 51,3% - und liegt damit nur an achter Stelle aller
Politiker, doch im rechten PDL-Lager steht er mit 65,2% unangefochten an der
Spitze, trotz Ruby und anderen Affären.
Italien hat nach wie vor politische Führungsprobleme. Auf der Rechten
erstaunt das Fehlen an Alternativen. Der wahrscheinlichste Nachfolger von
Silvio Berlusconi, Gianfranco Fini, wurde aus der PDL-Partei unsanft
hinausbefördert. Auf der Linken ist zwar mit Nichi Vendola ein neuer Stern
im Aufstieg begriffen (zumindest in den Umfragen), doch die Linke erscheint
weiterhin als schwacher, uneiniger Haufen. Einzig in der Frage der Ablösung
von Silvio Berlusconi sind sie sich einig. Sobald es ums Regieren geht,
brechen alte Gräben wieder auf.
Im Zentrum versuchen
Gianfranco Fini (*1952; FLI), Pier Ferdinando Casini (*1955; UDC) und
Francesco Rutelli (*1954; API) eine neue Kraft zu bilden. Sie haben sich
erstmals am 14. November getroffen, um über eine politische Zusammenarbeit
bzw. gar die Schaffung einer Partei der Mitte zu diskutieren. Doch alleine
sind sie zu schwach. Sie brauchen entweder die Unterstützung der
Demokratischen Partei auf der Linken, wovon die Reformer insbesondere
bezüglich Fragen der Wirtschaft nicht begeistert sind, oder von Berlusconis
PDL auf der Rechten, die sich noch immer nicht von ihrem dubiosen Führer
trennen will. Mögliche Neuwahlen im März kämen für die Zentristen und
Reformer aller Farben wohl zu früh. Derweilen bewegt sich Italien weiterhin
am Abgrund. Kann das bel paese erst nach dem Tod des Cavaliere seine
politische und wirtschaftliche Stagnation überwinden?
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Alexander Stille: Citizen Berlusconi.
C.H. Beck, 2006, 383 Seiten. Nicht mehr ganz neu, aber ein empfehlenswertes Buch zu Silvio
Berlusconi. Einzig die Bemerkungen am Schluss zu George W. Bush hätte sich der
Autor sparen können, denn sie lenken nur vom Phänomen Berlusconi ab. Bestellen
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