|
Die Mitleidsindustrie
Linda Polman:
Die Mitleidsindustrie, 2010, 267. S. Buch bestellen bei
Amazon.de. Die englische Version: Linda Polman:
The Crisis Caravan: What's Wrong with Humanitarian
Aid? Order the book from
Amazon.com or
Amazon.co.uk.
Artikel vom 14. Januar 2011
Regelmässig verweisen wir auf den Unsinn der
Agrarsubventionen und, in einem Interview von 1999 mit
Cornelio
Sommaruga, dem damaligen Präsidenten des IKRK, auf
das Faktum, dass die humanitäre Hilfe weitgehend
„palliativ“ ist, also nur die Symptome bekämpft.
Nun liegt das Buch
Mitleidsindustrie
der niederländischen Journalistin
Linda Polman vor, die seit vier Jahrzehnten die Widersprüche der humanitären
Hilfe beobachtet. Sie zeigt sie ein vernichtendes
Bild der Hilfe durch allerlei NGOs, UNO-Unterorganisationen, etc.
Agrarhilfen, Katastrophenhilfe, humanitäre Hilfe, Nothilfe, Hilfe in Kriegs-
und Dürregebieten, das Feld ist weit, doch die Bilanz erschreckend.
In ihrem Vorwort kündigt Linda Polman an, die
„Rolle der Katastrophenhilfe als Waffe in Kriegen und Konflikten“
zu analysieren. Dabei verweist sie auf den Fall von Somalia, wo die UN
Monitoring Group feststellte, dass rund die Hälfte aller Nahrungsmittel für
das Land (jährlich rund $450 Millionen) in den Taschen der Warlords, ihrer
Geschäftspartner sowie korrupten lokalen Mitarbeitern des
UNO-Welternährungsprogramms WFP landet. Sie verweist auf eine
Spiegel-Interview eines kenianischen Wirtschaftsexperten, in dem aus um
Lieferungen subventionierter europäischer und amerikanischer Maislieferungen
an Kenia geht, welche ihre destruktive Kraft im Empfängerland entfalten.
Auf rund 250 Seiten zeigt die Journalistin die dunkle Seite der
Hilfsindustrie, von der selten die Rede ist. Immerhin war im Schweizer
Fernsehen um die Weihnachtszeit ein Beitrag zu sehen, in dem darauf
hingewiesen wurde, dass Hilfsorganisationen in der Schweiz 7% bis 35% ihrer
Mittel alleine zum Spendensammeln ausgeben, wobei die tiefen Zahlen von
Organisationen stammen, die grosse Summen an öffentlichen Geldern erhalten.
Linda Polman verweist zu Beginn ihres ersten Kapitels auf
„ein jahrhundertealtes Dilemma“ der internationalen
humanitären Hilfe, das sich in der Uneinigkeit der zwei Galionsfiguren eben
dieser Hilfe manifestierte. Henri Dunant (Rotes Kreuz) und Florence
Nightingale (moderne britische Krankenpflege) waren sich über die Hilfe im
Kriegsfall uneinig. Henri Dunant vertrat die Ansicht einer Pflicht zur Hilfe
in jedem Fall, während dem Florence Nightingale davon überzeugt war, dass
Hilfe ihr Ziel verfehle, wenn kriegführende Parteien daraus Nutzen zögen.
Sie war der Ansicht, je höher die Kosten eines Krieges, desto schneller wäre
er vorbei. Dunant war von seinen Eindrücken bei der Schlacht von Solferino
(1859) beeinflusst, Florence Nightingale von ihren Erfahrungen im Krimkrieg
(1854). Laut Linda Polman hatten 2006 mit dem Ja von Nauru und Montenegro
alle 194 Länder der Welt die Genfer Konventionen und damit die
Rotkreuzprinzipien im Kriegsfall akzeptiert. Noch nie gab es so viele
Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im humanitäre Bereich. Doch Nutzen
ziehen aus all diesen Anstrengungen beileibe nicht nur die Opfer.
Alle Aktionen bei Amazon.de.
Wer gutes Tun will, tut leider oft das Falsche. Linda Polman beschreibt eine
Fülle von schockierenden Beispielen, in denen humanitäre Hilfe, Nothilfe,
Nahrungsmittelhilfe, etc. zu perversen Resultaten führten. Dazu gehört die
„totale ethnische Katastrophe“ von Goma.
Nachdem die Hutu die Tutsi in einem schrecklichen Genozid niedergemetzelt
hatten, flohen Zehntausende aus Ruanda. Dass es sich dabei um abziehende
Hutu-Kämpfer handelte, entging dem Westen weitgehend. Hunderttausende
liessen sich in Tansania und Burundi nieder. Rund 500 Journalisten
berichteten über die Flüchtlinge und unzählige Hilfsorganisationen kamen
ihnen zu Hilfe, nachdem von einem
„zweiten Genozid“ die Rede war, als angeblich täglich Hunderte an
Cholera starben.
Was in den Berichten nicht vorkam, so Linda Polman, war, dass viele nicht an
Cholera gestorben, sondern von Hutu-Milizen ermordet worden waren. Die Lage
in den Lagern war besser als in Ruanda, wo die wahren Opfer des Genozids
weitgehend auf sich alleine gestellt waren. In den Hutu-Lagern gab es
Bäcker, Fleischer, Schnapsbrennereien, Videoshops, Theater und Friseure.
Zudem hatten die Hutu alles, was nicht niet- und nagelfest war, aus Ruanda
mitgenommen, sogar die gesamte Universitätsbibliothek. Die vollzählige
extremistische Hutu-Regierung befand sich nun ebenfalls in Goma. Die
Hilfsindustrie unterstützte die Falschen, die es erst noch nicht brauchten.
Laut Evaluationen von NGOs wurden rund 60% der Hilfsgüter von den Milizen
der Hutu gestohlen.
Zwei Jahre lang, bis November 1996, dauerte der Spuk. Dann vertrieb
die ruandische Tutsi-Armee die Hutu und die Hilfsorganisationen aus Goma,
wobei wieder Menschen sterben mussten. Doch es war vorauszusehen gewesen.
Die Welt hatte die Hutu massiv unterstützt. Die Tutsi wollten nicht
zuschauen, bis die Hutu, die auch Waffenlieferungen erhielten, wieder stark
genug waren. Die Hilfskarawane ihrerseits zog weiter, zu anderen
Krisenherden.
Linda Polman untersuchte Dutzende von Konflikten und analysierte die
vielfältigen Probleme der humanitären Hilfe. Im Nachwort stellt sie fest,
dass sie keine Patentlösung dafür habe, wie es besser gemacht werden könnte.
Es müsse jedoch die Möglichkeit geben, nichts zu tun, wenn dies besser sei.
Allerdings will sie ihr Buch nicht als Plädoyer dafür sehen, überhaupt
nichts mehr zu tun. Doch das System dürfe vor Kritik nicht bewahrt werden.
„Stellt ihnen Fragen“, ist ihre Schlussforderung an die Journalisten.
Von den Hilfsorganisationen fordert sie eine bessere Zusammenarbeit. Wird
eine grössere Transparenz der Hilfe etwas daran ändern, dass Hilfsgelder,
Hilfsgüter und NGOs in manchen Situationen zu Waffen im Kampf werden?
Weitermachen wie bisher können wir nicht.
|
|