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Regimewechsel in Tunesien
Hinzugefügt am 18. Januar 2011 um 11:10 Londoner Zeit
Die korrupte Präsidentengattin
Leila Trabelsi soll 1,5 Tonnen Gold der tunesischen Zentralbank im Wert von
$60 Millionen mit ins Exil genommen haben. Die Zentralbank soll dies
dementiert haben.
Artikel vom 17. Januar 2011
um 12:15 Londoner Zeit
Wie es so geht in turbulenter
Stunde, die
Al Jazeera Meldung, dass Ben Ali auf dem Weg nach Paris war, war
wohl insofern richtig, als er zuerst scheinbar dahin wollte, doch dann hat Sarkozy
wahrscheinlich kalte Füsse bekommen. Der Ex-Präsident landete daher in
Saudi-Arabien. Ministerpräsident Ghannouchi überstand nur eine Nacht als
Interims-Nachfolger. Am 15. Januar 2011 erklärte der Verfassungsrat -
gestützt auf die Verfassung - den
77jährigen Parlamentspräsidenten Foued Mebazaa zum Nachfolger und ordnete
Neuwahlen in zwei Monaten an. Foued Mbazaa gilt
allerdings ebenfalls als belastet und korrupt.
Tunesien hat gezeigt, wie rasch ein diskreditiertes Regime auch ohne einen
organisierten Aufstand, fast über Nacht fallen kann, wenn das Volk die Lügen
des Regimes nicht mehr erträgt und auf die Strasse geht.
Die Polizei hatte die Früchte und das Gemüse eines 26jährigen Arbeitslosen,
der diese ohne Erlaubnis verkaufen wollte, konfisziert, woraufhin der
verzweifelte junge Mann sich öffentlich selbst verbrannte. In Verbindung mit
Protesten gegen steigende Lebensmittelpreise löste das Ereignis
in Tunesien einen Volksaufstand aus. Wohin der Regimewechsel führt,
ist noch nicht abzusehen. Da weite Teile der tunesischen Bevölkerung eine
relativ gute Schulbildung genossen haben, ist die Etablierung einer
aufgeklärten Demokratie nach westlichen Vorbild durchaus denkbar. Auch wenn
das Militär beim Umsturz vielleicht die Hand im Spiel hatte, so wird der
Strassenverkäufer Mohamed Bouazizi als Märtyrer in die tunesische Geschichte
eingehen.
In Tunesien kontrollierte das Regime das Internet und fischte zum Beispiel
Passwörter von Facebook-Benutzern, um an Regimegegner heranzukommen und
diese festzunehmen. Laut einigen Presseberichten soll 1 von 40 Tunesiern ein
Polizist gewesen sein. Das erinnert an die Zustände in der DDR.
Dennoch konnten die Zensoren die WikiLeaks-Kabel mit Einschätzungen zum
Regime, über ein Dutzend Fotos von Ben Alis Präsidentenflugzeug
unterwegs mit seiner Ehefrau zu Shopping-Trips sowie Filme, Photos und Informationen zu
Protestaktionen nicht unterdrücken. Die neuen Technologien, im Zusammenspiel
mit in Jahrzehnten aufgebauten Frustrationen, halfen, Ben Alis Reich der
Korruption zum Einsturz zu bringen.
In Tunesien begann bald nach der Selbstverbrennung des Strassenverkäufers
die Jagd auf Mitglieder des Familienclans von Ben Ali. Imed Trabelsi, der
Neffe der Präsidentengattin, wurde lauf AFP vom 15. Januar mit einem
Messer erstochen. Die meisten Familienmitglieder setzten sich ins Ausland
ab. Fälle von Selbstjustiz und Plünderungen fanden statt. Die Bewohner
schützen sich selbst mit lokalen Selbstverteidigungsgruppen. Die Polizei,
die Repressionswaffe des Regimes, ist zusammengebrochen. Neben Milizen nimmt
das Militär Ordnungsfunktionen war. Wird das Militär einspringen, um die
Ruhe wieder herzustellen, und so eine mögliche Demokratisierung abwürgen?
Nicht nur in Tunesien gibt es Gefängnisse, in denen Regimekritiker und
andere Oppositionelle gefoltert und ermordet werden.
Ägypten gehört ebenfalls dazu. Das Land am Nil kämpft ebenfalls mit steigenden Lebensmittelpreisen. Die dortige
Bevölkerung ist noch ärmer und noch schlechter regiert als in Tunesien. Doch
sie ist auch bedeutend weniger gebildet, zumeist ohne Handy und Internetzugang
(Facebook, Youtube und Twitter) und
zersplitterter als im relativ homogenen Tunesien. Dennoch, nicht nur Hosni
Mubarak, sondern auch anderen Führern der
muslimischen Welt und ihren Günstlingen dürfte es beim Anblick des
Aufstandes in Tunesien mulmig geworden sein. Wenn das tunesische Regime zu
Fall kommt, dann können auch andere folgen. Die muslimische Welt hat bisher
passiv den Gang der Dinge, insbesondere schwache Wachstumsraten und
erbärmliche Lebensverhältnisse, ertragen. Mit der Lethargie könnte es nun
vorbei sein.
Im Moment herrscht allerdings nach wie vor Chaos. Die Gefahr besteht, dass
Kräfte wie das Militär bewusst Unruhe schüren, um dann als Ordnungsmacht
einzugreifen und die Demokratiebestrebungen zu unterdrücken.
Siehe auch den Artikel
Neuwahlen in Tunesien. -
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