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Guttenberg tritt ab
Hinzugefügt am 2. März 2011 um 13:50
Angela Merkel hat ihr Kabinett
nach dem Rücktritt von Verteidigungsminister Guttenberg rasch umgebildet.
Der bisherige Innenminister Thomas de Maizière wird neuer
Verteidigungsminister. Der bisherige CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter
Friedrich wird neuer Bundesinnenminister.
Artikel vom 1. März 2011 um 13:24
Der beliebteste Politiker Deutschlands tritt von allen
politischen Ämtern zurück. Er ist über seinen eigenen Anspruch gestolpert. Karl Theodor zu Guttenberg wurde
„abgetreten“,
denn solche Rücktritte erfolgen nur, wenn im eigenen Lager zuviel Gegenwind
herrscht.
Der forschungspolitische Sprecher der FDP-Bundesfraktion, Martin Neumann,
forderte am 28. Februar 2011, Guttenberg habe noch „eine, maximal zwei
Wochen Zeit“, um die Plagiatsvorwürfe gegen ihn auszuräumen. „Wenn er die
Umstände seiner Promotion weiter so im Unklaren lässt, halte ich ihn als
Minister und obersten Dienstherren von zwei Bundeswehruniversitäten nicht
mehr für tragbar.“
Sachsen-Anhalts
CDU-Ministerpräsident Wolfgang Böhmer hatte bereits zuvor im Tagesspiegel
Zweifel am politischen Überleben Guttenbergs geäussert: „Ich weiß nicht,
wie lange er [Guttenberg] das erträgt und aushalten kann. Ich hätte
wahrscheinlich nicht die Kraft, das längere Zeit durchzuhalten“. Böhmer
machte klar: „Ich halte das
Verhalten des Doktoranden zu Guttenberg weder für legitim noch für ehrenhaft.“
Der christlichdemokratische Bundespräsident Norbert Lammert bezeichnete vor
Abgeordneten der SPD-Arbeitsgruppe Demokratie die Plagiatsaffäre als
„Sargnagel für das Vertrauen in unsere Demokratie.“
In einem offenen Protestbrief an die Kanzlerin wehrten sich rund 25,000
Doktoranden und Promovierte gegen Angela Merkels Suggestion, es handle sich
bei der Erschleichung des Doktortitels um ein Kavaliersdelikt.
Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen, hatte am
25. Februar erklärt: „Die Marginalisierung schwersten
wissenschaftlichen Fehlverhaltens durch höchste Repräsentanten unseres
Staates ist empörend“, womit er insbesondere die Kanzlerin meinte.
„Scheiß auf den
Doktor“, hatte Bild Guttenberg empfohlen. Der Spiegel hatte da
schon zutreffender vermerkt, aus
„abstrusen Vorwürfen“, so Guttenberg zu Beginn der Affäre um
seine Dissertation, seien plötzlich „gravierende Fehler“
geworden, so Guttenberg, als das Plagiat nicht mehr schönzureden waren.
Am Ende seiner emotionalen, sechsminütigen Abschiedsrede meinte der abtretende
Verteidigungsminister Guttenberg:
„Ich war immer bereit zu kämpfen. Aber ich habe die Grenzen meiner
Kräfte erreicht.“
Zuvor hatte er zugegeben: „Insofern gebe ich meinen Gegnern gerne recht, dass ich tatsächlich nicht zum
Selbstverteidigungs-, sondern zum Minister der Verteidigung berufen wurde.“
Wie so oft in seiner Karriere zog er die Konsequenzen zu spät, aber dann
doch radikal und mit Stil. Eines der grössten politischen Talente
Deutschlands verschwindet - zumindest wohl für einige Jahre - in der
Versenkung. Es wird noch einsamer um Kanzlerin Merkel.
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Guttenbergs Rücktrittsrede vom 1. März 2011 im Wortlaut
„Ich habe in einem sehr
freundschaftlichen Gespräch die Bundeskanzlerin informiert, dass ich mich
von meinen politischen Ämtern zurückziehen werde und um meine Entlassung
gebeten.
Es ist der schmerzlichste Schritt meines Lebens. Ich gehe ihn nicht allein
wegen meiner so fehlerhaften Doktorarbeit - wiewohl ich verstehe, dass dies
für große Teile der Wissenschaft ein Anlaß wäre.
Der Grund liegt im Besonderen in der Frage, ob ich den höchsten Ansprüchen,
die ich selbst an meine Verantwortung anlege, noch nachkommen kann. Ich
trage bis zur Stunde Verantwortung in einem fordernden Amt. Verantwortung,
die möglichst ungeteilte Konzentration und fehlerfreie Arbeit verlangt.
Mit Blick auf die größte Bundeswehrreform in ihrer Geschichte, die ich
angestoßen habe und mit Blick auf eine gestärkte Bundeswehr mit großartigen
Truppen im Einsatz, die mir engstens ans Herz gewachsen sind.
Wenn allerdings - wie in den letzten Wochen geschehen - die öffentliche und
mediale Betrachtung fast ausschließlich auf die Person Guttenberg und seine
Dissertation statt beispielsweise auf den Tod und die Verwundung von 13
Soldaten abzielt, so findet eine dramatische Verschiebung der Aufmerksamkeit
zu Lasten der mir Anvertrauten statt.
Unter umgekehrten Vorzeichen gilt Gleiches für den Umstand, dass wochenlang
meine Maßnahmen bezüglich der Gorch Fock die weltbewegenden Ereignisse in
Nordafrika zu überlagern schienen.
Wenn es auf dem Rücken der Soldaten nur noch um meine Person gehen soll,
kann ich dies nicht mehr verantworten.
Und deswegen ziehe ich - da das Amt, die Bundeswehr, die Wissenschaft und
auch die mich tragenden Parteien Schaden zu nehmen drohen - die Konsequenz,
die ich auch von anderen verlangt habe und verlangt hätte.
Ich habe, wie jeder andere auch, zu meinen Schwächen und Fehlern zu stehen.
Zu großen und kleinen im politischen Handeln bis hin zum Schreiben meiner
Doktorarbeit. Und mir war immer wichtig, diese vor der Öffentlichkeit nicht
zu verbergen. Deswegen habe ich mich aufrichtig bei all jenen entschuldigt,
die ich aufgrund meiner Fehler und Versäumnisse verletzt habe und wiederhole
dies auch ausdrücklich heute.
Manche mögen sich fragen, weshalb ich erst heute zurücktrete.
Zunächst ein möglicherweise für manche unbefriedigender, aber allzu
menschlicher Grund. Wohl niemand wird leicht, geschweige denn leichtfertig
das Amt aufgeben wollen, an dem das ganze Herzblut hängt. Ein Amt, das
Verantwortung für viele Menschen und deren Leben beinhaltet.
Hinzu kommt der Umstand, dass ich mir für eine Entscheidung dieser Tragweite
- jenseits der hohen medialen und oppositionellen Taktfrequenz - die
gebotene Zeit zu nehmen hatte, zumal Vorgänge in Rede stehen, die Jahre vor
meiner Amtsübernahme lagen.
Nachdem dieser Tage viel über Anstand diskutiert wurde, war es für mich
gerade eine Frage des Anstandes zunächst die drei gefallenen Soldaten mit
Würde zu Grabe zu tragen und nicht erneut ihr Gedenken durch Debatten über
meine Person überlagern zu lassen. Es war auch ein Gebot der Verantwortung
gegenüber diesen, ja gegenüber allen Soldaten.
Und es gehört sich, ein weitgehend bestelltes Haus zu hinterlassen, weshalb
letzte Woche noch einmal viel Kraft auf den nächsten, entscheidenden
Reformschritt verwandt wurde, der nun von meinem Nachfolger bestens
vorbereitet verabschiedet werden kann. Das Konzept der Reform steht.
Angesichts massiver Vorwürfe bezüglich meiner Glaubwürdigkeit ist es mir
auch ein aufrichtiges Anliegen, mich an der Klärung der Fragen hinsichtlich
meiner Dissertation zu beteiligen. Zum einen gegenüber der Universität
Bayreuth, wo ich mit der Bitte um Rücknahme des Dr. Titels bereits
Konsequenzen gezogen habe.
Zum anderen habe ich zugleich Respekt vor all jenen, die die Vorgänge zudem
strafrechtlich überprüft sehen wollen. Es würde daher nach meiner
Überzeugung im öffentlichen wie in meinem eigenen Interesse liegen, wenn
auch die staatsanwaltlichen Ermittlungen etwa bezüglich urheberrechtlicher
Fragen nach Aufhebung der parlamentarischen Immunität - sollte dies noch
erforderlich sein - zeitnah geführt werden könnten.
Die enorme Wucht der medialen Betrachtung meiner Person - zu der ich viel
beigetragen habe - aber auch die Qualität der Auseinandersetzung bleiben
nicht ohne Wirkung auf mich selbst und meine Familie.
Es ist bekannt, dass die Mechanismen im politischen und medialen Geschäft
zerstörerisch sein können. Wer sich für die Politik entscheidet, darf - wenn
dem so ist - [kann] kein Mitleid erwarten. Das würde ich auch nicht in Anspruch
nehmen. Ich darf auch nicht den „Respekt" erwarten, mit dem
Rücktrittsentscheidungen so häufig entgegengenommen werden.
Nun wird es vielleicht heißen, der Guttenberg ist den Kräften der Politik
nicht gewachsen. Das mag sein oder nicht sein. Wenn ich es aber nur wäre,
indem ich meinen Charakter veränderte, dann müsste ich gerade deswegen
handeln.
Ich danke von ganzem Herzen der großen Mehrheit der Deutschen Bevölkerung,
den vielen Mitgliedern der Union, meinem Parteivorsitzenden und insbesondere
den Soldatinnen und Soldaten, die mir bis heute den Rücken stärkten, als
Bundesminister der Verteidigung nicht zurück zu treten.
Ich danke besonders der Frau Bundeskanzlerin für alle erfahrene
Unterstützung, ihr großes Vertrauen und Verständnis.
Es ist mir aber nicht mehr möglich, den in mich gesetzten Erwartungen mit
dem mir notwendigen Maß an Unabhängigkeit in der Verantwortung gerecht zu
werden.
Insofern gebe ich meinen Gegnern gerne recht, dass ich tatsächlich nicht zum
Selbstverteidigungs-, sondern zum Minister der Verteidigung berufen wurde.
Abschließend ein Satz, der für einen Politiker ungewöhnlich sein mag:
Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte
erreicht.“
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