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Griechenlands Reformen
Artikel vom 21. Februar 2012 um 10:18
Ein Hilfspaket mit weiteren Krediten in der Höhe von 130
Milliarden Euro für Griechenland wurde diese Nacht verabschiedet. Ein
Schritt in die richtige Richtung? Nur halbwegs. Die Konkursverschleppung
geht weiter. Hoffnung gibt der Umstand, dass zu hören ist, falls die
Reformen in Italien und Spanien bis im Herbst weit genug fortgeschritten
sein sollten und der ESM steht, könne ein Konkurs Griechenlands von der Eurozone
notfalls verkraftet
werden.
Würden Sie einen Gebrauchtwagen vom griechischen Finanzminister Venizelos
kaufen? Wohl kaum. Griechenlands Reformen lassen bei der Umsetzung nach wie
vor zu wünschen übrig. Das Parlament kann noch lange Gesetze verabschieden,
die Regierung kann noch so viele Verpflichtungen gegenüber den Gläubigern
und insbesondere der Troika unterschreiben, solange in der Praxis die
Reformen nur zögerlich, falls überhaupt, vorangetrieben werden, kann kein
Hilfspaket die Griechen retten.
Schon im Mai 2010 (französischer
Artikel) war längst klar, dass Griechenland de
facto zahlungsunfähig ist. Mitte 2011
„rettete“
die EU Griechenland erneut. Doch nur sparen und
Steuern erhöhen bringt nichts. Die Mehrwertsteuer stieg von 19 auf 21 und
dann 23%, der höchste Prozentsatz in der gesamten Eurozone.
Strukturreformen müssen radikal und sofort angegangen werden. Was steht an?
Ein Katasteramt, das die privaten wie die öffentlichen Besitzstände
lückenlos erfasst, muss nach wie vor geschaffen werden. Eine effiziente
Steuerereintreibung, die Bekämpfung der Steuerflucht und des Steuerbetrugs
durch die Oberschicht, die Entlassung von unnötigen Staatsangestellten, die
Privatisierung von Staatsunternehmen, Arbeitsmarktreformen, Rentenform,
Gesundheitsreform und vieles mehr steht auf einer fast endlosen Liste von
Reformen, die längst bekannt sind, aber nie oder nur teilweise umgesetzt
wurden. Die griechischen Politiker (links wie rechts) haben völlig versagt.
Bedeutende Teile des griechischen Volkes wollen der Wahrheit noch immer
nicht ins Auge sehen, obwohl 2011 die Wirtschaft um 6,8% einbrach, und das
bei der höchsten Teuerungsrate in der Eurozone.
Doch auch die EU hat sich mit Ruhm nicht bekleckert. Dass
Griechenland umschulden muss, ist seit 2010 klar. Dass die
Eurozonen-Länder Griechenland nicht sofort Pleite gehen liessen, ist
politisch noch verständlich. Doch spätestens ein halbes oder ein Jahr später
hätte der Schritt kommen sollen, damit die europäischen Steuerzahler nicht
für noch höhere Kredite haften, die wieder einmal von Privaten auf die
öffentliche Hand überwälzt werden. Für die Griechen selbst ist die Situation
untragbar.
Stellen sie sich vor, sie lebten seit zwei Jahren in extremer Existenzangst.
Das ist unmenschlich. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne
Ende. Ein Konkurs wäre sowieso nicht das Ende, sondern bedeutete einen
Neuanfang. Argentinien, Brasilien, Mexiko und die Türkei sind nur einige
Länder, die ebenfalls harte Zeiten durchmachen mussten. Insbesondere die
Fälle von Brasilien und der Türkei haben gezeigt, dass nach Reformen
Wachstum wieder möglich ist.
Immerhin, die Troika aus Experten der EU-Kommission, der EZB und des IWF
will die Einhaltung der Reformen jetzt stärker überwachen. Wie im Oktober
2011 vereinbart, wird nun 130 Milliarden Euro bis 2014 als Hilfe den
Griechen zugesprochen. Die privaten Gläubiger sollen alte gegen neue
Staatsanleihen tauschen und dabei 53,5% des Nennwerts der Anleihen
abschreiben. Die Verzinsung der neuen Papiere wird von 3% auf 2% gesenkt.
Die Notenbanken sollen Gewinne mit griechischen Staatsanleihen zum
Hilfspaket beisteuern, wodurch die Zinsen auf den Hilfskrediten gesenkt
werden sollen. Doch den Schuldenstand bis 2020 von jetzt rund
160% auf 120% des BIP abzusenken, ist viel zu wenig ambitiös. Die
Konkursverschleppung geht weiter.
Die griechische Regierung musste ein neues Sparprogramm akzeptieren. Die
Troika wird dieses noch stärker überwachen. Das von Deutschland geforderte
Sonderkonto zur Schuldentilgung wird eingerichtet, um das Vertrauen der
Investoren zurückzugewinnen, wie verlautet wurde. Doch daraus wird natürlich
nichts. Alle wissen, so geht es nicht weiter. Griechenland wird eine noch
radikalere Lösung brauchen. Solange die Strukturreformen nicht umgesetzt
werden, geht gar nichts. Es wurde nur wieder einmal Zeit gekauft. Wenn der
deutsche Finanzminister Schäuble sagt, das Volumen von 130 Milliarden Euro
und das Schuldenziel von 120% des BIP seien in den Verhandlungen
unverrückbar gewesen, so ist das Augenwischerei, denn diese Ziele müssen in
Zukunft wieder geändert werden.
Am 20. März 2012 muss Griechenland 14,5 Milliarden Euro an Schulden
begleichen. Das wird mit dem Hilfspaket nun möglich. Doch die Griechen leben
weiterhin in einem nicht funktionierenden Staat, der mit Hilfe der Troika
neu aufgebaut werden muss. Die Verwaltung, der Sozialstaat, das
Korruptionsgeflecht von Parteien, Staat und Privatwirtschaft muss
ausgemistet werden. Ohne Hilfe der EU wird Griechenland so schnell kein
funktionierender Staat in Europa werden. Dazu ist ein radikaler Schnitt
nötig, sonst wird weiter gewurstelt.
Griechenlands Reformen werden noch kompliziert durch die
Parlaments-Neuwahlen, die für April 2012 angesetzt sind. Die griechische
Tragödie geht weiter.
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