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Wulff tritt ab
Nachtrag vom 17.2.2012 um 19:45
Nach
Köhler 2010 ging nun also Wulff. Das Amt des
Bundespräsidenten könnte man problemlos abschaffen. Ebenso notwendig
wäre eine Verkleinerung von Bundesrat und Bundestag (je 620 Abgeordnete).
An ihrer Stelle täten es locker je 200 Abgeordnete in den beiden Kammern, die zusammen als Bundesversammlung den
deutschen Staatspräsidenten wählen. Dann hätte die Presse mehr Zeit, sich um
allfälliges Fehlverhalten der immer noch vielen Abgeordneten zu kümmern.
Wulff war nur ein Blitzableiter. Die Pressevertreter verhielten sich nicht
nur als grosse Aufklärer, sondern zum Teil auch einfach nur schäbig,
kleinkariert und scheinheilig. Die Presse selbst sitzt im Glashaus, was
Schnäppchen angeht. Ein Grossteil der Bevölkerung ebenso. Deutschland hatte
den Bundespräsidenten, den das Land verdiente.
Der Schreibende hat Christian Wulff nur einmal als Bundespräsident erlebt,
als er in der Synagoge in der Pestalozzistrasse in Berlin-Charlottenburg zu
gegen war, als Alina Treiger zur Rabbinerin geweiht wurde. Sein Rede war
kurz und nicht tiefschürfend. Doch allein schon seine Anwesenheit setzte
Zeichen. So tat er es auch in einer Rede bezüglich der Integration
muslimischer Mitbürger. Christian Wulff war weder der beste noch der
schlechteste Bundespräsident.
Artikel vom 17. Februar 2012 um 13:19
Bundespräsident Christian Wulff hat heute um 11 Uhr seinen
Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten erklärt. Mit dem Rücktritt
verliert der Staatspräsident seine Immunität. Die Staatsanwaltschaft
Hannover hat am 16. Februar verlauten lassen, sie habe beim
Bundestagspräsidenten die Aufhebung der Immunität Wulffs wegen einem
Anfangsverdacht auf Vorteilsannahme bzw. Vorteilsgewährung beantragt (siehe
den Wortlaut unten).
Der Rücktritt erfolgt nach einer monatelangen Hetzkampagne gegen den
Bundespräsidenten. Christian Wulff hat sich dabei sicherlich ungeschickt
angestellt, immer mal wieder gemauert, scheibchenweise Fakten geliefert,
Sachverhalte geschönt und ungeschickterweise der Bild-Zeitung,
„einem Hort des Anstands und der Kompetenz“,
auf einem Anrufbeantworter seine Meinung gegeigt. Wer sich mit Bild
ins Bett legt, der fährt mit dem Aufzug nicht nur rauf, sondern auch wieder
runter, wie zurecht angemerkt wurde.
Die Presse wiederum hat
mit Halbwahrheiten und zum Teil sogar unwahren Anschuldigungen operiert,
wobei danach Gegendarstellungen und Korrekturen zumeist nur winzig
erschienen.
Christian Wulff steht jedoch nicht zu unrecht zuminest als Schnäppchenjäger da. Doch ob er
sich strafrechtlich relevante Vergehen zu Schulde hat kommen lassen, steht
noch nicht fest. Wulff hat in seiner Rücktrittserklärung seine Überzeugung
betont, die rechtliche Untersuchung werde zu seiner
„vollständigen Entlastung führen“ (siehe den Volltext seiner Erklärung
unten).
Von wegen politischer Glaubwürdigkeit: Die Ironie will es, dass vom nach
knapp 600 Tagen im Amt zurücktretenden Christian Wulff ein gewisser Horst
Seehofer als Bundesratspräsident laut Grundgesetz die Geschäfte
interimsmässig übernimmt. Was für ein moralischer Aufstieg! Laut Grundgesetz muss die Bundesversammlung nun
innerhalb von 30 Tagen einen neuen Bundespräsidenten wählen.
Die Kanzlerin musste eine Reise nach Italien zu einem Treffen mit dem
italienischen Präsidenten und dem italienischen
Premierminister Monti absagen, um in Berlin eine
kurze Erklärung nach dem Rücktritt des Bundespräsidenten abgeben zu können.
Christian Wulff war ihr Kandidat gewesen. Nach Köhler hat Merkel mit
Wulff bereits den zweiten Bundespräsidenten
frühzeitig verloren.
Das ganze Theater um den Bundespräsidenten hat monatelang von den Fehlern
der Kanzlerin und ihrer Regierung abgelenkt, insbesondere was den Umgang mit
der Finanzkrise und dem maroden
Griechenland angeht. Hoffentlich rücken nun
die wirklichen Probleme Deutschlands, Europas und der Welt wieder in den
Vordergrund.
Angela Merkel gehörte längst abgelöst, doch ist weit und breit kein
glaubwürdiger Ersatz in Sicht. Die Krise um Wulff dürfte sie sogar noch
gestärkt haben, da sie als integre Persönlichkeit noch strahlender dasteht.
Die Rücktrittserklärung von Bundespräsident Wulff vom 17. Februar 2012 im
Wortlaut
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe
Bürgerinnen und Bürger, gerne habe ich die Wahl zum Bundespräsidenten
angenommen und mich mit ganzer Kraft dem Amt gewidmet. Es war mir ein
Herzensanliegen, den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu stärken. Alle
sollen sich zugehörig fühlen, die hier bei uns in Deutschland leben,
eine Ausbildung machen, studieren und arbeiten, ganz gleich, welche
Wurzeln sie haben – wir gestalten unsere Zukunft gemeinsam.
Ich bin davon überzeugt, dass Deutschland seine wirtschaftliche und
gesellschaftliche Kraft am besten entfalten und einen guten Beitrag zur
europäischen Einigung leisten kann, wenn die Integration auch nach innen
gelingt.
Unser Land, die Bundesrepublik Deutschland, braucht einen Präsidenten,
der sich uneingeschränkt diesen und anderen nationalen sowie den
gewaltigen internationalen Herausforderungen widmen kann; einen
Präsidenten, der vom Vertrauen nicht nur einer Mehrheit, sondern einer
breiten Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger getragen wird. Die
Entwicklung der vergangenen Tage und Wochen hat gezeigt, dass dieses
Vertrauen und damit meine Wirkungsmöglichkeiten nachhaltig
beeinträchtigt sind.
Aus diesem Grund wird es mir nicht mehr möglich, das Amt des
Bundespräsidenten nach innen und nach außen so wahrzunehmen, wie es
notwendig ist. Ich trete deshalb heute vom Amt des Bundespräsidenten
zurück, um den Weg zügig für die Nachfolge freizumachen.
Bundesratspräsident Horst Seehofer wird die Vertretung übernehmen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel wird auf der so wichtigen
Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt am
Donnerstag der kommenden Woche sprechen.
Was die anstehende rechtliche Klärung angeht, bin ich davon überzeugt,
dass sie zu einer vollständigen Entlastung führen wird. Ich habe in
meinen Ämtern stets rechtlich korrekt mich verhalten. Ich habe Fehler
gemacht, aber ich war immer aufrichtig. Die Berichterstattungen, die wir
in den vergangenen zwei Monaten erlebt haben, haben meine Frau und mich
verletzt.
Ich danke den Bürgerinnen und Bürgern, die sich für unser Land
engagieren. Ich danke den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im
Bundespräsidialamt und allen anderen Behörden, die ich als exzellente
Teams erlebt habe. Ich danke meiner Familie, vor allem danke ich meiner
Frau, die ich als eine überzeugende Repräsentantin eines menschlichen
und eines modernen Deutschland wahrgenommen habe. Sie hat mir immer –
gerade auch in den vergangenen Monaten – und auch den Kindern starken
Rückhalt gegeben.
Ich wünsche unserem Land von ganzem Herzen eine politische Kultur, in
der die Menschen die Demokratie als unendlich wertvoll erkennen und sich
vor allem – das ist mir das wichtigste – gerne für die Demokratie
engagiert einsetzen. Und ich wünsche allen Bürgerinnen und Bürgern,
denen ich mich vor allem verantwortlich fühle, eine gute Zukunft und
schließe Sie alle dabei ausdrücklich mit ein. Vielen Dank.
Der Wortlaut der Erklärung des Staatsanwaltschaft Hannover zum Antrag der
Aufhebung der Immunität des deutschen Staatspräsidenten vom 16. Februar 2012
Nach umfassender Prüfung neuer Unterlagen und der Auswertung weiterer
Medienberichte sieht die Staatsanwaltschaft Hannover nunmehr zureichende
tatsächliche Anhaltspunkte (§ 152 Abs. 2 StPO) und somit einen Anfangsverdacht
wegen Vorteilsannahme bzw. Vorteilsgewährung. Sie hat deshalb bei dem
Präsidenten des Deutschen Bundestages die Aufhebung der Immunität des
Bundespräsidenten beantragt.
Diese Entscheidung hat die Staatsanwaltschaft Hannover unabhängig nach
intensiver kollegialer Beratung getroffen. Weisungen vorgesetzter Behörden hat
es nicht gegeben.
Aufgabe der angestrebten Ermittlungen ist es, den Sachverhalt in einem
förmlichen Verfahren zu erforschen. Nach dem gesetzlichen Auftrag (§ 160 Abs. 2
StPO) hat die Staatsanwaltschaft dabei nicht nur die zur Belastung, sondern auch
die zur Entlastung dienenden Umstände zu ermitteln. Selbstverständlich gilt auch
nach Bejahung des Anfangsverdachts die Unschuldsvermutung.
Über die Aufhebung der Immunität befindet der Deutsche Bundestag. Die
Staatsanwaltschaft Hannover ist deshalb aus rechtlichen Gründen an weiteren
Stellungnahmen gehindert.
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