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Putins Wiederwahl ist sicher - gut
60% im ersten Wahlgang
Hinzugefügt am 4. März 2012 um 22:57
Rund die Hälfte der
Wahlberechtigten in Russland sind Staatsangestellte. Ihnen hat Putin vor den
Wahlen noch gross Lohnerhöhungen versprochen. Dann kamen noch die
Informationen von einem Attentat auf den zukünftigen Präsidenten, das habe
vereitelt werden können. Seltsam ist, dass im Land von Gazprom die Hälfte
der Dörfer keine Gasversorgung haben. Dennoch brachte es Putin offiziell auf
64% der Stimmen im ersten Wahlgang.
Artikel vom 4. März 2012 um 18:18
Die dritte Amtszeit Putins als russischer Präsident ist
sicher. Sie war nur unterbrochen durch ein Zwischenspiel seines Statthalters
Medwedew. Die zwei spielten das Theater Good Cop, Bad Cop, das
spätestens seit der Ankündigung, dass sie nun ihre Rollen wieder tauschen
wollen, niemanden mehr überzeugt.
Einzig, ob es Wladimir Putin im ersten oder zweiten Wahlgang erneut ins
wichtigste Amt in Russland schafft, war die Frage. Nach ersten Ergebnissen
soll es Putin auf gut 60% der Stimmen im ersten Wahlgang geschafft haben. Der
Kommunistenführer Gennadi Sjuganow stand ja in Umfragen mit maximal 15%
Wählerabsichten weit hinter Putin an zweiter Stelle. Da konnten keine Zweifel
über den Ausgang der Wahl aufkommen.
Die Präsidentschaftswahl in Russland hat mit fairen und
freien Wahlen wenig zu tun. Die Fernsehkanäle, ja die wichtigsten Medien
überhaupt, sind zumeist direkt oder indirekt in Staatshand oder vom Kreml
und/oder
Kremlfreunden- und Kremlhörigen abhängig.
Die 108 Millionen zur Urne gerufenen Russen konnten zum Beispiel nicht den
liberalen Jabloko-Parteichef Grigori Jawlinski zum Präsidenten wählen, weil
dieser erst gar nicht zur Wahl zugelassen war. Angeblich hätten seiner
Registrierung als Kandidat zu viele falsche und ungültige Unterschriften zu
Grunde gelegen. Die meisten Beobachter sehen in der
Registrierungs-Verweigerung eine rein politische Massnahme.
Beim Rücktritt des alkoholkranken Boris Jelzin 1999 kam der völlig
unbekannte Wladimir Putin mit 46 Jahren ohne Wahl ins Amt. Erst im Mai 2000
wurde er mit 50,9% im Präsidentenamt vom Volk bestätigt. 2004 wurde er mit
sicheren 71,3% wiedergewählt. Selbst Dimitri Medwedew kam bei seiner Wahl
2008 auf stolze 70,2%. Wie nahe an der Wahrheit all diese Zahlen lagen, wird
wohl nie mehr zu ermitteln sein. Getrickst wurde schon immer. Bereits die
Niederlage des Kommunistenführers Sjuganow gegen Jelzin 1996 ist bis heute
umstritten. Allerdings dürfte eine Mehrheit nicht nur der Russen, sondern
der gesamten interessierten Weltöffentlichkeit über den Ausgang der
Präsidentschaftswahl von 1996 nicht allzu traurig sein. Heute ist die
Situation anders.
Insbesondere in den Ballungszentren Moskau und St. Petersburg mit einem
wachsenden Mittelstand ist der Unmut über die Putin-Medwedew-Show gross.
Viele Russen lassen sich nicht mehr für dumm verkaufen. Faire Wahlen,
Rechtsstaatlichkeit, Kampf der Korruption, freie Marktwirtschaft, ein Ende
von Misswirtschaft, und Günstlingswirtschaft, von willkürlichen
Staatseingreifen und staatlichen Monopolen, die Durchsetzung von Bürger- und
Menschenrechten gehören zu ihren berechtigten Forderungen.
Das System Putin hat vor allem Dank den sprudelnden Öl- und Gaseinnahmen
funktioniert. Solange diese immer stiegen, konnten der Präsident eine klare
Mehrheit zufrieden stellen. Doch in der Wirtschaftskrise nach 2007 bekam das
System erste Risse. Sollten die Öl-, Gas- und allgemein die Rohstoffpreise
auf Grund einer neuen Wirtschaftskrise ins Trudeln geraten, könnte es rasch
mit dem Regime Putin zu Ende gehen.
Doch wo sind die Alternativen? Die Massenmedienlandschaft kennt eigentlich
nur Putin. Vielleicht noch Medwedew, der jedoch bis heute keine eigene
Machtbasis aufgebaut zu haben scheint. Den Stalin verehrenden
Kommunistenführer Sjuganow wohl niemand ernsthaft im Kreml sehen. Die
Kommunisten haben ohnehin fast immer tapfer mit dem Kreml im Parlament
gestimmt. Gleiches gilt für den nationalistischen und populistischen
Extremisten Wladimir Schirinowski. Er steht ohnehin seit langem im Verdacht,
vom Kreml bezahlt zu werden. Der dritte „Oppositionskandidat“
bei der Präsidentschaftswahl, Sergei Mironow, ist ein bekennender Putin-Fan;
das war er schon im Jahr 2000, als er erstmals gegen ehemaligen Agenten des
KGB antrat. Mironows Partei gilt ohnehin als Kreation des Kreml. Da
verbleibt nur noch der neue Mann im Rennen, der Multimilliardär Michail
Prochorow. Einige Beobachter sehen ihn als weitere Kreatur des Kreml, der
mit Prochorow die kritischen, liberalen Stimmen im Land binden will. Also
wieder nur ein Mann, der nur der demokratischen Fassade dient. Immerhin hat
der Mann die Mittel, eine Partei aus dem Boden zu stampfen, was er schon
einmal angekündigt hat. Allerdings hat er ebenfalls verlauten lassen, Putin
sei der beste Kandidat. Er deutete auch schon an, die Rolle des
Ministerpräsidenten würde ihm gefallen.
Dass sich nach der Verurteilung des Milliardärs Chodorkowski in einer
Justiz-Farce sich noch ein Multimilliardär ohne Not und ohne Rückendeckung
aus dem Kreml in Gefahr begibt, scheint unwahrscheinlich. Solange sich
Prochorow nicht mit Teilen der Kreml-Kritiker zusammentut, die in den Wochen
seit den dubiosen Parlamentswahlen auf die Strasse gingen, wird schwerlich
etwas aus seiner noch zu gründenden Partei werden.
Die Opposition ist nicht uneins, zersplittert, ohne klare und einheitliche
Forderungen, sondern sie ist auch ohne Köpfe, die politischen Machtwillen
zeigen. Solange sich die aufstrebende Mittelklasse und die anderen
kritischen Stimmen nicht organisieren, kann die Veränderung nur von oben
kommen. Wird Medwedew als Ministerpräsident die schon vielfach versprochenen
liberalen Reformen durchsetzen? Die russische Regierung, das Parlament, der
Rechtsapparat und die Medien bild weitgehend die Fassade für ein in Wahrheit
autoritäres System.
Russland wurde bereits im Dezember 2011 Mitglied der Welthandelsorganisation
WTO. Damit gab der Westen - wie schon früher im Fall von China - sein wohl
letztes Druckmittel aus der Hand, um ein zweifelhaftes Regime auf den Pfad
des Rechtes zu zwingen.
Die Reformversprechen von Putin und Medwedew bleiben vorerst vage. Wie weit
ex-KGB- und FSB-Leute zusammen mit korrupten Bürokraten die Fäden in der
Hand halten, kann von aussen nicht wirklich beurteilt werden. Russland ist
und bleibt vorerst ein Operettenstaat, eine „gelenkte Demokratie“, zumindest
solange die Opposition sich nicht professionell organisiert.
Dubiose Jugendorganisationen, die an die Jugendabteilungen von Mussolini,
Hitler und Stalin erinnern, lassen nichts Gutes von diesem Regime mehr
erwarten. Würde es in einer Krise noch autoritärer werden? Die Gehirnwäsche
scheint in den letzten Wochen nicht mehr richtig zu wirken. Sinkt der
Lebensstandard, so könnte es mit der vielzitierten Leidensfähigkeit des
russischen Volkes vielleicht vorbei sein.
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