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Mehrheit für Hollande im Parlament
Aber kein überzeugender Plan in Sicht
Artikel vom 24. Juni 2012 um 08:19
Absolute Mehrheit der Sitze für die
Sozialisten bei den Parlamentswahlen
Der fade
François Hollande, auch als Billigdessert
„Flanby“ verspottet, hat seit dem letzten
Wochenende keine Ausrede mehr. Die Sozialisten dominieren nun mit ihren
Verbündenten beide Parlamentskammern sowie die Regionen und stellen die
Regierung sowie den Präsidenten. Das ist ein Novum. Wenn jetzt Frankreich
schlecht regiert werden sollte, ist klar, wen die Schuld trifft. Nicolas
Sarkozy gebärdete sich als Minister noch als Oppositioneller, weshalb ihn
die Franzosen - nicht völlig zu Unrecht - an die Regierung wählten, obwohl
die Bürgerlichen schon jahrelang und mit wenig Erfolg regiert hatten.
Bei den Parlamentswahlen vom 10. und 17. Juni 2012 waren rund 42 Millionen
Franzosen an die Urnen gerufen worden. Nur 56 % machten von ihrem Wahlrecht
gebraucht. Die grösste Partei sind die Nichtwähler mit fast 44%. Die Sozialisten
des Parti socialiste (PS) gewannen eine klare, absolute Mehrheit in der Grossen
Kammer mit ihren insgesamt 577 Sitzen. Der PS verfügt nun im Unterhaus
direkt über
280 Sitze. 22 diverse Linke können ihnen ebenfalls zugerechnet werden. Das
sind schon 302 Sitze. Zudem gehören der politischen Linken 12 Parlamentarier
des Parti radical de gauche und
die 17 Grünen an.
Die bürgerlichen Parteien wurden klar auf die
Oppositionsbänke verwiesen. Die UMP des abgewählten Präsidenten Sarkozy
schaffte es nur noch auf 194 Sitze, diverse Rechte auf 15, das Nouveau
Centre auf 12, der Parti radical (PRV) auf 6 und die Alliance centriste auf
2.
Die Extreme wurden auf Grund des Wahlrechts im Parlament nur minimal gestärkt. Der
rechtsextreme Front National kam auf 2 Sitze, wobei die Parteiführerin
Marine Le Pen im Pas-de-Calais mit einem hauchdünnen
Rückstand von lediglich 194 Stimmen scheiterte. Den im selben Wahlreis 11
von Pas-de-Calais antretenden Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon vom Front
de Gauche liess Marine Le Pen klar hinter sich. Die Linke schaffte es nur
vereint, die rechtsextreme Führerin im zweiten Wahlgang zu schlagen, nachdem
in der ersten Runde Le Pen mit 42,4% vor dem späteren Sieger Philippe Kemel
vom PS mit 23,5% und Mélenchon mit 21% noch klar vorne gelegen hatte. In
ganz Frankreich schaffte es die extreme Linke des Front de Gauche dennoch
auf 10 Sitze. Le Centre pour la France kam auf 2 Sitze, die Regionalisten
ebenfalls auf 2 und ein anderer Rechtsextremer auf 1 Sitz.
Es gab zu Recht viel politisches und mediales Echo zum Rückzug von
Kandidaten in Einzelfällen, die auf eine mögliche Zusammenarbeit der Rechten
mit der extremen Rechten hindeuteten. Doch die Bürgerlichen blieben
weitestgehend standhaft. Im Vergleich dazu gab es nur wenig Aufruhr - vor
allem logischerweise auf bürgerlicher Seite - über die Zusammenarbeit der
Linken mit der extremen Linken. Wenn Mélenchon mit seiner Linksfront -
bestehend aus der neuen Linken im Stile von Die LINKE in Deutschland und
Kommunisten - einer Umarmung zugestimmt hätte, François Hollande hätte
Vertreter des Front de Gauche mit Handkuss in seine Regierung aufgenommen.
Wer an die gloriose Taktik von François Mitterrand von 1981 verweist, der
mit 4 kommunistischen Ministern in seiner Regierung startete und letztlich
die KPF durch die Umarmung marginalisierte, hat vergessen, dass jener
sozialistische Präsident zuerst die Banken verstaatlichen wollte und so
Frankreich fast an die Wand fuhr.
Ein zu teuer (?) erkaufter Sieg
Wie zu erwarten, hat
François Hollande von seinem Sieg bei der Präsidentenwahl vom 6. Mai
2012 bis heute vor allem mit zum Teil linkspopulistischen Wahlgeschenken auf
sich aufmerksam gemacht. Wer genügend lang in die Rentenkasse eingezahlt
hat, darf nun wieder mit 60 Jahren in Pension gehen, nachdem unter Präsident
Sarkozy das Rentenalter nur ungenügend auf 62 Jahre erhöht worden war.
Wer diese Massnahme als soziale Geste an hart und seit jungen Jahren
Arbeitende durchgehen lassen will, muss bedenken, dass auch im alternden
Frankreich entweder das Rentenalter angehoben, die Leistungen des Staates
gekürzt oder die jährlichen Beiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern an
die Rentenkasse erhöht werden müssen, wobei es am Schluss wohl auf einen Mix
aller dieser Eingriffe hinauslaufen wird.
Präsident Hollande will zudem 65,000 neue Lehrer einstellen. Die Erziehung
muss sicherlich verbessert werden, damit Frankreich wettbewerbsfähig bleibt.
Doch einfach nur mehr Staatsangestellte einzustellen ist nicht der richtige
Ansatz. Ein duales System wie in Deutschland und der Schweiz als Vorbild,
mit einer Aufwertung der Berufslehre, wäre viel nützlicher.
Wird sich François Hollande nun pragmatischer geben als im
Wahlkampf, während dem er vom Linkspopulisten Mélenchon vor sich her
getrieben worden war und deshalb eine 75% Einkommenssteuer für die
Spitzenverdiener in Frankreich in Aussicht stellte? Inzwischen hat er schon
einmal die Spitzengehälter bei den Staatsbetrieben drastisch gekürzt, auf
maximal 450,000 Euro. Im Ansatz ist der Kampf gegen ausufernde
Spitzengehälter richtig. Ob die nun gewählte Obergrenze der Weisheit letzter
Schluss sind, wird sich weisen. Dass die Spitzengehälter in einem
Staatsbetrieb maximal nur zwanzig Mal höher als die niedrigsten Löhne sein
dürfen, soll die Einkommensschere begrenzen und die tiefsten Einkommen
stärken.
Seinen EU-Kollegen hat François Hollande schon einmal sein keynesianisches Wachstumspaket erklärt.
Dass im überschuldeten Europa Wachstum auf Pump keine Lösung ist, will er
nicht wahrhaben. Mit Euro-Bonds liebäugelt er nach
wie vor. Dass Eurobonds nur Sinn machen, wenn der Süden wie der Norden
wirtschaftet, wovon wir weit entfernt sind, begreift der Sozialist nicht.
Von längst überfälligen und schmerzhaften Strukturreformen redet François
Hollande noch nicht oder nur wenig. Der Arbeitsmarkt ist verkrustet, die 35-Stunden-Woche wurde von Sarkozy nicht vollständig gestrichen. Die Landwirtschaft wird weiter
subventioniert. Immerhin will der Präsident mit seiner Regierung noch 2012
das französische Haushaltsdefizit auf 4,5% des BIP senken, was allerdings
noch immer Meilenweit von der in Maastricht festgelegten 3%-Grenze entfernt
ist. Frankreich taugt nach wie vor nicht als Vorbild in Europa.
Statt Strukturreformen plant François Hollande laut der französischen
Wirtschaftszeitung Les Echos eine 3%-Steuer auf Aktionärsdividenden.
Diese soll insgesamt jährlich rund 800 Millionen Euro einbringen mit dem
Ziel, dass die Unternehmen lieber Geld investieren, statt an die Aktionäre
ausschütten. Zudem soll die schon länger diskutierte
Finanztransaktionssteuer nun endlich kommen.
Eine Finanztransaktionssteuer wäre sicher nicht das Ende der Welt, auch wenn
natürlich nicht die Banken, sondern die Bankkunden am Ende zur Kasse gebeten
werden, weshalb dadurch Investitionen verteuert werden. In der Schweiz
kennen wir seit langem die Stempelsteuer und ähnliche Steuern und Abgaben,
die auf Börsentransaktionen erhoben werden. Die Frage ist, wofür und von wem
wird das viele Geld gebraucht werden. Nicht zuletzt besteht die Gefahr, dass
eine solche Steuer bald neue Begehrlichkeiten wecken wird, weshalb sie bei
Geldbedarf des Staates in Zukunft langsam angehoben werden könnte. Die
Mehrwertsteuer - übrigens eine flat tax - steht als Mahnmal für eine
solche Politik.
Wenn die Steuern und Abgaben auf Zigaretten allein
den Folgeschäden durch das Rauchen, Steuern und Abgaben auf dem Autofahren
allein zur Bekämpfung von Autoabgasumweltschäden, zur Bezahlung der Kosten
von Verkehrsunfällen und für den Strassenbau ausgegeben würden,
lebten wir in einer besseren Welt. Doch das Verursacherprinzip wird nirgends
richtig angewandt und das Geld weitgehend zweckentfremdet ausgegeben.
Noch stehen die Franzosen in der Mehrheit hinter ihrem neuen Präsidenten und
seiner Regierung. Alle Minister wurden bei den Parlamentswahlen an der Urne
bestätigt. Im sozialistischen Lager wurde einzig die ehemalige
Lebensgefährtin des Präsidenten, Ségolène Royal, im Wahlkreiss La Rochelle
klar geschlagen, weshalb sie nun nicht wie gewünscht Präsidentin der
Nationalversammlung werden kann, da sie dieser nicht mehr angehört. Ins
Kabinett nehmen wollte sie François Hollande ebenfalls nicht. Doch die
Sozialisten werden sicher ein Amt für Ségolène Royal finden, damit wieder
Ruhe einkehrt. Dies ist nötig, nachdem sich die neue Lebensgefährtin des
Präsidenten, Valérie Trierweiler, mit einem Tweet für den
„Versenker“
Royals, Olivier Falorni, eingesetzt hatte. Das ganze
erinnert etwas an Sarkozy, seine Scheidung und Heirat im Amt. In Zeiten der
Krise kann Frankreich eigentlich keine unnötige Energie für solche
Privatgeschichten vergeuden.
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