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Die Regierung Ayrault
Ein
Reformpaket vom Parlament
verabschiedet
Artikel vom 1. August 2012 um 09:20
Das Kabinett: Eine
Gurkentruppe
Die Regierung des französischen Premierministers
Jean-Marc Ayrault (*1950) ist weitgehend eine Ansammlung mittelmässiger
Sozialisten der alten Schule, was Präsident
Hollande zu verdanken
ist. Von New Labour oder Reformwille à la Schröder
ist bis jetzt nichts zu erkennen. Bei einer Staatsverschuldung von rund 90%
des BIP bleibt zu hoffen, dass die Marktkräfte den Franzosen doch noch den
Weg zeigen werden. Ayrault unterstützte übrigens im internen Kampf der
Sozialisten 2007 Ségolène Royal, die
Ex-Gefährtin des heutigen Präsidenten
Hollande, den Ayrault im sozialistischen Primärwahlkampf 2011 aktiv
unterstützte. Hollande dankte es ihm am 15. Mai 2012 mit der Nominierung zum
Premierminister.
Der Premier konnte als Bürgermeister der Stadt Nantes von 1989 bis 2012
exekutive Erfahrung sammeln, wenn auch nicht auf nationaler Regierungsebene. Jean-Marc Ayrault ist als ehemaliger Deutschlehrer am Gymnasium, der 1969/70 zudem ein
Semester an der Universität Würzburg verbrachte, hoffentlich ein Garant dafür, dass es
mit der deutsch-französischen Verständigung, die angesichts der
Eurozonen-Krise nötiger denn je ist, wieder besser klappt.
Ayraults erfahrenster Mitstreiter im Kabinett ist der frühere
Ministerpräsident unter François Mitterrand von 1984 bis 1986, Laurent
Fabius (*1946). Das ist schon lange her und war zudem keine gloriose Zeit.
Zuvor war Fabius als Budgetminister unter Präsident Mitterrand für die
Einführung zweier Steuern auf hohen Vermögen (l'impôt sur les grandes
fortunes und l'impôt de solidarité sur la fortune) verantwortlich gewesen. Präsident
Hollande macht es ihm mit seinem „Geniestreich
(franz. Artikel)“
einer 75%-Steuer auf Jahreseinkommen über 1 Million Euro nach. Die Resultate werden diesmal kaum besser sein. Die alte
Linke blüht in Frankreich wie in den 1980er Jahren. 1982 liess die Regierung
von Mitterrands Gnaden gar die wichtigen Banken sowie weitere
Grossunternehmen verstaatlichen. Dabei versenkten die Sozialisten und
Kommunisten fast Frankreich, ehe sie umschwenkten.
Mit Manuel Valls (*1962) sitzt immerhin ein Minister im Kabinett Ayrault,
der sich offen als Reformer à la Clinton und Blair gibt und die Streichung
des Begriffs
„Sozialismus“ aus dem Programm der Regierungspartei fordert, was an
Blair und Brown erinnert. Valls stand Ségolène Royal nahe und unterstützte sie beim Kampf um den Vorsitz des PS.
Martine Aubry gewann schliesslich dank Beschiss. Valls meinte später dazu, man müsse in die
Zukunft schauen (il faut tourner la page). Nach dem erzwungenem Ausscheiden
von Dominique Strauss-Kahn (DSK) aus dem
Kandidatenrennen für die Präsidentschaft 2012 gab sich Valls als wenig präsidialer sozialistischer
Präsidentschaftskandidat, der bei den Vorwahlen mit 6% denn auch erbärmlich
scheiterte. Valls hatte übrigens DSK noch lange und emotional verteidigt, als
dieser wegen seiner multiplen sexuellen Eskapaden längst untragbar geworden
war.
Manuel Valls kämpfte immerhin offen gegen die Manie der Umverteilung und
der ausufernden Sozialleistungen, weshalb ihm die Parteivorsitzende der
Sozialisten, Martine Aubry, schon mal den Parteiaustritt nahelegte. Aubry
selbst hatte übrigens auf den Posten im Hôtel Matignon gehofft, doch
Präsident François Hollande zog der Vertreterin der Parteilinken den
international
unbekannten Jean-Marc Ayrault vor, den Aubry als „Vollpfosten“
bezeichnete; einen einfachen Ministerposten unter ihm wollte sie nicht annehmen.
Martine Aubry ihrerseits hat sich einst mit der Einführung der
35-Stunden-Woche hervorgetan, die Valls übrigens aufbrechen will oder wollte
(déverrouiller les 35 heures). Wie Manuel Valls als Innenminister
seine Reformagenda vorantreiben will, bleibt unklar. Im Wahlkampf hat er
sich mit harten Tönen gegenüber Einwanderern hervorgetan. Wurde er darum mit
dem Innenministerium belohnt? Er ist übrigens der in Barcelona geborene Sohn
eines Spaniers und einer Schweizerin, der erst 1982 die französische
Staatsbürgerschaft durch Naturalisation erhielt. Als Bürgermeister von Evry
(Essonne) hat er immerhin exekutive Erfahrung, wenn auch nicht auf
nationaler Ebene.
Arnaud Montebourg (*1962) amtet seit Mai 2012 als
Reindustrialisierungsminister oder Industrie-Reformminister (Ministre du
redressement productif), wobei der Term „Industrie“ in seinem Titel
nicht aufscheint. Er ist der Gegenentwurf zu Valls. Der gelernte Anwalt Montebourg stand
zumindest einst Fabius nahe. Montebourg war bei der Präsidentschaftswahl 2007 der Sprecher von Ségolène
Royal, die gegen Nicolas Sarkozy unterlag, allerdings nur bis am 18. Januar
2007, als er scherzte, Royals einziger „Fehler“ (défaut) sei ihr Lebensgefährte
Hollande; Royal suspendierte den von sich aus zurückgetretenen für einen
Monat. Royal und Hollande waren damals bereits kein Paar mehr, auch wenn sie
offiziell das Gegenteil vorspielten.
Arnaud Montebourg ist insofern ein Reformer, als
er sich für eine Schwächung des Präsidentenamtes einsetzt. Der französische
Staatschef ist ja ein kleiner König, der eine grössere Machtfülle als der
amerikanische Präsident besitzt, was Frankreich selten gut bekommen ist. Bei
den sozialistischen Vorwahlen um das Präsidentenamt schaffte Montebourg es
mit zum Teil nationalistischen und linken Tönen immerhin
auf 17,2%, was ihm eigentlich keiner zugetraut hatte. Vor der sozialistischen Stichwahl sprach er sich für Hollande
und damit gegen Aubry aus, überliess aber seinen Anhängern die freie Wahl,
was angesichts seiner eigenen Entscheidung nur beschränkt glaubwürdig war.
Montebourg hatte Aubry in einem Bericht über den Beschiss und unappetitliche
Zustände bei den Sozialisten in der Region Bouches-du-Rhône hart angegriffen.
Montebourg steht Premier Ayrault seit 2007 nahe. Der heutige Premier hatte
ihn zu seinem ersten Vize als Chef der Gruppe der Sozialisten in der
Nationalversammlung nominiert. Im Parlament selbst war Montebourg 2011 einer der
am wenigsten aktiven Mitglieder, was sich an seiner langen Absenzliste
zeigte. Montebourg tat sich mit Ideen zur „Démondialisation“
hervor, sich auf den Soziologen Walden Bello stützend. Montebourg setzt sich
insbesondere für eine staatlich geregelte Industriepolitik ein. Kurzum, der
Parteilinke bildet wie erwähnt eine Art Gegenpol zu Manuel Valls.
Wirtschafts- und Finanzminister Pierre Moscovici (*1957) schnupperte unter
Premierminister Jospin schon einmal von 1997 bis 2001 Regierungsluft als
Europaminister. Wie Aussenminister Laurent Fabius stammt Moscovici aus einer
jüdischen Familie. An der Eliteuniversität ENA war ein gewisser Dominique
Strauss-Kahn (DSK) sein Professor. In jungen Jahren gehörte Moscovici den
Kommunisten des LCR von Alain Krivine an, wechselte aber bereits 1984 zu den
Sozialisten (PS). 2007 und 2011 unterstützte er bei den
Präsidentschaftsvorwahlen des PS seinen ehemaligen Lehrer DSK. Nachdem das
Sexleben von Strauss-Kahn dessen Präsidentschaftsambitionen ein Ende setzte,
unterstützte Moscovici François Hollande und leitete gar dessen Wahlkampf.
Pierre Moscovici gilt als Pragmatiker und Vertreter des rechten
Parteiflügels des PS. Wer sich die bisherigen Massnahmen der neuen Regierung
anschaut, entdeckt allerdings nicht viel Pragmatismus, sondern vor allem
linke Ideologie.
„Rettet“ die Autoindustrie
Da die Sozialisten schon lange nicht mehr an der Macht waren, fehlen
ihnen ausreichend Minister mit Regierungserfahrung. Das war die Chance für
Arnaud Montebourg, der ja viele Wähler vertritt. Dank ihm machen wieder
einmal „geniale“ Ideen die
Runde. Merkel meinte 2009, die Abwrackprämie sei ein Zaubermittel. 2012
kommt nun Montebourg mit dem Knaller von erhöhten Prämien für den Kauf von
Elektro- und Hybridautos. Wer ein Elektrofahrzeug kauft, erhält vom Staat
statt 5000 neu 7000 Euro. Wer sich für ein Hybridautomobil entscheidet,
bekommt neu 4000 statt nur 2000 Euro. Da Renault stark auf Elektroautos und
Peugeot auf den Hybridantrieb setzt, sollen so vor allem französische
Autobauer profitieren. Ob es so kommt, bleibt abzuwarten, denn die Franzosen
sind einfach nicht konkurrenzfähig mit ihren mangelhaften Autos. Hinzu
kommt, dass Staatsprämien für den Autokauf natürlich nach wie vor keinen
ökonomischen Sinn machen. Die 2008 unter Sarkozy eingeführten Prämien haben den Absatz von Fahrzeugen mit
umweltschonenden Antrieben nicht explodieren lassen. Toyota hat hier ohnehin
noch einen Vorsprung und produziert erst noch zuverlässigere Autos. Hyundai und Kia sind bei den Kleinwagen seriöse Konkurrenten aus Korea. Die Prämien
sollen übrigens nur für in Frankreich produzierte Autos gelten. 2013 sollen
höhere Abgaben für Fahrzeuge mit hohen Abgaswerten folgen, was die deutsche
Konkurrenz von Audi, BMW und Mercedes bremsen soll. So etwas nennt man
eigentlich Protektionismus.
Präsident Hollande hat sich gegen den vom Autobauer PSA angekündigten Abbau
von 8000 Stellen ausgesprochen, als ob die Politik notwendige
Strukturanpassungen per Dekret verhindern könnte; PSA verzeichnete zuletzt einen um
5% sinkenden Konzernumsatz mit 13% weniger verkauften Autos. Wenn Hollande
und Ayrault bei den Löhnen der Regierungsmitglieder und der Patrons von
Staatsunternehmen drastische Kürzungen durchsetzen, dann fällt dies durchaus
in die Kompetenz der Politik, doch der Eingriff in die freie Wirtschaft
sollte tabu sein. Fast immer endet der Tabubruch kontraproduktiv.
Wenn Präsident Hollande und Premier Ayrault so weiter wursteln, werden wir
an den französischen Regierungschaoten in den nächsten Jahren noch viel
Freude haben. Wie sie bis 2017 die Neuverschuldung auf Null senken und
gleichzeitig Frankreichs wettbewerbsfähiger machen wollen,
bleibt weiterhin ihr Geheimnis.
Das französische Parlament verabschiedet ein Reformpaket
Ein neues Budget mit höheren Steuern
Am 31. Juli 2012 hat das französische Parlament ein Reformpaket der
Regierung Ayrault verabschiedet. Die Reformen reduzieren sich im
Wesentlichen auf Steuererhöhungen. Das neue Budget sieht insgesamt
Mehreinnahmen von 7,2 Milliarden Euro vor, wobei eine Sonderabgabe zur
Vermögenssteuer alleine bis Ende 2012 zusätzlich 2,3 Milliarden Euro in die
klammen Kassen des Staates spülen soll. Die französische Staatsschuld liegt
bei rund 90% des BIP, also weit über den von Maastricht geforderten 60%. Des
weiteren werden Überstunden nicht mehr steuerlich begünstigt. Einsparungen
machen nur ur 1,5 Milliarden Euro aus. Die von Sarkozy für Oktober
vorgesehene „soziale
Mehrwertsteuer“, um Unternehmen von Sozialabgaben zu entlasten, wurde
gekippt. Die bereits unter Sarkozy verabschiedete
Finanztransaktionssteuer kommt in verschärfter Form.
Das Ende des Leidensweges liegt in weiter Ferne, da weitere Eurostaaten wie
Spanien und Italien unter Druck bleiben und mehr Geld verlangen, weshalb
weitere „Rettungsaktionen“
folgen dürften. Die Eurozone hat ja allein schon 100 Milliarden Euro für die
Rettung spanischer Banken bereitgestellt, die überhaupt nicht sytemrelevant
sind. Die Politik hat in den Jahren der Krise nichts gelernt. Statt kleinere
Banken zu schaffen, die weniger eng miteinander verflochten sind und daher
Pleite gehen können, wenn sie schlecht wirtschaften, wird mit gigantischen
Instituten weiter gewurstelt, die dann unbedingt „gerettet“ werden müssen.
In Spanien hatte die Politik die gloriose Idee, wir legen einige marode
Banken zusammen, als ob durch das Zusammenleeren von mehreren Flaschen Fusel
durch wundersame Weise eine Magnumflasche Premier grand cru classé
entstehen könnte. Die Arbeitslosigkeit in Spanien liegt nun bei 24,6%, die
Jugendarbeitslosigkeit bei rund 50%, wobei natürlich viele Spanier bereits
ins Ausland abgewandert sind und daher in der Statistik nicht mehr
aufscheinen.
Wenn die Franzosen noch lange so weiter wursteln, droht ihnen ein ähnliches
Schicksal. PSA (Peugeot und Citroen) durch den Staat vor harten Reformen zu „beschützen“,
wird die Firma nicht konkurrenzfähiger machen. Parolen wie „kauft
französisch“, erhöht die Zölle und Subventionen und führt weitere
„Schutzmassnahmen“ gegenüber aussereuropäischen Importen ein, führen in den
weitern Abstieg. Gerade Frankreich, das von den EU-Agrarsubvention „profitiert“
wie sonst kein EU-Land, trägt eine grosse Verantwortung. Unter
Chirac und Sarkozy ging gar nichts. Unter Hollande dürfte es leider nicht
besser werden. Die EU buttert fröhlich weiter einen Grossteil ihres Budgets
in die Landwirtschaft. Werden wir von Idioten regiert? Offensichtlich! Doch
die Mehrheit der Europäer will es noch immer nicht anders und verdient es
daher auch nicht anders.
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