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Resultate der Wahlen in
Libyen
Hinzugefügt am 8. August 2012
Heute tritt der Nationalkongress,
das libysche Parlament, zum ersten Mal zusammen. Innerhalb der nächsten 30
Tage müssen die Volksvertreter eine Regierung ernennen. Zudem gilt es, in
nächster Zeit die Details zur Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung
auszuarbeiten.
Artikel vom 2. August 2012 um 23:12
Am 7. Juli 2012 hatten rund 62% der geschätzten 3,5 Millionen libyschen Wähler die in ihrer Geschichte
erstmalige Möglichkeit wahrgenommen, ihr Parlament
in freien und fairen Wahlen zu bestimmen. Rund 2600 Kandidaten stellten sich
für 374 Parteien zur Wahl, die möglich wurde Dank
der militärischen Hilfe vor allem der
Briten und Franzosen sowie der diskreteren, aber mitentscheidenden der
USA. In peinlicher Erinnerung bleibt das erbärmliche Abseitsstehen Deutschlands, das
in der Hauptsache die völlig überschätzte Kanzlerin Merkel und ihr Aussenminister Westerwelle zu
verantworten haben.
Dem Nationalkongress obliegt es, innerhalb von 30 Tagen einen
Premierminister zu bestimmen. Wegen der
120 für Unabhängige reservierten Sitze ist die Mehrheitsbildung nicht so
einfach. Am 8. August 2012 wird der Nationale Übergangsrat seine Macht auf
das gewählte Parlament übertragen, dass dann die Regierung wählen wird. Am
1. August 2012 hat übrigens die libysche Wahlkommission die Resultate der
Parlamentswahlen offiziell ratifiziert. 37 Fälle wurden von der Kommission
untersucht. Nur in einem Fall kam es zur nachträglichen Eliminierung eines
Kandidaten. Es befinden sich 33 Frauen unter den Gewählten. Die
Wahlbeteiligung lag bei 62%. Dem am 20. Oktober 2011 getöteten Diktator
Gaddafi weint niemand eine Träne nach.
Die Libyer werden später noch eine Konstituente zu wählen haben, deren Aufgabe
darin bestehen wird, eine neue Verfassung auszuarbeiten. Eigentlich war dies
dem Parlament als Recht zugebilligt, doch im letzten Moment vor den Wahlen
noch abgeändert worden.
Die Resultate der Wahlen zum libyschen Nationalkongress mit insgesamt 200
Mitgliedern sehen wie folgt aus: Die Allianz Nationaler Kräfte / National Forces
Alliance von Mahmud Jibril / Dschibril (*1952) bestehend aus rund 60
Parteien und Persönlichkeiten, die weitgehend liberal und moderat sind, ging als
klarer, relativer Wahlsieger mit 39 der insgesamt 80 für
Parteien reservierten Parlamentssitze hervor. Als
Gründungsmitglied des Nationalen Übergangsrates und Vorsitzender des
Exekutivrate erwarb sich Mahmud Jibril grosses Ansehen als interimistischer Premier Libyens. Jibril
strebt als Vorsitzender der Allianz Nationaler Kräfte ein
liberales, eher laizistisches und vor allem transparentes Regime an, das der Macht der Milizen ein Ende
bereitet, was nicht so einfach zu bewerkstelligen sein wird. Immerhin ist
Libyen relativ reich, weshalb genügend Geld für Soldaten und Polizisten vorhanden
sein dürfte, wodurch die Milizionäre ins demokratische Libyen integriert
werden könnten.
Libyen soll beim heutigen Produktionsniveau von 2% der Weltförderquote Öl
für weitere 70 Jahre haben. Bereits hat der italienische Eni-Konzern das
Niveau der vorrevolutionären Ölförderung wieder erreicht. Auf
wirtschaftlichem Gebiet verfügt Libyen deshalb gegenüber Ägypten über einen
finanziellen Startvorteil beim langen Weg in eine funktionierende
Demokratie, wenn denn die natürlichen Ressourcen richtig ausgebeutet und
versteuert werden.
Wahlsieger Mahmud Jibril ist vom Warfalla-Stamm, dem rund 1 Million
der 6,4 Millionen Libyer angehören, was sicher seiner Popularität zuträglich
war. Jibril hatte einst im ägyptischen Cairo und danach im amerikanischen Pittsburgh politische
Wissenschaften studiert und war auf Wunsch von Saif al-Islam al Gaddafi von 2007 bis 2011
als Leiter des National Planning Council und des National
Economic Development Board nach Libyen geholt worden, wo er die Wirtschaft
zu liberalisieren und zu privatisieren versuchte. Kurz nach Ausbruch des
Aufstandes gegen Gaddafi schloss er sich den Rebellen an. Die Allianz sieht
die Scharia als Inspirationsquelle des libyschen Rechts an, aber nicht als
deren alleinige Quelle.
Die den Muslimbrüdern nahestehende Partei für Gerechtigkeit und Aufbau
errang 17 Sitze im Nationalkongress. Anders als in Ägypten, wo die
Muslimbrüder zusammen mit den Salafisten eine überwältigende absolute
Mehrheit errangen, konnten die Islamisten in Libyen nicht gross auftrumpfen.
Dennoch schloss der Vorsitzende des politischen Arms der Muslimbrüder, der
aus Misrata stammende Mohamed Sowan / Sawan, nach dem Bekanntwerden der
Resultate kategorisch eine Koalition seiner Partei
für Gerechtigkeit und Aufbau mit Jibrils Kräften aus und meinte gar, er
könne eine Koalition im Nationalkongress gegen Jibrils Allianz schmieden.
Sowan träumt von einem Libyen, in dem die Scharia die alleinige Grundlage
des Rechts bildet.
Die Nationale Front, die tapfer, aber vergeblich seit 1981 gegen Ghadhafi
und sein Regime gekämpft hatte, kam nur auf drei Sitze. Ihr Vorsitzender,
Mohammed el-Magariaf (*1940), definiert seine Partei als eine patriotische
und nicht eine religiöse, weshalb eine Koalition mit Jibril / Dschibril Sinn
machen würde.
Keiner weiteren Partei gelang es am 7. Juli 2012, mehr als 1 oder 2 Sitze im
Parlament zu gewinnen. Wer wird mit wem koalieren? Für wenn werden die
zumindest formal 120 unabhängigen Parlamentsmitglieder stimmen?
82% aller Libyer können lesen und schreiben. Diese für Nordafrika höchste
Rate war mit ein Grund, weshalb die Islamisten bei den Wahlen anders als in
Ägypten nicht triumphierten. Hinzu kam, dass Gaddafi den Muslimbrüder brutal
unterdrückte, weshalb sie nicht wie in Ägypten die bestorganisierte
politische Kraft im Land waren. Zudem verfügte Jibril als interimistischer
Premier über landesweite Bekanntheit. Nun muss das Land die gute
Ausgangslage nutzen. Die bald bekannt zu gebende Zusammensetzung der neuen
Regierung wird einen ersten Hinweis auf die Chancen für eine blühende
Zukunft Libyens geben.
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