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Indien mit einer Minderheitsregierung
Artikel vom 21. September 2012 um 14:59
Wie bereits
heute und
gestern,
in zwei englischen Artikeln gemeldet, steht nun Indien mit einer
Minderheitsregierung da. Nach dem Regierungsaustritt einer Partei verfügt
die United Progressive Alliance nicht mehr über eine Mehrheit im Unterhaus
(Lok Sabha). Dennoch dürfte sie vorerst unangefochten an der Macht bleiben,
die zwei Regionalparteien von aussen die Regierung unterstützen.
Die Westbengalische Regierungschefin Mamata Banerjee zog heute die sechs
nationalen Minister ihrer Partei Trinamool Congress aus der indischen
Regierung zurück, da sie mit einigen zaghaften Reformen, die heute in Kraft
treten, nicht einverstanden ist. Sie liess der Regierung einige Tage Zeit,
um von ihrem Vorhaben abzulassen, doch diesmal liess sich Premierminister
Manmohan Singh nicht wie letztes Jahr von Mamata Banerjee zurückpfeifen. Da
beide Seiten auf ihrem Standpunkt beharrten, kam es zum Bruch.
Die United Progressive Alliance (UPA) von Regierungschef Manmohan Singh wird
von aussen von zwei früheren Gouverneuren der Provinz Uttar Pradesh
unterstützt. Die vormalige Chefministerin Mayawati mit ihren 21
Unterhausmitgliedern der Bahujan Samaj Partei sowie der vormalige
Chefminister der Provinz Uttar Pradesh, Mulayam Singh Yadav mit seinen 22
sozialistischen Mitgliedern der Samajwadi Partei unterstützen beide die
Regierung von aussen. Da sie wie Mamata Banerjee keine Freude an der Öffnung
des Aussenhandels für ausländische Unternehmen wie möglicherweise Walmart
aus den USA und Tesco aus Grossbritannien haben, meldeten indische Medien
bereits, dass in der Regierung darüber nachgedacht werde, bei anderen
kleinen Reformen teilweise nachzugeben und so Kompromisse zu produzieren,
welche die nicht der Regierung angehörenden Parteien als ihre Erfolge und
Legitimation zur Regierungsunterstützung verkaufen könnten. So könnte es
sein, dass Inder pro Kopf bis zu neun statt nur wie verabschiedet bis zu
sechs subventionierte Kochgasflaschen pro Jahr kaufen könnten. Auch bei der
Erhöhung der Dieselpreise könnte wieder etwas zurückgesteckt werden.
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Die vom früher als Reformminister zurecht gelobten Premierminister Manmohan
Singh verabschiedeten Reformen sind bescheiden. Doch schon diese stossen auf
hartnäckigen Widerstand in fast allen Parteien. Die grösste
Oppositionspartei, die hinduistische BJP, ist ebenfalls dagegen. Indien
fällt gegenüber Brasilien, China und anderen aufstrebenden Staaten immer
weiter zurück.
Bedeutet das Ende der Allianz mit Mamata Banerjee endlich den Beginn des
Aufbruchs zu neuen Reformen? Banerjee gelang es 2011 im Gliedstaat
Westbengalen nach Jahren der Misswirtschaft endlich die Kommunisten von der
Regierungsbank zu verdrängen. Es handelte sich um die längstdienende,
demokratisch gewählte kommunistische Regierung der Welt. Doch die neue
Chefministerin zeigt sich ebenfalls der Marktwirtschaft wenig
aufgeschlossen. Sie sabotierte die Reförmchen der Bundesregierung.
Die Schuld für den Reformstau nur bei Mamata Banerjee abzuladen ist zu
einfach. Die Kongresspartei, die jahrzehntelang Indien geprägt hat, hing und
hängt sozialistischen Rezepten nach und ist wie weite Teile der indischen
politischen Klasse korrupt. Zudem zeigte sich der jüngste Spross der
Gandhi-Familie bei den
Uttar Pradesh - Wahlen vom März 2012 nicht gerade als Gewinner. Des
weiteren ist die Patriarchin der Gandhi-Familie, die in Italien geborene
Sonia Gandhi, alles andere als eine Reformerin. Sie schien Premierminister
Manmohan Singh an der kurzen Leine zu halten, wenn es um notwendige Schritte
in Richtung Zukunft ging.
Die UPA-Regierungszeit wird von vielen Skandalen überschattet. Stichworte
dazu waren milliardenteure Commonwealth Spiele, die nur ein paar Dutzend
Millionen einbrachten, die Privatisierung des Flughafens von Delhi, der
Telekommunikationssektor, Immobilienskandale, Schmiergelder im
Verteidigungssektor, ein Kohleskandal und viele weitere Affären.
Ob Manmohan Singh das Ruder herumwerfen kann, bleibt abzuwarten. Indien
braucht endlich eine Regierung, die sich dem Weltmarkt öffnet,
Staatsunternehmen privatisiert und Subventionen radikal abbaut, eine
unabhängige Justiz, die mit korrupten Politikern aufräumt sowie
Privatunternehmer, die weniger mit Schmiergeldern und mehr mit Innovationen
auftrumpfen.
Ist Indiens Stabilität nun gefährdet? Werden Mayawati und Mulayam Singh
Yadav bald der Regierung beitreten? Stehen vorgezogene Neuwahlen vor dem
Legislaturende 2014 an? In jedem Fall braucht Indien endlich eine seriöse
Reformpolitik.
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