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Mursi greift nach der ganzen Macht -
oder doch nicht?
Präsidentenberater Essam
El-Erian auf CNN versucht zu beruhigen
Artikel vom 27. November 2012 um 22:25
Nachdem Ägyptens Präsident Mursi letzte Woche zwischen
Hamas und Israel erfolgreich einen Waffenstillstand verhandelt hatte,
erliess er am 22. November 2012 sieben konstitutionelle Dekrete, mit denen
er unter anderem sicherstellen wollte, dass er über jedem Richter steht und
unantastbar ist. Für viele Beobachter war die Gewaltenteilung in Ägypten
akut bedroht. Präsident Mursi und seine Berater äusserten danach, die
Dekrete seien nur bis zur Verabschiedung einer neuen Verfassung und der Wahl
eines neuen Parlamentes in Kraft. Mursi wollte zuerst der
Verfassungsgebenden Versammlung noch Zeit bis im Februar 2013 geben, um eine
neue Verfassung auszuarbeiten. Die über 200,000 Protestierenden auf dem
Tahrirplatz am 27. November 2012 haben den Präsidenten bewogen, alles viel
rascher über die Bühne zu bringen.
Heute Abend hat der Präsidentenberater Essam El-Erian auf CNN der
Journalistin Christiane Amanpour erklärt, die neue Verfassung solle noch
heute Abend fertiggestellt und Morgen verabschiedet werden. Innerhalb von
zwei Wochen (!) sollen danach die ägyptischen Wähler über die Annahme der
neuen Verfassung abstimmen. Essam El-Erian versicherte zudem, in der
Verfassung würden die Rechte von Frauen und Minderheiten festgeschrieben und
die Scharia werde wie in der Verfassung von 1971 erwähnt, nicht aber als die
einzige Gesetzesgrundlage festgeschrieben. Niemand bräuchte als Angst vor
der Einführung der Scharia in Ägpyten haben. Zudem deutete Essam El-Erian
bei Christiane Amanpour an, die umstrittenen Verfassungsdekrete würden
bereits nach der Annahme einer neuen Verfassung enden.
Klar ist, dass Präsident Mursi mit seinen Dekreten zu weit ging und die Gewaltenteilung
aufhob, ein System von checks and balances nicht mehr existierte.
Allerdings ist eben so klar, dass viele Richter noch von Mubarak ernannt
worden waren und das Spiel der alten, korrupten Elite weiterspielten, indem
sie Mursi immer wieder Knüppel zwischen die Beine warfen und korrupte und
kriminelle Leute aus dem Mubarak-Regime schützten.
Morgen werden wir also wissen, was genau in der Verfassung steht. In zwei
Wochen sollte klar sein, was das ägyptische Volk davon hält. Die Gefahr
besteht natürlich weiterhin, dass sich die Opposition überrumpelt fühlt und
zu weiteren Protesten aufruft.
Die beste Wirkung der sieben Dekrete ist bisher, dass sich die
Oppositionsführer endlich zusammen gefunden haben. Leider nur im Protest.
Nun sollte etwas Positives daraus entstehen. Zuerst sollte abgewartet
werden, was nun genau in der Verfassung steht. Nach der Annahme der
Verfassung bestünde der nächste wichtige Test in Neuwahlen. Dann könnte die
Opposition ihre Stärke und konstruktive Seite endlich zeigen. Ein Wahlsieg
wäre den moderaten Kräften zu wünschen.
Präsident Mursi hat seit
seiner Wahl einige Fehler begangen und
Versprechen gebrochen. So wurden nicht wie versprochen ein Christ und eine
Frau zu Vizepräsidenten ernannt. Einiges riecht bei den Muslimbrüdern zudem
nach Salamitaktik. Stück um Stück versuchen sie, nach der ganzen Macht zu
greifen. Doch der Staatsanwalt und einige Richter sind keinesfalls
lupenreine Demokraten, sondern Teile des Mubarak-Systems. Die
verfassungsgebende Versammlung wollten sie zudem wie das Parlament als
unrechtmässig auflösen. Da wären plötzlich nur noch die Richter als Säulen
des Staates übrig. So geht es auch nicht.
Natürlich haben rund 22 bis 30 Frauen, Liberale und andere Demokraten aus
Protest gegen die Muslimbrüder vor einigen Wochen die Verfassungsgebende
Versammlung verlassen, doch wie erwähnt kommt es nun nur darauf an, was für
ein Text vorgelegt wird. Die Bürger können ja danach darüber entscheiden.
Deeskalation wäre auf allen Seiten angebracht. Über die neue Verfassung,
Neuwahlen und danach indirekt eine neue Regierung sollte nicht mehr auf der
Strasse gestritten, sondern an den Urnen durch das gesamte ägyptische
Wahlvolk entschieden werden.
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