|
Mursi ausser Kontrolle - und die
Demonstranten ebenso
Eine enttäuschende
Fernsehansprache des Präsidenten
Artikel vom 7. Dezember 2012 um 11:54
Gestern hielt Präsident Mursi in Kairo
(wie
in der englischen Ausgabe bereits gemeldet)
eine Fernsehansprache, von der viel erwartet wurde, die aber
leider nichts brachte, ausser der Bestätigung, dass der Präsident am
Verfassungsreferendum vom 15. Dezember 2012 festhalten will.
Mehrere Regierungsmitglieder, hohe Staatsbeamte und Berater von Präsident
Mursi taten in den letzten Tagen aus Protest zurück. Der Politologe und
Präsidentenberater Seif Abdel Fatah bekannte tränenreich auf Al Jazeera,
dass er das Vertrauen in die Muslimbruderschaft verloren habe. Selbst die im
Verfassungsentwurf als Autorität erwähnte Al Azhar-Moschee in Kairo forderte
den Präsidenten auf, seine Dekrete vom 22. November 2012 zurückzunehmen. Die
religiösen Gelehrten meinten, dies solle den Weg zu einem Dialog ohne
Vorbedingungen mit der Opposition ebnen.
Präsident Mursi schlug zwar der Opposition vor, ihn am Samstag, dem 8.
Dezember 2012 zu Gesprächen zu treffen, doch will er nur den politischen
Fahrplan nach dem Referendum besprechen. Die Opposition jedoch will
ihre Ideen in eine neue Verfassung einbringen, ehe darüber abgestimmt wird.
Die Opposition besteht auch weiterhin darauf, dass Mursi seine Dekrete
sofort zurücknimmt und nicht erst nach der Verfassungsabstimmung.
Mursi sagte, sollte die Verfassung abgelehnt werden, so würde eine neue
Verfassungsversammlung einberufen werden. Die Muslimbrüder sind der Meinung,
die Mehrheit könne über den Inhalt der Verfassung bestimmen. Die Opposition
fürchtet um Minderheitenrechte. Laizisten, Liberale, Moderate, Frauen und
Christen fürchten die Einführung streng muslimischer Regeln durch die
Hintertür.
Nicht beruhigend ist, dass am 5. Dezember 2012 der vom Präsidenten erst vor
kurzem eingesetzte Generalstaatsanwalt Talaat Ibrahim Abdullah gegen die
früheren Präsidentschaftskandidaten Amr Mussa, Mohamed ElBaradei und Hamdeen
Sabbahi wegen Spionage und dem Versuch eines Putsches Untersuchungen
anstellt. Soll die Opposition mundtot gemacht werden?
Die Art und Weise, wie Präsident Mursi das Referendum durchziehen will,
lässt aufhorchen. Ob die Muslimbrüder und die anderen religiösen Parteien
tatsächlich eine Mehrheit hinter sich haben, würde man erst bei der
Verfassungsabstimmung sowie bei den nächsten Parlamentswahlen sehen. Doch je
länger die Unruhen andauern, je wahrscheinlicher wird es, dass der
Terminkalender durcheinander kommt.
Am 6. Dezember 2012 stiessen Mursi-Anhänger und -Gegner direkt aufeinander.
Das Resultat waren über 700 Verletzte und eine Reihe von Toten. Das
verhärtet die Fronten noch mehr und arbeitet jenen Kräften in die Hände, die
sich eine harte Hand wünschen.
Der Verfassungsentwurf sieht eine Sonderstellung für die Militärs vor, die
weder vom Präsidenten, noch vom Parlament, noch von der Justiz kontrolliert
werden. Sollten Mursis-Anhänger und die oppositionellen Demonstranten
weiterhin ausser Kontrolle bleiben, könnte die Armee in einigen Wochen oder
Monaten plötzlich als Retter in der Not auftreten. Eine Militärdiktatur kann
sich niemand wünschen.
Viele Muslimbrüder sind einer harten Hand nicht abgeneigt. Viele
Oppositionelle versteifen sich auf eine unflexible Position.
Mohamed ElBaradei sagte nach Mursis
Fernsehansprache, der Präsident habe „die Tür für jeden Versuch eines
Dialogs geschlossen“. Mubarak-Anhänger hoffen auf
einen erneuten Regimewechsel. Das Militär gibt sich im Moment noch neutral,
doch das kann sich ändern. Regime und Opposition spielen mit dem Feuer. Sie
wissen nicht, was sie tun.
Präsident Obama hat die Opposition dazu aufgerufen, am 8. Dezember 2012 am
Treffen mit Präsident Mursi teilzunehmen. Für das Treffen dürfe es keine
Vorbedingungen geben. Damit hat er zwar Recht, doch Obama selbst hat
bezüglich dem fiscal cliff in den USA den Republikanern unannehmbare
Vorbedingungen gestellt. Soviel zu seiner Glaubwürdigkeit.
Mursi will den Verfassungsentwurf
nicht ändern. Die Opposition will nicht mit dem ägyptischen Präsidenten
reden. Noch bleibt vieles offen. Kommt es zur Tyrannei der Mehrheit über die
Minderheit? Bewegt sich das Land gar in Richtung
Gottesstaat? Droht am Ende eine Militärdiktatur? Oder raufen sich die
streitenden Lager doch noch zu einem Kompromiss zusammen?
Bücher zu Ägypten bei
Amazon.de,
Amazon.com
und Amazon.co.uk .
|
|