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Yair Lapid und Israels neue Regierung
Artikel vom 4. Februar 2013 um 17:58
Wie im Januar 2013 gemeldet (English
article), steht der neue israelische
Hoffnungsträger Yair Lapid mit seiner neugegründeten Partei Yesh Atid (Es
gibt eine Zukunft) vor der Bewährungsprobe. Wird er bereits in
Koalitionsverhandlungen mit Benjamin Netanjahu seine Glaubwürdigkeit
verspielen? Eine Koalition mit dessen Partei, Likud Yisrael Beiteinu,
welcher der „Rechtsaussenminister“
Avigdor Lieberman angehört, ist kaum mit seiner im Wahlkampf verbreiteten
Agenda zu vereinen. Die der Regierung angehörenden religiösen Parteien
vertreten ebenfalls Ideen, die mit Yair Lapid unvereinbar sind.
Die
Regierung Netanjahu von
2009 war von Anfang an eine Ansammlung von Opportunisten,
denen die Machtteilnahme über alles ging, angefangen bei Premierminister
Netanjahu. Beim G20-Gipfel in Cannes im Jahr 2011 wurde zufällig ein
Wortwechsel zwischen US-Präsident Obama und Frankreichs
damaligen Präsidenten Sarkozy bekannt, der Bände spricht. Sarkozy meinte
damals bezüglich Netanjahu: „Ich kann ihn nicht ausstehen. Er ist ein
Lügner.“ Worauf Obama ihm antwortete: „Du hast genug
von ihm? Ich muss mich jeden Tag mit ihm auseinandersetzen!“
Ein anderer israelischer Politiker, der sich 2012 mit Netanjahu einliess,
war
Shaul Mofas. Kurz darauf verliess er die Regierung wieder. Er
erlebte bei den Parlamentswahlen im Januar 2013 ein Desaster. In der 18.
Knesset 2009 erhielt Kadima 28 Sitze. In der 19. Knesset vom Januar 2013
sind es noch erbärmliche 2 Sitze.
Etwas besser ging es der von Shaul Mofas als Kadima-Führerin verdrängten
Tzipi Livni. Sie gründete ihre eigene Partei, Hatnuah, und brachte es
immerhin auf 6 Sitze im neuen Parlament. Zusammen mit dem Aufsteiger bei den
Januarwahlen, Yair Lapid, stärkt sie den Flügel der moderaten Kräfte in der
Legislative.
Die meisten Wahlbeobachter fürchteten sich vor allem vor Naftali Bennett,
der die Partei Jewish Home übernommen hatte. Das Jüdische Heim brachte es
schliesslich
„nur“ auf 12 Parlamentssitze. In Umfragen lag Bennet
bei rund 18 Sitzen. Mit seiner radikalen Agenda prägte er den Wahlkampf und
drängte Netanjahu, Lieberman und die religiösen Parteien noch mehr nach
Rechts, soweit das überhaupt noch möglich war. Der ehemalige
Softwareunternehmer, der sich betont jung und dynamisch gibt, und dies auch
ist, vertritt eine extremistische Agenda, in der kein Platz für einen
palästinensischen Staat ist. Viele Siedler, Religiöse und andere Israeli
teilen die Vision von Naftali Bennett, die einem Selbstmord nahe kommt,
zumindest aber in eine politische Sackgasse führt.
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Premierminister Netanjahu und Aussenminister Lieberman hatten sich das
Resultat der von ihnen angestrebten frühzeitigen Neuwahlen sicherlich anders
vorgestellt. Wahlen wären übrigens sowieso 2013 angestanden. Im neuen
Parlament schrumpfen die vereinten Kräfte der zwei Rechtspolitiker, die 2009
noch getrennt auf insgesamt 42 Sitze gekommen waren, auf nun nur noch 31
Sitze. Dennoch verfügt die bisherige Regierung, der auch religiöse Kräfte
angehören, im Parlament mit 61 von insgesamt 120 Sitzen immer noch über eine
Mehrheit. Allerdings kündigte Premierminister Netanjahu im Vorfeld der
Wahlen schon an, er wolle seine Koalition erweitern und moderate Kräfte
integrieren. Wie erwartet hat er am 2. Februar 2013 von Staatspräsident
Peres den Auftrag zur Bildung einer neuen Regierung erhalten.
Premierminister Netanjahu könnte eine nominal starke Regierung bilden, wenn
es im Gelänge, den „Wahlsieger“ von 2013, Yair Lapid
(*1963), den Gründer und Führer von Yesh Atid, in eine Regierung
einzubinden. Allerdings vertritt Yesh Atid weitgehend andere Anliegen. Der
säkulare Jude Yair Lapid möchte völlig zurecht, dass die Ultraorthodoxen
Juden wie auch die Palästinenser im Militär dienen oder einen Zivildienst
leisten.
Das Leben in Israel ist in den letzten Jahren teuer geworden. Milch und
andere Produkte des täglichen Lebens kosten in Israel oft mehr als in der
Europäischen Union. Yair Lapid führte einen Wahlkampf für preiswerten
Wohnraum, tiefere Öl- und Gaspreise und bessere Chancen für den Mittelstand.
Er positionierte sich so wie die politische Linke als Vertreter jener
sozialen Protestierer, die 2011 in Israel auf die Strasse gingen. Allerdings
tritt Yair Lapid anders als die Linke für die Marktwirtschaft ein. Kann Yair
Lapid einer rechten und religiösen Regierung beitreten, ohne seine Wähler zu
enttäuschen? Was liesse sich umsetzen?
Die linke Arbeiterpartei, angeführt von Shelly Yachimovich, steht für eine
klassische Umverteilungspolitik. Labor kam immerhin auf 15 Sitze.
Glücklicherweise träumt keine Mehrheit der Israeli vom Sozialismus.
Allerdings muss man anerkennen, dass Shelly Yachimovich als einzige klar
sagte, dass sie einer Regierung Netanjahu nicht beitreten werde. Zudem steht
sie Verhandlungen mit den Palästinensern offen gegenüber. Sie bildet
insofern eine glaubwürdige Alternative zur politischen Rechten, wobei
allerdings ihre wirtschaftspolitischen Ideen nicht überzeugen.
Zurück zu Yair Lapid, der nicht nur wie sein Vater zuvor eine Karriere als
Journalist gemacht hat. Auch politisch ergeben sich Parallelen. Tommy Lapid (1931-2008) war
ein Radio- und Fernsehjournalist, der die laizistisch-liberale Shinui-Partei
von 1999 bis 2006 führte.
2003 gelang Tommy Lapid mit Shinui ein grosser Wahlerfolg. 15 Knessetsitze
bedeutete, dass Shinui zur drittgrössten Partei Israels aufgestiegen war.
Doch bereits in den Wahlen von 2006 kam die grosse Ernüchterung, als die
Partei aus der Knesset verschwand.
10 Jahre später gelingt dem Sohn, dem populären Fernsehjournalisten Yair
Lapid ein noch grösserer Coup. Allerdings ist der Sohn klüger als der Vater.
Er will nicht nur Protestpartei sein und gründete Parteisektionen im ganzen
Land, sodass Yesh Atid wurzeln schlagen kann. Die Partei soll sich über die
2013-Wahlen hinaus als zentristische und laizistische Kraft etablieren.
Benjamin Netanyahu und Avigdor Lieberman haben wie die religiösen Parteien
bereits klar gemacht, dass sie die bisherige Siedlungspolitik weiterführen
wollen.
Netanyahu und seine Regierung bleiben weiterhin ein Hindernis auf dem
Weg zu einem dauerhaften Frieden. Einer solchen Regierung will Yair
Lapid beitreten?
Der neue Hoffnungsträger muss ebenfalls noch einen weiten Weg zurücklegen,
um zum glaubwürdigen Friedensbotschafter zu werden. Selbst Yair Lapid sieht
keinen Grund, den palästinensischen Flüchtlingen eine Rückkehr in ihr Land
zu ermöglichen. Zudem ist er der Meinung, dass Jerusalem israelisch bleiben
müsse, also unteilbar sei, wobei er vergisst, dass Israels Annexion von
Jerusalem völkerrechtlich nicht anerkannt ist. Zudem sollten sich Juden die
Frage stellen, weshalb viele von ihnen nach rund 2000 Jahren ein
Rückkehrrecht beanspruchen wollen, während dem sie eben dieses Recht
Palästinensern verweigern wollen, die erst vor Jahrzehnten vertrieben
und/oder ins Exil gedrängt wurden. Ein bisschen mehr Pragmatismus,
Flexibilität und Realitätssinn gepaart mit einer Vision für eine
Zweitstaatenlösung täte der israelischen Seite gut. Ein einziger Staat, in
dem Israeli und Palästinenser mit gleichen Rechten Seite an Seite leben,
wäre natürlich wirtschaftlich und politisch noch lebensfähiger, aber zum
jetzigen Zeitpunkt ist dies Science Fiction.
Yair Lapid und Tzipi Livni drohen zu Feigenblättern einer
Regierung Netanjahu zu werden. Wie
2009 festgehalten, hätte Israels Krieg gegen Hamas nur Sinn gemacht,
wenn ein Regimewechsel damit verbunden gewesen wäre. Hamastan ist jedoch
nicht nur noch immer da, sondern nach der 2012-Intervention der israelischen
Armee kam sogar der Hamas-Chef
Kahled Mashal (*1956) nach 45 Jahren zurück nach Gaza und lieferte eine
antiisraelische Rede vor Zehntausenden Anhängern ab, die jedem Israeli zu
denken geben müsste. Hamas scheint stärker als je zuvor. Mit
Mursi in Ägypten, das sich eine neue
Verfassung gegeben hat, die bei Bedarf islamistisch
ausgelegt werden kann, haben sich zudem die regionalen Gewichte verschoben.
Mit Benjamin Netanyahu und Avigdor Lieberman auf der einen, Khaled Mashal
und
Ismail Haniyeh auf der anderen Seite, dürfte ein dauerhafter Frieden
zwischen Israeli und Palästinensern in weite Ferne gerückt sein. Mit
Mahmoud Abbas und Salam Fayyad schien eine solche Perspektive möglich. Der
ehemalige israelische Premierminister Olmert kam der Sache schon sehr nahe. Shelly
Yachimovich, Tzipi Livni und Yair Lapid wären Politiker, die vielleicht
Brücken schlagen könnten. Für die genannten Israeli wäre es nicht weise,
sich in eine Regierungskoalition ohne Friedensperspektive zu begeben.
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