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Die Wahlen
in Indien 2004
Artikel vom 1. Juni 2004
Die Wahlen 2004 in Indien, der grössten
Demokratie der Welt mit etwas über einer Milliarde Einwohnern, endeten für die regierende Bharatiya Janata Party (BJP) mit einem verheerenden
Gesamtresultat. Bei einer
Wahlbeteiligung von rund 58% der über 670 Millionen indischen Wähler wurden
am 20. und 26. April sowie am 5. und 10. Mai 2004 folgende Parteien ins
Unterhaus gewählt gewählt:
Das offizielle Wahlresultat in Indien, Lok Sabha (Unterhaus), Mai 2004
(nur
Parteien mit 9 Sitzen und mehr gelistet):
| Partei |
543 Sitze
insgesamt |
| Indian National
Congress, INC |
145 |
| Bharatiya Janata
Party, BJP |
138 |
| Communist Party
of India, Marxist, CPM |
43 |
| Samajwadi Party,
SP |
36 |
| Rashtriya Janata
Dal, RJD |
21 |
| Bahujan Samaj
Party, BSP |
19 |
| Dravida Munnetra
Kazhagam, DMK |
16 |
| Shiv Sena, SHS |
12 |
| Biju Janata Dal,
BJD |
11 |
| Communist Party
of India, CPI |
10 |
| Nationalist
Congress Party, NCP |
9 |
Das Kabinett von Dr. Manmohan Singh,
Kabinettsliste vom Mai 2004:
| NAME |
PARTY |
PORTFOLIO |
| Dr.
Manmohan Singh |
Congress |
Prime
Minister |
| Shri
Shivraj Patil |
Congress |
Home
Affairs |
| Shri
Pranab Mukherjee |
Congress |
Defence
Minister |
| Shri
P Chidambaram |
Congress |
Finance
Minister |
| Shri
K Natwar Singh |
Congress |
External
Affairs |
| Shri
Laloo Prasad Yadav |
RJD |
Railway
Minister |
| Shri
Dayanidhi Maran |
DMK |
IT
and Telecomminister |
| Shri
Shibu Soren |
JMM |
Coal
and mines |
| Shri
P M Sayeed |
Congress |
Power |
| Shri
Kamal Nath |
Congress |
Commerce
and Industry |
| Dr.
A. Ramdoss |
PMK |
Health |
| Shri
Arjun Singh |
Congress |
HRD |
| Shri
Ghulam Nabi Azad |
Congress |
Urban
Affairs and Parliamentary Affairs |
| Shri
Shankersinh Vaghela |
Congress |
Textiles |
| Shri
H R Bhardwaj |
Congress |
Law |
| Shri
S Jaipal Reddy |
Congress |
Information
& Broadcasting |
| Shri
Shish Ram Ola |
Congress |
Labour
and Employment |
| Shri
Mahavir Prasad |
Congress |
Small
Scale, Agro and Rural Industries |
| Shri
P R Kyndiah |
Congress |
Tribal
Affairs |
| Shri
Mani Shankar Aiyer |
Congress |
Panchayati
Raj Petroleum |
| Shri
Sunil Dutt |
Congress |
Sports |
| Smt.
Meira Kumar |
Congress |
Social
Justice and Empowerment |
| Shri
Priya Ranjan Dasmunsi |
Congress |
Water
Resources |
| Shri
Sharad Pawar |
NCP |
Food
and Agriculture |
| Shri
Raghuvansh Prasad Singh |
RJD |
Rural
Development |
| Shri
Ram Vilas Paswan |
LJP |
Chemical
and Fertilizer; Steel |
| Shri
A Raja |
DMK |
Environment |
| Shri
T R Baalu |
DMK |
Surface
Transport, North-east Development |
| Shri
Praful Patel |
NCP |
Civil
Aviation |
| Shri
Kapil Sibal |
Congress |
Ocean |
| Shri
Chandrashekhar Rao |
TRS |
Shipping
Minister |
|
Selten hat ein Wahlresultat so überrascht wie dasjenige in Indien vom Mai
2004. Wider erwarten wurde die siegesgewisse Nationale Demokratische Allianz (NDA)
unter der Führung der nationalistischen Hindu-Partei Bharatiya Janata Party (BJP)
geschlagen.
Die Legislaturperiode wäre eigentlich erst im September 2004 zu Ende
gegangen. Der indische Präsident A.P.J. Abdul Kalam hatte das Parlament
Anfang Februar auf Wunsch der Regierung aufgelöst, die hoffte, bei
vorgezogenen Wahlen vom wirtschaftlichen Aufschwung und den entspannten
Beziehungen zum Erzfeind Pakistan profitieren zu können. Selbst die
indisch-pakistanischen Kricket-Testspiele von 2004 dienten nicht zuletzt der
Wahlpropaganda.
Premierminister Vajpayee hatte zudem einen kulturell weitgehend moderaten Kurs
eingeschlagen, auch wenn schon mal Schulbücher dem hinduistischen Gusto
entsprechend umgeschrieben wurden. In dieser Beziehung hatten einige
eigentlich viel schlimmeres erwartet. Wirtschaftlich betrieb die nun
abgewählte Regierung den Öffnungs- und Modernisierungskurs ihrer
Vorgängerregierung relativ erfolgreich weiter. Der Wahlslogan "India
Shining" sollte denn auch den Stolz auf das bereits erreichte
transportieren.
Im Dezember und Januar flimmerte der rund 60-sekündige Spot über 9000 Mal
über die indischen Bildschirme, ehe er von der Wahlkommission bis zum Ende
der Wahlen als unfaire Wahlpropaganda auf Kosten der Steuerzahler aus dem
Verkehr genommen wurde.
Zuerst als grossartige Wahlpropaganda gefeiert, erwies sich "India
Shining" als Boomerang, da die mehrheitlich noch immer mausarme (Land-)
Bevölkerung vom vielgepriesenen Boom bis heute noch nicht profitieren konnte.
Allein schon die Zahl von rund 350 Millionen Analphabeten gibt zu denken. Die
Zahl der unter der Armutsgrenze lebenden Inder bewegt sich in ähnlicher
Grössenordnung. Die Fehlleistung des Wahlslogans von NDA und BJP erinnert den
Schreibenden übrigens ein wenig an die "Keep
Kohl"-Kampagne der CDU von 1998 (siehe
Cosmopolis Nr. 1).
Eine an der Mehrheit des Volkes vorbei konzipierte Wahlkampagne, fehlende
wirtschaftliche Errungenschaften für die Mehrheit und lokale Einflüsse
brachten eine neue Koalitionsregierung, die United Progressive Alliance (UPA)
bestehend aus über einem Dutzend Parteien unter der Führung der
Kongresspartei, an die Macht. Die völlig überraschte BJP trat allerdings
nicht ganz ohne Misstöne ab. Im Moment der Niederlage zeigte sie wieder ihr
hässlich hindu-nationalistisches Gesicht und agitierte gegen die aus Italien
stammende Kongressführerin Sonia Gandhi. Dass die indische Verfassung (im
Gegensatz zum Beispiel zur amerikanischen) die Wahl einer im Ausland geborenen
Premierministerin zulässt, kümmerte die BJP nicht.
Schliesslich fand die Kongresspartei in der Person von Dr. Manmohan Singh
einen wohl geeigneteren Kandidaten für die aus Staatsraison und vielleicht
auch weiser Einsicht auf das Premierministeramt verzichtende Sonia Gandhi, die
noch einer Exekutive angehört hat.
Dr. Manmohan Singh ist politisch alles andere als ein unbeschriebenes Blatt und
gilt zudem als integer, ein seltenes Pflänzchen im indischen Politsumpf. Am
26. September 1932 in Gah, im Westpunjab geboren, absolvierte der Ökonom die
Universitäten von Chandigarh, Oxford und Cambridge. Nach Jahren als
Wirtschaftsprofessor und Berater des Aussenwirtschafts- und Finanzministeriums
in Indien amtete er von 1976 bis 1980 als Direktor der indischen Notenbank
sowie der Industrial Development Bank of India. Von 1977 bis 1980 war er zudem
als Staatsekretär im Finanzministerium tätig. Von 1982 bis 1985 war er
Gouverneur der indischen Notenbank, 1985-87 Chef der staatlichen
Planungsbehörde sowie 1990-91 Wirtschaftsberater des Premierministers.
Die bis dahin wichtigste Phase der Laufbahn von Dr. Manmohan Singh kam von
1991bis 1996, als er das Amt des Finanzministers in einer von der
Kongresspartei geführten Regierung mit Bravour führte. Als er sein Amt
antrat, stand das Land vor dem Abgrund. Die Währungsreserven deckten gerade
mal noch den zweiwöchigen Bedarf an Importen, und die Zahlungsbilanz zeigte
Defizite in der Grössenordnung von 3.5% des Bruttosozialprodukts (da steht
jetzt ja gerade in etwa Deutschland, doch das ist eine andere Geschichte). Als
er abtrat, hatte der ehemalige Funktionär des Internationalen Währungsfonds
das Ruder herumgeworfen und sehenswerte Reformen eingeleitet. Dazu gehörten
Privatisierungen, Entbürokratisierungen und Deregulierungen, die in der davor
liegenden Periode der sozialistischen Planwirtschaft in Indien zu den
Fremdwörtern gezählt hatten.
Von 1996 bis 2004 war Dr. Manmohan Singh der Oppositionsführer der
Kongresspartei im indischen Oberhaus, der Rajya Sabha. Am 22. Mai 2004 wurde
er von seiner Partei ins Amt der Premierministers gehievt.
Die 2004 abgelöste Regierung Vajpayee profitierte von den von Dr. Manmohan Singh
eingeleiteten Reformen und führte sie weiter, sodass Indien plötzlich zu den
Wachstumsregionen zählte. Wie oben erwähnt, profitierten die Menschen
allerdings sehr ungleich von den Früchten dieses anhaltenden Aufschwungs, was
zur Niederlage der NDA 2004 führte.
Die Wahl von Dr. Manmohan Singh zum Premierminister signalisiert der
Bevölkerung, den Unternehmen und Märkten vor allem Kontinuität in der
Wirtschaftspolitik, auch wenn jetzt bereits zu lesen war, dass das
Privatisierungsprogramm nun erstmals gestoppt werden soll. Die seit den Zeiten
von Indira Gandhi, der Schwiegermutter Sonia Gandhis, populistische
Kongresspartei hat wie im Wahlkampf versprochen verlauten lassen, dass sie dem
Los der armen Landbevölkerung erhöhte Aufmerksamkeit schenken wolle. Bauern
sollen geschützt, die Armen und Bedürftigen unterstützt werden.
Doch die Reformagenda ist nicht vom Tisch. Keiner weiss das besser als der
neue Premierminister, der übrigens der erste Sikh ist, der in dieses Amt
aufsteigt. Inwieweit Dr. Manmohan Singh diesen Kurs in der heterogenen
Regierung durchsetzen kann, bleibt abzuwarten. Von der BJP darf er keine
Schützenhilfe erwarten. Die Partei scheint sich nun sogar wieder auf ihren
alten, radikalen und intoleranten Kurs zurückbewegen zu wollen. War Vajpayee
doch nur ein Vorzeigesicht, hinter dem sich die Hindutva-Fanatiker
verstecken konnten, oder hat die Zeit an den Hebeln der Macht die Partei
geläutert? Die millionenstarke nationalistische und teilweise rassistische
Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) Bewegung, die hinter der BJP steht und in
der auch Atal Bihari Vajpayee gross wurde, bleibt der entscheidende Faktor
bezüglich der Entwicklung der Partei, die oft als politischer Arm der RSS
bezeichnet wird.
Die Kongresspartei selbst ist ebenfalls nicht über jeden Zweifel
erhaben. Indira Gandhi gewann 1971 die Wahlen mit dem Slogan "Schlagt die
Armut!" Das Land diesem Ziel näher gebracht hat sie allerdings nicht.
Hat der neue Premierminister, der das Land als Finanzminister in den 1990er
Jahren auf einen Liberalisierungskurs gebracht hat, die Kader der teilweise korrupten und
abgewirtschafteten Kongresspartei unter Kontrolle? Hat sich die älteste
Partei Indiens in der Opposition tiefgreifend erneuert? Die ausufernde Kabinettsliste mit
insgesamt 68 Mitgliedern deutet darauf hin, dass wohl auch unter der neuen Führung der Kongresspartei die
Effizienz nicht zu den obersten Prioritäten der Regierungstätigkeit gehören wird.
Viel frisches Blut ist in der Kabinettsliste nicht zu finden.
Bemerkenswert ist der langsame, relative Niedergang der zwei grossen Parteien,
BJP und Kongresspartei, die 1998 noch zusammen 323 Sitze im Unterhaus
eroberten hatten, heute aber nur noch auf insgesamt 283 Mandate kommen. Im
Gegensatz dazu verbuchten insbesondere Regionalparteien Sitzgewinne. Die
Parteienzersplitterung in Indien nimmt zu. Koalitionsregierungen werden
deshalb auch in Zukunft dem Wähler kaum erspart bleiben. Der in Indien
ohnehin schon weit verbreitete Postenschacher wird noch zunehmen, die
Korruption wohl kaum effizienter bekämpft werden. Wie
sich das alles mit der Reformagenda verträgt, bleibt abzuwarten.
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